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Mit echten Waffen wurde kaum gekämpft

1917

Am 2. April, acht Monate vor der Kriegserklärung an Österreich-Ungarn, ließ US-Präsident Woodrow Wilson den Kongress Deutschland den Krieg erklären (l.; Bild r.: Kaiser Karl bei der Truppeninspektion in Bozen im Jänner 1917).

Punkt 10

Die Folge der amerikanischen Kriegserklärung an Österreich-Ungarn von Anfang Dezember 1917 stellte sich rasch ein: Wilsons Punkt 10 verlangte nur einen Monat später eine interne Änderung der Monarchie: Autonomie der Nationalitäten.

"...dass für die USA kein Grund für eine kriegerische Auseinandersetzung mit Österreich bestand, jedoch umgekehrt die USA Österreich gute Gründe für einen eigenen Schritt schufen"

Als Adam Tarnowski am 1. Februar 1917 in New York ankam, war die Welt für ihn noch in Ordnung. Endlich hatte sich Wien durchgerungen, einen Nachfolger für Constantin Dumba nach Washington zu schicken, und US-Botschafter Penfield in Wien hatte Außenminister Czernin versprochen, dass Präsident Wilson ihn empfangen werde. Exakt drei Monate später, am 1. Mai 1917, empfing Außenminister Robert Lansing den österreichischen Diplomaten und versuchte, über einen Appell an Tarnowskis Nationalität doch noch zu einem Weg für einen Sonderfrieden zu finden, indem der Amerikaner das Wiedererstehen eines unabhängigen Polen in Aussicht stellte. Der Anspruch, den Lansing an Graf Tarnowski legte, vergaß indes (oder erkannte nicht) das Wesen des Österreichers: Beredtes Schweigen ja, aber nicht in dem Sinn, wie es der Amerikaner verstanden wissen wollte, denn der Graf repräsentierte keineswegs (s)eine Nation.

Wilsons 14 Punkte

Dazwischen (Anfang April) ließ Wilson den Kongress an Deutschland Krieg erklären. Österreich reagierte wie angekündigt mit dem Abbruch der Beziehungen. Gegen Deutschland richteten sich vorerst alle Maßnahmen der Amerikaner. So wurde der Journalist George Creel zum Chef der Kampagne bestellt, mit der er die Bevölkerung überhaupt erst auf den Krieg einschwören sollte. Creel stampfte in kurzer Zeit das Committee on Public Information (CPI) aus dem Boden, das offen "propaganda-based diplomacy" betrieb. Am 2. September 1917 erging die Aufforderung Wilsons, "quietly" ein Gremium zu bilden, das Amerika Informationen zu diesem europäischen Irrsinn besorgen sollte. Das frühe Meisterstück lieferte "The Inquiry" - so nannte sich die Gruppe - mit den 14 Punkten, die Wilson am 8. Jänner 1918 verkündete. Später verfassten Mitglieder der "Inquiry" insgesamt 52 Papiere über Österreich-Ungarn, was einem Fünftel aller Berichte entsprach.

Doch Washington und Wien führen noch gar nicht Krieg gegeneinander. Zwischen April und Dezember 1917 befinden sich die faktischen Beziehungen irgendwie im Nebel. In der Library of Congress liegt ein zehnseitiges Memorandum "Unfriendly Acts of Austria-Hungary", datiert mit 20. November 1917. Der (nicht gezeichnete) Autor gab freimütig zu, seit der Kriegseröffnung gegen Deutschland im April habe Österreich keinerlei Rechte amerikanischer Staatsbürger verletzt und auch sonst wenig Grund dafür geliefert, dass Amerika nun auch gegen dieses Land Krieg führt.

Das Memorandum verbreitete sich nochmals über die Causa Dumba und die Ancona-Krise (Versenkung eines italienischen Schiffes durch einen vermeintlich österreichischen Torpedo, wobei Amerikaner zu Schaden kamen), Abschnitt drei erinnerte an Wiens Zusage: keine Versenkung ohne Warnung und Rettung von Menschenleben, außer wenn die Schiffe zu entkommen versuchen oder Widerstand leisten. Wien unterstützte aber weiter die Unterseepolitik Berlins, was Wilson dazu benutzte, den neu ernannten Botschafter Österreichs, Tarnowski, nicht mehr zu empfangen. Amerika schickte sich indes an, Schiffe, Nachschub und Geld nach Italien zu senden, was Österreich als unfreundlichen Akt auffassen würde. Ebenfalls dazu berechtigte die Anerkennung einer Regierung eines neuen Polen, gebildet aus Österreich unterstehenden Gebieten, seitens der USA. Insgesamt erweckte das Papier jedenfalls den Eindruck, dass für die USA kein Grund für eine kriegerische Auseinandersetzung mit Österreich bestand, jedoch umgekehrt die USA Österreich gute Gründe für einen eigenen Schritt schufen oder schaffen könnten. Trotzdem sprach die dann beschlossene Kriegserklärung von "repeated acts of war".

Als Wilson auch gegen Österreich den Krieg eröffnete, erhob sich im Kongress eine wichtige Stimme dagegen. Einen Text für die Rede, die Senator Robert LaFollette (Wisconsin) dabei halten wollte, beherbergt die Library of Congress. LaFollette zerpflückte die Argumente, die gegen Österreich ins Treffen geführt wurden, und deckte unbarmherzig das wohl wahre Motiv auf: Es ging um die jüngste Niederlage Italiens. Da die Regierung selbst zugab, dass seit April keine Änderung im Verhältnis zur Monarchie eingetreten war, sei jetzt auch keine Änderung im Verhalten der USA gerechtfertigt. Den Imperialismus Italiens zu unterstützen, das könne nicht zu den Zielen Washingtons gehören. Schließlich wandte sich der streitbare Senator den vielen Einwanderern aus der Doppelmonarchie zu, die jetzt als "enemy aliens" galten. Sie waren aber immer noch Staatsbürger des alten Reiches und sollten nun auf ihre eigenen Leute schießen, und wenn sie gefangen würden, drohte ihnen als Landesverrätern die Todesstrafe. Im übrigen entzog der Staat der Wirtschaft tüchtige Arbeitskräfte: Allein in den Kohlengruben in Pennsylvanien arbeiteten rund 70.000 Bürger Österreich-Ungarns.

Österreicher in den USA

Nun war also der Kriegszustand zwischen Washington und Wien hergestellt. Was aber hieß das? Zwischen den USA und der Monarchie wurde mit echten Waffen kaum gekämpft. Es ist nicht auszuschließen, dass unter den vielen Auswanderern einige - entweder als US-Bürger, versehen mit den "first papers", oder gar noch als Landsleute, freiwillig oder gewaltsam -im Heer der USA standen und in einem der Truppenkörper an der Westfront in Frankreich auf Österreicher geschossen haben. Erst im Herbst 1918 wurden einige Einheiten dorthin verlegt, doch kann ein direkter Kampf -trotz einiger kriegsgefangener Österreicher -ausgeschlossen werden. Also nur Papierkrieg ("Ein Separatfrieden mit Amerika, mit welchem wir eigentlich nur auf dem Papier Krieg führen, hilft uns aber gar nichts"; Außenminister Ottokar Czernin, 10. März 1918).

Was aber geschah nun mit den vielen Einwanderern aus Österreich? Binnen eines Jahres entstanden vier Gesetze: Espionage Act, Trading with the Enemy Act, Sedition Act und Sabotage Act. Feindliche Ausländer (Männer ab 14, die sich in den USA aufhielten und noch nicht naturalisiert waren) konnten festgehalten, in Sicherheitshaft genommen und ausgewiesen werden. Ab Dezember 1917 durfte man nicht sich in der Nähe von Flugplätzen oder Munitionsfabriken (wo aber viele Immigranten ihren Job hatten) aufhalten, das Land ohne Genehmigung verlassen und den Feind unterstützen oder eine Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit darstellen; man musste sich öffentlicher Kritik an der Regierung enthalten. Der Ausländer musste bei der örtlichen Polizeistation oder beim lokalen Büro der an sich privaten American Protective League vorsprechen.

Elf Monate Papierkrieg

Die Folge der amerikanischen Kriegserklärung an Österreich-Ungarn von Anfang Dezember 1917 stellte sich rasch ein: Wilsons Punkt 10 verlangte nur einen Monat später eine interne Änderung der Monarchie: Autonomie der Nationalitäten. Im Sommer 1918 wurde von den USA eine selbständige Tschecho-Slowakei als kriegführende Macht anerkannt. Als Kaiser Karl Mitte Oktober sein Manifest erließ, das Autonomie verhieß, verwies ihn Wilson an die Völker des Reiches. Masaryk in Amerika antwortete mit der Unabhängigkeit und wirkte an der Gründung einer Mid-European Union mit. Diese heute vergessene Organisation zerfiel über den internen Streitereien in kurzer Zeit. Österreich und Ungarn waren erst gar nicht eingeladen. Man fragt sich, weshalb man eine schaffen wollte, wo doch eine gerade zerstört wurde.

Was bleibt zu resümieren? Unser Land wurde schon im Ersten Weltkrieg nicht mehr wahrgenommen. Als im April in den USA des Kriegsbeginns gedacht wurde, lud man auch unseren Botschafter nach Kansas City ein, wo das offizielle Monument samt Museum der USA dazu steht. Der Krieg endete nach allgemeiner Anschauung am 11. 11. um 11 Uhr, doch für unser Land bereits am 3. November. Elf Monate dauerte dieser Papierkrieg zwischen Washington und Wien, und sowohl der Beginn als auch dessen Ende sind in Vergessenheit geraten. Die Auswirkungen sind allseits bis heute spürbar und ersichtlich.

Der Papierkrieg zwischen Washington und Wien 1917/18 Von Kurt Bednar Studienverlag 2017,508 S., geb., € 34,90

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