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Aus dem Wiener Kulturleben

Das Studio der Hochschulen brachte vor Antritt seiner Gastspielreise nach Holland und in die Schweiz Goethes Urfaust neu heraus. Junge Menschen spielen den „Faust“ — sie haben sich mit Recht die Jugendfassung des großen, alle Alters- und Lebensstufen umfassenden Werkes gewählt). „Faust“ ohne Metaphysik, ohne kosmische Gloriole — als Lebenstragödie. So entstand ein „Faust", der dem Sturm und Drang und der eigenen Studentenzeit Goethes nahesteht: am besten ge lungen die Eingangsszenen in der Studierstube, das Treiben in Auerbachs Keller und dann die Gretchen-Tragödie. Hildegard S o c h o r als Gretchen: eine echte starke

Leistung, die in ihren Hochstellen an die besten Gretchen-Darsteilungen der deutschen Bühne gemahnt. Vor der blutvollen Innigkeit dieses Frauentums müssen die Männer zurücktreten; weder der Faust Werner Kraindls noch auch der Mephisto Kurt Radleckers vermögen derart unmittelbar zu überzeugen. Sie halten die in einzelnen Momenten angestrebte und auch erreichte expressive Höhe nicht durch. Als Ganzes jedoch eine beachtliche und begrüßenswerte Leistung. Wir sind der Hoffnung, daß sie befähigt ist, im Ausland Zeugnis abzulegen vom ungebrochenen Willen einer österreichischen akademischen Jugend zu kulturschöpferischem Werk und auch von der Kraft, eine große und verpflichtende Tradition zu beseeltem neuem Leben zu erwecken. In diesem Sinne wünschen wir dem Studio der Hochschulen vollen Erfolg für seine mehrmonatige Auslandsfahrt. Mit dem Thespiskarren haben sich einst englische, dann französische und italienische Schauspieler und Komödianten Europa erobert — warum sollte es heute dem Autobus des Studios nicht gelingen, zumindest einen Teil der westlichen Hemisphäre weiterhin aufzuschließen für eine Gabe, die unser reiches Heimatland immer noch zu geben hat: gepflegte Geistigkeit, geformte Kraft des Seelischen.

Auf Einladung des französischen Kulturinstitutes und unter Patronanz der französisch-österreichischen Gesellschaft prach kürzlich Bernard Dorival, Professor an des Ėcole du Louvre im Vortragssaal des Wiener Kunstgewerbemuseums über den „Geist der zeitgenössischen französischen Malerei“. Professor Dorival, bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen über moderne Malerei (unter anderem auch durch ein Werk über den führenden französischen christlichen Maler der Moderne, Rouault), durch seine Chagall-Ausstellung im letzten Herbst in Paris, erscheint Österreich bereits nahegerückt durch sein Bemühen um die große Pariser Ausstellung der österreichischen Kunstwerke und seine Tätigkeit bei den Arlberger akademischen Kulturwochen; seine Conference in Wien erweckt den Wunsch nach einer weiteren und intensiveren Fühlungnahme mit diesem jungen Interpreten französischer Geistigkeit.

Seit 80 Jahren steht die moderne französische Malerei im Blickpunkt der kulturell interessierten europäischen Öffentlichkeit. Impressionismus und Expressionismus, Kubismus und die Fülle neuer Persönlichkeiten und Stilinterpretationen zumal des letzten halben Jahrhunderts: Fast immer begann es mit Skandalen, mit erregten Demonstrationen, die sich recht bald in literarische und gesellschaftliche Debatten auflösten — Neuerungen und Neuheiten, welche zuerst als Extravaganzen und Manifestationen wildester Willkür erschienen, sehr schnell aber, nach jeweils 10 bis 20 Jahren, bereits als „klassisch" anerkannt wurden und einen festen Platz in einer großen Entwicklung zugewiesen erhielten. Dies wurde bereits anläßlich der großen französischen Kunstausstellung in Wien im vergangenen Jahr dem interessierten Publikum zum eindruckstarken Erlebnis. Die hohe Gesetzlichkeit einer großartig in sich geschlossenen Entwicklung, die sich heute von den Anfängen Manets und Monets über das Wirken des Zöllner Rousseau und von Goghs bis zum Werk eines Bonnard, Braque, Rouault und Picasso einsehen läßt als Manifestation eines Geistes, der um sein ganz neues Selbstverständnis ringt, in einer Welt, die sich von Tag zu Tag stärker wandelt.

Hier setzt nun Dorival den Hebel seiner Analyse mit der wichtigen Feststellung an: Diese moderne französische Malerei gehört zu den wichtigsten Phänomenen einer historischen Selbstdarstellung unserer Epoche; sie wird deshalb auch für künftige Geschichtsforscher und namentlich Kulturhistoriker vielleicht das geschlossenste Quellenmaterial, das unsere Zeit spiegelt, erstellen. Schon aus diesem Grunde — als ein weltgültiges Zeugnis für die Probleme und die Problematik, für die Fragen und Fragwürdigkeiten des modernen Menschen — verdient sie also unser hohes Interesse. Dazu kommt aber nun, und dies gelang Professor Dorival an Hand zahl reicher Beispiele überzeugend nachzuweisen, die nicht minder interessante Tatsache, daß hier in höchst eigentümlicher Weise der Geist des französischen Volkes um eine neue Konfrontation mit seinen ältesten nativen Anliegen ringt. Kein Zufall also, daß so viele Werke dieser Kunst etwa gerade der 1920er bis 1940er Jahre an die große französische Wandmalerei der Romanik des ausgehenden 11. und beginnenden 12. Jahrhunderts erinnern, was in letzter Zeit die Vorkämpfer einer modernen religiösen Kunst, in Paris geschart um die Zeitschrift „L’art sacre“, mit Recht herausgestellt haben. Dorival selbst unterstreicht zumal die Affinität mit der spätantiken Transformation des antiken „Naturalismus“ und „Realismus“ ins Symbolisch-Spirituelle. Hier findet die Intellektualität des französischen Geistes einen willkommenen Ansatzpunkt: analytisch, sezierend, bauen viele Künstler der Moderne in bewußt eigenwilligen, oft sehr gewagten Konstruktionen ihre Bilder: die Höhe der künstlerischen

Perfektion, des Könnens, die unzweifelhaft aus einem Großteil dieser Werke spricht, beweist allein schon, daß es sich hier um echte und berechtigte Wagnisse handelt. Wagnisse sehr sensibler, oft sehr einsamer, aber kühner Geister, welche die Ichverloren- heit des modernen Individuums zu gültiger Aussage in Symbol, Farbe, Zeichen bringen. Neben diesen konstruktivistisch-intellektuali- stischen Richtungen fordern jedoch zumindest drei andere unsere Aufmerksamkeit ein. Da ist einmal jene „Tendenz“ (wie man sagen muß, da sie Künstler verschiedener formaler Stilrichtungen umfaßt), welche in scheinbar sehr schlichten, primitiven Signaturen Abgründiges im Alltäglichen aufzeigt. Landschaften der Pariser Bannmeile oder der Normandie, Stilleben, gefügt aus Nichtigkeiten des täglichen Konsums, werden plötzlich zu Offenbarungen: grauenhafte Wüsten der Verlassenheit, dämonische Engpässe verdüsterter Herzen, aber auch geheime Zärtlichkeit, nie erschaute, erspürte Schönheiten werden hier mit wenigen harten, sparsamen Strichen, mit völlig neuen Farben gebannt.

Von diesem gewollt-ungewollt transparenten Realismus, der gerade im Vordergründigsten das Hintergründigste zur Aussage zwingt, hebt sich eine Gruppe ab, welche als Geschmackskunst im höchsten Sinne bezeichnet werden muß. Dem Kunsthandwerk, dem Ornamentalen nahestehend, besitzt sie das letzte Raffinement des Rein- Ästhetischen: Symphonien, ganz neue Zusammenklänge von Farben und Formen, wie sie nur eine überreife Spätzeit erlesen kann.

Von dieser oft schwelgerischen Traumkunst etwa eines Abel Bonnard hebt sich brüsk und schroff die dritte und vielleicht historisch wichtigste Bewegung ab: jene großen Künstler, die in Härte und Unerbittlichkeit für ihr Menschen- (und Gottes-) bild Zeugnis ablegen in Werken, die von einer kompromißlosen Klarheit und oft auch Monumentalität sind. Als „linker“, beziehungsweiser „rechter“ Pol stehen sich hier Picasso und Rouault gegenüber.

Im ganzen: ein Vielklang von Farben und Formen, der eine tiefe Bereicherung unserer inneren Optik darstellt. Ein kühnes, oft gefährliches Wissen um die Brüchigkeit moderner „Existenz“ findet in diesen Bilr dern einen Niederschlag. Eine Palette, die vom zartesten bis zum grausamsten Farb- und Formton alle Register der Seele beherrscht: so erscheint diese moderne französische Malerei gleichzeitig als ein document humain unserer Epoche und als ein Denkmal spezifisch französischer Geistigkeit im Kampf um ihre Selbstbehauptung und Selbstdarstellung im großen geistigen Konzert der Nationen.

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