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ANATOMIE EINER AKADEMIE

Auf der Festung Hohensalzburg wimmelt es von Touristen, die zwischen Folterkammern und Prunksälen auch alles das entdecken möchten, was nicht im Führer steht. In jeden schmalen und schmälsten Gang kriechen sie, jedem Wegweiser folgen sie, steigen unermüdlich treppauf und -ab, und je tiefer die Gewölbe, desto mehr wähnen sie sich im Mittelalter; um dann einigermaßen fassungslos eine Gruppe junger, langhaariger, bärtiger, färb- und gipsbekleckster Menschen zu finden, die fröhlich zur Gitarre singen. Moderne Ritter und Burgfräulein? Das Schild an der Mauer gibt andere Auskunft: Internationale Sommerakademie. Diese lockende Sehenswürdigkeit zu erforschen, wird ihnen jedoch strikt verwehrt: Zerberus, der Bernhardiner, scheint nur jene einzulassen, deren Genius die Kunst ist. Wahrscheinlich riecht er's an der Farbe.

Oben, inmitten des unruhigen Akademiebetriebes, residiert ruhig und gelassen der Direktor der Sommerakademie und Präsident des Salzburger Kunstvereins, Hermann Stuppäck. Der schwere, bäuerliche Eichenholztisch, der den Raum beherrscht, betont und unterstreicht das kraftvolle, gelassene Wesen des Präsidenten. Der zweite Blickfang in dem sonst kahlen Raum ist ein großes Ölgemälde, gezeichnet mit O. K. — Oskar Kokoschka. Die Verbindungslinie ist hiermit gegeben: Ende der alten, Anfang der neuen Epoche der Sommerakademie.

Als sich der betagte Meister nach den Sommerkursen 1963 für immer von der Institution, die er acht Jahre zusammen mit Friedrich Welz geleitet hatte, zurückzog, schien ihr Bestand schwer gefährdet. Nicht nur die faszinierende, ja magische Persönlichkeit Kokoschkas, die das bestimmende Fluidum geschaffen hatte, sondern auch sein Lehrstil, so bezeichnend als „Schule des Sehens“ apostrophiert, mußte ersetzt werden. Also galt es im Grunde, in der Stunde Null anzufangen.

Hermann Stuppäck übernahm das bereits bedrohlich schwankende Kursgebäude und fügte improvisatorisch innerhalb weniger Wochen einen Lehrerstamm, der das Kunststück zuwegebrachte, ad hoc ein System zu entwickeln. Der „Mittelpunkt“ freilich war verloren gegangen. Um mit ihm nicht alles einzustürzen zu lassen, mußte ein Neubau gewagt werden. Die bislang eine stützende Säule wurde durch ein breites Fundament ersetzt, welches, genau gestuft, doch auch wieder zum zentralen Thema führte, zur Malerei.

Neue bedeutende Künstler wie Max Pfeiffer-Watenphul und Rudolf Szyszkowitz, Kurt Moldovan, Joannis Avramidis und Vladimir Turina übernahmen Klassen für Malerei, Radierung, Büdhauerei und Architektur.

Mit diesem ersten, vielseitigen Konzept wurde der Sommer 1964 glücklich überstanden, das Vertrauen in die Akademie neu bestärkt. Hermann Stuppäck aber konnte einen Schritt weiter gehen und geheime Pläne realisieren. So verlegte er nun den Schwerpunkt, was die Lehrerpersönlichkeit betrifft, auf ein Land — heuer auf Italien. Je zwei Jahre lang soll sich der Studierende an der künstlerischen und geistigen Richtung eines Landes orientieren können. Eine Methode, die gleich zu Beginn des Experimentes viel Anklang gefunden hat. Zugleich, in allergrößtem Kontrast zu Kokoschka, der immer das Figurale betont hat, flocht Stuppäck in sein Programm die „abstrakte“ Malerei ein. Von vielen Seiten deshalb angefochten, wird er, unterstützt von seinen Studenten, seinen Standpunkt durchzukämpfen wissen: „Eine internationale Pflegestätte der Kunst von heute hat dem jungen Künstler unserer Zeit zu dienen; lie muß ihn mit den geistigen Strömungen und der Dynamik des Jahrhunderts vertraut machen und ihm die Möglichkeit geben, sich damit auseinanderzusetzen. Niemand kann sich von seiner Zeit emanzipieren oder sich in objektivem Abstand halten. Es wäre absurd, ein die Kunst der Gegenwart so weitgehend beherrschendes Phänomen einfach zu ignorieren und den Kopf in den Sand zu stecken.“

Dazu sollte vielleicht auch vermerkt sein, daß die gegenstandslose Kunst schon immer in der Sommerakademie ihren Platz hatte. Wenn auch nicht oben in der Festung, so doch bei Prof. Soucek in seiner berühmten Lithoklasse in der Residenz. Hier wurden von Anfang an beide Richtungen gelehrt und ausgeübt. Mit großem Erfolg und berechtigter Weise nie angefeindet, weil ihre Notwendigkeit erkannt war.

Um nun dieses neue — oder doch schon alteingebürgerte — Element auch in der malerischen Disziplin einzubauen und zu festigen, hat Stuppäck den wohl attraktivsten italienischen Künstler der Avantgarde, Emilio Vedova, auf die Sommerakademie zu bringen verstanden. Vedova ist Träger des Grand Prix für Malerei der Biennalen in Venedig und von Sao Paolo und hat in letzter Zeit vor allem auf der „Documenta“ in Kassel durch sein „Plurimi“ großes Aufsehen erregt, also durch seine „Erfindung“ der Malerei auf Täfelchen, welche um ein Gerüst, Räume teilend und erschließend, angeordnet sind. Photos davon finden sich in der kleinen, sehr selektiven, eindrucksvollen Ausstellung im Salzburger Künstlerhaus, in der die neu zum Akademiekörper gestoßenen Künstler Arbeiten vorlegen: ein wirklich glücklicher Gedanke des Akademieleiters, um die Künstlerpersönlichkeit dem Studierenden näherzubringen. Vedova gibt hier einen Querschnitt durch mehr als zwanzig Jahre, in dem demonstrativ von der „Venezianischen Architektur“, der eine geradezu theatralische Dynamik innewohnt, bis zu den letzten Decoilagen eine vitale, explosive Strichführung gezeigt wird, deren Aggression direkt zum Thema wird.

Die beiden anderen italienischen Vertreter sind der hervorragende Bildhauer Luciano Minguzzi und sein Assistent Alik Cavaliere, beide Meister sind Professoren an der Brera, Mailand. Minguzzi trat erst vor kurzem wieder mit der Eröffnung des fünften Mailänder Domtores in das Interesse der Weltöffentlichkeit. Die Auswahl der Arbeiten Minguzzis zeigt Figurengruppen, die motivverwandt in Lithographie und Radierung wiederkehren. Sein grundsätzliches, formgebendes Element ist das Dreieck, meist mit der Spitze zum Boden, das so den Eindruck des Aufgerissenen, Aufgefächerten, Auseinanderstrebenden gibt. Charakteristisch ist sein „Wind im Schilf“.

Cavaliere ist schon auf der Biennale in Venedig aufgefallen durch seine originelle Idee, Naturmaterial, wie Birnen oder Blätter, mit Bronze zu überziehen und in eine Komposition einzugliedern, also den realen Gegenstand zu verfremden. In seinen Zeichnungen erinnert er manchmal an Miro.

Ein Künstler von Weltruf unterrichtet auch diesmal das Architekturseminar: Professor J. B. Bakema aus Rotterdam. Aus der Ausstellung seien vor allem seine Projekte „Stadtzentrum Tel Aviv“ oder „Stadttheater Zürich“ erwähnt. Der

Ansturm auf sein Seminar war so stark, daß die Anzahl der Studenten von dreißig auf fünfundvierzig erhöht wurde und trotzdem noch 71 abgelehnt werden mußten. Wegen Platzmangels mußte man aus der Festung ziehen, und Bakema unterrichtet nun in einer Schule in unmittelbarer Nähe des Künstlerhauses. Seine Hörer sind zum Großteil fertige Architekten oder stehen kurz vor dem Abschluß des Studiums. Der Enthusiasmus, der in seiner Umgebung herrscht, ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß er sein Seminar mit rhetorischer und dialektischer Brillanz führt und seine architektonischen Beispiele geradezu philosophisch untermauert. „Durch die Fassade muß man zum Menschen kommen“ — ist immer wieder sein Leitsatz. Im übrigen gelingt es ihm spielend, in mehreren Sprachen hintereinander zu erklären und zu erläutern.

Aber auch oben, in den „Stammgewölben“, herrscht das Sprachgewirr. Da schiebt sich, heftig, mit weitausholenden Armen gestikulierend, Vedova durch den Raum, wühlt in Zeichnungen und Malereien aller Größen, die irgendwo im Raum aufgestapelt liegen, fährt wieder hoch, zeigt auf Plafond, Balken und Staffeleien, stößt dazu kurze anerkennende Schreie aus und taucht wieder unter, weil auch am Boden die Kunst blüht. Malerei überall! Dazu herrscht im Saal ein Gedränge, daß man sich nur wundern kann, wieso nicht auch menschliche Gemälde herumspazieren. Vedova liebt kräftige Farben, und er liebt die Dynamik. Damit steckt er auch seine Schüler an. Lustvoll und mit Elan wird da gemalt. Niemals figural, nur abstrakt, tachistisch. Und das den ganzen Tag. Am Abend sind zwar Männlein und Weiblein todmüde, aber kaum aus dem Saal hinauszubringen. Es ist ein wahrer Schnellsiedekurs, aber erstaunlich ist das gute Ergebnis.

Die „Studienklasse für figurale Malerei“ leitet Rudolf Szyskowitz. Verbissen wird auch hier gearbeitet. Die Aktmodelle müssen auf dem Blatt gleichsam körperhaft erfaßt werden, nur als Maße und Farbe. Umrißlinien sind verpönt. Sehen: das ist die Hauptsache. Auch bei Pfeiffer-Watenphul stehen Aktmodelle. Aber hier malt jeder, was er will; Landschaft (dazu setzt man sich ans Fenster), Figur oder Stilleben im Nebenraum. Totenstille herrscht hier, nur Konzentration.

Kurt Moldovan, in seinem blütenweißen Arbeitsmantel, einem Zahnarzt zum Verwechseln ähnlich (allerdings einem weniger schmerzhaften Geschäft hingegeben) leitet die Radierklasse. In diesem großen hellen Saal treibt der Meister die „Banalität aus und erregt den Mut zur Phantasie, zum Abenteuer“. Es gelingt ihm auch tatsächlich. Die kleine Ausstellung, vor der „Hexenküche“ zu sehen, in der Zuckersud, Säuren und auch fertige Arbeiten „gebraut“ werden, zeigt kein Klischee, keine flotten Illustrationen, aber fast nur sehr persönliche, sehr phantasievolle, abstrakte und figurale Blätter.

Seine Persönlichkeit entfalten kann man auch bei Minguzzi und Cavaliere. Anregungen, Ratschläge werden erteilt, aber nie bestimmte Merkmale aufgezwungen. Auch hier gibt es Anfänger und Könner nebeneinander, Naturstudien stehen neben bizarrabstrakten Gebilden, der eine meißelt an einem Nabel, der andere setzt geometrische Formen aufeinander.

Diese Akademie ist eine Attraktion, und sie ist wirklich kein Rummelplatz für Halbwüchsige. Hier wird ernsthaft gearbeitet.

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