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Von der Monroezur Truman-Doktrin

In seiner Botschaft an den Kongreß vom 12. März 1947 erklärte Präsident Harry Truman, die Vereinigten Staaten müßten freie Völker unterstützen, die sich gegen Unterjochung durch bewaffnete Mehrheiten oder auswärtigen Druck zur Wehr setzen. Diese Botschaft wurde als „Truman-Doktrin“ in einem großen Teil der amerikanischen Öffentlichkeit der berühmten Doktrin des Präsidenten James Monroe vom Jahr 1823 an die Seite gestellt. Die „New York Times“ meinte dazu, die Truman-Bot-sdiaft werde den Platz in der Nische der Geschichte einnehmen, die einst der Atlantic Charta vorbehalten war. In der Tat kennzeichnen diese drei Kundgebungen amerikanischer Staatsoberhäupter drei verschiedene geschiditliche Abschnitte, die alle in den knappen Zeitraum seit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges hineinreichen.

Die'Politik der Isolierung der Vereinigten Staaten, die bis 1941 reicht, geht auf den ersten Präsidenten der nordamerikanischen Republik zurück. George Washington trat in seiner Abschiedsbotschaft an die Nation zwar für Ausdehnung der Handelsbeziehungen mit anderen Staaten ein, aber für „so wenig politische Beziehungen als möglich“. Präsident Monroe tat einen Schritt weiter, indem er der Übertragung des europäischen politischen Systems und der europäisdien Kolonisation auf die westliche Halbkugel bestimmte Schranken zu setzen suchte; er bekräftigte jedoch die Politik der Nichteinmischung der Vereinigten Staaten in europäische Angelegenheiten. Aus dieser geschichtlichen Überlieferung wie aus der weiten Selbstgenügsamkeit und geographischen Abgeschiedenheit der Union schöpften die Anhänger des „Isolationismus“ in den Staaten Kraft. Sie brachten 1918 Wilsons Friidensund Völkerbundpolitik im Senat zu Fall und trachteten, sich nach 1939 der Roose-veltschen Interventionspolitik entgegenzu-stemmen.

In der Tat wurde die Politik der Isolierung von den Vereinigten Staaten bereits zu Ende des vorigen Jahrhunderts verlassen, als sie nach siegreichem Krieg gegen Spanien ihren Besitz über den Stillen Ozean erstreckten und ihre Einflußsphäre nicht nur über Lateinamerika, sondern auch nach Ostasien ausdehnten. Seit den Tagen der Unabhängigkeitserklärung haben in der amerikanischen Außenpolitik ideologische Forderungen eine große Rolle gespielt, und das war audi der Fall, als die Staatsmänner der Union von der Verteidigungsstellung gegenüber der Heiligen Allianz zum Angriff vorgingen. Woodrow Wilsons „Vierzehn Punkte“ und Franklin Delano Roosevelts „Atlantic Charta“ wurden dokumentarische Zeugnisse der Politik, die liberal-demokratischen Ideen Amerikas über die Welt zu verbreiten. Wilson suchte das europäische Legitimitätsprinzip, das der Erhaltung des geschichtlichen Besitzstandes diente, durch das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ und das europäische Gleichgewicht durch einen Völkerbund zu ersetzen. Wilson scheiterte an dem Widerspruch, den er in seinen eigenen Reihen begegnete. Die Idee des Selbstbestimmungsrechtes wurde in Europa einseitig im Machtinteresse der Sieger angewendet und der Völkerbund erwies sich als ohnmächtig gegen den Nationalismus, der gerade durch die Zerstörung der geschichtlichen Reiche und des Gleichgewichtsystems fessellos geworden war.

In Roosevelt erstand der Idee einer internationalen Friedensorganisation im Sinne Wilsons ein neuer Vorkämpfer. Er nahm das Schlagwort vom „Selbstbestimmungsrecht der Völker“, das durch Mißbrauch entwertet war und vielleicht unerwünschte Bindungen in sich schloß, nicht mehr in den Wortschatz der amerikanischen Diplomatie auf; aber die Atlantic Charta enthält noch deutliche Hinweise auf diese Forderung. Um so mehr betonte man in Washington, zumal seit der Moskauer Konferenz vom Jahre 1943, die Aufrichtung einer erneuerten, vervollkommneten allgemeinen Friedens- und Sicherheitsorganisation: Die „Vereinten Nationen“ sollten nach dem Vorbilde der „Vereinigten Staaten“ eine „Weltfamilie der demokratischen Nationen“ werden. In Yalta vereinbarte Roosevelt 1945 mit Churchill und Stalin die „Erklärung über das befreite Europa“, derzufolge es den befreiten Völkern möglich gemacht werden sollte, „die letzten Reste von Faschismus und Nazismus zu zerstören und demokratische Einrichtungen eigener Wahl zu schaffen“. Diese Vereinbarung wurde ausdrücklich auf die Atlantic Charta gegründet. Wilsons Forderung, „die Welt für die Demokratie zu sichern“ und Roosevelts „Freiheit überall!“ schien zu Ende des zweiten Weltkrieges einen vollen Sieg zu erringen.

Es blieb Roosevelt erspart, in die Kluft zu blicken, die sich bald nach seinem Tode zwischen Ideen und Tatsachen öffnete. Die Atlantic Charta hatte verkündet: „Keine Gebietsveränderungen ohne frei geäußerte Zustimmung der betroffenen Bevölkerung!“ Nun vernahmen die Amerikaner, daß Millionen von Menschen aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn von ihren ererbten Wohnsitzen vertrieben wurden. Sie waren — ohne ihr Befragen — zu einer völkischen Minderheit geworden, für die im Staate kein Platz mehr war. Und gerade die nationalsozialistische Unduldsamkeit gegen Minderheiten war einer der Hauptantriebe gewesen, die das amerikanisdie Volk zum Kriege bewogen hatte! Die Vereinten Nationen genießen nach wie vor größte Wertschätzung in der amerikanischen Öffentlichkeit. Aber bei Schaffung der Charta dieser Organisation war es den Vereinigten Staaten in San Franzisko 1945 nidit gelungen, das Vetorecht der einzelnen Großmächte in entscheidenden Fragen auszuschalten. Als Folge davon sind die Vereinten Nationen, wie Unterstaatssekretär A c h e s o n jüngst darlegte, „außerstande, die in der Charta niedergelegten Grundsätze anzuwenden, und sie mußten statt dessen das Forum für eine bittere und u n n ü t z e D i a 1 e k t i k ohne Überzeugungskraft abgebe n“. Endlich zeigt sich, daß man, die demokratische Gestaltung des inneren Staatslebens in Europa betreffend, anderswo eine wesentlich verschiedene Auffassung von dem hat, was man in Amerika herkömmlicherweise als Demokratie bezeichnet.

Wären die Welt und die Vereinigten Staaten heute dort, wo sie im Jahre 1918 standen, so würde die Enttäuschung über die neuerliche Vereitelung der amerikanischen Freiheitsideen dem Isolationismus eine gewaltige Auferstehung bereiten. Viele hatten vorausgesagt oder befürchtet, die Amerikaner würden sich wie 1920 nach dem Kriege wieder aus Europa zurückziehen. Aber die Vereinigten Staaten sind heute diplomatisch, militärisch und wirtschaftlich in weiten Teilen der Welt, von der Donau bis zum Gelben Meer, zu sehr festgelegt, als daß sie sich ohne schwere Gefährdung ihrer eigenen Sicherheit auf sich selbst oder die westliche Halbkugel beschränken könnten. Freilich ist es nach Ende des Waffenganges nicht ganz leicht, dem amerikanischen Volk, das auf 160 Jahre Isolationismus zurückblickt, die Notwendigkeit dauernder Verteidigung der nationalen Interessen in überseeischen Gebieten klarzumachen. Auch Wilson und Roosevelt vermochten die Vereinigten Staaten nur zum Einsatz in den Krieg zu bringen, weil sie große Teile des amerikanisdien Volkes überzeugt hatten, daß mit der Idee der Freiheit die Freiheit der Nation selbst am Spiel stehe. Der japanische Überfall auf Pearl Harbour spielte Roosevelt einen wirksamen Beweis hiefür in die Hände.

Als zu Ende des letzten Winters die britische Regierung Washington verständigte, daß sie der von kommunistischen Freischärlern bedrohten griechischen Regierung wirtschaftlich nicht mehr beistehen könne, war der Status quo im östlichen Mittelmeer und um die türkischen Meerengen bedroht, damit aber auch eine wichtige Verbindungslinie zwischen Amerika und den Erdölquellen des Nahen Ostens. Die Erhaltung des parlamentarisch-demokratischen Systems in Griechenland und die Aufrechterhaltung der von jahrelangen Verteidigungslasten er-sdiöpften Türkei erschien sowohl im Einklang mit den Freiheitsideen als den realen Interessen der Vereinigten Staaten. Dies ver-anlaßte Präsident Truman zu seiner erwähnten Botschaft, in der er hervorhob, daß totalitäre Regime, die in jüngster Zeit freien Völkern aufgezwungen worden seien, den internationalen Frieden und damit die Sicherheit der Vereinigten Staaten gefährdeten. Wirtschaftliche und finanzielle Hilfe Amerikas, die er zunächst in Betracht zog, könne, wie für Griechenland und die Türkei, auch in anderen ähnlichen Fällen notwendig werden.

Die „Truman-Doktrin“ ist wesentlich konservativ. Sie stützt nur den gegebenen Besitzstand der Demokratie — im amerikanischen Verstände —, indem sie Völkern, die sich gegen einen Versuch der Unterjochung wehren, die Hilfe der Vereinigten Staaten in Aussicht stellt. Der frühere Präsident Herbert Hoover, dessen Einfluß nicht nur auf die republikanische Partei in starkem Wiederanstieg ist und der auch mit Präsident Truman gute Beziehungen unterhält, hat in einem offenen Brief an Senator Bridges zwar darauf hingewiesen, daß die Mittel, die den Vereinigten Staaten für Unterstützungen und Darlehen an andere Nationen zur Verfügung stehen, nicht unbegrenzt seien. Aber er setzte sich für tatkräftige Fortsetzung der Hilfe an notleidende Völker ein und machte eine Reihe von Vorsdilägen, um diese wirksamer zu gestalten, darunter, daß die amerikanische Unterstützung auf Gebiete konzentriert werde, in denen die westliche Zivilisation erhalten werden kann. Das steht ganz im Einklang mit der Doktrin Trumans.

Wohl noch größere Bedeutung als dem Nahen Osten kommt im Rahmen der von Präsidenten Truman umrissenen Politik Mitteleuropa zu. Die weiter östlich gelegenen kleineren Staaten können dermalen von Washingtons weltpolitischer Bilanz abgeschrieben werden. Um so wichtiger erscheint der amerikanischen Diplomatie die vertragliche Sicherung eines „unabhängigen und demokratischen“ österreidi. Westdeutschland soll wirtschaftlich wieder aufgebaut und zusammengefaßt werden. Der zuerst von Hoover ausgesprochene Gedanke eines Sonderfriedens mit einer derartigen westdeutschen Regierung, falls nidit bald eine allgemeine Regelung zustande käme, hat in Washington viele Anhänger.

Die Anregung, die Staatssekretär Marshall am 5. Juni in seiner Rede in Cambridge machte, reicht über Trumans Märzbotschaft hinaus. Danach sollten bekanntlich die europäischen Staaten selbst zu einem Übereinkommen über ihre wirtsdiaft-lichcn Notwendigkeiten während der nächsten Jahre kommen, als Grundlage freundschaftlicher Hilfe der Vereinigten Staaten. Das Ausmaß einer solchen Hilfe wurde hier auf 15 bis 24 Milliarden Dollar geschätzt. Die amerikanisdie Politik, sagte Mr. Marshall, richte sidi gegen kein Land, sondern gegen „Hunger, Armut, Verzweiflung und Chaos“. Aber, so fügte der Staatssekretär hinzu, jede Regierung, die die Erholung der anderen Länder zu verhindern suche, um daraus politischen Nutzen zu schlagen, werde auf die Gegnerschaft der Vereinigten Staaten stoßen. Die Initiative Staatssekretär Marshalls und die früher geäußerten Grundsätze Präsident Trumans stehen somit in enger Berührung.

Von der universalistischen Demokratie der Atlantic Charta unterscheidet sich die Truman-Doktrin durch die Einsicht über die Grenzen, die der Wirksamkeit der politischen Ideen Amerikas und den Möglichkeiten der Verteidigung dieser gesetzt sind. Wendell Wilkie, der mittlerweile verstorbene liberal-republikanische Präsidentschaftskandidat aus dem Jahre 1940, hatte seine Broschüre „One World“ (Eine Welt) in Millionen Stücken über Amerika verbreitet. Damals galt hier den herrschenden Wortführern der öffentlichen Meinung der Satz, daß die Menschheit zu einer Einheit zusammengewachsen s e i und ältere souveräne Gruppierungen ihren Sinn verlören, als politisdies Axiom. Nodi im Jahre 1944 erklärte der damalige Staatssekretär Cordeil Hull, ein Politiker aus der Schule Wilsons, aber keineswegs weltfremder Utopist: „Es wird nidit länger die Notwendigkeit für Einflußsphären, Bündnisse, Gleidigewicht der Mächte bestehen oder für irgendweldic andere besondere Einriditungen,. durch welche in einer unglückseligen Vergangenheit die Völker ihre Sidierheit zu verbürgen und ihre Interessen zu wahren suchten.“ Heute wachsen die Vereinigten Staaten in ein neues System des Gleichgewichtes hinein, obwohl man es in diesem Lande nicht liebt, laut davon zu sprechen. Dabei nehmen sie vielfach die Stellung ein, die im alten Europa England zukam. Gerade darum ist es nicht nötig, die gegenwärtige Entwicklung übertrieben pessimistisch zu deuten.

Das Europa, das am Wiener Kongreß nach den Plänen eines „gerediten Gleichgewichtes der Mächte“ gebaut wurde, erfreute sidi zweier Perioden vierzigjährigen Friedens zwischen den Großstaaten (1815 bis 1854 und 1871 bis 1914). Nur ideologischer Radikalismus vermödne eine friedliche Verständigung, zwischen Ost und West zu verhindern. Die von Präsident Truman verkündete Politik der Unterstützung bestehender demokratische* Regierungen ist mit einer solchen friedlichen Auseinandersetzung sehr wohl vereinbar.

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