6561858-1948_52_12.jpg
Digital In Arbeit

Menschwerdung des Menschen

Der Psychiaterkongreß in London vom Sommer dieses Jahres zeitigte ein merkwürdiges Ergebnis: das Augenmerk der aus aller Welt versammelten Ärzte richtete sich nicht nur auf die Krankheit des einzelnen Menschen, sondern auch auf die Krankheit der Zeit. Wie sollen wir uns diese Paradoxie erklären, daß der Seelenarzt, dessen Aufgabe die Behandlung des Individuums ist, den Krankheitsherd nicht in der Seele des einzelnen, sondern im unbestimmten Draußen, in Zeit und Umständen, sucht, in Gegebenheiten, die der Historiker wohl’ abhandeln, der Arzt aber nicht behandeln kann?

Um die Jahrhundertwende, als die analytische Psychologie ihren Siegeslauf als psychische Behandlung begann, allmählich in alle möglichen Kulturphänomene sickerte und die Literatur weitgehend beeinflußte, wuchs die zunächst sachlich-therapeutische Beschäftigung mit dem Ich förmlich zu einer Apotheose des Ich aus. Hatte die klassische Psychiatrie bis dahin die Symptome seelischer Erkrankung klassifizier/ und nur lose einem Ich eingefügt, das schattenhaft hinter der Erkrankung lebte, so war durch die Psychoanalyse das Ich in allen Spielarten klassifiziert und nur lose mit Symptomen bekleidet worden. Allein, dieses Ich bewegte sich gespenstisch in den mehr oder weniger grob geknüpften Maschen einer Theorie; es lebte nicht und atmete nicht. Denn der Psychologie fehlte der Träger der Einzelzüge. Sie arbeitete ohne den Begriff der Person. Als Folge dieser breit angelegten Analyse seelischer Inhalte, der die Hinordnung auf die psychophysische Einheit Mensch mangelte, ergab sich ein Ausfließen der menschlichen Bestandteile nach außen, in die Masse, das durch die gerade in Gang kommenden Strukturveränderungen der Gesellschaft begünstigt wurde. Hinzu kommt noch, daß die psychische Analyse das seelische Verhalten insofern vereinfachte, als sie es nur in seiner triebgebundenen Wurzel beachtete. Wie weit die geistige Aussaat dieser psychologischen Theorien tatsächlich aufgegangen ist, und zwar wirklich in der Masse, die wie ein Stück Knetgummi in der Hand bald so und bald anders zu formen, aber nicht wie der einzelne Mensch bei ihrem Wort und ihrer Entscheidung zu fassen ist, beweist der Massenmensch vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg deutlich genug, dessen „bewußt gemachte” Triebe höllisch triumphieren.

So ergab sich die Erfahrung, daß ein nicht richtig fixiertes und begrenztes Ich mit sich nichts anzufangen weiß. Es sieht nach links und rechts und sucht Bindungen mit seiner Nachbarschaft, die ihrerseits weder Weg noch Ziel noch Grenzen kennt. Der Zusammenschluß dieser einzelnen menschlichen Bestandteile ergibt zwar flächenhaft eine weite menschliche Masse, jedoch fehlt ihr die Verankerung in sich selbst. Anders ausgedrückt: sie ist bar echter Menschlichkeit. Sie wird ihre Prägung nur von außen erfahren, und je inniger sich das Ganze bei um so stärkerem äußeren Druck verkeilt, um so fester wird die Masse Zusammenhalten. So ist es ganz richtig, wenn die tagenden Psychiater nicht nur den kranken Menschen, sondern auch die kranke Menschlichkeit diagnostizierten und diskutierten. Nur besteht die Frage, ob die gesichtslose Masse als künstliches Gebilde, das sie darstellt, erfaßt und geheilt werden kann. Da man mit Psychopolitik und Psychosoziologie nur wieder in die Zusammenballungen sticht, greift man letzten Endes ins Leere und kann die Ratlosigkeit nicht ausloten, als die sich die große Neurose der Gegenwart zu erkennen gibt.

Im stillen Sprechzimmer des Seelenarztes rollt auf der kleinen Bühne des Einzelschicksais spiegelbildlich der Szenenablauf des großen Welttheaters ab. Was den Großstadtmenschen heute sehr häufig krank macht, krank bis zum Versagen einzelner Organe und Organgruppen, ist unleugbar eine auch den Beobachter erschütternde Ratlosigkeit. Wie eine Uhr nach langem Gebrauch aus- gewerkelt ist und endgültig stehenbleibt, so leben die Menschen ohne echte Menschlichkeit aus einem. Mechanismus, der sich mit der Zeit erschöpft. Hier fehlt die Verbindung mit der Wurzel des Lebens, dem schöpferischen Geist. Diese seelische Verstümmelung kann sich auf zweifache Weise auswirken.

Einmal wird der Mensch an der Ziellosigkeit erkranken, indem er um sich nichts als Wüste sieht und ihn ein Weg ohne Einfriedung und Endpunkt bis zur Todesangst und seeliscHerlebten Vernichtung martern kann. Außerdem können ihn in dieser gestaltlosen Weite Luftspiegelungen narren. Immer wieder wird er ihnen zustreben, erfolglos freilich, weil sie wirklich nicht da sind. Diese dauernde Spiegelfechterei wird schließlich zum Zusammenbruch führen.

In solchen Fällen ist die Verbindung mit dem geistig schöpferischen Urgrund insofern verloren, als der betreffende Mensch von einer-Teleologie alles Lebendigen nichts weiß. Bei anderen ist der Schaden so beschaffen, daß das sittliche Verbundnetz gerissen ist. Das äußert sich durch Erkranken am- zu nahen Ziel, an der automatisch einschnappenden Triebbefriedigung, die allerdings nicht lediglich als sexuelle zu deuten ist : Hier, erschöpft sich der Mensch in den Konflikten, die der zwingende Drang nach egoistischer Wunscherfüllung mit sich bringt. Es besteht teilweise oder völlige Gewissenlosigkeit.

Als geistige und sittliche Richtungslosig- keit und Leerlauf grauenhafter Stereotypie, mit daraus erwachsender schrecklicher Verzerrung wesentlicher menschlicher Beziehungen, erlebt der Gegenwartsmensch seinen Abfall von sich selbst. Was sich im einzelnen und massenhaft vollzieht,’ könnte man als Auswanderung des abendländischen Menschen aus dem Abendland bezeichnen, eine Auswanderung, die um so grauenhafter wirkt, weil die Stätten einstiger hoher Kultur, die Zentren regsten Geisteslebens ja gar nicht verlassen werden. Ohne seinen räumlichen Standort zu wechseln, begibt sich Europa in die Antarktis, ins geistige Ödland, nicht aber, um zu roden oder zu bebauen, sondern um einfach frei zu sein, frei von jedem Zwang, jeder Bindung, jeder Verantwortung, aber auch jeder Hoffnung, selbst jedem Glück. Bleierne Müdigkeit und vollkommene Gleichgültigkeit gegen wen und was auch immer, sind die vordringlichsten Symptome der Zeitkrankheit.

Wieso es zu dieser Ent-Menschung im großen und kleinen kommen konnte, deutet Gebsattel an („Christentum und Humanismus”, Ernst-Klett-Verlag, Stuttgart, 1947), wenn er vom Zusammenbruch des christlich-klassischen Weltbildes des Mittelalters spricht. Obwohl der Lebensraum weitgehend christlich und sakramental bestimmt war, wie er meint, hat die Naturseele des einzelnen Menschen die Christianisierung doch nicht voll aufgenommen. Besser gesagt: zwischen dem Humanen und dem Religiösen wird immer eine Spannung bestehen Diese nicht anzuerkennen, führt zur Stauung von Naturkräften. Im Laufe der Jahrhunderte nun sammelten sich unterdrückte oder verkehrt gebundene schöpferische Naturkräfte an, die sich bei, den modernen Umwälzungen tails vernichtender Explosivstoff entladen konnten und die die Pagani- sierung bewirkten, die wir jetzt in so ungeheurem Ausmaß erleben. Und gerade die Verheidung ist ja daran schuld, daß der Mensch kein Richtbild mehr hat, nach dem er sich selbst zu verwirklichen imstande ist.

Das Neuheidentum nun entbehrt, wie wir glauben, im Gegensatz zum Heidentum der Antike, eigenständiger Mythen und gültiger Symbole. War die Welt der Antike reich an fruchtbaren Phantasien, so ist die Welt der Neuheiden öde und verdüstert durch Ausgeburten krankhafter Phantasie. Denn die Entwicklung der Menschheit läßt sich nicht rückläufig neu abspulen. Die Mythologien der Vergangenheit waren Hinweise auf das Kommende, auf die Erfüllung des Menschseins in der Menschwerdung des Logos, der zweiten göttlichen Person. Das Heidentum heute bedeutet nicht Vorläufer- tüm und Aufbruch, sondern Abfall und Verleugnung. Darum ist nicht zu erwarten, daß aus dem Bilde, das die Welt jetzt bietet, Ansätze zur Erneuerung gewonnen werden dürften und daß aus der Anschauung dieser Welt als sozialem oder politischem Gefüge etwas für die Heilung der Menschen heraus- zu Holen wäre.

Vielmehr wird es notwendig sein, den Schauplatz zu verlassen und die beraubt und leer scheinende Innenwelt des einzelnen von innen her wieder auszugestalten. Es muß ein Oben und Innen gesetzt werden. Freilich ist es eine schwierige Aufgabe, der Horizontlosigkeit des Heiden, den gültigen Horizont abzustecken, der allein durch die Tatsache, daß der Mensch Geschöpf Gottes ist, gefunden werden kann. Man darf sich jedoch nicht verhehlen, daß es keinen allmählichen Übergang vom Unglauben zum Glauben, womöglich zum geformten christlichen Glauben, gibt. Dem modernen Heiden, eingepaßt in das technische Weltbild, fehlt der Einstieg in die Leiter der natürlichen Gottesbeweise, ganz zu schweigen von einem Verständnis für übernatürliche Wirklichkeiten.

Dieser stumpfen Problemlosigkeit und Selbstherrlichkeit des modernen Durchschnittsmenschen steht die Zerbrochenheit und Fragwürdigkeit des Psychoneurotikers gegenüber. Gut ist es, wenn sich seine Aufgerissenheit zum Sprung in die Tiefe des Existenzgrundes bjpützen läßt. Erst dort und nur dort — wir meinen die geistige Tiefe der Person, die genau so wirklich ist wie ihre triebhafte Tiefe — wird dem Menschen Antwort auf die Frage nach dem Lebenssinn zuteil und im Zusammenhang damit läßt sich die Ratlosigkeit überwinden. Die endgültige Lösung der Existenznot des Menschen ist eine religiöse, weil eben der Mensch in Gott endet, aus dem er auch her- vorgegangen ist. Alle anderen Lösungsversuche sind vorläufige und führen beim nächsten Konflikt wieder in die Neurose.

Allerdings müssen wir dieses hinzufügen: Wohl vermag der Mensch unter günstigen Bedingungen seine innere und obere Begrenzung zu erkennen und ist imstande, aus einer sachgerechten Analyse auf Grund der Neurose seine Geschöpflichkeit und Gottverbundenheit zu entwickeln. Allein, ein solcher Erkenntnisakt führt durchaus noch nicht zum existentialen „Begreifen” des Religiösen, keineswegs zum Innewerden der Erlösung. Daß sich der Mensch als Kind des ewigen Vaters zu verstehen, als Geheilter des Heilands Jesu Christi zu freuen vermag, in dieser vollen, seinshaften Hingabe an und in Gott, gerade darin liegt das Eigentliche religiöser Wirklichkeit. Diese zu erreichen, ist nicht möglich auf dem Wege noch so lückenloser philosophischer Folgerungen.

Alles hängt davon ab, wie weit die Menschwerdung des Logos, das lebenerfüllte Geheimnis der Weihnacht, von dieser Welt begriffen und ergriffen, wie tief es ersehnt, erbetet und eropfert werde. Erst dann vermag der Mensch ganz zu gesunden, erst dann die Menschwerdung des Menschen diese gemarterte und verarmte Welt zu erneuern und glücklich zu vollenden, wenn das Licht der heiligsten Nacht die Menschen in tiefster Seele erheilt, daß sie so guten Willens werden, zu Gott dem Herrn, Schöpfer und Erlöser, ja zu sagen, ein frohes, festes, unerschütterliches Ja.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau