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Eisenhower und die Sicherheit

Die Erkrankung des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika ist ein schwerer Schlag für die freie Welt. Ein Schlag, der überwanden werden kann und zu überwinden ist. Lebensgefährlich könnte er sich jedoch wohl nur dann auswirken, wenn er in seiner Bedeutung gerade von den Menschen übersehen würde:, die in der freien Welt leben. Von den anderen wird er nicht übersehen: Das zeigen die Ereignisse im Nahen Osten, das Aufbegehren Aegyptens, das Aufflammen der Brände des lkjonalismus und Fanatismus im ganzen afrikanischen Mittelmeerraum; zeigt, nicht zuletzt, die verhaltende Gangart Moskaus, dessen führende Politiker keinen Zweifel darüber laWn, daß weder John Foster Dulles noch Nixon, der Vizepräsident, soviel Kredit in Moskau besitzen, da'ß ihre Persönlichkeit als Garantieschein für eine Politik auf Jahre hinaus in Kauf genommen wird. Ohne Zweifel haben die Führer der Sowjetunion in Genf begonnen, auf Eisenhower zu setzen: auf seinen Friedenswillen, auf seine Autorität. „Dieser Mann hat das Heft in der Hand, er ist uns Gewähr dafür, daß in nächster Zeit kein McCarthy und kein westlicher Revanchepolitiker, kein Emigrant aus Osteuropa in der amerikanischen Weltpolitik maßgeblich zum Zuge kommt.“

Hier begegnen sich, denkwürdig genug, die fahrenden Politiker des Ostens mit dem intimsten Wunsch der breiten Massen des amerikanischen Volkes: beide wünschen Sicherheit, handfeste Sicherheit. Für beide wurde der General Dwight D. Eisenhower zum Gewährsmann dieser Sicherheit: der General kennt den Krieg, so wissen beide Partner, beide Sucher nach Sicherheit, also die Staatsmänner der Sowjetunion und die Massen des amerikanischen Volkes; er ist deshalb, wie alle Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, die als Soldaten begannen, für den Frieden. Nur Dilettanten, Abenteurer, Demagogen, unreife und pathologische Menschen streben zum Krieg. Der Fachmann der Kriegskunst, der gereifte Mann, der wirklich Arrivierte, arbeitet sich unverdrossen, geduldig durch alle Hindernisse hindurch zum Frieden. Eisenhowers geduldiges Ausmanövrieren McCarthys, und, was wichtiger, größer und schwieriger war. die Ueberwindung des amerikanischen Schocks und Minderwertigkeitsgefühls, das, nach den Niederlagen in China und dem Verlust Osteuropas an die Sowjets entstanden, den breiten Wurzelgrund bildete, auf dem allein der Schwamm McCarthy atmosphärisch wachsen konnte, ließ ihn sowohl in den Augen des amerikanischen Volkes wie der Russen zu dem werden, was er in dem Augenblick war, als ihn in Denver beim Golfspiel der Herzschlag rührte..

Dieser Schlag traf, stärker noch als den Mann Eisenhower, das Sicherheitsgefühl in Amerika und im Kreml. Man könnte hier, bei diesem gegebenen Anlaß, mit gutem Grunde eine Studie darüber anstellen, inwieweit die Unsicherheit in der heutigen Welt geschaffen und zumindest gesteigert wird durch ein übersteigertes Sicherheitsbedürfnis. In früheren, glaubensstärkeren Zeiten lebten die Menschen mitten in tausend Unsicherheiten ruhiger, geborgener als heute. Der Tod der Frauen im Kindbett, das Sterben der Kinder und Erwachsenen im jugendlichen Alter, die Einfälle von außen, das Fehdewesen im Inneren — bei Gott, die sogenannten „guten alten Zeiten“ waren auch in Alteuropa keine rulrgen, keine sicheren Zeiten. Hungersnöte und Krankheiten, Wirren aller Art bedrohten d?.s Leben. Dennoch ging es, für alle Menschen, einen ruhigeren Gang. Ein uraltes Frommsein barg die Menschen mitten in der Gefährdung. Kennzeichen lebendiger Frömmigkeit war — und bleibt zu allen Zeiten ja eben dies: ruhig leben mitten in der Unsicherheit, ein gutes Zutrauen zu haben zur Zukunft, zu dem, was einem zukommt — und mag es auch in Sturm und Wetter, Feuersbrunst und Tod zukommen. Seit dieses Urvertrauen im Schwinden ist, will der Mensch gerne die Zukunft selbst machen. Und wünscht sich einmal eine Allversicherungsgesellschaft, einen totalen Wohlfahrtsstaat, der ihm Arbeit, Leben, Genuß zusichert, und zum anderen, da selbst die größten Laboratorien der Krankenkassen etwas blaß und bleich aussehen und auch die schönsten papierenen Gutscheine und Anrechte auf Versicherungspolizzen und Renten unscheinbar und hinfällig genug wirken, eine sichtbare Gestalt, einen Menschen, der Vertrauen schafft, der Sicherheit ausstrahlt. (Vergessen wir nicht ganz: der Hunger, die Not, die Sehnsucht in den Herzen von Millionen Menschen, ihre Angst vor einem kommenden Krieg und Zusammenbruch lud so manche unwürdige Person, auf zu einer charismatischen Gestalt, zu einem Heilsführer, wie einen Schwamm, der sich vollsog mit dem, was aus den Massen hungriger Leiber und Seelen ausströmte.)

Kein. Zweifel kann darüber bestehen: es ist das Sicherheitsbedürfnis, das heute die Völker und die Männer, die in Weltpolitik machen, zugleich verbindet und trennt. Chruschtschow und Dr. Adenauer, das russische und das deutsche Volk, Massen und Führer, sind von einem brennenden Wunsche nach Sicherheit, nach totaler Sicherheit beseelt, oft möchte man sagen, besessen. Da die Unsicherheit nicht ertragen wird, da das Wissen verlorenzugehen scheint, daß Sicherheit nur gegeben wird inmitten etlicher Unsicherheiten und Ungewißheiten, will man die perfekte, die totale Sicherheit: so entsteht das Verlangen, die Macht zu übernehmen, im eigenen Volk, und durch riesige Pakte, Armeen und Rüstungen die totale Sicherheit zu erwerben: die logisch nur bestehen könnte in einer totalen Machtübernahme auch über den äußeren Partner und Gegner.

Als daher den ersten Mann der Vereinigten Staaten in Denver im Staate Colorado die Krankheit überfiel und offensichtlich die Sicherheit seines Lebens bedroht erschien, fühlten sich sofort sowohl die Männer im Kreml wie die Massen des amerikanischen Volkes in ihrer Sicherheit bedroht (diese innerste Kommunikation in der Sorge um die eigene Existenz stellt sich wie eine Negativaufnahme des großen Corpus der eigenen Menschheit dar, dieses einen Großleibes, in dem alle Adern zusammenhängen, der aber in seinem Atem und seinem Lebensprozeß so oft schwankend und stockend funktioniert, da er noch nicht zum Corpus Christi geeint, geläutert ist). Der Kreml reagierte also mit seinem sofortigen Verhalten und Sichsperren. Und die amerikanische Wirtschaft reagierte mit dem stärksten Börsenkrach seit dem Schwarzen Freitag von 1929. Für den Europäer heute ist dieser Schwarze Freitag von 1929 nur ein schwacher Begriff: er erinnert sich wohl, daß mit ihm die Zusammenbrüche der Wirtschaft in Deutschland, Oesterreich, das Aufkommen Hitlers in Zusammenhang stehen, ist sich aber viel zuwenig der Tatsache bewußt, daß dieser Schock für die Amerikaner heute noch ein stärkeres Erlebnis ist als die beiden letzten Weltkriege: jene wurden gewonnen, stärkten also den Glauben an sich selbst, das amerikanische Selbstbewußtsein und bestätigten damit, so schien es offenkundig, daß die amerikanische Auffassung von Gott und Welt, von Mensch und Politik, Staat und Gesellschaft richtig, die einzig richtige sei. Der Schwarze Freitag von 1929 wurde von den breiten Massen des amerikanischen Volkes als die erste weltgeschichtliche Niederlage erfahren: die Wirtschaft brach zusammen.

Was aber war und ist diese amerikanische Wirtschaft, die mit Recht von einer Welt bestaunt wird, wirklich? Sie ist ein gigantisches Kreditsystem, zu deutsch also ein Glaubenssystem, eine Glaubenshaltung; ja, eine Glaubenswirklichkeit. Die amerikanische Industrie und der ihr verbundene Handel konnten sich nur dadurch immer stärker entfalten, ausbauen und spezialisieren — mit immer teureren Maschinen und Kosten —, weil sie immer mehr Kredit boten. Kredit aber hieß im letzten: das amerikanische Volk besitzt ein solches Maß von Vertrauen in die eigene Kraft und Leistungsfähigkeit, von Glauben an sich selbst, daß es unbesehen auf Kredit hin kauft und lebt (diesem großen, und, in seinen Grundlagen, wenn nicht übertrieben, durchaus legitimen Glauben an die eigene Kraft, entspricht allerdings genau ein Schwund an Glauben an die transzendente, letzte Sicherheit und Sicherung, die gerade in der Unsicherheit der äußeren Verhältnisse sichtbar wird und in der Gefährdung zum Tragen kommt. Daher das amerikanische Nichtbedenken des Todes, das Schminken der Leichen, nicht nur in Hollywood, das Verschweigen echter Tragik und ilir Ersatz durch eine äußere Dramatik, in der gute Helden und böse andere sich bekämpfen, wobei der Gute immer das Rennen gewinnt).

Dieser unbändige Glaube an sich selbst erlitt 1929 einen Schock, der nur äußerlich überwunden wurde. Als Präsident Eisenhower vom Schlage gerührt wurde, reagierte die amerikanische Wirtschaft panikartig: sie hatte in den letzten Jahren die Glaubenskraft des amerikanischen Volkes voll ausgenützt, vielleicht bereits allzusehr angezapft. 800.000 unverkaufte Automobile allein aus der diesjährigen Jahresproduktion, dazu ein Loch von an die zweihundert Milliarden Dollar, geschnitten durch die Kreditschere: so groß ist die Menge des Geldes, das vom amerikanischen Volke ausgegeben wurde, ohne es zu besitzen: Kauf ohne Geld, auf Kredit, im Vertrauen darauf, daß die Löhne, Gehälter und die Produktion der kommenden Jahre dieses Geld hereinbringen werden. Die auf den ersten Blick groteske Weltsituation der amerikanischen Wirtschaft ist ja eben diese: diese Wirtschaft lebt aus dem Glauben. Aus dem Glauben an die unerschöpflichen Kräfte des amerikanischen Volkes. Eben dieses Volk aber ist, seit Jahrzehnten bereits, in seinem Umschichtungs- und Wachstumsprozeß, in seinem Hineinwachsen in die Kommunikation mit anderen Völkern und anderen Welten (vergessen wir nicht: heute noch lebt die überwiegende Mehrheit des amerikanischen Volkes in Kleinstädten mit den entsprechenden engen Ansichten kleiner geschlossener Heime und Heimaten) innerlich bedroht durch eine tiefgehende Glaubenskrise. Diese mußte einmal kommen, sie ist an sich, wie jede echte Glaubenskrise, eine Wachstumskrise. Vom Schock von 1929 zum Scheitern in den Fängen der sowjetischen Weltpolitik in Asien und Osteuropa bis zu McCarthy führt eine Wegstrecke: da ermannte sich das amerikanische Volk und setzte allen seinen Glauben auf einen Mann. (Der tieferliegende Vorgang dürfte dabei der sein: sowohl die Massen wie die Führungsgruppen, auch die Eliten der amerikanischen Intellektuellen brauchen Zeit, um sich an die veränderte Welt und an ihr eigenes in Wachstum und Veränderung begriffenes Innere anzupassen, um beide richtig zu verarbeiten. Das Schwanken in der Negerfrage darf als ein Barometer für diesen Wachstumsprozeß der Selbstfindung angesehen werden. Nach der Zulassung der Neger zu weißen Schulen erfolgte eben erst, im tiefen Süden, der Freispruch Von zwei Weißen, die als Mörder eines Negerjungen gelten.) Dieser langwierige und schwierige innere Prozeß wurde nun sehr gut abgeschirmt durch den Glauben an den einen starken, verläßlichen Mann. Er übernahm für die Nation die Verteidigung ihrer elementaren Rechte und Sorgen in eben, einem geschichtlichen Moment, in dem diese Nation sich neu selbst finden, innerlich neu konstituieren muß.

Diesem Manne traute man deshalb auch zu, und ihm gab man den Kredit zu einer schwierigen Operation: zur Umstellung der Wirtschaft von der Aufrüstung auf eine Weltfriedenswirtschaft. Hatte dieser Mann nicht die Pläne ausgearbeitet für die Invasion in Hitler-Europa? Eisenhower erschien als der berufene Mann, nunmehr die noch schwierigeren strategischen Pläne für die Exportschlachten der Zukunft auszuarbeiten, das heißt zu dirigieren. Der Schlag traf ihn und die amerikanische Wirtschaft in eben dem Moment, in dem die Politik des Präsidenten die Tore zu öffnen begann für ein neues Ausgreifen der amerikanischen Wirtschaft nach Asien, in den Osten hinein. Alle diese Pläne stecken erst in den Anfängen. Die Wiederwahl zum Präsidenten, zu einer nachfolgenden vierjährigen Präsidentschaft, hätte sich konsequent ergeben als logische Folge, als Notwendigkeit: ein so großes Unternehmen kann nur gedeihen, wenn ihm die Kontinuität eines Jahrzehnts zur Verfügung steht. Der Schock der amerikanischen Wirtschaft war also durchaus berechtigt. Die ersten vier Jahre, so rechneten im stillen engste Anhänger des Präsidenten; aber auch andere, ernstzunehmende und weitblickende Amerikaner, mußten und müssen darauf verwendet werden, den Schutt abzutragen, nicht zuletzt den Schutt von Vorurteilen und Aengsten; ihr letztes Drittel muß die neuen Wege anzeigen, die Horizonte, die aus den Engpässen der Nachkriegszeit in die Zukunft führen. Dieses Drittel hat eben begonnen. Genf, das Genf Eisen-howers, war das erste weltweit sichtbare Zeichen für diesen Beginn eigenständiger Weltplanung gewesen.

Es ist zu früh, die Zukunft zu ersehen. Vizepräsident Nixon, ein Mann der schwierigen Rechten der Republikanischen Partei, Vorsitzender des Ausschusses zur Untersuchung unamerikanischer Betriebe und bereits in dieser Eigenschaft Protektor McCarthys, den er lange genug abschirmte, zugleich beliebter Festredner des Großkapitals, als dessen politischer Agent er vielen erscheint, wird erst zeigen müssen, ob er ein Mann des amerikanischen Vertrauens wird.

Bei einer Neuwahl in weniger als eineinhalb Jahren sind die Chancen der Demokraten und ihrer führenden Köpfe, an der Spitze Adlai Stevenson und Averyll Harriman, der langjährige Berater Roosevelts und Trumans, größer. Gegeben ist zunächst ein Vakuum. Dieses wird verringert durch die Regierungsweise Eisen-howers, der es von seiner Tätigkeit als Führer militärischer Stäbe her gewohnt war, viele Arbeiten an selbständig arbeitende Mitarbeiter zu delegieren. Eine heute bei Regierungschefs beliebte Art, möglichst alle Agenden an sich zu ziehen, hätte hier zu einer kleinen Katastrophe führen können. Dennoch ist der Präsident, der Mann des großen Vertrauens, unersetzlich. Also wartet die Weltöffentlichkeit geduldig und ungeduldig zugleich auf seine Rückkehr zur Lenkung und Führung des Staatsschiffes.

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