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Herbst der Illusionen

Dieses Jahr ist der Herbst in Europa einmal so schön, wie in der Regel in den Vereinigten Staaten, Die grauen Tage, in denen die Natur ihrem Vergehen entgegendämmert, scheinen noch in weiter Ferne zu liegen.

Über unsere Illusionen sind sie jedoch bereits hereingebrochen. Wir frösteln, denn wir können eher ohne sommerliche Wärme als ohne Illusionen leben. Der Herbst der Illusionen ist für alle westlichen Völker gekommen, aber für Deutsche und Amerikaner ist er besonders kalt. Den ersteren haben Berufene das Ende ihrer Illusionen oft genug vorgehalten. Wir beschränken uns auf die Amerikaner.

Sie vermeinten, daß man es sich in einer Welt, in der alle Grundsätze, die Amerika prägten, von rastlosen Gegnern, die weder durch Selbstzweifel noch durch Selbstverwöhnung geschwächt sind, zäh angegriffen werden, leicht machen könne. Sie bildeten sich ein, der über den Menschen verhängte Fluch, sein Brot in Schweiß und Tränen zu erarbeiten, gelte nicht mehr für sie, weil sie ihn nur auf das physische Brot bezogen. Daraus folgte die Vernachlässigung jener Pflicht, die keine Schlaffheit duldet, ruhelos über die der Nation gestellte Aufgabe zu wachen und dabei sich vor allem auf die eigene Kraft zu verlassen.

Statt dessen hatte die Wandlung, die innerhalb der Nation von dem Soziologen David Riesman als Abkehr von der Autonomie des Individuums zur Kontrolle durch die Gruppe der Gleichgestellten definiert worden war, eine Parallele auf internationaler Ebene. Amerika gelangte von der Autonomie zur Orientierung nach dem vermeintlichen Kollektivwillen einer Weltgemeinschaft. Die UN übernahmen in der internationalen Gesellschaft die Rolle der Gleichgestellten der nationalen.

Zugegeben, daß diesem Vergleich der Makel der schrecklichen Vereinfachung anhaftet. Das Aufgeben der eigenen Willensbildung zugunsten der kollektiven wurde ja gerade dadurch ausgelöst, daß die UN ursprünglich als Instrument amerikanischer Politik dienten, was sich nach außen hin in der an sich sinnlosen Niederlassung in New York dokumentierte. Das Festhalten an dem Glauben, die UN könnten eine für die Welt verbindliche Willensbildung hervorrufen, bis dieser zur Illusion geworden war, entsprang nicht nur Schlaffheit, sondern auch ernstem moralischem Verantwortungsgefühl dafür, daß das Gesetz des Dschungels in den Beziehungen zwischen Nationen ein verhängnisvoller und menschenunwürdiger Atavismus ist; nicht nur feiger Bequemlichkeit, sondern auch vernünftiger Erkenntnis der Folgen eines neuen Weltkrieges.

Unter den Glaubenssätzen, deren Entlarvung als Illusionen am niederschmetterndsten ist, ragt die Illusion der UN hervor. Marksteine demaskierter Illusionen sind aber nicht nur Ndola, wo Dag Hammarskjöld unter Umständen, die wohl niemals restlos geklärt werden, den Tod fand; sondern auch Berlin, Kuba und Belgrad. Die zunehmende Furcht, daß mit dem bevorstehenden Ende der Regenzeit die Kämpfe in Laos wieder aufflackern werden, würde, wenn sie sich bewahrheitet hätte, eine weitere Illusion auf-, decken, die Illusion, daß die Sowjets je zu ihrem Wort stehen. Deshalb drängte Präsident Kennedy auf eine Lösung in Laos noch vor Berlin.

Berlin endete die so lange gehegte Illusion, daß die Taten von Verbündeten ihren großen Worten entsprechen; Kuba die arrogante Illusion, daß die westliche Hemisphäre durch besondere Magie gegen den Kommunismus gefeit ist; Belgrad die noble Illusion, daß man mit guten Absichten weiter kommt als mit rücksichtsloser Machtentfaltung.

Wenn man sich den Llnterschied in der Zusammensetzung der UN von heute gegenüber 1945, ihrem Gründungsjahr, vergegenwärtigt, erkennt man am besten, warum Glaube zur Illusion wurde. Damals eine Organisation von fünfzig, nur teilweise nicht homogenen, Nationen, deren Vollversammlung dem Einfluß der westlichen Verbündeten unterlag, während der Sicherheitsrat eine funktionsfähige Behörde war, durchaus imstande, dem Generalsekretär klare Aufträge zu erteilen. Heute sind es 99, und wenn dies in Druck erscheint, wahrscheinlich noch mehr Nationen, von denen manche nicht einmal sich selbst regieren können, geschweige denn die Welt. Aus der Vollversammlung ist daher eine Schwatzbude geworden, während der Sicherheitsrat durch 99 sowjetische Vetos lahmgelegt wurde. Ein zielbewußter Generalsekretär, der Artikel 99 der Charta (vielleicht kann jemand einen Sinn in der ständigen Wiederholung dieser Zahl entdecken) ähnlich weitherzig auslegte wie die Föderalisten die amerikanische Verfassung zu Beginn der Union, hielt die Organisation trotzdem in Gang. Nun aber ist es möglich, daß die Organisation ihm ins Grab folgen wird, es sei denn, die Sowjets erkennen in letzter Minute, daß man auch noch so schwache Sicherungen gegen einen Krieg nicht leichtfertig beschädigen darf.

Schon beginnen amerikanische Staatsmänner von Format uns auf das Ende der UN vorzubereiten. So erklärt James Fulbright, der alles andere als nationalistische Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Senats, in der Herbstnummer der gewichtigen Vierteljahresschrift Foreign Affairs: „Die UN sind hinter unseren Erwartungen zurückgeblieben. Wir müssen uns nach etwas anderem umschauen.” Nach Fulbrights Ansicht basieren die UN auf der Illusion Präsident Roosevelts, daß in Jalta die gegen Deutschland Verbündeten Einheit „in Geist und Ziel “ erreicht hätten, während in Wirklichkeit die Mindestbedingungen für eine internationale Gemeinschaft nicht erfüllt wurden. Diese Bedingungen definiert der Senator folgendermaßen :

• Akzeptierung eines Status quo seitens der hauptsächlichen Mächte;

• Besitz überwältigender Machtmittel seitens der Anhänger des Status quo;

• hochgradige Entwicklung der politischen und moralischen Solidarität der Großmächte.

Zwar haben die UN Anpassungsfähigkeit an die Realitäten der geteilten Welt gezeigt. Sie drücke sich vor allem in dem Veto aus, daß „der Niederschlag nicht die Ursache des Konflikts” ist. Der Sicherheitsrat habe jedoch „so gut wie zu funktionieren aufgehört”, wogegen die Vollversammlung „eine äußerst schwerfällige Körperschaft, die den Realitäten der Machtverhältnisse in der Welt in keiner Weise entspricht”, sei.

Mr. Fulbright nimmt von,den Bemühungen um eine Stärkung der UN Kenntnis, hält sie aber für vergeblich, denn sie versuchen, „den Gang der Geschichte zu überholen”. Seine Alternative, auf die wir hier nicht näher emgehen können, ist, durch Ausbau der NATO und ähnlicher Organisationen ein Konzert der freien Mächte zu schaffen.

Jedoch kein einzelner Senator, sondern der Präsident gibt der Außenpolitik die Richtung. Wie beurteilt Mr. Kennedy die UN? Nach dem, was aus Washington verlautet, ist auch er desillusioniert, über die Sowjetunion, über die Verbündeten, über die blockfreien Mächte, und vor allem über die UN, obwohl er die letzteren „niemals besonders idealisierte”, wie James Reston in der „New York Times” schreibt. Jedoch hielt der Präsident die Organisation bis zum Tod Hammar- skjölds für geeignet, den Sowjets Schranken zu setzen. Wenn jedoch nach dem Willen der Sowjets und der blockfreien Mächte die Befugnisse eines neuen Generalsekretärs beschnitten werden, legt der Präsident den UN keinen praktischen Wert mehr bei.

Das geht auch aus dieser Stelle seiner Rede vor den UN hervor , die Charta muß vor allem durch die Anstellung eines überragenden Beamten, der die Verantwortung des Generalsekretärs übernehmen kann, eines Mannes, der sowohl mit Weisheit als auch der Stärke begabt ist, um die moralische Kraft der Weltgemeinde sinnvoll zu machen, gefestigt werden …”

Die Einstellung des Präsidenten zu den UN ist natürlich in hohem Maße davon abhängig, wie weit er erkennen muß, daß seine Ansichten über die Möglichkeit einer Verständigung mit der Sowjetunion irrig waren. Als er in das Weiße Haus einzog, hielt er Eisenhower dafür verantwortlich, daß man mit den Sowjets nicht in ein fruchtbares Gespräch kam, wie auch für eine ungenügende Berücksichtigung der Ansichten der Verbündeten und der Wünsche der Neutralen.

Inzwischen mußte der Präsident ein- sehen, daß er die Verbündeten überschätzt hatte, weil sie wenig bereit erscheinen, in der Berlinkrise sowohl durch erhöhte militärische Vorbereitungen als auch durch eine wirtschaftliche Blockade der Sowjets Opfer zu bringen. Daß Frankreich trotzdem eine besonders unnachgiebige Berlinpolitik verficht, ist nicht dazu angetan, die Sympathie für de Gaulle zu erhöhen, von dem man nach seinen Besprechungen mit Kennedy sehr viel mehr Kooperation erwartete, als er gezeigt hat.

Die Enttäuschung über die kürzlich in Belgrad versammelten Nationen wiegt um so schwerer, als man auf sie große Erwartungen gesetzt hatte. Ein erfreuliches unmittelbares Resultat dieser Enttäuschung ist die Einstellung der sinnlosen Hilfe an Jugoslawien. Auch in dem Verhalten zu solch merkwürdigen Akteuren auf der Weltbühne wie Sukarno macht sich größerer Realismus geltend.

Was wird das Ergebnis der Malaise in Washington sein? Es wäre anmaßend, eine Entwicklung vorauszusagen, von der gerade die ersten Umrisse sichtbar werden. Man darf auch! nicht außer acht lassen, daß Andeutungen über eine Änderung der Politik auch diplomatischen und psychologischen Zwecken dienen.

Unter solchen Einschränkungen kann man die folgenden Möglichkeiten ins Auge fassen. Das nationale Selbstinteresse wird stärker in den Vordergrund gestellt werden, ohne daß man erst ängstlich fragen wird, ob es den Verbündeten auch paßt. In einem ganz extremen und vorläufig noch unwahrscheinlichen Fall könnte es dazu kommen, daß Senator Fulbrights obenerwähnter Vorschlag eines Konzerts der freien Mächte, der uns heute beinahe als Rückschritt anmutet — liebgewordene Illusionen sterben hart —, seinerseits den Gang der Geschichte überholt haben wird.

Präsident Kennedy ist, man darf das nicht außer acht lassen, in keiner Weise ein hochfliegender Idealist, sondern ein hartköpfiger Pragmatiker. Es kommt hinzu, daß die Einschmelzung des Politikers in den Staatsmann, die die Vorbedingung für die geschichtliche Größe eines Präsidenten ist, ein langsamer Vorgang ist, der im allgemeinen erst in der zweiten Amtsperiode zum Abschluß kommt. Der Staatsmann kann abwarten, der Politiker hat weniger Geduld. Man kann aber beruhigenderweise hinzusetzen, daß Kennedys Verhalten nach dem Kuba-Fiasko zeigt, daß die Einschmelzung vorangeht. Ob und wie weit er die Richtung, deren Möglichkeiten hier skizziert wurden, einschlägt, wird in erster Linie von dem Ausmaß der Intransigenz der Sowjets, der Kurzsichtigkeit der Verbündeten und der Konfusion der blockfreien Mächte ab- hängen.

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