6671890-1961_02_14.jpg
Digital In Arbeit

ILLUSION EINER REALITÄT

Noch zu Beginn dieses Jahrhunderts kannte die breite Masse der zivilisierten Völker das Gesicht des Staatsoberhauptes nur von den Münzen oder bestenfalls von den Briefmarken her. Trotz mehr als viereinhalb Jahrhunderten Buchdrucks war es bis dahin nicht möglich und vielleicht auch nicht nötig gewesen, lebensähnliche Porträts billig und in Massenauflage herzustellen. In dem Jahrzehnt zwischen 1895 und 1905 kam es aber zu Entdeckungen und Erfindungen, die diesen Zustand und in weiterer Folge unser Denken und Fühlen veränderten und verändern.

Innerhalb dieses Jahrzehnts ergaben sich — beginnend mit der Erfindung des Kinematographen — die Anfänge von Film, Radio, Television und Offsetdruck, die Anfänge des Motorflugs, der Atomwissenschaft, der Tiefenpsychologie und einer allgemeinen Revolution in unserem Weltbild, die bis heute nicht beendet ist. Man mag darüber streiten, welche dieser Entdeckungen und Erfindungen die sich in Afrika und Asien vollziehende Weltrevolution am meisten beschleunigt und welche unsere Welt stärker verändert und beeinflußt haben. Sie alle haben jedenfalls auch einander beeinflußt. Das moderne Flugwesen etwa wäre ohne Radio unmöglich, die Atombomben wären ohne Flugzeuge nur eine geringe Gefahr. Ebenso explosiv wie die Atombombe sind die modernen Massenmedien und Kommunikationsmittel, von denen Film und Fernsehen den Menschen nicht nur als optisch orientiertes Lebewesen beeinflussen.

Von all den Massenmedien unserer Zeit erscheint mir der Film als das in seiner Wirkung auf Mensch und Gesellschaft bedeutendste. Wenn es gegenüber den Münzen und Briefmarken als den einzigen vor einem halben Jahrhundert in Massenform erscheinenden Bildern heute Starphotos in Millionenauflagen und in allen Formaten bis zur Lebensgröße gibt, so hat zwar die moderne Drucktechnik die Voraussetzungen, der Film aber das Bedürfnis geschaffen. Wie zur Ausrüstung des napoleoni- schen Soldaten der Marschallstab gehörte, so trägt der moderne Soldat das Starphoto, das „Pin-up“, im Tornister. Ohne Film wäre Toni Sailer, den alles in allem beim Sport nur einige zehntausend Menschen in natura sahen, ein lebloses Standbild geblieben. Die Wochenschau zeigte ihn in Bewegung, zeigte seinen unverdorbenen, bubenhaften Charme — und Toni Sailer mußte für den Spielfilm gewonnen werden, selbst wenn der Sport darunter litt. Die Tatsache, daß Toni, Gary Cooper, immer noch Charlie Chaplin, die Lollo, die Monroe, die jeweilige Soraya vom Dienst in allen fünf Kontinenten besser bekannt sind als die jeweiligen Regierungschefs, ist nicht nur ein magisches, ein psychologisches, ein werbewirtschaftliches, sondern vor allem ein soziologisches Phänomen.

In seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen weist Schiller auf den verschiedenen Geschmack der Völker an Unterhaltung hin: „Wenn man die Wettrennen in London, die Stiergefechte in Madrid, die Spectacles in dem ehemaligen Paris, die Gondelrennen in Venedig, die Tierhetze in Wien und das frohe schöne Leben des Korsos in Rom gegeneinanderhält, so kann es nicht schwer sein, den Geschmack dieser ver schiedenen Völker gegeneinander zu nuancieren.“ Der Film, der auf der ganzen Welt gezeigt wird und dessen große Stars im kalten Alaska wie im heißen Äquatorialafrika gleichermaßen bekannt sind, hat den Geschmack der Völker nivelliert. Man hat den Film bisher hauptsächlich vom ästhetischen, gelegent lich vom wirtschaftlichen oder psychologischen Standpunkt her untersucht. Zum Unterschied von den älteren Kunstformen, wie Musik, Literatur, Malerei und Bildhauerei, in all ihren Erscheinungsformen, wie Theater, Tanz usw., ist der Film vor allem auch ein soziologischer Faktor, und daher ist eine vorwiegend ästhetische Beurteilung unzulänglich.

