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Am Rand einer neuen Epoche Englands

Es wäre wertvoll, einmal zu untersuchen, warum auch der gebildete und aufgeschlossene Festlandbewohner, ganz gleich ob er jetzt in Wien, Prag, Mailand oder Warschau lebt, es bei allem gutem Willen so sdiwer findet, den Lebens- und Schicksalsfragen der britischen Welt gerecht zu werden. Bei der Be-sdiäftigung mit dieser, der tragischen Aspekte nicht entbehrenden Materie würde man wahrscheinlich zur Ansicht kommen, daß das Leben auf den britischen Inseln, äußerlich konservativ und gelassen, sich doch in einem viel rascheren Tempo verändert, als man anzunehmen geneigt ist, und daß daher die meisten Begriffe, mit denen der Kontinental-^europäer dem englischen Problem zu Leibe geht, jeweils hoffnungslos veraltet sind. In wenigen Generationen hat sich der englische Agrarstaat in einen Handels- und Schifffahrtsstaat verwandelt, in kurzer Zeit hat die englische Rasse einen großen Teil der Erde mit Handelsgesellschaften und Niederlassungen überzogen, von heute auf morgen hat sie diese Gesellschaften aufgelöst und die administrativen Veraussetzungen zu einem Weltreich geschaffen, und mit welcher Vehemenz und Häßlichkeit hat sich die industrielle Revolution auf der Muttcrinsel abgespielt! Aber während all diese atemberaubenden Dinge geschahen, glaubte man auf dem Kontinent, daß die Engländer altmodisch, langsam und schwer beweglich sind.

Der tiefere Grund liegt nicht nur in der Drehscheifcenfunktion der Mutterinsel verborgen, auf defc viele Menschen mit vitalen Interessen in allen Erdteilen wie in einer etwas altmodischen Pension leben, sondern auch in der Tatsadie, daß der Rhythmus englischer Gedanken in längeren Intervallen schwingt als der der Festlandbewohner, deren Geschichte viel grausamere Zäsuren aufweist. Mit anderen Worten, die Engländer leben Zur gleichen Zeit mehr in der Vergangenheit und mehr in der Zukunft als ihre Brüder jenseits des Kanals.

Es ist gut, sich mit dieser Tendenz zu Mißverständnissen vertraut zu machen, ehe man den Versuch unternimmt, die von allen Menschen mit einem gesunden Interesse für internationale Probleme so häufig gestellte Frage nach der englischen Krise zu beantworten.

Geht man den Dingen auf den Grund, so findet man, daß die Formulierung euphemistisch ist, hinter den Erkundigungen nach Dollarknappheit, schwindenden Goldreserven, Nahrungs- und Brennstoffkalamitäten verbirgt sich, bald heimlich frohlockend, bald ängstlich und sorgenvoll, die Frage, ob England überleben kann oder nicht. Es ist also nicht der Krankheitszustand, der Interesse erwjckt, sondern die Tatsache, ob der Patient genesen wird oder nicht.

Das scheint einfach und brutal genug. Aber wenn das Überleben eines einzelnen Individuums ein klar umrissener Tatbestand ist, kann der Begriff bei einer Nation sehr verschieden ausgelegt werden. Kann England überleben? Die einen verstehen darunter die Wiedergewinnung eines Lebensstandards, dessen sich der durchschnittliche Engländer niemals erfreut hat, andere meinen mit der Frage, ob es durch irgendein Wunder möglich Sein wird, trotz formellen Verzichts in irgendeiner Form die Herrschaft über Indien aufreJitzuerhalten, wieder andere machen es Zum Kriterium, ob die Abhängigkeit von der nordamerikanischen Union ihren Höhepunkt erreicht hat oder nidit. Will man sich also nicht wieder bemühen, die falsche Frage richtig zu beantworten, oder gar auf die richtige Frage eine falsche Antwort zu geben, muß man sich hüten, das Problem aus zu einseitigen Perspektiven zu betrachten und lieber die Gefahr gröblicher Verallgemeinerung Huf sich nehmen.

