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„DAS UNVERBINDLICHE UMZUDICHTEN IN LOBGESANG“

Die Aussage Werner Bergengruens ist von Tradition geprägt. Tradition bedeutet, namentlich wenn sie im Raume der deutschen Sprache gelebt wird, leidenschaftlicher Kampf, denn die fast zerstörenden Gegensätze der deutschen Geschichte müssen ja in einem solchen Leben wieder aufklaffen. Aber wohl kaum wieder ist im Werke eines Lebenden der Bogen so weit gespannt wie in Bergengruens Persönlichkeit und Werk; Otto von Taube ist ihm darin verwandt auf der evangelischen Seite, verwandt auch in der Behauptung ritterlicher Art, die für Bergengruen durchaus kennzeichnend ist und ihn wie Otto von Taube, trotz großen verdienten Erfolges, zur einsamen Gestalt macht in der Gegenwart und — wieviel mehr noch! — in deren Schrifttum. Riga Kiew und Rom, diese drei Städte bezeichnet Bergengruen in einem seiner persönlichsten Gedichte als die gelieb testen. Daß es ihm gelungen ist, sie mit gleicher Kraft zu lieben, nichts aufzugeben, was er empfangen und was er erworben hat; daß er Landschaften und Überlieferungen, die Zeiten zu verschmelzen wußte in einmaligen mächtigen Klang: dies weist zurück auf eine Persönlichkeit, die in einer chaotischen Zeit, zwischen bekannten oder verschwiegenen Gefahren, sich zur Ordnung hindurchkämpfte, unbeirrbar in dem Glauben, daß dieser Welt die Gesetze ewiger Ordnung eingeprägt sind und diese Gesetze sich als stärker erweisen werden als alle Gewalten, die sie zerbrechen wollen.

Bergengruens künstlerische Formen gehören zu den strengsten und klarsten, die in der Gegenwart wie im Ganzen unseres Schrifttums gelungen sind. Er hat Werke früherer, noch zwischen Ungewißheit bestandener Jahre in die Schmelze geworfen und nicht von ihnen abgelassen, bis sie das Siegel der Entscheidung trugen, zu der er sich durchgerungen hat. Untadelige Form kann ja nur einem Geiste geschenkt werden, der eins ist mit sich selbst, wie heftig auch sein Streit mit der Umwelt sein mag. Daß der am gefährlichsten Angefochtene eben die Strenge und Geschlossenheit sucht; daß der dem Erbe unabänderlich verpflichtete Künstler auch der angefochtenste ist: diese Wahrheiten werden freilich von denen nicht verstanden, die in zertrümmerter Form das Zeichen des Aufbruchs sehen.

Riga, Kiew und Rom — das heißt in gewissem Sinne doch: nicht Deutschland, Frankreich, England, Spanien. Dieses Bekenntnis kommt aus einer Schau, einer Welt, die den Gegenwärtigen kaum bewußt ist. Der Dichter lebt, wo seine Ahnen lebten: an der Grenze des Reiches, in der Form, die, wie keine zweite, die Verantwortung für das Ganze der Christenheit in der Geschichte zu vollziehen suchte. Fern ist ihm die Zeit des Absolutismus, fern die preußische Geschichte der neueren Zeit, fern die Zerteilung ins Enge, Eingeschränkte, wie ihm überhaupt alles Kleinliche ferne ist; es ist, als ob er sich nur schweren Zeiträumen zuwenden könnte, aus denen das Ritterliche schwindet, es sei denn, er fände in ihnen einen tragischen Rechts- und Gewissenskonflikt, wie er ihn ln seinem Itoman „Das Feuerzeichen“ gestaltet hat. Wo ein solcher Konflikt sich ereignet, ohne mehr ganz verstanden zu werden: da ist das Zeichen des Endes, des Gerichtes gegeben. Des Dichters Geschichtsbild liegt unter dem Blitz des Gerichts: das ist ja gerade der Symbolgehalt seiner Form, des Romans wie der Novelle — und die Romane rücken oftmals der Novelle ganz nahe —, daß das Endliche an das Ewige stößt, das Irdische entrechtet wird vom ewigen Recht; daß die Verwalter eingefordert werden von ihrem Herrn. Darauf gründet der hohe ethische Gehalt seines Künstlertums: dem Dichter ist alles anheimgegeben, nicht allein die Gestalten und die Werte des Geistes und Glaubens, auch der Vogelbeerbaum und der Efeu; auch die Seelen der Vögel. Anheimgegeben ist ihm vor allem die Spur der Vergessenen, die er gerade noch einer Grabschrift abliest oder vom Klange eines Namens empfängt, den nach ihm niemand mehr empfinden wird. Der Dichter ist an der Stelle, wo die aristokratische Kultur der Ostseeprovinzen versank — auch die bürgerliche Kultur dieser Lande hatte aristokratisches Gepräge _ der letzte, der uns noch sagen kann, was war: in seinem Werke leuchten Kleinodien, Menschen, Empfindungen, Haltungen auf, deren Dasein fortan allein noch in der Kunst gegründet ist.

Pietät, im großen antik-christlichen Sinne, ausgedehnt auf alles, was ihm begegnet ist und teuer war, ist eines seiner tragenden Anliegen; er kann trotzdem kein Rückgewandter sein; denn er ist seiner ganzen Natur nach Streiter, vergleichbar den Rittern seiner Heimat, die wohl das Kreuz auf dem Mantel trugen, aber unversehens auf ihren Zügen in den Bann der Wälder und Sümpfe und der sie bewohnenden Geister gerieten. Das Heidentum ist da; es kommen Stunden, da es herrscht. Das ganze große Werk ist, gleich dem Münster von Straßburg, auf versteinernden Pfosten in das Wasser der Schwermut gebaut; unter Form wogt, wankt das Chaos; die „wilde Schwermut der Unendlichkeit“ bricht plötzlich ein: „Zur Nacht wird ein Nebel steigen und niemals zergehn."

Es kommen Stunden, Tage, daß es vergeblich, ja unmöglich ist, zu streiten, zu gestalten. Von Osten droht die große Flut; es sind nicht allein die Völkermassen, es ist eine untergründige Gewalt in der Seele, Erbe, das nicht bewältigt werden kann, das sich der Form entzieht. Diese Bedrohung hat den Dichter zum Propheten gemacht. Es bleibe dem Empfänglichen selbst überlassen, wie tief er in den Symbolgehalt des Romans „Am Himmel wie auf Erden“ hinabdringen will; hier ward wohl vor dem zweiten Weltkrieg der Untergang Berlins vorweggenommen; aber wir dürfen das nicht im politischen Sinne mißverstehend einschränken: das Wasser steigt, das nie Überwundene kommt wieder; Gewalten schwellen an, die sich nicht beherrschen lassen; das Ungeschichtliche, Urtümliche erhebt sich, an dem der aufs Geschichtliche gerichtete Wille scheitert.

Schluchten zwischen Glauben und Heidentum klaffen auf, über die keine Brücke führt; immer wieder sendet die scheinbar überwundene Wirklichkeit ihre Boten in den Tag; aus der Beziehung zum Ursprung findet Bergengruen seine ergreifendsten Klänge: Lieder, Verheißungen der Übergangenen, Unterdrückten:

„Schläft der alte König tief im Hügel, frißt sein Pferd den bleichen Totenhafer,

Einmal wird’s ihn aus dem Hügel tragen und den goldenen Sonnenhafer fressen.“

Es ist eine Verheißung, die sich nie erfüllt und die gerade darum über der Welt als Geschichte stehenbleibt und sie richtet: tief unten liegt ungesühntes Unrecht; tief unter dem Glauben, den der Dichter bekennt, klagt eine Trauer, für die es keine Hilfe gibt. Es ist die Trauer der uferlosen Wasser des Anfangs, viel mächtiger als die Trauer der Unruhe, der die Inschrift am deutschen Friedhof zu Rom das Ziel weist: Teutones in pace. Wie viele, die diese Inschrift lesen, wissen noch, welch ungeheuerlichen Widerspruch sie zusammenfaßt?

Die Gefährdung steigert sich, gerade auf dem Wege nach Rom, der doch Erlösung verspricht. Denn die Heidentümer wachsen einander zu: den Grablosen, Vergessenen des Ostens, den gespenstischen gefallenen Soldaten, die den Vollzug sinnloser Befehle widerholen, dem Schwarm der Gespenster und Kobolde, der um den Rodenstein webt, gesellen sich zwei Schmetterlinge, die über einem antiken Grabe spielen: „Und sie enden fiicht.“ Slawisch-germanisches und römisches Heidentum stellen die Aufgabe, schenken dem ganzen Werke die geheimnisvoll-bezwingende Resonanz, das Hallen der Tiefe, fordern den Willen des Gestalters heraus; das Bekenntnis zu Rom war nicht allein Heimkehr in die ungeteilte Welt, es war aus Notwehr, die sich der römischen Form im religiösen wie künstlerischen Sinne bemächtigte; und es war — in der nun einmal gegebenen Gegensätzlichkeit, unter der Gnade des Widerspruchs — Liebe zum Heidnisch-Dauernden, zu den Säulenstümpfen, Grabmälern, Götterbildern, die das Trümmerfeld christlicher Geschichte überragen.

Wollen wir einen Künstler würdigen, so kann es sich nur um das eine handeln: ob er seine Sendung bewußt oder unbewußt ergriffen hat und ob er ihr treu geblieben ist. Eine jede literarische Kritik, die nicht von der Sendung ausgeht und sich statt dessen — was freilich viel leichter ist — an das ästhetische Examen einzelner Werke hält, ist verfehlt. Bergengruen ist seiner Sendung mit bewundernswerter Sicherheit gefolgt. Sein kühnes Streben nach der Harmonie des Weltbildes — ein Streben, das offenbar von Dante geleitet ist und die Einbeziehung, Einordnung des Dämonischen, des Bösen im Sinne der Verherrlichung und der Gerechtigkeit meint —: es ist nur die Antwort auf Sturz und Untergang, auf die Gefährdung im eigenen Innern. So könnte es immer wieder ungewiß scheinen, wie der Kampf sich entscheiden werde; es grollt in der Tiefe, der Himmel verschließt sich, die Trauer überwältigt, das Verlorene, nie Verschmerzte ist in der Übermacht, die nie genug beklagten Toten melden sich an. Eine Kraft aber ist mächtiger als alle Bedrohungen: es ist die Liebe, die zwischen Menschen erblühend und fort- führend die Schöpfung und eine jede Schickung umfaßt: Liebe, die sich dem unablässig sich erneuernden Unrecht entgegensetzt, die rettet im Gebild, was verloren ging in Leben und Geschichte; Liebe, die auch den Untergang preist, den Verlust des Erbes, welcher Verlust eben der feste Grund der Aussage ist; Liebe, die sich aufgerufen fühlt, das Unverwind- liche umzudichten in Lobgesang; Liebe, die sich vor der Weltenmonstranz beugt, in der alle vergängliche Herrlichkeit sich in erhöhtem Glanze spiegelt.

So entsteht, seltsam genug in unserer Zeit, das Bild einer großartig geordneten Welt. Nicht die Geschichte hat sie hell gemacht — ihr gegenüber gebührt männliche Resignation —, sondern der von seinem Glauben erleuchtete Dichter hat es getan. Aufgebaut über der Spannung zwischen nordischem Osten und Süden, hinabreichend in die letzten Tiefen der Seinsbereiche dieser beiden Räume, genährt von dem Streite zwischen Chaos und geschichtsbildendem Willen, zwischen Schwermut und Glauben, Anfechtung und Zuversicht, zwischen unritterlicher Gegenwart und ererbtem Rittertum; überblitzt von Ironie einer lächelnden Distanz zu Gestalt und Wort, zum eigenen Selbst, belebt von Humor, ist dieses Werk eine von Grund aus adelige Erscheinung von bewundernswerter Geschlossenheit. Bergengruen hat seinen Ursprung und seinen Erfahrungen, seiner Geschichtszeit, seiner ins Unsichtbare sich entfernenden Tradition ein unbedingtes Ja abgerungen. Er hat es beglaubigt von Gnaden seiner Kunst, die ihn mitten unter Schiffbrüchigen und Ratlosen, Zweiflern und Verneinern, Heimatlosen und Gehetzten zu einem Geborgenen, einem Vollendeten macht.

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