Der Film ist — wie auch Radio, Fernsehen und Presse — eine Einbahnstraße. Der Zuschauer, Zuhörer oder Leser kann nicht fragen, nicht antworten und schon gar nicht widersprechen. Der große amerikanische Soziologe Lewis Mumford hat die Wirkung verdeutlicht: „Der sekundäre, persönliche Kontakt mit Stimme und Bild kann den Umfang der Masse n- reglementierungum so leichter vergrößern, als die Möglichkeit des Individuums, auf den Sprecher wie etwa in einer Versammlung einzuwirken, immer geringer wird.“

Gewiß kann man den Radio- oder Fernsehapparat abschalten, man muß die Zeitung nicht kaufen und man muß nicht ins

Kino gehen. Aber wenn man geht, kauft oder einschaltet, dann kann man sozusagen die Faust nur in der Tasche ballen. Man tut das aber nur dann, wenn die Propaganda für eine Sache oedr eine Tendenz, die wir ablehnen, zu offensichtlich ist. Wenn ein Radiösprecher uns raten wollte: „Trinken Sie ein Glas Branntwein vor einer schwierigen Konferenz oder vor einer schnellen Fahrt, Sie werden dann besser denken oder fahren.’“, so würden wir uns sofort bei der Direktion des Radios beschweren. Wir beschweren uns aber nicht, ja wir beachten es gar nicht, wenn uns fast in jedem amerikanischen und leider auch in vielen anderen Filmen gezeigt wird, wie der Held einen doppelten Whisky zu sich nimmt, ehe er auf den Gegner zielt, sich ans Steuer seines Wagens setzt oder sonst eine schwierige Aufgabe beginnt. Zweifellos hat diese Alkoholpropaganda, die seit Jahrzehnten auf uns einwirkt, Mitschuld an der Vergiftung unseres Volkes und an so manchem Verkehrsunfall unter Alkoholeinfluß.

Nun könnte der Film diese Alkoholpropaganda nicht betreiben, und schon gar nicht so wirksam und widerspruchslos, wenn es keinen Alkoholismus als Bestandteil unserer Zivilisation gäbe. So wird uns an diesem Beispiel bewußt, daß der Film zwei Grundfunktionen hat: er ist Spiegel der Zeit und gleichzeitig Mitgestalter der Zeit.

Der Film kann aber die zweite Funktion nur erfüllen, indem er das Unterhaltungsbedürfnis der Massen befriedigt. Dies ist seine dritte Funktion, die zeitlich die erste war, die der Film ausübte. Er war ja zuerst eine Jahrmarktsattraktion, die „nur unterhalten“ sollte — ein Ausdruck, den die Filmwirtschaft heute noch vorschickt, wenn sie bei einem Film ein schlechtes Gewissen hat, wenn nämlich ein ernstes Thema allzu billig und zynisch behandelt wurde. Der Fehler der meisten sogenannten Unterhaltungsfilme ist nicht, daß sie unterhalten wollen, sondern daß sie zu wenig unterhalten.

Ter Münchner Psychologe Dr. Erich Wasem hat als die vier Hauptziele der modernen Publikationsmittel die Information, die Belehrung, die Unterhaltung und die Kartharsis definiert. Diese Definition mag in gewissem Sinn für Radio und Fernsehen gelten, die bei uns — wenn auch eigenwillige — Instrumente des Staates sind, sie gilt-aber beschränkt für den Film, wenn man von den Kulturfilmen absieht, die hauptsächlich der Information und Belehrung dienen. Der Spielfilm darf nicht belehren wollen, wenn er wirken will. Der deutsche Schriftsteller Bernhard von Brentano sagte dazu in einem anderen Zusammenhang in seinem Wiener Vortrag im November 1960: „Die Leute lassen sich nichts sagen, aber sie lassen sich gern etwas erzählen.“ Der Film erzielt seine stärkste Wirkung, indem er Geschichten erzählt oder unterhält. Goethe sah die Einflußmöglichkeiten des Films voraus, der Geschichten in Bildern erzählt, als er sagte: „Auf so manches in der Welt lernt der Mensch verzichten, was ihm bis zuletzt gefällt, sind Bilder und Geschichten.“

Man geht nicht ins Kino, um erzogen oder belehrt zu werden, sondern um sich zu unterhalten, aber ob man will oder nicht, man wird erzogen und belehrt, das heißt, man wird beeinflußt und man lernt sehr viel, allerdings unsystematisch und verzerrt. Jeder einzelne Kinobesucher erfährt durch den amerikanischen Film alle möglichen und unmöglichen Dinge, etwa über die USA. Man hat zunächst aus dem Film die sogenannte amerikanische Einbauküche kennengelernt oder den seltsamen Gebrauch, daß die Amerikaner im Lift den Hut abnehmen, wenn eine Dame mitfährt, daß sie aber den Hut beim Besuch einer Wohnung oder eines Büros, ja eines Gerichtssaals gern auf behalten. Unsere Jugend hat aus dem Film gelernt, wie die Amerikaner ihre Zigaretten aus dem Päckchen nehmen und anstecken, wie sie sich kleiden und schminken, wie sie gehen und tanzen, was sie essen uni trinken. Wir können allerdings aus den amerikanischen Filmen nicht erfahren, welche Rolle das Fernsehen dort spielt, obwohl es doch in 53 Millionen Haushalten einen Fernsehapparat gibt, der allerdings der Konkurrent und damit der Feind des Kinos ist.

