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Osterzeit

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Betrachtungen für alle Tage des Kirchenjahres, IV., Osterzeit. Von Richard Schmitz. Verlag Herold, Wien 1948. Preis 9.50 S.

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Betrachtungen für alle Tage des Kirchenjahres, IV., Osterzeit. Von Richard Schmitz. Verlag Herold, Wien 1948. Preis 9.50 S.

In der heutigen Situation wird das lebendige Christentum den Ausschlag geben. Christliche Existenz ist das dringendste Anliegen des Einzelnen und der Gesamtheit. Aber in den Äußerlichkeiten überlieferter Sitten und Brauchtümer wird sie nicht erzielt. Dazu reidit auch nicht eine allgemeine harmonisch-ethische Gesinnung aus. Denn idealistisdie geistige Prägungen werden den dämonischen Realitäten der Zeit nicht standhalten: Das Dämonische ist , eine religiöse Kategorie. Christliche Existenz ist wesenhaft religiöse Existenz, wurzelt in letzter Gottverbundenheit der Seele als verkörpertes „Deus et anima“ (Augustinus). Diese Gottverbunden- heit ist nur in letzter Hingabe an die überweltliche Mitte des Daseins zu verwirklichen. Solche Hingabe geschieht wesenhaft im Gebet. Weil unsere Welt dies vergaß und verlernte, wich die Kraft zum Guten aus ihr. Sofern die Not wieder beten lehrt, wird Gott wieder lebendig werden in Zeit und Welt, nachdem der Aufschrei eines Verzweifelten uns erschütternd mahnen wollte, „daß Gott tot ist" (Nietzsche).

Gott lebendig zu machen in den Menschen als den Gott des Gebetes, ist Aufgabe und Erfüllung der „Betrachtungen“, mit denen Richard Schmitz die Tage des Kirchenjahres begleitet und deren vierter, die Osterzeit umfzssender Teil uns eben als liebe Ostergabe geschenkt wird. Schon beim Erscheinen der vorhergehenden Teile wurden die besonderen Vorzüge der „Betrachtungen“ gewürdigt. Es will mir scheinen, daß sich im vorliegenden Teil diese Vorzüge noch vertieft finden und der Verfasser in der Meisterung seiner Aufgabe noch gewachsen ist. Weite Kreise des Laientums, aber auch des geistlichen Standes, wissen die „Betrachtungen“ zu schätzen, die in ihrer einfachen, lebensnahen und gedankenvollen Innigkeit jedem 'das zu geben vermögen, was er zur Vertiefung und Verinnerlichung seines Lebens, aber auch zu Trost und Kraft in schweren Tagen nötig hat. Denn im notvollen Heute gebricht es nicht nur am Brote leiblichen Lebensbedarfes, sondern noch mehr an dem, was den Hunger des Geistes und der Seele Zu stillen vermödite.

Wenn’ man die „Betrachtungen" durch geht und sidi die Frage stellt, was sie aus der reichen Betrachtungsliteratur heraushebt und auszeichnet, so ist dies ohne Zweifel in der Eigenart des Aufbaues und in der Gestaltung zu suchen. Von einem streng gegliederten, überlegt und vorsätzlich durchgeführten Aufbau kann übrigens nicht gesprochen werden. Die Betrachtungen unterliegen keiner Schematik. Ebensowenig herrscht willkürliche Formlosigkeit fragmentarisch verstreuter Einzelheiten. Jede einzelne Betrachtung ist ein gestaltetes Ganzes und alle reihen sich wie die Perlen eines schönen Geschmeides aneinander. Sie haben innere Form, wenngleich das Wesensgefüge ihrer Einheit sich erst dem Betrachtenden erschließt. So klingt das Grundmotiv in den vorangestellten Schrifttexten auf. An- ihnen entzündet sich die gestaltende Bewegung der Darstellung, die sich von der Betrachtung (meditatio) zum reinen Gebot (oratio) hin entfaltet. Diese Bewegung setzt mit bildhaft gestalteten, umrißhaft gezeichneten Szenen und Situationen ein, wobei die anschauliche Plastik sogleich von gedanklicher Vertiefung untermalt wird, die aus biblischen und liturgischen Zusammenhängen schöpft (worin bedeutendes theologisches Wissen unaufdringlich verwertet erscheint). Die Betrachtung ist dabei in keinem Moment bloß gegenständlich. Sie ist im Hervortreten der Ichform Selbstbetrachtung und führt zur Selbsterkenntnis mit allen Schlußfolgerungen, bis der seines schuldhaften und unzulänglichen Wesens einsichtig gewordene Mensch in die Knie sinkt und im vertrauten „Du" mit Gott um Gnade und Kraft zu vollkommener Lebensverwirklichung ringt. Dieses einfache,

zwingend selbstverständliche und folgerichtige Verhalten und Verhältnis des Menschen zu Gott — Ausdruck der christlichen Existenz der Gotteskindschaft — ist für die „Betrachtungen“ ungemein charakteristisch und gemahnt an große Vorbilder. Deudidi wird der augustinische Zug, der Ausgang von der „Deus-et-anima"-Situation, wie auch der Aufbruch eigenen religiösen Lebens und Erlebens in den „Betrachtungen“ spürbar ist. Man vernimmt den Herzschlag einer lebendigen religiösen Persönlichkeit. Es leuchtet in den „Betrachtungen“ ein persönliches, durch großes Leid und Lebenserfahren gereiftes Dasein auf. Schließlich schenken uns die „Betrachtungen“ die große existentielle Erkenntnis, daß auf religiöser Ebene alle Äußerlichkeiten und Unterschiede des Daseins nach Herkommen, Bildung, Beruf und Stand ab- fallen und der Mensch dasteht in seiner letzten, eigentlichen und ursprünglichen Existenz: der Mensch vor. Gott.

Facts and features of my life. Von Sir George Franckenstein. Verlag Cassell & Co. Ltd., London 1939.

Sir George Franckenstein, von 1920 bis 1938 österreichischer Gesandter am englischen Königshof, hat im Jahre 1939 als unseres Er- innerns einziger österreichischer Diplomat seine Lebenserinnerungen in einem reichbebilderten Band in London herausgegeben. Das Buch entspricht durchaus seinem Titel. Erlebnisse, Schilderungen und Eindrücke, Episoden und Anekdoten aus dem Berufsleben reihen sich in zwangloser Folge zu einem sympathischen Selbstporträt des Autors, der zu den bewährtesten und erfolgreichsten Auslandsvertretern des alten wie des neuen Österreich gezählt hat. Die Aufgeschlossenheit Franckensteins für alle Schönheiten der Schöpfung, seine vielseitigen Interessen und künstlerischen Neigungen, vor allem aber seine von glühender Vaterlandsliebe und beruflichem Enthusiasmus getragene Rührigkeit spįgeln sich in dieser Selbstbiographie, die in flüssigem englischem Konversationsstil abgefaßt und mit dem reizvollen britischen Humor gewürzt ist. Das Buch dieses vielerfahrenen Diplomaten, der seit Beginn des Jahrhunderts in allen Weltteilen tätig war und mit den führenden Persönlichkeiten der letzten Jahrzehnte in enger Berührung stand, atmet österreichischen Geist und legt beredtes Zeugnis ab von der trotz allen Schicksalsschlägen intakt erhaltenen, übertragenden kulturellen und künstlerischen Weltgeltung unseres österreichischen Vaterlandes. Sir George Franckenstein, der es der noblen Weitherzigkeit der höchsten britischen Faktoren, freilich auch seinem durch 18 Jahre bewährten, mustergültigen Takt und seiner geradezu an Mimikry gemahnenden äußeren wie inneren Assimilierung an den vornehmen Menschentyp des Inselreiches verdankt, nach den tragischen Mär/tagen des Jahres 1938 in England seine neue Heimat gefunden zu haben, verspricht uns. seiner Selbst- biographic einen weiteren Band über den Kampf Österreichs um seine Unabhängigkeit folgen zu lassen. Wir können nur dem Wunsdi Ausdruck geben, daß unser hervorragender Landsmann, der auch heute noch sein Ansehen und seinen Einfluß für die Interessen Österreichs einsetzt, bald sein Versprechen einlösen möge und durch eine auf unmittelbarer Kenntnis und sachlicher Erfahrung beruhende Darstellung dieser an mutigem Opfergeist und an Irrtümern so reichen Epoche unserer Geschichte zur Korrektur des historischen Bildes beitragen helfe, dessen Umrisse durch allzu viele einseitige und unberufene Meinungsäußerungen verwischt wurden.

Große Engländer. Von Edith Obermay-el v Paget. Amandus-Verlag, Wien 1947.

Großbritanniens repräsentative Persönlichkeiten sind mit geschmackvoller Auswahl in ungemein lebendigen Bildern Umrissen. Mit der Tragödie des jungen Chatterton setzt des Büchleins reicher Inhalt ein. Der Erbauer der Paulskathedrale, der geniale Sir Christopher Wren, die berühmten Porträtmaler sowie Gelehrte vielerlei Fädier vervollkommnen den Überblick britischer Größe. Wie den Namen der Verfasserin beschließt die Reihe so englisch unauffällig, daß es der Leser kaum wahrhat, die „berühmte Gelehrtenfamilie" der Pagets. Jahrhunderte reidit dies Haus eines Nobelpreisträgers über Bischöfe und Generale bis an die Donau zur — Verfasserin selbst.

Anton Pawlowitsch Tschechow, Leben und Werk. Nach russischen Quellen bearbeitet von Maurice Hirschmann. Andermann-Verlag, Wien 1947.

Von Taganrog bis Badenweiler im Schwarzwald, von Jalta bis Nizza spannt sich ein einsames Leben von fieberhafter, schöpferisdier Arbeit gehetzt: zwei Grotesken für Zeitschriften in der Woche, zwei Romane oder Dramen im Jahr, von 1879 bis 1904. Premieren werden ausgepfiffen und bejubelt; auf Anregung Tol- stojs erscheint eine Gesamtausgabe von Tschechows Werk. Dennoch ringt der Dichter ein Leben lang mit Geldsorgen. — Dies wird sadi- getreu und trotz der Einzelheiten übersichtlich in bündigem Stil berichtet. Der Redaktor und Übersetzer der Biographie wollte ,,das Wissen um Tschechow bereichern“. Es wäre vielleicht über den Rahmen der Arbeit hinausgegangen, des Diditers Stellung vor Dostojewski aufzuzeigen: sagt er doch selbst von sich: „Atheist oder nicht — vor allem bin ich ein Mensch.“ Das eigentliche Wissen um Tschechow aber der die innere Landschaft des russischen Menschen (etwa im „Schwarzen Mönch“ oder der „Tragödie auf der Jagd") durchleuchtet und — was für uns so wichtig ist — verständlich macht, wäre durch

Andeutung der Inhalte und Themen des Werkes Tschechows mehr vertieft worden.

Leopold Rosenmayr Adalbert-Stifter-Almanadi für 1947. P. Zsol- nay-Verlag, Wien, 115 Seiten.

Wenn die Stifter-Gesellschaft ihre liebe, durch die letzten fünf Jahre unterbrochene Gepflogenheit der Stifter-Almanache in schönerer Ausstattung denn je nun wieder aufnimmt, so melden sich sogleich wiederum die berufensten Kenner zu Wort. Die von unserer Zeit so erfreulich — allerdings bisweilen auch unerfreulich — fortgesetzte Stifter-Forschung erfährt hier neue Bereicherung durch wertvolle Beiträge von Gustav Wilhelm („Stifters letzte Saat und Ernte“), Eduard Castle („Motivvariationen in Stifters Erzählungen“), Moriz Enzinger („Die Überschriften in Stifters ,Feldblumen“ “), Franz Glück („Die beiden Fassungen der .Zwei Schwestern “) Rudolf Latzke („Roseggers Bekenntnis zu Stifter“). Besonderem Interesse wird Franz F'schers Artikel über Stifters Geburtshaus deshalb begegnen, weil ja dieses im Jahre 1934 ein Raub der Flammen wurde. Nebst anderen Farb- bildern’enthält der Almanach auch ein solches von dem ehrwürdigen alten Stifterhäuschen mit seinem Schindeldache.

Ewige Melodie. Roman um eine Orgel und eine große Liebe. Von Hans Nüchtern. Bellariaverlag, Wien 1947.

Die Handlung dieses Künstlerromans spielt, wenn auch ohne nähere Ortsangaben, in der österreichischen Landschaft. Es geht um die menschliche und künstlerische Reifwerdung eines jungen Menschenpaares: einer Organistin und eines Orgelbauers. Der eigentliche Held des Buches aber ist die Orgel 'selbst, das königliche Instrument. Alle Gestalten des Romans überragt die prächtig charakterisierte Figur des Orgelmeisters und Akademieprofessors, die ihre Größe von der Gestalt Max Regers bezieht. Die fast filmische Handlung liest sich flüssig. Das seelische und künstlerische Klima des Musikers wie des Orgelbauers wird mit den Mitteln volkstümlicher Einfachheit aus der möglichen Sphäre des Alltags in die Wirklichkeit einer schaffendenJPhan- tasie gehoben, die von der Liebe zur Mujk und zu reinem Menschentum geleitet wird.

Dr. K. Rohm Johnny reitet. Roman von Esther Forbes. Verlag Neue Welt, Wien, 363 Seiten.

„Als bestes Jugendbuch... ausgezeichnet.“ So heißt es auf dem Schutzumschlag. Mit Esther Forbes ist eine Könnerin am Werk. Sie weiß zu schreiben, zu schildern und zu gestalten, so daß ein Knaben- und Jünglingsleben mit großer Spannung plastisch vor uns ersteht. Nur wenige Stellen sind sprachlich nicht einwandfrei. Und doch: Was will das Buch heute 'and hier für die Jugend? Kaum eine der Hauptgestalten kann ein Ideal verkörpern, das wir jetzt hei uns der Jugend vorgestellt sehen möchten. Johnny, der Held des Romans zum Beispiel: Schlächter will er nidit werden, weil er es nicht ertragen kann, ein Tier zu töten. Schön, aber Höhepunkt des Lebens, Genugtuung und in gewissem Sinne Vollendung ist es ihm, daß seine verkrüppelte Hand zwar, nicht zur ursprünglichen Berufsarbeit, aber zum Gebrauch eines Gewehres für den Krieg zurechtoperiert wird. Er ist einer, der instinktiv handelt, und in kurzer Zeit zu einem Fanatiker wird. Für uns aber ist es kein Jugendbuch, nicht einmal ein Volksbuch. Uns ist heute doch der Mut zur Wahrheit und Liebe mehr wert als der Mut zum Krieg, i Für den reifen, gefestigten Menschen ist das Buch historisch und psychologisch interessant zur Veranschaulichung der Zeit und der Verhältnisse in Boston und seiner Umgebung unmittelbar vor und zu Beginn der Freiheitskriege. Als Jugendbuch aber ist es nidit zu empfehlen.

Alois Litschauer Musik 1947. Ein Wiener Jahrbuch. Im Aufträge der Wiener Konzerthausgesellschaft herausgegeben von Hans Rotz,

Das ansprechende Büchlein ist in drei Teile gegliedert: Das klassische Erbe, Ruf der Zeit und Österreichs Musikorganisation. Unter dem Dreigestirn Haydn, Mozart, Beethoven steht der erste Teil. Zeitgenössische Komponisten und Wissenschaftler sprechen zu musikalischen Fragen im mittleren Teil, der mit einem kleinen internationalen Komponistenlexikon des Herausgebers und einer Zusammenstellung der öster- reidiisdien Ur- und Erstaufführungen 1946/47 schließt. In seiner Gesamtanlage ist das Jahrbuch ein Spiegel der Wiener Konzerthaüs- gesellschaft, deren Leitung erkannt hat, „daß nur eine gesunde Verbindung von Tradition und Gegenwart ein lebendiges Musikleben aus- madit“. Auch dem im Vorwort ausgesprochenen Wunsch, daß Wiens Musikleben eine noch klarere Linie und vor allem eine größere Wirkung in die Breite erreichen möge, können wir uns vorbehaltlos anschließen.

51 Jahre Film. Von Dr. Adolf H ü b 1. Die Büchet der Gesellschaft der Filmfreunde, Verlag Eberle, Wien.

Hinter dem infantilen Umschlag und der herausfordernd anspruchslosen Ausstattung des Büchleins verbirgt sich eine kluge, volkstümliche Geschichte mit zaghaften Anläufen zur Geistes- gesdiichte des Films. In gedrängtester Form Reichhaltiges, nicht wahllos vieles. Muitu m,

non multa. Allzu skizzenhaft wird Österreichs bedeutender Beitrag zur Filmgeschichte, mit un- notwendiger Zurückhaltung der deutsche Film, besonders die unbestrittene Pioniertat des Babelsberger Kulturfilms, behandelt. Im ganzen das Werk eines erfahrenen Praktikers der Filmkulturarbeit, ein willkommener Einzelgänger in der gähnenden Leere der gewichtigen Film- hteratur.

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