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Thomistische Haltung

Am 7. März nahm heuer die Wiener Theologische Fakultät eine alte Tradition wieder auf, indem Professoren und Studenten dem Pontifikalamt vom Fest des hl. Thomas in der Dominikanerkirche (Postgasse) beiwohnten. Am Abend fand im dortigen Thomassaal eine Festsitzung der Wiener Katholischen Akademie statt. ,

Der heilige Thomas von Aquino ragt wie der Stephansdom aus der Höhe des Mittelalters in unsere Zeit. Sein Leben und sein Werk zeugen von einer Geistesgröße, wie sie symbolhaft in der himmelweisenden Wucht des Stephansturmes und in der klaren majestätischen Gliederung des gesamten Baues ausgeprägt ist.

Fast sieben Jahrhunderte sind seitdem vergangen. Heute vor 700 Jahren, anno 1246, saß der Grafensohn von Aquino — nach einem harten Familienkampf um seine dominikanische Berufung — in der Schule des berühmten Meisters Albert zu Paris und freute sich, im aufblühenden Orden der Prediger eine geistige Heimat zu haben. Wenige Jahre später — 1248 — übersiedelte er mit seinem Meister nadi Köln, wo der 23jährige immer mehr zum Gehilfen des Meisters wurde, um dann ' 27jährig von Albert für die Lehrtätigkeit an der berühmtesten Hodis'chule der Christenheit zu Paris vorgeschlagen zu werden, sich dort die Magisterwürde zu erwerben und fortan sein ganzes Leben im Lehramt zu Paris, Rom und Neapel zu verbringen. Als Thomas, noch nicht 50jährig, im Jahre 1274 starb, hinterließ er ein Lebenswerk, das ihn zum angesehensten Kirchenlehrer macht, dessen Schriften von der Kirche immer wieder als Wegweiser empfohlen werden.

Die sieben Jahrhunderte von ihm zu uns sind übervoll von Entwicklungen friedlicher und gewaltsamer Art: von politischen Umwälzungen und sozialen Umschichtungen, von wissenschaftlichen Fortschritten und kulturellen Gestaltwandlungen. Aber die Menschheit ist bei all dieser Entfaltung ihrer Kräfte nicht reicher geworden. Gerade die Schauder des Krieges haben uns gezeigt, wie ein sdieinbar hohes Kulturleben plötzlich ins Primitive, ja ins Unmenschliche zurückgedrängt werden kann. Insbesondere wird uns jetzt beim Ringen um den Aufbau klar, daß die abendländische Menschheit einen kostbaren Grundbesitz verloren hat: jene einheitliche geistige Grundstruktur, die allein ihr kulturelles Leben zu einen vermag.

Wie wir den ausgebrannten Stephansdom wieder in neuer Schönheit als beseelenden Mittelpunkt unserer Stadt sehen möditen, so sehnt sich die verarmte Menschheit nach jenen innerlichsten Grundkräften, die dem Ganzen seinen Sinn und seine Seele geben und jedes Ding an seine rechte Stelle rücken. Als Wegweiser dazu und als ordnende, aufbauende Macht bietet sich uns die Kathedra des heiligen Thomas und die Kathedrale seines Lebenswerkes an.

Sein Jahrhundert hat begonnen mit gärenden Bewegungen, die geeignet waren, die christliche Ideenwelt zu verwirren. Wohl war die Grundstruktur des Abendlandes in jener Zeit nodi eine christliche. Aber es zog eine Krise herauf, die schon den Keim zu den geistigen Revolutionen des 16. Jahrhunderts in sich barg. Dabei handelte es sich, wie immer in solchen Krisen, um einen sogenannten Fortsdiritt. Es war ein frohes Erwachen des menschlichen Intellektes, ein Mündigkeitsbewußtsein der natürlichen Vernunft, die sich wie im jugendlichen Ungestüm ihres eigenen Wagemutes freute. -— Der belebende Wind, der ■ die -Geeister erregte, kam aus den Hochgebirgen der griechischklassischen Kultur. Er trug das neuentdeckte Geistesgut des Aristoteles ins Abendland. Aber unterwegs hatte er in den damaligen Niederungen der arabisch-judaistischen Philosophie allerlei Giftstoffe in , sich aufgesogen und war zum Föhn geworden, der die Geister verwirrte.

Für seine Zeit ein ordnender Geist So war mit Aristoteles und den Kommentaren eines Averroes, Avicenna und Mai-, monides ein absoluter Naturalismus heraufgezogen, der als die Wissenschaft der Zeit die Lehrstühle der Hochschulen zu erobern trachtete. Es war aber kein Naturalismus, der dem christlidien Gedankengut gegenüber offen war, sondern den fundamentalsten Thesen der katholischen Lehre widerspradi. Die zeitliche Schöpfung der Welt, die göttliche Weltregierung und himmlische Vaterschaft, die geistige Individualität der Menschenseele und ihre unsterbliche Bestimmung, der freie Wille und die moralische Verantwortlichkeit müssen Platz machen der Lehre von einer ewigen Welt, einem abstrakten, weltfernen Gott, einem univer-i salen Intellekt, der für alle Menschen, gemeinsam ist und dem allein bestimmende Handlungskraft und Unsterblidikeit zukommt. Das also ist im Zeitalter : des Aquinaten die Wissenschaft, die; sich als Fortschritt ausgibt und über den christlichen Glauben hinwegschreitet. Weil sie aber ihre Weisheit in einer noch unbestritten christlich fundierten Gemeinschaft verkündet, so erfindet sie den Begriff der doppelten Wahrheit: es könne etwas theologisii wahr und wissenschaftlich falsch sein. Ein verhängnisvoller Relativismus auf dem Grundsatz: andere Standpunkte, andere Lösungen.

Inf dieser Lage war es für den christlichen Geist schwer, die redite Haltung zu finden. Ein so kostbares geistiges Angebot, wie die wiederentdeckte klassisdae Weisheit, konnte vernünftigerweise nicht abgewiesen werden.. Andererseits aber waren die neuen Kräfte sosehr vergiftet mit Ungeist und Stolz, daß ihre harmlose Aufnahme tödlich wirken mußte. Eine einzige Lösung gab es: die neuen Kräfte mußten wie in diristlicher Taufe gereinigt und mit der christlichen Weisheit zu ihrer eigenen Vollendung geführt werden. Das war das Werk der beiden großen Meister, die zugleich Heilige waren: Albert und Thomas, des doctor universalis und des doctor communis. Es war ein hartes Werk, weil es nicht bloß die leidenschaftlichen Aristoteliker gegen sich hatte, sondern auch in kirchlichen Kreisen verdächtig wurde. Aber Albert der Große hat es angebahnt und Thomas hat es vollendet und damit der Christenheit, ja der gesamten Menschheit einen unschätzbaren Dienst erwiesen.

Thomistische Haltung In dieser Lebensarbeit des heiligen Thomas enthüllt sich etwas, das man als thomistische Haltung bezeichnen kann. Der Thomismus ist ja nicht bloß ein Lehrsystem, sondern eine geistige Haltung.

Schon der äußere Aufbau eines jeden Artikels der Summa verrät diese Haltung. Wenn an Thomas ein neues Wahrheitsgut herantritt oder wenn er einem Einwand oder einer gegnerischen Lehrmeinung gegenübersteht, so ist er nicht in gepanzerter Abwehrstellung, wie es kleinen Geistern eigen ist, bereit zum Zuschlagen. Er hat gegenüber jedem „Videtur quia non“, nicht bloß ein autoritäres „Sed contra“, sondern ein friedlich darlegendes „Respondeo dicen-dum“, in dem er den Kern der Wahrheit herausarbeitet, sodaß sich die Einwände aus der ruhigen Ordnung eines klaren Corpus articuli wie von selbst auflösen.

Dieser Grundhaltung bleibt er immer treu: ob es sich um eine große geistige Bewegung handelt wie bei jenem Einbrechen des aristotelischen Geistes, oder ob es um das Einzelproblem -einer Quaestio geht. Jedem Gedankengut begegnet Thomas mit offenem Blick, mit aufgeschlossenem Herzen: er überprüft, unterscheidet, stellt letzte Prinzipien auf, die einen sicheren Weg der Untersuchung garantieren. Grundsätzlich ist er weniger auf das Widersprechen eingestellt, als vielmehr auf das Forschen nach dem Wahrheitskern, der auch in den Falten des Irrtums noch verborgen liegen kann. Gewiß, er rückt die Dinge zurecht; er weist ab, wo es nötig ist; er dringt auf unbedingte Klarheit. Aber er ist für jedes Wahrheitsgut offen, woher auch immer es kommen mag. Damit bekennt er sich in konsequenter Praxis zur anima naturaliter christiana, zum Logos spermatikos, der in jedem Menschen aufleuchten kann. In dieser aufgeschlossenen Haltung baut er an der philosophia perennis wie an der vernunftgemäßen Darstellung der Mysterien des christlichen Glaubens und Lebens. Wer in solcher Geisteshaltung arbeitet, verdient das weitestgehende Vertrauen eines jeden, dem es im Ernst um die Wahrheit zu tun ist.

