6583548-1951_32_01.jpg
Digital In Arbeit

Asien den Asiaten?

Jahr für Jahr, Tag für Tag rückt Asien stärker in das Gesichtsfeld unseres innereuropäischen Lebens. China und sein fünfzigjähriger Bürgerkrieg, Korea, in dessen Stromkreis bereits alle Mächte und Länder der Erde irgendwie einbezogen sind, Indo-china, Indonesien, die Philippinen. Die beiden Indien an der Schwelle schwerwiegender Entscheidungen. Persien und sein ölkonfiikt. Über den Nahen Orient, Arabien und das Jordanland rollen die Brandwellen ans Mittelmeer, auch geographisch also an die Tore Europas.

Die „Furche“ hat sich seit ihrem Bestand immer offengehalten für die großen Anliegen der Völker Asiens, die um eine neue Selbstfindung ringen, und sich nie gescheut, die Schuld Europas und des von ihm influenzierten Kultur- und Machtkreises an Asiens Völkern darzustellen — mag es sich um Fragen kolonialer Herrschaft, Probleme der Mission oder erzwungener Geburtenbeschränkung handeln. Im Sinne einer Gesamtschau wie einer echten europäischen Integration liegt es aber, auch einmal die innerasiatische Seite, die Mitverantwortung asiatischer Machtgruppen, Regierungen und Gesellschaften darzustellen — deshalb geben wir der folgenden Betrachtung Platz, die „die andere Seite“ in einer Weise betrachtet, die uns Europäer nachdenklich stimmen muß. „Die Furche“

Bei den Vereinigten Nationen ist jetzt die Monroe-Doktrin für Asien populär. „Die neuen asiatischen Staaten werden selbst ihre Länder in Ordnung bringen!“ Schluß mit der Einmischung der „imperialistischen“ Kolonialmächte Europas und Amerikas! Die Vertreter des Nahen und Fernen Ostens haben sich zu einem Komitee zusammengeschlossen, das nach ähnlichem Einfluß begehrt wie die Vereinigung der lateinamerikanischen Länder. Zahlreiche wohlgesinnte, idealistische Amerikaner mit Einschluß von Professoren und Vortragenden stoßen in dieses Horn, um so lauter, je gründlicher sie die Länder Asiens aus Büchern studiert haben. Niemand denkt mehr daran, daß der Schlachtruf „Asien den Asiaten“ aus Japan kam, als es seine Eroberungslust den asiatischen Völkern schmackhaft machen wollte, so wie das zaristische Rußland den Panslawismus und Sowjetrußland den Kommunismus als Werbe-ruf benützt. Was ist von dieser Strömung für den Fortschritt Asiens, für die Entwicklung der Welt zu erwarten?

Der Beilrag Asiens zum Fortschritt der Welt in den letzten fünfhundert und in den letzten fünf Jahren ist einigermaßen dürftig. Blickt man auf die Spannung zwischen europäischer und asiatischer Kultur zurück, wie sie sich aus den Belichten Marco Polos und den weniger bekannten Fernao Mendes Pintos ergibt, so kann man nicht übersehen, daß sie rechtlich und wirtschaftlich gewaltig gewachsen ist. In keinem Gebiet der Welt sind so viele Menschen von so wenigen ihrer Menschenrechte beraubt und in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung gehemmt worden. Nirgends sind so große Massen in Armut und Unbildung gehalten worden, nirgends sind Völker vom früheren Wohlstand so tief herabgeglitten. Keineswegs durch die Kolonisierung, wi die Wortführer Asiens so gerne behaupten, sondern viel stärker vor und ohne Kolonisierung! Auf dem Gebiete geistiger Wissenschaften und auch der Kunst wurde Hervorragendes geleistet, aber es drang nicht ins Volk, denn das Volk war zu arm. Was wurde aber auf dem Gebiet von Industrie, Ackerbau und Handel, in der Kunst der Hebung der wirtschaftlichen Lage des Volkes geleistet, das mit dem Aufstieg des Westens

auch nur in einem Atem genannt werden könnte? Nur Japan ahmte wohl die Industrialisierung Europas, aber nicht eine gerechtere Güterverteilung nach. Es blieb ein Land des 17. mit einer Produktion des 18. Jahrhunderts.

Was ist nun die tiefere Ursache der Stagnation der asiatischen Völker im Vergleich mit jenen Europas und Amerikas? Verschiedene Welthaltungen: Ein Lebensziel des Orientalen ist, Kinder zu erzeugen — des Okzidentalen, Güter zu erzeugen. Das klingt hart gegen den Westen, ist aber nicht so hart, wie es klingt. Der Orientale fühlt sich mehr als Glied zwischen den Generationen, der Okzidentale zwischen den Zeitgenossen. Jener lebt in der Verehrung der Vorfahren und in der Beherrschung der Nachkommen, meist mit dem Blick rückwärts, dieser mit dem Blick vorwärts. Jenem ist kinderlos sein, diesem arm

#

sein Verfehlung des Lebenszieles. Im Osten ist die Anzahl der Kinder, im Westen die Anzahl der Güter Maßstab der gesellschaftlichen Achtung.

Daraus ergeben sich Folgen, die den Osten hemmen. Der Drang nach Gütern scheint des öfteren ein Volk stärker vorwärts zu treiben als der nach Kindern. Ein günstigeres Verhältnis zwischen Bevölkerung und Gütern, das bei wirtschaftlichem Aufstieg, auch ohne künstliche Geburtenbeschränkung erzielt wird, erleichtert jedenfalls die Hebung des Lebensniveau der unteren Schichten, begünstigt die Bildung eines Mittel-' Standes, Vorbedingung für den politischen Aufstieg eines Volkes, und kann einen Sieg der Qualität über die Quantität in der Struktur eines Volke bedeuten, Der Drang nach Gütern ist also nicht so sehr zu verachten, wie „Idealisten“ vorgeben: er schafft Boden für die Kultur der größeren Zahl.

Hier liegt eine, vielleicht die stärkste Wurzel der Überlegenheit des Westens über den Osten, die sich erst in Abwehr, dann in Eroberung auswirkte. Es ist jetzt üblich, über den Kolonialismus den Stab zu brechen. Er schuf wahrhaftig keinen idealen Zustand. Vergleicht man ihn aber mit dem vorder europäischen Herrschaft oder mit jenem, wie er sich ohne europäische Herrschaft entwickelte, so muß man

zugeben, daß er den armen, kleinen Mann besser schützte als die heimische Herrschaft. Wie rechtlos war der Chinese oder Tibetan'er gegenüber Grausamkeit und Ausbeutung, wie oft mußte die englische Verwaltung in Indien eingreifen, um Exzesse heimischer Herrscher gegen die Menschenrechte ihrer Untertanen zu verhindern! Um wieviel sicherer war der Ärmste in Burma als jenseits der Grenze in China, in Kaschmir als in Tibet oder Afghanistan, ja selbst, allerdings mit viel kleinerem Unterschied, im zaristischen Rußland als im feudal-mittelalterlichen Persien.

Es soll keineswegs behauptet werden, daß die Kolonialverwaltungen nicht hätten besser sein können, aber es kann behauptet werden, daß sie für Rechtssicherheit und materiellen Aufstieg besser waren als die einheimischen Verwaltungen gewesen wären und in absehbarer Zeit noch sein werden. Die „Ausbeutung“ wurde durch Investitionen —

zugegeben, rentable Investitionen — reichlich aufgewogen. Rentable Investitionen sind aber fruchtbarer als unrentable. Die Welt wird darüber nur durch Wort und Schrift“ der relativ kleinen, aber lauten „nationalen“ Schicht getäuscht, die die Macht anstrebte und erreichte. „Freiheit eines Volkes“ ist aber nicht mit dem Rechte, vom Volksgenossen geknechtet zu werden, zu verwechseln. Darum ist es nicht Befreiung, wenn an Stelle einer einsichtigeren fremden eine tyrannischere einheimische Verwaltung tritt — oder doch nur Befreiung der neuen Herrscher von lästigen Hemmungen.

Dies sind die Maßstäbe für den Fortschritt eines Landes: erstens, ist der einfache Mann, der Mensch ohne Geld und Beziehungen, in seiner Freiheit, seinem Besitz und Erwerb besser geschützt? Zweitens, ist dies Land ein nützlicheres Glied der Völkergemeinschaft geworden? Legn wir diese Maßstäbe, frei von

Schlag worlen, an die Entwicklung der asiatischen Länder von den Philippinen bis Indien, vom Nahen Orient bis nach China in den letzten JaKren an. Man kann schwerlich behaupten, daß sie auf einem anderen Gebiet als dem des Nationalismus mit allen seinen reaktionären Erscheinungen sehenswerte Fortschritte gemacht hätten! .

Die Vereinigten Staaten haben die Philippinen mit groteskem Idealismus — soweit ihre Anlagen in Betracht kamen, mit geradezu selbstmörderischem Leichtsinn — freigegeben, und sofort ist das wirtschaftliche, politische, hygienische Niveau, milde ausgedrückt, wesentlich gesunken. Indien hat den Traum jener fünf Prozent seiner Bevölkerung, die schreiben und lesen können, erfüllt gesehen und mit der Zweiteilung des Landes, mit der Ermordung und Vertreibung von viel mehr als fünf Prozent seines Volkes, mit ständiger Kriegsgefahr und Kriegslast und doch Wehrlosigkeit gegenüber der größten Gefahr bezahlen müssen. Ähnliches gilt für Burma. Holländisch-Indien, das bestverwaltete Kolonialreich moderner Zeit, ist in ein von Kämpfen zerrissenes Indonesien verwandelt worden, in dem es mit der wirtschaftlichen Sicherheit für arm und reich auf lange vorbei ist. Man vergleiche etwa noch die Entwicklung in Belgisch-Kongo, um von dem Fetischismus der „nationalen“ Befreiungsideologie geheilt zu werden. Wie steht es schließlich um den Nahen Orient einschließlich Irans und Ägyptens, aber ohne Israel, das ein Sonderproblem ist? Was hat dieses Gebiet, das so groß ist wie zwei Drittel von Europa und einst eines der reichsten der Erde war, jetzt aber nur 55 Millionen ein kümmerliches Dasein in feudaler Unfreiheit bietet, seit dem Verdorren der Blüte des Muham-medanismus zur Entwicklung der Menschheit wirtschaftlich und politisch beigetragen?

Uber China ist nichts Neues zu sagen. Aber man beachte: wie hat sich ein Volk, das selbst an Schicksalswenden keiner geschlossenen politisch-militärischen Leistung fähig war, auf diesem Gebiet in wenigen Jahren fremden Drills und fremder Schulung gewandelt! Ein asiatisches Volk muß noch lange nicht zur Selbstverwaltung fähig sein, wie es unter Tschiangkaischek gezeigt hat, und kann doch starkes Material in fremder Formung sein.

Asien reicht heute weiter nach Westen als zur Zeit der Mongolen- und Türkenherrschaft. Es reicht weiter nach Norden als vor 50 Jahren, da Nordsibirien noch unerschlossen war. Es reicht weiter nach Süden, seit Indien und Indonesien fremdem Einfluß entrückt sind. Aber: geht es seinen Völkern besser? Hat der einfache Mann mehr zu essen, ist er sicherer gegenüber seinen neuen Herren? Ist er glücklich in der Wahl seiner heimischen Führer?

Ohne die Fehler Tschiangkaischeks hätte es nie zur chinesischen Katastrophe kommen können, ohne jene Rhee's wäre die Lage in Korea eine andere, ohne die der neuen Herren der Philippinen und Indonesiens wäre die Situation in ihren Ländern nicht so trostlos. Gandhi hat dem drohenden Einfall der Japaner nur Worte entgegengehalten, während die Engländer, Amerikaner und Australier es mit ihrem Blute und dem Blute der Inder, die ihrer Führung folgten, retteten. Der überschätzte Nehru handelt in Kaschmir so weise wie Katharina II. in Polen, in Heidarabad so ehrlich wie Hitler in der Tschechoslowakei und gegenüber Sowjetchina so voraussichtig wie Benesdi gegen Sowjetrußland. Alle diese „befreiten“ Länder erfüllen die Welt mit dem Geschrei ihrer- Unfähigkeit, sich selbst zu helfen. Kaum haben sie das alte ausländische Kapital entwertet, enteignet, entrechtet, stimmen sie Lorelei-gcsänge an, um neues hereinzulocken, wetzen aber schon hörbar das Messer, um es dann abzuschlachten, zu „nationalisieren“, wie sie das höflich nennen. Indien steht, viel weniger durch Naturereignisse als durch einen frivolen Wirtschaftskrieg mit Pakistan, vor einer Hungersnot and bettelt mit beinahe erpresserischer Geste bei seinem großen Wohltäter um Mehl... Die Olfürsten Westasiens häufen Sdiätze aus den Sub-sidien an, die sie den fremden “Ir/esell-

schalten abverlangen, weil dodi das öl „ihren“ Ländern gehöre — wieviel aber von diesen Subsidien dringt ins Volk, macht es reicher, gesünder, gebildeter?

Die Befreiung Asiens ist von einer Reihe wirtschaftlicher und politischer Krankheiten begleitet. Wir werden erst sehen, ob sie Kinderkrankheiten sind. Jedenfalls sind sie gefährlich. Man muß erst ihre Heilung abwarten, ehe man

den Kranken wie einen Gesunden behandelt. Täuschen wir uns nicht. Diese Völker mögen alt sein, aber ihre politischen und wirtschaftlichen Systeme sind nicht reif für die starken Anforderungen unserer Zeit. Sie sind mündig erklärt worden, ehe sie die Reife erlangt hatten, ihre Angelegenheiten in so schwieriger Zeit selbständig zu verwalten. Die E v o 1*0-t i o n hätte noch einige Jahrzehnte gebraucht, um die fruchtbaren Kräfte von

Ost und West zu verschmelzen — so wie es Coudenhove in seinem großen Buch „Held und Heiliger“ kündete. Sie ist durch eine Revolution unterbrochen worden, so wie man Knospen vorzeitig aufbrechen und zur Scheinblüte zwingen kann. Das rächt sich, nicht nur im Wachstum von Pflanzen. Es steht zu befürchten: Die Völker Asiens werden teuer zu bezahlen haben, was man ihren Regierungen vorzeitig gewährt hat.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau