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RANDBEMERKUNGEN zur woche

AUS ROM ZURÜCK! In zwei Sonderzügen sind die österreichischen Katholiken von ihrer Wallfahrt nach Rom heimgekehrt. Der Anlaß ist weit bekannt: Dank an Gott, an den Heiligen Vater, an die Mutter Kirche für die Freiheit, die unserem Lande geschenkt wurde und für die so viele Katholiken auf der ganzen Erde mit uns gebetet haben. Papst Pius XII. nahm seinerseits diese Wallfahrt zum Anlafj, um mit deren kirchlichem Führer, Bischol-Koadjulor Doktor Franz König, die offene Schwierigkeit zu besprechen, die für den Vatikan durch die Nichtanerkennung des Konkordats von 1934 durch die österreichische Regierung und die noch offenen, damit zusammenhängenden Fragen gegeben ist. Der Heilige Vater vertraue aber auf die österreichischen Katholiken und hoffe auf die grundsätzliche Anerkennung des Konkordats. — Seit zehn Jahren bemühen sich katholische Staatsmänner und Politiker in Oesterreich in langwierigen Verhandlungen, mit den Sozialisten zu einer Bereinigung der staats- und kirchenrechflichen Beziehungen mit dem Vatikan zu kommen. In diesem Ringen bahnen sich Fortschritte an. Das gilt vor allem für zwei Fragen, die seit Jahrzehnten zu den heifjesten Eisen der innerpolitischen Auseinandersetzungen in Oesterreich gehören, für die Schulfrage und die Ehegesefzgebung. Es darf der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß das kommende Jahr eine Gesamtlösung bringen möge, die allen Partnern gerecht wird: dem Vatikan, den Forderungen der österreichischen Katholiken, der weiteren Befriedung des ganzen öslerreichischen Volkes. Gut Ding braucht Weile: ein Staatsvertrag zwischen der Römischen Kirche und der österreichischen Regierung muh, nach so langen Jahrzehnten des kalten Krieges in unserem Volke bezüglich aller kirchlichen Belange, auch von jenen Teilen unseres Volkes mitverantwortet werden, die sich heute noch dagegen stemmen: auf Grund von Aengsten und Bedenken, die wirklich der Vergangenheit angehören sollten.

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DIE ERSTE UND DIE LETZTE FRONT. „Die erste und letzte Verteidigungslinie geht mitten durch die Herzen der Menschen“ — mit diesem treffenden Satz hob General Swedlund, der Obersfkommandierende der schwedischen Armee, in seinem in der vergangenen Woche in Wien gehaltenen Vortrag über Verteidigungsprobleme kleiner Nationen eine Wahrheit hervor, die hierzulande, trotz ihrer großen Aktualität gerade für Oeslerreich, bisher eine allzu geringe Beachtung gefunden hat. Der unerschütterliche, zu jedem Opfer bereite Wille, Widerstand zu leisten, wenn der Schutz des Vaterlandes gegen einen bewaffneten Angriff es erfordert, muh Gemeingut aller Oesterreicher werden; nicht als eine Angelegenheit, die bloh den Berufssoldaten angeht und den Wehrpflichtigen, solange er die Uniform trägt, sondern als ein selbstverständliches und unabdingbares Postulat des gesamten österreichischen Volkes. Der Bildung der Vertiefung einer solchen allumfassenden Entschlossenheit ist es wenig dienlich, wenn verantwortliche Repräsentanten des Volkes sich förmlich dafür entschuldigen, daß unter den gegebenen Umständen die Aufstellung eines österreichischen Heeres notwendig geworden sei, und wenn sie sich in Versicherungen überbieten, daß sie alles in ihrer Macht Stehende getan hätten und weiter tun würden, um die numerische Stärke dieses Heeres, seine finanziellen Kosten und die zeitliche und sonstige Inanspruchnahme der zur Dienstleistung Einberufenen in engstmöglichen Grenzen zu halten. Wem die Sicherung der Freiheit und Wohlfahrt des österreichischen Volkes und Staates wahrhaft am Herzen liegt, wird vielmehr, unbeschadet seiner weltanschaulichen oder parteipolitischen Einstellung, tun, was er kann, um der Allgemeinheit bestimmte lebenswichtige Tatsachen zu Bewußtsein zu bringen. Oesterreich stellt heute, zur ernstlichen Besorgnis der dem Frieden zugetanen westlichen Welt, ein Kräftevakuum dar; und ein solches Vakuum besitzt bekanntlich die Eigenschaft, feindliche Kräfte, physikalisch ausgedrückt, anzusaugen. Darin liegt eine Gefahr, die erst dann weitgehend verringert und vielleicht sogar ganz ausgeschaltet Sein wird, wenn der potentielle Angreifer weih, dah unser Land nicht im ersten Anlauf überrannt werden kann, sondern daß hier eine Verteidigungsorganisation besteht, die es ermöglicht, die schwachen Kader des stehenden Heeres binnen Stunden, und nicht etwa erst nach vielen Tagen oder Wochen, mit Hunderttausenden hinlänglich ausgebildeter Reservisten aufzufüllen. Eine solche Organisation zu schaffen und materiell entsprechend auszustatten, wird freilich Opfer erfordern; aber keine größeren Opfer, verhältnismäßig, als jedes andere Volk in vergleichbarer Lage sie bringt, welches entschlossen ist, seine Unabhängigkeit und seine territoriale Integrität zu verteidigen. *

EARL ATTLEE. Der Rücktritt Clement Attlees von der Führung der Labour Party, die ihm durch zwanzig Jahre anvertraut gewesen war, kam nicht überraschend. Man wußte seit längerem, daß „Gern“, wie er nichf nur im engeren Freundeskreis genannt wurde, keine Freude mehr daran hatte, seine besten Kräfte zur Ueber-brückung der wachsenden Spannungen und Gegensätze innerhalb der Partei einzusetzen, die ihm, dem Mann des konzilianten und ganz und gar nicht revolutionären Gehabens, einen guten Teil ihres Raumgewinns nach der bürgerlichen

Seite hin verdankte. Dazu kam eine noch tiefer liegende Ursache seiner Amtsmüdigkeit. Schon während des Krieges, und dann, als sie zur Alleinregierung gelangt war, hatte die Partei unter seiner Führung viele und sehr wesentliche Punkte ihres Programms zur Schaffung des Wohlfahrtsstaates verwirklichen können; darunter vieles, was auch unter den nun regierenden Konservativen unangetastet geblieben ist. Aber das Ergebnis dieser sozialisfischen Errungenschaften blieb weit davon entfernt, die sozialistisch-theoretischen Erwartungen zu erfüllen; weder zeigte sich die verheißene Erhöhung des allgemeinen Wohlstands, noch auch, und das fiel für die sozialisfischen Ideologen am meisten ins Gewicht, eine wachsende Zufriedenheit in den Massen der Arbeiterschaft — hier trat sogar das Gegenteil ein. Das alles mußte einen von der Richtigkeit seiner Theorien überzeugten Idealisten, wie Attlee es war, und vielleicht noch immer ist, aufs schwerste enttäuschen. Begreiflich daher, daß er es vorzog, die ihm von seiner Königin angebotene Erhebung in den erblichen Adelsstand anzunehmen und in Hinkunft von der hohen Warte des House of Lords aus die weitere Entwicklung der Dinge als stiller Beobachter zu verfolgen.

DIE LUNTEN IM NAHEN OSTEN LIEGEN: Sie

warten ,nur noch auf den Sprengmeister, der den Befehl zum Anzünden gibt. Der vorerst sich — wie jedes Jahr einmal — programmäßig entwickelnde Konflikt zwischen den alten Gegnern Aegypten und Israel hat seit dem Sommer eine Ausweitung und Vertiefung erfahren, die höchste Sorge einflößt. Es geht nämlich nicht um Gaza oder den Negev oder den Jordan mehr. Gewiß. Hier sind die Vorwände. Dadu-xh aber, daß sich beide beteiligten Mächte an auswärtige Staaten um Waffenhilfe wandten; daß sich — nur allzu rasch, denn Geschäft mit dem Tod schreibt man groß — die Angerufenen bereit erklärten, zu liefern; daß die UNO-Beobachter hilflos der Entwicklung zusehen müssen: das allein wäre Sorge genug. Aber es kommt dazu die Automatik der Verträge, und was diese automatischen Papiere bedeuten, lehrten uns zwei Weltkriege. Die Türkei hat durch den Mund ihres Staatspräsidenten Bayar an Jordanien eine volle Beistandserklärung abgegeben, falls Jordanien angegriffen werde. Der ägyptisch-syrische Verfeidigungspakt ist nach Austausch der Ratifikationsurkunden in Kraft

getreten. Die Gefechte am See Genezareth zwischen syrischen Truppen und denen Israels stehen damit in gewissem Zusammenhang. Saudi-Arabien sprach seine Sympathien zu dem Verteidigungspakt in der Form aus, daß es (aus Erdöleinkünfien) an Syrien einen Kredit von zehn Millionen Dollar gewährte. Der Botschafter Saudi-Arabiens in Washington, Scheich Abdullah Al-Khayyal, war überdies beim Nahost-Sachbearbeiter Allen und brachte unverb'ümt die heikle Frage der Oase Buraimi vor. Diese liegt im südöstlichen Teil der arabischen Halbinsel in einem erdölreichen Dreieck. In letzter Zeit war es dort zu heftigen Zusammenstößen zwischen saudi-arabischen Soldaten und solchen gekommen, die Sultanaten gehören, welche unter britischem Protektorat stehen. Offensichtlich soll so nebenbei ein Keil zwischen die britischen und amerikanischen Oel-interessen getrieben werden. England seinerseits wieder hat zehn Düsenjäger vom Typ Vampir an Jordanien geliefert und außerdem britische Piloten zur Ausbildung zur Verfügung gestellt. Aegypten dagegen — das bekanntlich mit der Tschechoslowakei einen Lieferungsvertrag abschloß — hat die ersten Flugzeuge vom sowjetischen Typ MIG 15, ferner zweimotorige leichte Düsenbomber Typ IL 28 (800 Stundenkilometer Geschwindigkeit). Die MIG 15 haben Erfahrung. Denn sie waren schon in Korea zur Probe. Ein Typ ist anderseits ebenfalls sein Geld wert. Israels Botschafter Eban ersuchte in Washington um Düsenjäger, die den MIG 15 überlegen sein müssen, und zwar sollen es 100 Stück sein. Israel verweist dabei auf die Anwesenheit ägyptischer Unterseeboote im Miftelmeer und die Empfindlichkeit seines Seehandels. Was Sowjetrußland an Lieferungen leistet, ist bekannt. Es wird mehrfach den tschechoslowakischen Befrag von 100 Millionen Dollar übertreffen. Der Hohn dieser ganzen Entwicklung ist aber unzweifelhaft der, daß die ersten Lieferungsverhandlungen angebahnt wurden, als irf Genf die Sonne schien. Im Hochsommer. Jefzf fallen die Schneeflocken.

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