In erster Linie erweist es sich als notwendig, die bisherige wirtschaftliche Blüte Großbritanniens zu erklären. Man kann dies in verhältnismäßig einfacher Weise tun oder zu komplizierten Worten Zuflucht nehmen, aber in beiden Fällen ist es nur möglich, die f'.llerwiditigsten Faktoren herauszugreifen. Entschließt man sidi für Einfachheit, so müßte man die grundlegende Feststellung treffen, daß der nationale Reichtum dieses Landes auf drei verschiedenen Komponenten beruhte. Auf der Industrialisierung des Mutterlandes mit seinen Kohlen- und Stahlvorkommen, auf dem Welthandel, der sich zu großem Teil britischer Schiffe bediente, und auf der Erschließung weiter kolonialer Räume, in denen Rohstoffe aller Art mit billigen, farbigen Arbeitskräften erzeugt werden konnten. Und so unwiderstehlich erwies sich diese Kombination, daß es zu einer Anhäufung von Kapital kam und weder im Mutterland noch in den Kolonialländern und Dominions genügend Anlagemöglichkeiten gefunden wurden und beinahe in allen Ländern britische Investitionen erfolgten. Alljährlich floß ein Strom von Zinsen nach England, der, so ungleich sich der Segen auch verteilen mochte, doch den Lebensstandard immer mehr hob.

Wenn man einen Augenblick von den unvermeidlichen Nachkriegserscheinungen absehen will, besteht die englische Krise nur darin, daß die drei Faktoren nicht mehr oder nicht mehr im ausreichenden Maße wirksam sind. Zur gleichen Zeit aber sind die Auslandsinvestitionen verlorengegangen. Die industriellen Einrichtungen England« sind nach amerikanischen Begriffen veraltet, das heißt die englischen Erzeugnisse sind mit mehr Arbeitsstunden belastet, als es theoretisch notwendig wäre. Die Kohlenförderung, einst nicht nur für England selbst, sondern für viele europäische Staaten von größter Bedeutung — man wird sich noch des Meinungsaustausches erinnern, den die italienische Regierung nach Ausbruch des Krieges mit der englischen gepflogen hatte, um auch weiterhin das Anlaufen der englischen Kohlenschiffe in den Häfen des damals noch neutralen Italiens zu ermöglichen —, ist unzureichend, so unzureichend, daß es im vorigen Winter zur Lähmung des industriellen Lebens kam und selbst in diesem Jahr keine Kohle exportiert werden konnte. Die englische Handelsschiffahrt aber hat während des Krieges durch Minen, U-Boote und Flugzeuge schwere Verluste erlitten, und die geringe Anzahl verfügbarer Tanker erzeugt ein Treibstoffproblem, so daß die Regierung Attlee sich unlängst entschließen mußte, jenes Dringlichkeitssystem in der Zuweisung von Benzin einzuführen, das den Österreichern so wohlbekannt ist. Die Ausbeutung überseeischer Räume im alten Stil aber gehört endgültig der Vergangenheit an.

Koloniale Methoden könnten, selbst bei völliger Einigkeit der weißen Großmächte, nicht unbeschränkt fortgesetzt werden, ein Teil der farbigen Völker hat,ein hohes Maß von Bildung, wissenschaftlicher Kenntnisse und administrativer Erfahrungen angesammelt, und es ist fraglich, wie lange die Holländer in jenem reichen Inselgebiet, das Castelreagh am Wiener Kongreß so leichten Herzens zurückerstattete, den Status quo aufrechterhalten können, Aber jedes Kind weiß, daß die Großmächte nicht einig sind, und man braucht nicht viel Phantasie zu besitzen, um sich vorzustellen, was eines Tages geschehen könnte, wenn die schlummernde Kraft mehrerer hundert Millionen Menschen statt in Staats- und reichsbildende Kanäle zu fließen, sich mit einemmal gegen den weißen Menschen — wie leicht könnte ihn eine geschickte Propaganda zur gleichen Zeit zum nationalen und sozialen Unterdrücker stempeln — wenden würde. Am Rande sei vermerkt, daß konservative Opposition und Arbeiterregierung in diesem Punkt mehr über Methoden und Daten als über die einzuschlagende Richtung uneins sind.

Es war einige Monate nach der siegreichen Beendigung des Krieges, daß die breite Masse der englischen Bevölkerung sich in einem Gefühl plötzlichen Unbehagens all dieser Tatsachen bewußt wurde und sich, in traditioneller Wohlerzogenheit, an jene Leute wandte, die sie im Sommer 1945 zu ihren Führern gewählt hatte! Die Minister der Arbeiterregierung taten das, was alle anderen Minister an ihrer Stelle getan hätten: sie bemühten sich, die Lage klarzulegen, gewissermaßen dem Gefühl von Unbehagen einen statistischen Hintergrund zu geben. Sie wiesen eingangs darauf hin, daß die Kapitalsinvestitionen Englands teils im Kampf um die Weltfreiheit sich in Waffen und Kriegs-, material verwandelt hatten, teils in Ländern gelegen waren, deren Wirtsdiaftsform ein Abfließen der Zinsen unmöglich machte. Dem verbleibenden Aktivposten aber mußten sie eine Schuldenlast gegenüberstellen: Indien, Ägypten und Argentinien waren zu wichtigen Gläubigerländern geworden.

Sich mit den Kohlengruben befassend, wiesen sie darauf hin, daß die Förderungsmethoden zum Teil veraltet seien, Nationalisierung der Betriebe, verbunden mit einer kräftigen, der amerikanischen Anleihe entnommenen Kapitalsinjektion war das Heilmittel, das sie empfahlen. Aber in diesem Zusammenhang mußte eingestanden werden, daß auch zu wenig Bergleute in die Gruben fuhren, und hier war es nicht so leicht, eine. Patentlösung vorzuschlagen, ja, es erwiesen sich an diesem Beispiel sehr deutlich die Schwierigkeiten, mit denen eine Regierung zu tun hat, die sehr weitgehend die Gewerkschaftsbewegung repräsentiert. Das Land rief nach Kohle, „Kohle um jeden Preis“ gewissermaßen — und die Bergleute versprachen Kohle. Aber nicht „Kohle um jeden Preis“. Zum Beispiel keine Kohle um den Preis, die demobilisierten Soldaten der Anders-Armee in die Gruben zu lassen.

Um die Schwierigkeit der Verhandlungen mit Bergleuten zu verstehen, muß man wenigstens die Milieuschilderungen eines Cronin gelesen haben und realisieren, daß diese Menschen die bitteren Tage der Arbeitslosigkeit noch immer nicht vergessen konnten. Aber dieses Verständnis erzeugt weder Kohle noch elektrischen Strom. Was die Industrieanlagen der Insel anbelangt, so waren sich die Minister der Krone einig, daß eine Erneuerung und Modernisierung höchst wünschenswert sei, aber die Frage, woher das nötige Kapital kommen sollte — wie jemand treffend bemerkt hat, lassen sich Schulden nicht sozialisieren — war nicht zu beantworten und Werkzeugmaschinen sind selbst in den Vereinigten Staaten ein Engpaß.

Daß die Mittel der amerikanischen Anleihe für ein so ehrgeiziges Projekt niemals ausreichen könnte, stand bereits fest, bevor das Auftauen der Preise in Nordamerika diese kurze Decke noch ein Stückchen kürzer gemacht hatte.

Die Werften des Landes waren ein Lichtblick, sie hatten sich rasch von den Kriegsfolgen erholt, Arbeitskräfte schienen zur Verfügung zu stehen und eines oder das andere jener großen Schiffe, die immer die Phantasie seefahrender Menschen fesseln werden, ist seit dem Krieg, bejubelt und bestaunt von der Clydeside, ins offene Meer gefahren.

Aber gerade die großen Passagierdampfer, deren Bau, trotz der Bedenken der amerikanischen Mitarbeiter am Marshall-Plan, wahrscheinlich fortgesetzt wird, da diese Schiffe eine DollarquelJe sind, brauchen viel

Zeit zu ihrer Vollendung und keine überraschenden oder plötzlichen Veränderungen, wohl aber ein stetiger Fortschritt ist in diesem Sektor möglich

Was aber das Einkommen aus Gebieten, die von anderen Rassen bewohnt sind, anbelangt, so wurde dieser Punkt mit Stillschweigen übergangen: es gehört nicht mehr zum guten Ton, kommerzielle Bedenken vorzubringen, wenn es sich um die Freiheitsrechte von Millionen britischer Untertanen- handelt. Vielleicht war die Veröffentlichung des Datums, da die englische Regierung, komme, was wolle, Indien verlassen werde, die Antwort. Die beiden Dominions Indien und Pakistan formten sich unter sporadisdien Unruhen, Burma, pikanterweise von einem Ministerpräsidenten vertreten, der während des Krieges den Japanern seine % Loyalität erklärt hatte, schied in aller Form aus dem Verband des Weltreichs, während Ceylon dazu bestimmt ist, das jüngste Dominion der englischen Krone zu werden.

Die Darlegung der Schwierigkeiten, mit denen die englische Nationalökonomie zu kämpfen hatte, wurde von der Regierimg dazu benützt, vor gewissen Einschränkungen zu warnen und zur Vermeidung der Inflation die indirekte Steuerschraube anzuziehen.

Aber die Masse der Bevölkerung empfand, daß man ihr Fragen und Drängen mißverstanden hatte. Ihr Sinn stand im Grunde nidit nach Ziffern und Zahlen, auch mit einer Liste der zu erwartenden Einschränkungen, von der Wirklichkeit allzurasch überholt, war ihr nicht gedient.

Eine englische Zeitschrift brachte eine Zeichnung, in der Attlee, nachdenklich und mit jenem schüchternen Ausdruck, der ihm manchmal eigen ist, eine große Fanfare in den Händen haltend, auf einem Globus steht. Darunter war zu lesen: „Blas, Clement, blas!“ Man hätte die Situation kaum besser erfassen können. Es war die Fanfare der Hoffnung, die man hören wollte, jener Hoffnung, die selbst in Churchills Worten von Blut, Schweiß und Tränen noch durchgeklungen hatte. Es ist, als wollte man sagen: Wir wollen alle Einschränkungen, Lasten und Mühsale nochmals, loyal und diszipliniert, auf uns nehmen, wenn wir eine klare Vorstellung des Morgens haben, dem wir entgegengehen, wenn man uns von dem Gefühl befreit, daß wir die Einschränkungen des gegenwärtigen Jahres nur auf uns nehmen, um mit den größeren Einschränkungen des nächsten und den noch peinlicheren des übernächsten besser fertig zu werden. Dies ist die psychologische. Seite der „englischen K r i s e“.

Aber das Verlangen nach solchem Trost kann von keinem Minister der Krone erfüllt werden. De,nn eine Epoche der englischen Geschichte ist abgeschlossen. Das bisher größte Abenteuer der weißen Rasse ist zu einem Ende gekommen. Eine neue Epoche bricht an, die man keinesfalls von vornherein in eine Reihe von Fünfoder Zehnjahresplänen zergliedern kann. Ein großer Schriftsteller von der Phantasie eines Wells und der eindrucksvollen Sprache Churchills könnte der Aufgabe vielleicht eher gerecht werden

Er würde sich nicht lange bei dem Verlorenen aufhalten, sondern sich darauf beschränken, zu bemerken, daß beim Ausklang einer Epoche beinahe immer ihre Früchte vertan sind und das englische Volk ohnedies in der glücklichen Lage sei, sein Hauptwerk, das Commenwealth of Nations, erhalten zu sehen. Nein, die Reichtümer Indiens würden ihm ebensowenig bedeuten wie die argentinischen Eisenbahnen, und e r würde sein Augenmerk auf die Lebenskraft und Tugenden des Volkes richten.

Vielleicht würde er voraussehen, wie sich unter der Einwirkung jener Erfindungen, an denen englische Wissenschaftler einen so großen Anteil haben, sich das Alltagsleben und seine Probleme so drastisch verändern, daß die heutigen Voraussetzungen bald keine Geltung mehr haben, oder darauf hinweisen, wie leicht es sein wird, den Überdruck der Bevölkerung auf der Mutterinsel in weite

Räume, die schon jetzt von weißen, englisch sprechenden Menschen bewohnt werden, abzuleiten, zum gegenseitigen Vorteil, vielleicht würde er davon sprechen, wie wertvoll der Schatz von Erfahrungen, den diese Nation bei der Verwaltung ihrer Reiche angesammelt, jener internationalen Organisation sein würde, die einmal die veralteten Souveränitätsbegriffe der Nationalstaaten auflösen muß.

Und vielleicht würde er von ganz anderen Dingen sprechen, und vielleicht würde man ihm gar nicht glauben, aber doch beginnen, ein wenig Zweifel zu hegen, ob jene düsteren Propheten vom Schlage Ribbentrops, die damals zu sehr in Kanonen dachten und heute zu sehr in Dollars denken, wirklich so klug und voraussichtig sind, wie sie sich dünken.

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