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ZERSTREUUNG - VERANTWORTUNG

Geschichtliche, geistige und menschliche Tradition kann für uns heute, im 20. Jahrhundert, kein Schutzwall mehr sein, hinter dem wir geborgen die Gegebenheiten politischer, gesellschaftlicher und menschlicher Belange abwartend betrachten. Wir können und müssen uns der Werte unserer Tradition bewußt sein, wir müssen aber auf diesen Werten der Tradition unser neues Weltbild aufbauen, neu schaffen, und als Ausgleich, als ergänzende Gegenkraft zum materialistischen Zeitalter der Technik, eine ethisch klare, geistige Haltung einnehmen. Nur diese geistige Ökonomie, diese Haltung und Beherrschung bringt

uns in den Zustand, uns der technischen Errungenschaften sinnvoll zu bedienen.

Seit der sogenannten Wirtschaftswunderzeit haben wir diese geistige Haltung verloren und dadurch jede menschliche Besinnung. Wir rasen in schnellen Autos durch die Landschaft und empfinden ein königliches Gefühl, schneller als andere zu sein, obwohl diese. Kraft gar nicht die eigene, sondern die des Motors ist. Wir lassen von früh bis abends den Lautsprecher auf uns eindröhnen und können diese Fülle der akustischen Einwirkungen gar nicht mehr geistig aufnehmen. Eine Rundfrage ergab, daß ein - hoher Prozentsatz der Fernsehteilnehmer wünscht, siebenmal in der Woche ein abendfüllendes Programm zu sehen. An sieben Abenden wünscht sich der Mensch, im verdunkelten Raum zu sitzen und gleichgültig welches Programm auf sich einwirken zu lassen. Seine Flucht vor sich selbst, seine seelische Leere, geht so weit, daß er an keinem Abend sich mit sich selbst oder mit den Angelegenheiten der ihm nahestehenden Menschen beschäftigen will. Er will nicht mehr lesen, nicht mehr sprechen, nicht mehr eigene geistige Interessen verfolgen — er will von sich selbst abgelenkt, von keinem Problem behelligt werden und verlangt zur Ausfüllung dieses Vakuums in sich nur „Zerstreuung“. Bestenfalls darneben noch Sensationen des Alltags oder der politischen Spannungen, die ihm anderseits wieder Lebensangst einflößen. Diese Lebensangst erstickt er wieder in neuen „Zerstreuungen“. Wir sind in einem Kreislauf eingeschlossen, der zu einem totalen seelischen Zusammenbruch des Menschen führen muß.

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Dieser pessimistischen Feststellung ist nur die Hoffnung ent-, gegenzustellen, daß die Natur stärker sein wird als die zerstörende Haltlosigkeit des Menschen. Es muß und wird naturgegeben ein Moment eintreten, in dem der Mensch aus reinem Selbsterhaltungstrieb sich wieder auf sich und seine Seele, seine Persönlichkeitswerte besinnt. Hoffentlich sind dann die richtigen Weltpolitiker da, nicht die neue - seelische Bereitschaft in falsche Machtbegriffe lenken und mißbrauchen, sondern mit den befreiten und bewußten Menschen eine Weltordnung verwirklichen, in der die ausgeglichene Harmonie zwischen dem Menschen und seiner Technik hergestellt wird. Ich glaube — und das scheint mir nicht weltfremd oder utopisch zu sein —, daß in diesem Stadium der Menschheitsentwicklung der Weltpolitiker und der Philosoph einander treffen und zur Führung der Menschheit vereinen müssen.

Dieser gegenwärtige Zustand des Menschen in seiner armen Haltlosigkeit, seiner Angst, seiner Flucht vor sich selbst, seiner Übersättigung, seiner Ratlosigkeit in seelischen Problemen, die er 'zu ersticken versucht, müßte aufgegriffen werden, wenn wir auf die Probleme des Theaters unserer Gegenwart kommen wollen, denn nur darin liegen die Ursachen derselben.

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Wenden wir uns der brennendsten Frage zu: Was für eine Aufgabe, was für eine Funktion hat das Theater im Leben des heutigen Menschen? Die Antwort war bis etwa 1958 leicht zu geben. Trotz des aufkommenden Wohlstandes war ein ansteigendes Interesse des Publikums für ein modernes zeitgemäßes Repertoire ernster oder heiterer Art zu registrieren. - Publikumsorganisationen, geschlossene Besuchergruppen usw. führten und führen dem Theater neue und weitere Kreise zu, wie noch nie zuvor. Das Theater der Jugend, die Gruppen der Berufsschulen, das Jugendabonnement der Stadt Wien erfassen systematisch die heranwachsende Jugend für den Besuch der Theater Diese Bestrebungen sind nicht hoch genug einzuschätzen und positiv zu werten!

