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Filme uber Kunst und Kunstler

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Für die, die es nicht wissen sollten: Asolo — ist ein italienisches Städtchen mit 6000 Einwohnern, das auf einer Landkarte kaum zu finden ist, es sei denn, man nehme gleich eine sehr genaue zur Hand. Es liegt nordwestlich von Treviso, fast bei Bas-sano, umweit von dem im Ersten Weltkrieg heiß umkämpften Monte Grappa. — Aber ganz so versteckt oder unbekannt ist Asolo nun auch wieder nicht, denn schon der englische Dichter Robert Browning hatte es im vorigen Jahrhundert auf seiner Wanderung durch Italien entdeckt, und er widmete dieser Stadt auch begeisterte Verse. Hier weilte auch einige Jahre lang die berühmte Schauspielerin Eleonora Duse, und sie ruht nun auf dem kleinen Friedhof von Asolo. Daher eine Fülle von Erinnerungen an „die“ Duse und selbstverständlich auch an Gabriele d'Annun-zio, mit dem sie viele Jahre verbunden war. Schließlich wollen wir nicht unerwähnt lassen, daß auch Canova, der größte Bildhauer des Klassizismus, aus dieser Gegend, und zwar aus dem nahegelegenen Possagno, stammt.

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Für die, die es nicht wissen sollten: Asolo — ist ein italienisches Städtchen mit 6000 Einwohnern, das auf einer Landkarte kaum zu finden ist, es sei denn, man nehme gleich eine sehr genaue zur Hand. Es liegt nordwestlich von Treviso, fast bei Bas-sano, umweit von dem im Ersten Weltkrieg heiß umkämpften Monte Grappa. — Aber ganz so versteckt oder unbekannt ist Asolo nun auch wieder nicht, denn schon der englische Dichter Robert Browning hatte es im vorigen Jahrhundert auf seiner Wanderung durch Italien entdeckt, und er widmete dieser Stadt auch begeisterte Verse. Hier weilte auch einige Jahre lang die berühmte Schauspielerin Eleonora Duse, und sie ruht nun auf dem kleinen Friedhof von Asolo. Daher eine Fülle von Erinnerungen an „die“ Duse und selbstverständlich auch an Gabriele d'Annun-zio, mit dem sie viele Jahre verbunden war. Schließlich wollen wir nicht unerwähnt lassen, daß auch Canova, der größte Bildhauer des Klassizismus, aus dieser Gegend, und zwar aus dem nahegelegenen Possagno, stammt.

Wie viele italienische Städtchen, liegt Asolo auf einem Hügel — es erinnert ein wenig an San Marino mit weit weniger TouristenrummeL Auf dem höchsten Punkt, und gleichzeitig im Ortszentrum, steht das Schloß, wo im 15. Jahrhundert Catharina Comaro, die letzte Königin Zyperns, Im Exil lebte, nachdem sie ihre Insel der Bepublik Venedig überlassen mußte. Es war aber ein komfortables Exil, weil die „Regina Cornaro“ hier mit zahlreichen Künstlern und Dichtern Hof hielt.

Es mag wohl die Erinnerung an diese von den Musen beflügelten „asolanischen“ Zusammenkünfte sein, die nun die Provinz Treviso dazu veranlaßt hat, ausgerechnet in Asolo ein „Internationales Festival der Filme über die Kunst und die Künstler“ ins Leben zu rufen. Diese Veranstaltung fand heuer zum zweitenmal statt, und im Laufe einer knappen Woche wurden über sechzig Filme aus neun Ländern vorgeführt, und zwar im eigens dazu adaptierten „Teatro Eleonora Duse“ — ein Schmuckkästchen von einem Kino, das im schon erwähnten Schloß eingerichtet wurde. Da der Zugang frei war, gab es auch regen Zuspruch seitens der lokalen Bevölkerung. An einem Nachmittag gab es außerdem eine Sondervorführung für die Schulkinder.

Filme über Kunst bilden eine eigene schwierige Kategorie von Kulturfilmen. Schwierig deshalb, weil es dem Regisseur nicht immer gelingt, das Werk eines Künstlers — sei es ein Maler, ein Bildhauer oder sonst ein Vertreter der „schönen Künste“ — ins rechte Licht zu setzen, und es so zu tun, daß der Film auch als solcher zu betrachten ist — und nicht bloß eine Aneinanderreihung von schönen Diapositiven bleibt.

Das älteste „Festival“ über diese Art von Filmen, an das ich mich erinnern kann, fand 1949 in Knokke-le-Zoute (Belgien) statt. Dort wurde auch Ernst Marischkas „Matthäus-Passion“ uraufgeführt. — Im Rahmen der Kunstbiennale von Venedig — die heuer hätte stattfinden sollen, aber aus vierschiedenen Gründen schließlich doch nicht zustande kam — wurde auch alle zwei Jahre eine Schau von Filmen über Kunst dargeboten. Nachdem auch diese heuer ausfällt, war das Festival von Asolo ein willkommener Ersatz.

Wenn es darum geht, Filme über Kunst zu beurteilen — von der Warte des Kritikers oder der Jury —, gibt es eine Klippe, die man nicht übersehen darf, um keine Begriffsverwechslungen entstehen zu lassen: Es geht hier lediglich um das Filmwerk, und nicht um das Kunstwerk. So gab es in Asolo einen Film über „Joan Miro“. Nun, man kann zu diesem modernen Künstler stehen wie man will, es mögen einem seine Werke ansprechen oder nicht, aber der Film selbst (von Caroline Laure und Franco Lecca / Frankreich) war sehr gut gemacht und äußerst interessant: man konnte sich nachher ein ziemlich genaues Bild machen über die Persönlichkeit von Miro, und man hat gesehen, wie er seine Bilder und Graphiken entwirft. Ein Gegensatz dazu war die italienische Produktion „Giotto“ von Antonio Mo-retti, der das Werk des Florentiner Malers in wunderschönen Farbphotographien aufgenommen hat. Als Film ist das aber langweilig gemacht und wird außerdem von einer bombastischen Musik (Egisto Macchi) erdrückt, die gar nicht zur Stimmung des ausgehenden Mittelalters paßt. Eine klare Analyse von Stil und Werk von ,J>aolo Uccello“ lieferte hingegen der junge italienische Regisseur Luca Verdone, der hiemit sein Erstlingswerk vorstellte.

Die Jury hat heuer den Grand Prix von Asolo gar nicht erteilt, weil kein Film den Erfordernissen des Reglements entsprach. Im Vorjahr wurde er dem russischen Film „Andrej Rubljov“ zuerkannt. Der Preis für die beste verfilmte Künstlerbiographie ging heuer wieder an einen sowjetischen Film, und zwar an Schengelajas ,JHrosmani“, der erst vor einigen Wochen vom österreichischen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Es gab außerdem Preise für das Experimentieren mit Ausdrucksmöglichkeiten In Bild, Ton und Farbe. Die „Stiftung Aime Maeght“, eine französische Institution, die selbst Filme produziert — verschiedene davon wurden in Asolo gezeigt — und eine rege Mäzenentätigkeit entwickelt, vergab ebenfalls einen Preis, und zwar an „Ruskin“, von dem Amerikaner Robert Beavers. (Es handelt sich um eine sehr persönliche Betrachtung der Venezianischen Baukunst, frei nach dem Buch „Die Steine von Venedig“ von John Ruskin.

Daß auch die Kunst heute eine politische Aussage machen kann, zeigt uns Giorgio Treves in seinem Film „Carlos Alonso“. Alonso ist ein argentinischer Maler, der in seinen Bildern seine Abscheu gegen die Diktatur, gegen den Polizeistaat und gegen den nordamerikanischen Einfluß in Argentinien ausdrückt.

Einen außergewöhnlich interessanten Bericht über die „naive“ Malerei Jugoslawiens, insbesondere über Generali und die Schule von Hlebine, zeigte der Italiener Luciano Emmer. in einer italienisch-französisch-deut-schen Koproduktion („La terra dei nalf jugoslavi“). Der Film drückt aber die berechtigte Befürchtung aus, daß diese naiven Maler — meistens kroatische Bauern — ihre „Produktion“ intensivieren, um den momentanen Erfolg auszunützen, was selbstverständlich der Unsprünglich-kelt ihrer Arbelt nur abträglich sein kann.

Zu erwähnen wären auch noch „Gaudi“ von Clovis Prevost, eine Verherrlichung in Bild und Ton jenes spanischen Architekten, der die Kirche der „Sagrada Familia“ in Barcelona erschuf, sowie „The Dreamer that Remains“ (dem Sinne nach: der unverbesserliche Träumer), ein Dokument von Stephen Poulliot (USA) über Harry Partch, einen Musiker, der neuartige Instrumente für seine Kompositionen konzipierte und ein höchst befremdendes Ensemble leitet...

Als Rahmenveranstaltung zu den Filmen gab es zu gleicher Zeit verschiedene Kunstausstellungen in Asolo zu besichtigen. Im Festsaal des Rathauses hatte man, in Zusammenarbeit mit der GaUeria d'Arte Moderna „Cd Pesaro“ von Venedig, eine große Anzahl von Damenporträts von Lino Selvaüco (1872—1924) zusammengetragen. Die meisten Werke entstanden nach 1900, und man findet in diesen Bildern die Widerspiegelung einer Gesellschaft, die e nicht mehr gibt, denn sogar den Leuten, die sich heute einen Porträtisten leisten könnten, fehlt es meistens an der angeborenen Vornehmheit und natürlichen Eleganz. Allein über diese Bilder ließe sich, abgesehen vom hohen Niveau der Malerei, eine soziologische Abhandlung schreiben...

In der Kirche eines säkularisierten Klosters stellte Fwmcois Fiedler seine erstaunlichen Auseinandersetzungen mit den Grundstoffen der Malerei aus. Seine abstrakten Schöpfungen kann man schwer als „Bilder“ bezeichnen. Der vor etwa fünfzig Jahren in der Nähe von Budapest geborene Fiedler trägt die Farbe dick auf und bearbeitet sie dann zu manchmal sogar gefälligen Mustern. Es wurde hier auch der mit Farblithographien von Fiedler illustrierte Sonderdruck eines Werkes von San Juan de la Cruz gezeigt, von dem es nur fünfzig Exemplare gibt.

Ugo Sterpini sagt von sich selber, daß er eine Vorliebe für das Absurde empfindet: man glaubt es ihm aufs Wort, wenn man seine Bilder und seine „Objekte“ betrachtet. Unter anderem hat er eine Figur geschaffen, die er als „mumifizierten Fisch“ bezeichnet, und diesen Fisch hat er eine Zeitlang in all seinen Bildern angebracht — fast wie eine Fabriksmarke. Jetzt wieder befindet er sich in einer Periode, in der jedes Gemälde von tropisch anmutendem Pflanzenüberfluß strotzt. Dieser vielseitige Künstler zeigte in Asolo auch einen Einakter, „Das Ohr des Van Gogh“, gespielt von den „Burattinis“1, einer Puppenbühne aus Rom.

Während im Garten des Schlosses der Königin Cornaro der Bildhauer Gianni Aricd zahlreiche Werke ausgestellt hatte — sein Stil ist sichtlich von dem Henry Spencer Moores inspiriert —, gab es in verschiedenen Sälen des Gebäudes weitere Ausstellungen, darunter von der jungen Malerin Renata Rampazzi, einer Schülerin von Vedova und Alechinsky, die in ihren Werken sehr schöne Farbkombinationen und Lichteffekte erzielt, sowie von Amedeo de Lord de Rinaldi, der mit seiner ,.stilisierten Geometrie“ faszinierende neue Perspektiven eröffnet. Seine jüngsten Werke zeigen, gegenüber jenen, die er vor zwei Jahren schuf, eine Entwicklung, die man faät nicht für möglich gehalten hätte, obwohl er weiterhin sich selber treu bleibt

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