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Die Stadt auf dem Berg

Johannes hörte im Gefängnis von den Taten Christi: Der Ankündiger und Bekenner, der Erleider bittersten Unrechts im Kerker des Herodes hörte von den Heilstaten dessen, den er pries.

Die von Jesus Uberzeugten, die von ihm selbst Beglückten, Erleuchteten, Erlösten ließen sich auch durch die Verwirrungen in den der Kreuzigung und Auferstehung folgenden Jahren und Jahrzehnten nicht von der Wahrheit abbringen, die sie erlebt hatten: In seinen Worten war Heil. Seine Botschaft gab inneren Frieden, begründete Glück und Befreiung.

Die zunächst verlorene Schar, der nach weltweitem Ermessen kein Erfolg beschieden sein konnte, trug fromm und heldenhaft das Einmalige, das Unüberbietbare ihrer Begegnung mit dem Heiland trotz aller Unsicherheit über den Zeitpunkt des Weltendes und der Wiederkunft des Herrn in alle umliegenden, weiteren und allerfernsten menschlichen Ansied-lungen hinaus. Das Gefüge jener Mächte, die sie niederhalten wollten, wurde zum durchlässigen Geäder ihrer Ausbreitung. Jüdische Anhänger des Synedriums und römische Beamte und Soldaten wurden Christen. Glücklich konnte also der vor dem Jahr 215 verstorbene Klemens von Alexandrien zu seinem Lebensende vermerken: „Die Lehre unseres Meisters blieb nicht nur in Judäa —wie die Philosophie in Griechenland —, sie breitete sich vielmehr über die ganze bewohnte Erde aus.“

Und als Kaiser Konstantin im Jahr 313 diese christliche Gemeinschaft staatlich geduldet hatte, wandten sich einer ergreifenden Uberlieferung nach die christgläubigen Einwohner des Festungsbaus der Römer an der Donau, Vindobona, an den Legionskommandanten mit der Bitte, auch hier ein Gebäude für die Gemeinde Jesu einrichten zu dürfen. Nach anfänglichem Widerstand wurde ein Platz am äußersten Rand des Lagers neben den steil zum Fluß abfallenden Schutthalden eingeräumt: die heutige Ruprechtskirche.

Lehre und Zeugnis Christi waren und sind so zutreffend, so durchdringend, so erleuchtend, lebentragend, wahrhaftig, daß gegen jede irdische Wahrscheinlichkeit aus örtlicher und zeitlicher Ferne diese Stimme uns erreicht und zutiefst persönlich berührt. In diesem Kirchenbau aus dem Jahr 740, an diesem Ort, der seit dem 13. Jahrhundert als älteste Kirche Wiens verehrt wird, fanden sich seit jenen Gründungstagen Jahrhundert um Jahrhundert immer wieder Menschen zusammen, die von nichts anderem leben konnten als der Sprache, wie sie der Menschensohn geführt hat. Von nichts als den Gleichnissen, die das Leid heiligen und die Welt überwinden.

Die Schutthalde des Militärlagers wurde zur Urzelle nicht nur dieses ehrwürdigsten Gotteshauses, sondern eines ganzen christlichen Wien. Genau hier verlief die Stadtmauer noch 1529 zur ersten und 1683 zur zweiten Türkenbelagerung, und noch 1945 befand sich bier die Hauptkampflinie vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der einen Zeitabschnitt beendete, dessen Satansfratze auf ewig für dieses unser Jahrhundert kennzeichnend bleiben wird. Das aber auch leuchtende Heilige hervorgebracht hat, wie den am 10. Oktober 1982 zur Ehre der Altäre err höhten KZ-Märtyrer, Franziskanerpater Maximilian Kolbe.

Die Topographie einer Stadt ist von keinem Menschen geplant. Gründungsanlässe sind erahnbar, freilich nie bar des Geheimnisses; um eine Urzelle haben sich Generationen hindurch dramatische Ereignisse zu Gebäuden, Schneisen, Brücken, Mauern und Toren verdichtet, sich zu dem schicksalhaften Raum — Schutz- und Entfaltungsraum — entwickelt, der schließlich in Form und Verlauf so und jetzt und hier das Dasein der in dieser Stadt Lebenden bestimmt. Die Stadt verlangt, bei sonstigem Selbstverlust, Zustimmung. Sie ist dann ein reichhaltiger, weitläufiger Lebensraum, wenn die in ihr Gestalt habenden Verweisungen angenommen werden, als Reichtum verstanden.

Der Herr selbst vergleicht den Glauben mit einer Stadt auf dem Berg. Dieses Gleichnis besagt zweierlei: „auf dem Berg“ heißt entfernt von den Niederungen, mit Weitblick, durch mühsamen Aufstieg gewonnene Sicherheit; „Stadt“ aber bedeutet Bauwerke, Ordnungen, innere Beziehungen, vernetzte Abläufe. Gegenwärtige Wissenschaft kennzeichnet menschliches Wesen als SuperStruktur. Das will heißen: als eine über ihre naturgegebenen Voraussetzungen hinausdrängende, hinausweisende Existenzform. Unsere Zunge wäre von Natur ein Geschmacksorgan und kein Sprachwerkzeug; unsere Finger wären ein Greiforgan, aber kein Zeichnungs- oder Musikinstrument; unsere Füße dienten dem Gehen, nicht dem Tanz; unser Gehirn der Organkoordination und unmittelbaren Uberlebensreaktion, nicht jedoch der Abstraktion, der mittelbaren Erfassung des Wesens und des Zweckes aller Erscheinungen. Menschsein ist zu definieren als das schöpferische Uberschreiten des Vorgegebenen.

Viktor Frankl, der heute einund-achtzigj ährig in Wien lebende, weltweit anerkannte und hochverehrte Begründer der seelen-heükundlichen Lehre „Logotherapie“ — Heilung durch Sinnfin-dung —, den ich in meinem letzten Roman wegen seiner unüberbietbaren Friedfertigkeit nach bitterstem KZ-Leid den größten lebenden Österreicher genannt habe, Viktor Frankl bezeichnet es als die menschlichste aller menschlichen Fähigkeiten, eine persönliche Tragödie in einen Triumph zu verwandeln.

Der Mensch ist das Wesen, das sich übersteigt. Er konstituiert sich in der Transzendenz. Er wächst über sich hinaus in ein System von Zeichen. Er erfindet Sprache und findet sich in ihr. Er überlebt nur durch die Bergung in lebensrettende Gleichnisse. Er versteht Worte des ewigen Lebens. Er bewegt sich in der Topographie einer Stadt sinnvoller, sinngebender Verweisungen, Bezüge. Seine vorläufige Heimat ist ein Universum von Metaphern. Die mit Bildern umstellte Ungewißheit ist seine Wahrheit. So begründete Gottesfurcht ist somit des Menschen höchste Ehre.

Wenn es aber so ist, dann dürfen wir das Christsein als die objektiv höchstrangige Antwort auf die menschlichen Daseinsbedingungen erkennen und bekennen. Christliche Existenz ist stete Messung, Beauftragung, Inpflicht-nahme, zugleich aber unablässiger Empfang von Klärung, Weitsicht, Kraft. Dieses religiöse Sen-sorium für Wahrnehmung, Unterscheidung, Erklärung, Verhalten und Handeln bietet die höchstdifferenzierte und produktivmachende Strukturierung des Lebensvollzugs.

Komplexität wird bewältigt, nicht reduziert, Sehnsucht nach Sinnhaftigkeit wird illusionsfrei gestillt; Tatendrang wird zu kontrolliertem Selbsteinsatz geläutert; Mitmenschlichkeit ist oberstes Gebot. Christsein hieße, die beglückenden Glaubensinhalte als unverdienbare Gnade der

Sichterweiterung und Sichtvertiefung erleben und selbstvergessen — aber mit vollem Einsatz — ohne Spekulation auf Sondervorteile an der Entfaltung der Schöpfung mitwirken, die jeweils zutreffende, den jeweils drohenden äußeren und blinden Zwängen antwortende Frohbotschaft im Herzen.

Johannes hörte im Gefängnis von den Taten Christi. Weihnachten ist das Fest der Freude trotz Trauer. Dies ist auch das Geheimnis von Advent: solcher Wahrheitsbesitz, wie er uns durch den Stifter unserer Religion geschenkt wurde, solche Beseligung und Begnadung sind mit unserem weltlichen, täglich dem Bösen, dem Stolz und der willentlichen Unwahrhaftigkeit ausgelieferten Dasein nicht ohne Dauer schmerz vereinbar. Diese Spannung wird nicht enden bis zuletzt. Das heißt für mich Nachfolge Christi, die ich ohne Anmaßung nur als jene im Leid verstehe, in der Erfahrung des Ungenügens. Oder wie es der Heilige Maximilian Kolbe gebetet hat: „Im Dienst Gottes zu Staub werden.“ Oder wie es am dritten Adventsonntag, dem Gau-dete, aus den Psalmen heißt: „Der Herr beschützt die Fremden.“ Er hält uns ewig die Treue.

Der uns so geläufige Freudenausdruck „Hosanna“ ist eigent- • lieh ein Hilferuf. Hierin wird tiefes Selbstverständnis' offenbar: „Hilf doch!“ ist zugleich der Heilsjubel. Indem wir um Hilfe rufen, nähern wir uns göttlichem Wesen; indem wir so beten, erweist sich eben unsere wertsetzende Erfahrung des Ungenügens; indem wir uns hier fremd fühlen, bezeugt sich Gotteskindschaft; indem wir leiden und uns nach Wahrheit sehnen, nach Gerechtigkeit dürsten, überschreiten wir unsere Blindheit; innerhalb tiefster Finsternis nehmen wir eine Gestalt an, die das Erahnen von Licht unwiderlegbar beweist. Indem wir „Hüf doch!“ rufen, formen wir uns dem Heiligen so ein, daß daraus Heilsgewißheit, Jubel entstehen müssen.

So wie der Wortschatz des Christentums als Stadt auf dem Berg zu verstehen ist, mit hundertfältiger Beförderung, Erbauung, Ubersteigerung des sonst und außerhalb ihres unerhellten, unbeglückten Dahinlebens — voll Trauer und Mitleid könnte man von Selbstverstümmelung derer reden, die aus Hochmut nicht eintreten —, so ist auch unser Wien eine Stadt auf dem Berg. Auch der Platz der Kirche St. Ruprecht liegt fünfzehn Meter über dem Donautal. Unweit findet sich bei den römischen Ausgrabungen der Grabstein des ranghöchsten Speerschleuderers von Vindobona. Dieser Mann aus Rimini ließ ihn etwa um das Jahr 100 nach Christi Geburt aus Algensandstein des Leithagebirges anfertigen. Tausend Jahre später diente dieser Stein als Mühlstein wahrscheinlich in einer Schiff mühle an der Donau. Und im Jahr 1891 wurde dieser Stein einige hundert Meter weiter als Eckstein gefunden und geborgen; er hatte wahrscheinlich als Kreuzgrundplatte auf dem Stephansfriedhof gedient. Was wir täglich besichtigen können, ist ein ursprünglich zwei Meter langes Steinstück, aus der Natur gebrochen und in den Dienst menschlicher Kultur genommen: dieser Selbstschöpfung nach göttlichem Willen, zunächst als Grabstein, später als Mühlstein, dann als Kreuzstein, zuletzt als Eckstein und schließlich als Gedenkstein für zweitausend Jahre Durchströmung des Minerals mit Sinn, des Materials mit Geist.

Wie beziehungsvoll die Botschaft dieses aus den Gründungstagen von Wien stammenden Zeichens ist, brauche ich nicht noch weiter auszuführen. Es war der Augenblick, in dem Jesus die Drohung aussprach, daß der Stein, den die Bauleute verwerfen würden, zum Eckstein werden sollte, als die Hohenpriester endgültig seine Ermordung beschlossen. Und aus dem frühesten Versammlungsort unserer christlichen Ahnen an der Schutthalde vor dem Fluß wurde das Heiligtum Wiens.

Unser Reichtum ist unübersehbar. Dieser Reichtum ist unser Leben, er konstituiert uns, er definiert uns. Das Weihnachtsfest 1986 verbindet uns bruchlos und nahtlos mit derselben Fülle des Lebens, von der die uns unüberschaubare Reihe der ehrwürdigen, geliebten Geschlechter vor uns ihre uns so überzeugende Bewährung gezogen haben. Unsere Schau ist unverlierbar. Wir sind erlöst. An diesem Himmel haben wir jetzt schon Anteil.

Weihnachten ist das Fest der Freude trotz Trauer. Es ist das Zeugnis der Hoffnung trotz Fehlens von Illusionen, ja Fehlens von Optimismus. Es ist Zeugnis der Transzendenz ohne Überschreitung oder Verlassen der täglichen Gegebenheit. Im Gegenteil: durch deren Annahme und Einbringung in diese leuchtende Stadt auf dem Berg sind wir erlöst. Wir kennen die Botschaft, wir sind unterwegs, wir wollen jeden Tag das Weiterglauben neu begründen und entfachen. Ein anderes Leben als dieses sich an solchen Bildern und Worten aufrichtende, entfaltende, zwischen Widersprüche gespannte, sich nur im Ringen bewährende haben wir nicht.

Es ist freilich größer, als wir es fassen und ausschöpfen könnten. Die Stadt auf dem Berg ist eine unumgängliche Stadt. Entweder in ihr atmen, sich bewegen oder in der Finsternis und im Irrlicht umhertappen — zerstörerisch, selbstzerstörerisch. Unsere Stadt hat das dichteste Wegenetz auf dem Pfad zur Befreiung. Das ist unser Leben, ein anderes haben wir nicht. Wir brauchen aber auch kein anderes.

Johannes hörte im Gefängnis von den Taten Jesu. Aus der Todeszelle verfolgte er das Wirken seines Täuflings. Und noch vor seiner Enthauptung durfte er die Gewißheit finden: Lahme gehen, Blinde sehen wieder. Gelobt sei Jesus Christus! Hosanna! Hilf doch! Indem wir Ihn loben, erschaffen wir uns. Wir sind nur wir, wir bilden uns aus dem Loben, dem Denken, dem Sprechen, dem Zuspruch, dem Zuruf, dem Beten. Gelobt sei, der im Namen Gottes kommt. In unseren Gefängnissen hören wir gläubig von Seinen Taten, und wir tanzen in Ketten voll Freude. Frohe Weihnacht!

Text einer Predigt in der Kirche St. Ruprecht in Wien.

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