Das sollte uns zu denken geben. Wir glauben, ein komplettes Abbild der USA zu erhalten, und doch fehlt zumindest ein wichtiger Aspekt. Er ist aber nicht der einzige. Wir können nur ausnahmsweise aus einem amerikanischen Film — etwa der „Kaninchenfalle“ — erfahren, daß es dort seit einigen Jahren mehrere Millionen Arbeitslose gibt, und auch aus diesem Film erfahren wir es nur, wenn wir uns über die Angst des Helden vor einer Kündigung Gedanken machen. Wir erfahren aber auch vieles andere nicht, weil es nicht dramatisch ist. Wir erfahren alle üblichen und unüblichen Verbrechen, aber wir lernen nur selten oder gar nicht den Alltag kennen, denn dieser ist nicht von vornherein dramatisch. So erhalten wir vom Film nur ein scheinbar reales, ein sozusagen vergoldetes Abbild. Der Film schafft also die Illusion einer Realität.

Diese Wirklichkeitsillusion ist beim Film viel stärker als beim Theater — und schon dort ist sie für einfache Gemüter sehr stark. Im Theater Schikaneders ereignete es sich, daß das Publikum den bösen Vizedom in einem Stück über die unglückliche Agnes Bernauer halbtot prügelte, weil es diesem Schurken die Schuld am tragischen Schicksal der schönen Baderstochter gab. Wir lachen über solche Naivität, aber wissen wir, wie heute naive, ungebildete Menschen — also etwa Kinder und Wilde — darauf reagieren würden? Dieses Gerechtigkeitsgefühl, das das Publikum Schikaneders antrieb, kann auch für eine vorgeheuchelt gerechte Sache mißbraucht werden, wie es Goebbels mit großem Erfolg versuchte.

In allen solchen Fällen kann der kritisch denkende Zuschauer die beabsichtigte politische Funktion eines solchen Films erkennen. Die Wirkung kann aber noch viel weiter reichen, als seine Schöpfer ursprünglich voraussehen konnten. So heißt es, daß die Araber nach dem Krieg die Kopien des „Jud Süß“ aufkauften und vorführtem. Die Folgen, wenn ein im wesentlichen dramatisches Medium wie der Film sich an das Gefühl primitiver Menschen wendet, sind unberechenbar. Plato sagte, daß die Nachahmung des Lebens den größten Reiz auf „Kinder, Kinderwärtef und die vulgäre Masse“ ausübe. Mutatis mutandis gilt das für den Film und für alle vom Gefühl angetriebenen Menschen. Man hat den Verlust des Ansehens der Weißen in den beiden jüngsten Jahrzehnten auf deren Niederlagen im zweiten Weltkrieg zurückgeführt, die den Farbigen bewiesen, daß die Weißen keine Übermenschen sind. Diese Enthüllung hätte nach dem Sieg der Alliierten über Japan nicht Jene große, weltgeschichtliche Bedeutung erhalten, wenn der Film diese Demaskierung nicht noch betont hätte.- In den üblichen meist amerikanischen Filmen, wie sie auch unsere Kinos bevölkern und die im gelben Japan ebenso gespielt werden wie im schwarzen Afrika, sahen die „Wilden“, daß die weißen Sahibs und Bwanas Mörder, Einbrecher, Erpresser, Kinderschänder, Betrüger, Taschendiebe und Ehebrecher sind, ja daß es diese selbst unter den Stützen der Gesellschaft, unter Richtern, Staatsanwälten, Beamten und Polizisten gibt. Die Folgen dieser Erkenntnis spüren wir jetzt im Kongo, wo sich selbst die Kannibalen für die besseren Menschen halten.

Aber die weltpolitische und weltgeschichtliche Wirkung des Films geht noch viel weiter. Als der indonesische Präsident Sukarno 1956 Hollywood besuchte, dankte er der Filmindustrie für ihre Unterstützung der nationalen Revolutionen in Asien. Auf die überraschte Frage der großen Filmbosse erklärte Su- karno: „Indem sie gewöhnliche Menschen mit Eiskästen und Autos zeigten, haben die amerikanischen Filme dazu beigetragen, in den Asiaten ein Gefühl zu erzeugen, daß man ihnen das menschliche Geburtsrecht geraubt habe. Darum sage ich, daß Sie Revolutionäre sind, und darum salutiere ich vor Ihnen. In einer Zeit der Ungleichheit können Sie und Ihre Erzeugnisse nicht unkontroversiell sein."

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau