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RANDBEMERKUNGEN ZUR WOCHE

DIE REPUBLIK UND DER KAISER. Nun ist also der 18. August — für jene, die es nicht oder nicht mehr wissen: der Geburtstag Kaiser Franz Josephs I. — vorübergegangen, und die Republik besteht immer noch. Es steht auch das Denkmal des alten Kaisers im Wiener Bulgarien. Und an Kränzen und kleinen Blumengaben hat es keinen Mangel. Auf einem Kranz wurde sogar „die Koalition” als Spenderin bezeichnet. Das war bestimmt übertrieben, trifft aber den Kern der Sache. Wenn man uns fragt, wie wir uns die längst fällige Aufstellung eines Denkmals für Kaiser Franz Joseph I. beinahe ein halbes Jahrhundert nach sqinem Tode verstellen könnten, so antworten wir frei. Die Aktivität von privaten Komitees ist zwar löblich. Sie füllt aber nur eine Lücke aus. Nach unserer Ansicht wäre es nämlich nur der Republik Oesterreich zur Ehre gereicht, wenn sie die Aufstellung eines solchen Denkmals selbst in die Hand genommen hätte. Eine Kaiserfeier in Rof-Weiß-Rot — warum nicht? Das wäre der historisch richtige Rahmen gewesen. Und der Bundespräsident hätte die Enthüllung vornehmen können. Man sage nicht, diese Meinung sei naiv und trage nicht den realen Gegebenheiten der österreichischen Innenpolitik Rechnung. Letzteres wissen wir selbst. Wir wissen aber auch, wie ein Volk, das historisch zu denken versteht und aus seiner Geschichte heraus Kraft für die Aufgaben der Gegenwart und Zukunft zu schöpfen versteht — was nichts mit sentimentaler Rückwärtsschau zu tun hat —, handeln würde. In Oesterreich aber hält man es nur alizugerne anders.

REVISION DES ASYLRECHTESI Tag für Tag kommen in diesem Sommer Flüchtlinge über die jugoslawische Grenze nach Oesterreich. Weit mehr als in den vergangenen Monaten und Jahren. Die Motive für die Fluchf sind nicht immer heroische. Das merkt auch die Bevölkerung des neuen Gastlandes, und dementsprechend ist ihre Einstellung. Gelegentliche schlechte Erfahrungen mit einzelnen verstärken die Welle der Animosität, unter der in der Regel dann sowieso nur die Unschuldigen leiden müssen. Daß man zur Vermeidung weiterer Komplikationen der heiklen Minderheitensituation an unserer Südgrenze bestrebt ist, die Jugoslawienflüchtlinge möglichst schnell aus der Grenzzone weg ins Landesinnere oder mit Hilfe internationaler Organisationen gleich in das Ausland zu bringen, ist nur zu verständlich. Mehr noch: es Ist wünschenswert. In den letzten Tagen konnte man aber auch Stimmen vernehmen, die einer Revision der Asylbestimmungen das Wort redeten. Eine Revision der Asylbestimmungen? Hier möchte man um konkretere Auskunft ersuchen. Eine Reform des Asylrechtes dürfte nämlich auf keinen Fall zu einer durch allerlei Willkür’ geschmälerten Asylfreiheit hinter den rotweißrofen Grenz,schranken führen. Die Freiheit des Asyls für Menschen aller Art mit Einschränkung der wegen krimineller Taten Verfolgten — Wobei „kriminell in unserem Jahrhundert ein Wort geworden ist, das mitunter auch nur dazu dienen soll, einen politischen Gegner zu erledigen — ist eine heilige Sache. Sie ist, besonders für neutrale Staaten, eine hohe Verpflichtung. Das wissen alle Menschen, die von Ost und auch in Einzelfällen von West — denken wir nur an den Fall jenes amerikanischen Soldaten, dem Oesterreich Asyl gewährte — unseren Grenzen zustreben. Gegen Unterminierungsversuche falscher „Flüchtlinge hilft, denken wir nur an das Beispiel der Schweiz, eine gute Fremdenpolizei. Von einer Modifizierung des freien Asylrechfes aber lasse man die Hände.

PROBLEMATISCHE BERICHTERSTATTUNG. Es ist ein paradoxes Phänomen: die Bedeutung der großen Nachrichtenagenturen der Welt wächst in dem Maße, wie unsere Welt räumlich „kleiner wird, obwohl man angesichts des hohen technischen Niveaus der heutigen Nachrichtenübermittlung und des Verkehrs annehmen würde, daß die Zeitungen sich immer weniger auf die Agenturen angewiesen fühlen und ihr eigenes Korrespondentennetz ausbauen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Zeitungen, auch die kapitalkräftigeren, sind mit der Agenturbedienung zufrieden und sparen am unrechten Platz, um auf sonstigem Gebiet (Bildmaterial) ihren „Dienst am Kunden” zu vervollkommnen. Das Ergebnis ist eine zunehmende „Integration und einseitige Ausrichtung der Weltnachrichten, die den Leser in Form von Zeifungsmeldungen erreichen, für deren Richtigkeit aber der oft sehr weit „vom Schuf}” in seiner Redaktion sitzende Redakteur unmöglich die Verantwortung fragen dürfte. Zwei Vorkommnisse zeigten in den letzten Tagen, wie grot} die Fehlerquellen einer solchen Handhabung der politischen Information sind und mit welch grotesken Konsequenzen die Zeitungen rechnen müssen, wenn sie sich blindlings auf die Agenfurmeldungen verlassen. Am 11. August meldeten zahlreiche Zeitungen in ihren ersten Schlagzeilen den „Rückschlag der Truppen des Sultans von Maskat und der Briten durch die Aufrührer von Oman” und ergingen sich in teils sorgenvollen, teils schadenfrohen Kommentaren über diese „Niederlage Englands”. Einen Tag spc’ter meldeten dieselben Zeitungen, ohne auf die Hiobsbotschaft vom Vortage auch nur mit einem Wort zurückzukommen, das Ende des Krieges in Oman und den Sieg der englischen Interessen am Persischen Golf. Folgenschwerer könnten jene Sensationsmeldungen sein, die durch die großen Agenturen aus Polen gemeldet wurden. Es gab österreichische Zeitungen, die daraufhin in der vergangenen Woche „Meldungen vom Kriegsschauplatz” vom Stapel liefjen und zumindest von Bajonettkämpfen in Lodz zu berichten wußten. Es handelte sich dort um einen Streik der Straßenbahner und Omnibuschauffeure. Die polnischen Behörden wiesen seither den Reporter einer amerikanischen Nachrichtenagentur aus, und Parteisekretär Gomulka beklagte sich bitter über die Agenturen wegen ihrer „tendenziösen Berichterstattung”. Ob mit Recht oder nicht, läßt sich heute freilich nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Daß aber alles, was heute in Polen geschieht oder von dort gemeldet wird, „heißes Eisen” ist und mit Vorsicht, Verantwortungsbewußtsein und Sachkenntnis behandelt werden müßte, steht fest. Junge Reporter, meist ohne Kenntnis der Landessprache und der wahren Verhältnisse, sind oft für solche Aufgaben ungeeignet. Die Zeitungen sollten da mehr Mut und Initiative zeigen und auch — kritischer seinl

KOLONIALISMUS AUS ZWEITER HANDI Wer glaubt, daß mit der Liquidation der weißen Herrschaft in den ehemaligen Kolonien das Leben der Menschen in den befreiten Ländern sich unter Bedingungen abspielt, unter denen Sklaverei und Ausbeutung Ausnahmeerscheinungen sind, muß erfahren, daß die tatsächlichen Verhältnisse vielfach nicht den großen Erwartungen entsprechen. Was sich zeigt, ist zweierlei: Einmal treten alle jene gesellschaftlichen Strukturen und Mächte, welche das Lepen vor der Kolonisierung durch den weißen Herrn bestimmt haben, wieder an die Oberfläche. Vor allem IST es der Stamm, der im lokalen Bereich sich wieder Macht aneignen konnte, die ihm bisher unter der weißen Herrschaft weitgehend vorenthalten wurde. Mit dem Abzug der weißen Beamten, hinter denen die militärische Macht der Weißen gestanden hatte, Ist im Bereich der Stämme zumindest auf dem Dorf, so etwas wie ein Auforitäfsmanko entstanden, das nun von Stammesführern ausgefüllt wird, deren Macht vielfach noch von uralten Auffassungen von hierarchischer Gliederung der dörflichen Klein- gesellschaff bestimmt ist. Das zweite ist nun die Tatsache, daß die neuen Herren in den zentralen Führungsstellen der jeweils befreiten Länder in Ihrem Denken und Handeln von den politischen Verfahrensweisen der Kolonialherren bestimmt sind, daß sie z. B. parlamentarische Formen pinf.ühr n, als ob Jhrts Untąrjgnflji „die Lebensweise r unci den gleichen. Erfahrungsschatz wie die alten demokratischen Völker etwa Europas hätten. Dazu kommt noch eine Art Nachholkonsum bei den Regierenden und den neuen Bürokraten farbiger Rasse, wie er übrigens nach „Umbrüchen” auch unfer den Weißen merkbar ist. So hört man aus dem neuen Negerstaaf Ghana, daß der neue Premierminister Dr, Kwame Nkrumah sich die seinerzeit von den Dänen errichtete Festung Christiansborg mit einem Kostenaufwand von etwa 35 Millionen Schilling herrichten und zu einem repräsentativen Amtssitz ausgesfalfen lassen will. Darob große Aufregung im Land. Mit dem Instinkt der an Herrschaft Gewöhnten haben die Gegner des Ministerpräsidenten sofort behauptet, daß der neue Herr des Landes beabsichtige, über repräsentative Bauten so etwas wie die Errichtung einer neuen Diktatur anzu- deufen. Da Dr. Nkrumah gleichzeitig die Beamtenposten mit seinen Parteifreunden (in einem Proporz 100:0) besetzt und Staatsmittel der Kassa seiner Partei zuführen soll, scheint alles auf eine Ablöse des einen Herrn durch einen anderen hinzudeufen. Da es aber nicht den Afrikaner gibt, nicht den Neger (es sei denn im Herrschaftsgebiet der Weißen), kann man auch nicht auf Verständnis rechnen, wenn die Führer eines Stammes allein ein Land regieren, in dem viele Stämme leben. So wird im Uebergang das Problem des Kolonialismus aus einer Sache weißer Vorherrschaft zu einer inneren Angelegenheit der bisher in kolonialer Abhängigkeit Gehaltenen, ein Umstand, der sicher geeignet ist, die Erinnerung an die Despotie der Weißen allmählich zu überdecken und vielleicht auch die Pionierleistungen der weißen Rasse für die farbige Welt, deren Resultate die neuen ein- geborenen Herrscher nun genießen dürfen, wieder oder endlich erkennbar zu machen. Wenn die neue Freiheit der Farbigen nicht mit Unfreiheit der mindermächtigen Stämme erkauft werden soll, Ist es notwendig, daß die Befreiten selbst zu einem Konzept kommen, das die nachkolonisatorische Epoche des Nationalismus und Chauvinismus überwindet. Ein solches Konzept hat David Stirling in seiner „Capricorn Africa Society’ entwickelt. Die neue afrikanische Bewegung will aus den Erfahrungen der neuen Freiheit heraus alle gesellschaftlichen Strukfurverzerrungen vermeiden und eine Entwicklung entbinden helfen, in der Politik, Wirtschaft und Kultur auch zeitlich aufeinander ab- gestimmf sind und die Diskriminierung der „Minderrassigen’ ebenso wie der gewaltigen Leistungen der weißen Rasse für die Farbigen vermieden wird.

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