Trotzdem ist eine fortschreitende geistige Krise seit zirka 1958 in der A u f n a h m e b e r ei t s c h a f t des Menschen ein-

Der Ursprung und die Urkraft des Theaters sind heute genauso im Menschen verwurzelt wie eh und je. Sie liegen im Wesen des Menschen selbst. Der Mensch muß spielen, darstellen, sich verwandeln, aus seiner persönlichen Begrenzung heraustreten. Das liegt zutiefst auch in seinem Lebenswillen. — Wir müssen uns bewußt sein, daß unser naturgegebener Spiel-und Darstellungstrieb zwei Grundelemente hat: die Darstellung eines Problems einer Frage, die durch die Darstellung ein Weiter-, ein Nachdenken auslöst, und die Darstellung des Unzulänglichen, des Komischen, welches in uns das Gefühl der Unterhaltung bewirkt.

In unserer Gegenwart mußten wir sehen, welch gefährliche Entwicklung im Theater unserer Zeit die Wertverschiebung — oder Verwechslung — des Begriffes der Unterhaltung mit dem der Zerstreuung gebracht hat. Halten wir fest, daß Unterhaltung ein Urelement des Theaters ist, daß aber Zerstreuung eine Zivilisationserscheinung bedeutet. Der Mensch von heute kommt mit Argumenten wie: „Wir sind zu abgearbeitet, zu müde, um am Abend noch geistig belastet zu werden“ oder „Was sollen diese negativen Probleme? Ändern kann man ohnehin nichts!“ „Wir wollen erheitert und über den Alltag erhoben werden.“ Was heißt das: „erhoben“ werden? Wird der Mensch nicht erhoben, wenn er dazu angeregt wird, seine Probleme klarer zu erkennen und sie dadurch leichter zu überwinden? Oder fühlt er sich erhoben, wenn man ihm eine Traum- und Scheinwelt vorspielt, die nicht existent ist und ihn wohlig ein paar Stunden einlullt? Das löst nicht seine Fragen, bestärkt ihn nur in seiner Lebenslüge, mit deT er versucht, die Flucht vor sich selbst zu verbergen. — Gibt diesem Verlangen das Theater nach, dann kann es nur noch eine Stätte der „Zerstreuung“ sein und wird dadurch nicht nur sinnlos, sondern geradezu gefährlich, weil es den Dämmerzustand des Menschen noch bestärkt und mitverhindert, daß er zu neuen geistigen und ethischen Aspekten findet, die notwendig sind, um den völligen seelischen Zusammenbruch zu verhindern.

Das Argument, daß wir zu überarbeitet und zu müde seien, stimmt nur zum Teil. Bilden wir uns doch nicht ein, daß die Generationen vor uns nicht auch schwer — in vielen Belangen noch viel schwerer — arbeiten mußten. Der Mensch hat zum größten Teil durch die Arbeitsregelung mehr Freizeit denn je, aber er verwendet sie nicht zur Herstellung seiner seelischen Ordnung, sondern er schlägt sie tot.

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Wir spüren von der Bühne aus. bei einem großen Teil der Zuschauer die Abwehr, wenn irgendein. Thema angeschlagen wird, welches ein inneres Mitschwingen des Zuschauers verlangt. Er verschließt sich, er vereint sich nicht mehr, er will keine Identifizierung. Er hat Angst vor dem Angriff, Angst vor dem, was anders ist, was seine Lebenslüge ins “Schwanken bringen könnte. Die revolutionäre, kritische und oppositionelle Kraft, die in ihrer Zeit von Lessing, Schiller, Ibsen und Hauptmann ausging, veränderte den Menschen, weil sie auf fruchtbaren und aufgeschlossenen Boden fiel. Heute würden dieselben genialen Dichter mit entsprechenden Zeitproblemen strikte Ablehnung finden, das heißt, man würde die Theater nicht mehr besuchen und meiden... Wir können in der Repertoirebildung, wenn wir halbwegs verantwortungsbewußt ein Theater leiten und das Publikum dem Theater erhalten wollen, in den meisten Fällen nur noch auf Werke und Werte von gestern zurückgreifen. Diese werden akzeptiert, weil der Zuschauer die Probleme in der nötigen historischen Distanz nicht mehr als direkten Angriff empfindet. Das Schicksal etwa von Philipp, Don Carlos oder von Wallenstein erschüttert, aber belastet ihn nicht. Das tragikomische Schicksal des Herrn Behringer bei Ionesco oder des Herrn Biedermann bei Frisch trifft ihn und tut ihm weh, weil er sein Schicksal darin erkennt, über das er nicht nachdenken will. — Damit aber beweist sich leider, daß das Theater in unmittelbarer Gegenwart keine direkte und unmittelbare Funktion mehr im Leben der Menschen hat.

Es gibt wenig markante Dramatiker der Gegenwart. Auch das ist zeitbedingt. Aber es gibt noch immer genügend Persönlichkeiten. Von den lebenden möchte ich nur auf Dürrenmatt und Frisch hinweisen, auf Sartre, Ionesco und Genet und Brecht. Persönlichkeiten unserer Gegenwart, die in ihren Werken wohl sehr anspruchsvoll sind, die aber dem aufnehmenden und geistig hellhörenden Menschen Wesentliches zu sagen haben. — Wir haben uns am Volkstheater für die Werke dieser Dichter — und noch vieler anderer mehr — stets eingesetzt. Der Widerhall war gering im Verhältnis zur Größe der Stadt. Eine Sisyphusarbeit, die aber.trotzdem nicht aufgegeben werden darf, wenn wir uns der'geistigen und moralischen Aufgabe des Volkstheaters bewußt sind. — Ende März bringen wir im Volkstheater im Zyklus „Spiegel der Zeit“ das neue Werk von Max Frisch, „Andorra“, zur österreichischen Erstaufführung. Ein Schauspiel, welches durch seinen hohen ethischen und menschlichen Wert zu einem Welterfolg wurde und nicht nur in der Schweiz und in Deutschland gespielt wird, sondern auch in London, Paris, Tokio, Warschau, Israel, New York usw. herauskommt. Wird dieses wesentliche Werk unserer Zeit hier in Wien mit seinem großen menschlichen Thema gehört und empfunden werden? — Oder wird auch dieses der „Flucht vor sich selbst“ zum Opfer fallen?

Als ein weiteres Problem des Theaters unserer Zeit empfinde ich von besonderer Wichtigkeit die Erhaltung und Pflege des Ensembles, die Beziehung zum Schauspieler und dessen Entwicklung. — Auch hier steht das Theater vor großen Problemen. Nur mit einem Ensemble kann ein Schauspieltheater seine künstlerischen Aufgaben lösen. Aber ein Ensemble zu erhalten und immer wieder neu zu ergänzen, stößt heute auf Schwierigkeiten wie noch nie. Zwar sucht der Schauspieler die feste Bindung in ein Ensemble, aber kaum gehört er ihm an, versucht er auch schon zeitweilig freizukommen, um die finanziell lockenden Angebote von Film und Fernsehen ergreifen zu können. Die dort gebotenen Gagen verwirren ihn. Er verdient ein Vielfaches seiner Theatergage, und er betrachtet die Verweigerung eines Urlaubes aus betriebstechnischen Gründen meistens als schweren Eingriff in seine persönlichen Rechte. Natürlich ist es für den Schauspieler notwendig, daß er auch im Film und im Fernsehen tätig sein kann. Er braucht dies aus künstlerischen und Popularitätsgründen, aber es erschwert die Ensembleerhaltung enorm und zerstört in manchen Fällen die Arbeitsatmosphäre und Arbeitsmoral. Die Erhaltung und der Aufbau eines Ensembles sind heut* gefährdet. Der Film, das Fernsehen kennen kein Ensemble. Es nimmt seine Darsteller ad hoc, verwendet sie wie ein Requisit und stößt sie wieder ab. — Wo bleibt die systematische Weiterentwicklung, wo bleibt die Pflege des Nachwuchses bei diesem System? — Gäbe es eine Möglichkeit, um mit Film und Fernsehproduzenten einen neuen Weg anzubahnen, dann müßte man versuchen, daß jedes große Ensemble eines Theaters, unter Hinzuziehung von Film- und Fernsehregisseuren und wenn nötig von Gästen, zusätzlich zum eigenen Repertoire noch in jeder Spielzeit einen Film und vielleicht drei bi* vier Fernsehinszenierungen herausbringt. In diesem Fall könnte das Theater seine Dipositionen- entsprechend treffen und dem Epsemble gelenkt die Möglichkeit schaffen, auch auf jenen Gefeie'ten zu arbeiten.'““

Solch ein Vorschlag würde jedoch im Augenblick als undurchführbar und absurd abgelehnt werden. Ich kann mir aber vorstellen, daß einmal dieser Gedanke realisiert wird — realisiert werden muß. Über dieses Thema wäre noch gesondert und ausführlich zu sprechen, und ich würde mich freuen, wenn ich einmal dazu Gelegenheit hätte. — Primär müßte allerdings eine gemeinsame Ausgangsbasis gefunden werden. Das Theater im deutschsprachigen Raum kann und darf nie eine Produktion oder Industrie werden. Der Film aber nennt sich selbst — bezeichnenderweise — „Filmindustrie“, das Fernsehen „Fernsehproduktion“. In diesen festlegenden Bezeichnungen liegen die Wurzeln wesentlicher Irrtümer und geistiger Mißverständnisse. — Schreitet die Auflösung des Ensembles weiter vor und stellt auch das Theater sich auf die „Produktion“ um, darin wird der Schauspieler vereinsamen, zur Type erstarren. Der Schauspieler braucht das Ensemble, er braucht sein Theater als Heimat und er braucht verstehende Wärme.

Ich glaube, wenn wir selbst, das heißt die menschliche Gesellschaft, wieder bereit sind, uns zu einem neuen Lebensethos durchzuringen — und das müssen wir eines Tages aus Selbstr erhaltungstrieb — und wenn wir nicht mehr die Sklaven der Technik, sondern ihre geistig freien Beherrscher sind, dann wird auch das Theater seine Funktion wiederfinden.

getreten. — Je besser es den Menschen geht, desto weniger wollen sie im Theater zu irgendwelchen Problemen Stellung nehmen. Es ist eine Flucht vor jedem Problem, und auch die Unterhaltung im ursprünglichen Sinn des Theaters wird abgelehnt, wenn sie nicht nur Zerstsemmg bietet.

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