Dazu kommt bei Thomas eine staunenswerte Achtung' vor den Autoritäten des theologischen wie des philosophischen Be-, reiches. Der christliche Denker ist ja gewohnt die Tradition zu befragen. Sein Arbeiten verläuft nicht im bloßen Nachdenken über die eigenen Intuitionen. Der Theologe ist auf die Schrift und Überlieferung als auf seine ersten Quellen angewiesen. Diese gewissenhafte Behandlung der Offenbarungstexte und des christlichen Traditionsgutes überträgt St. Thomas auch — im angemessenen Verhältnis — auf die Texte der Philosophen. So wird sein Geistesleben weithin zur Begegnung mit dem Geistesgut der Vergangenheit und seiner unmittelbaren Gegenwart. Eine wundersame Fügung der göttlichen Vorsehung hatte diesem Geiste einen Albert den Großen zum Lehrer gegeben. Ohne diese Vorschule ist Thomas nicht denkbar. Es gibt in seinem Lebenswerk kaum einen wesentlichen Materialkomplex, der ihm nicht durch die Hand seines Meisters Albert dargereicht und vorbearbeitet war. Aber ebensowenig gibt es bei ihm eine Darstellung, in der er nicht seinen Meister übertrifft in der Klarheit der Problemstellung, in der Tiefe der Lösungen und in der Gestaltungskraft der Synthesen. Mit allem geistigen Erbgut geht er um wie ein kluger Architekt mit dem Material seines Baues. Der Schöpfergeist hat ihm Kraft genug gegeben, um das überlieferte Material in seinem inneren Zusammenhang zu erfassen und ordnend darzustellen. Sapientis est ordinäre, das Amt des Weisen ist es, zu ordnen. Mit diesem Satz aus der aristotelischen Metaphysik, den er an die Spitze seiner Summa contra gentes stellt, bekennt Thomas ein Stück seiner Lebensaufgabe und eine Eigenart seiner Geisteshaltung.

Im Geiste der Aufgeschlossenheit für jegliches Wahrheitsgut lag es dem Aquinaten wohl auch fern, sein System für derart abgeschlossen zu halten, daß kein wissenschaftlicher Fortschritt damit vereinbar sei. Er baut auf so tiefen und breiten Fundamenten und mit so klaren Grundprinzipien, daß sein Werk offen ist für jede künftige Wahrheitsmehrung. Er selbst hat ja immer die Geister der Vor- und Mitwelt befragt, um sich mit ihren Gedanken auseinander zu setzen und ihre richtigen Erkenntnisse mit den seinen zu verschmelzen. So ist die Denkrichtung seiner Arbeit grundsätzlich imstande, auch die Forscher der Zukunft anzusprechen und ihre Hypothesen und Ergebnisse mit der Klarheit seiner Grundprinzipien zu überprüfen. Darum wird auch der heutige Wissenschaftler bei Thomas immer Anregung und Orientierung finden. Ja, oftmals wird er mit Staunen entdecken,daß manche moderne Lösung schon bei ihm vorgearbeitet, wenn nicht sogar mit größerer Präzision durchdacht- ist. So findet er immer wieder die Wegweisung der Kirche bestätigt: wer sich dem heiligen Thomas anvertraut, geht auf gesichertem Pfad.

Ein Schaffen, dessen Hauptstärke in der Klarheit der Prinzipien und in der Kraft der Synthese liegt, setzt einen Personkern voraus, dem die ausgeglichene Harmonie eigen ist. Das ist die wahrhaft christliche Seele des Aquinaten, die in der Schule des heiligen Dominikus veredelt ist. Thomas ist Dominikaner. Der Geistigkeit seines Ordens liegt das kontemplative Leben zugrunde: das Atmen in der Gottverbundenheit, das Spüren der Gnadenwirksamkeit im Menschen. Für die apostolische Aufgabe seines Ordens hat Thomas die Formel geprägt: Contemplata aliis tradere, das in der Beschauung Erfaßte nutzbar machen für die anderen. Er selbst ist der beschauliche Mensch, der sich in aktivstem geistigen Leben in die Wahrheiten und Wirklichkeiten von Natur und Gnade versenkt. Ein Hauch des Heiligen Geistes geht durch sein Denken. Diese Verbundenheit mit der prima Veritas gibt ihm ein untrügliches Gespür für Wahr und Falsch, für Christlich und Widerchristlich. In dieser gottverbundenen Geistigkeit liegt das letzte Geheimnis seiner schöpferischen Stärke, der letzte Urgrund thomistischer Haltung. Das empfiehlt den Fürsten der Scholastik, daß auch unsere Zeit in seine Schule gehe und sich von ihm Wege weisen lasse zum Aufbau.

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