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RANDBEMERKUNGEN ZUR WOCHE

DIE STIMME OER GELEHRTEN. Im Anschiu an die zweite Genfer Atomkonferenz versam melien sich in Kifzbühel 69 international be kannte Gelehrte, unter ihnen zahlreiche Nobel Preisträger, zu ihrer driften „Pugwas'h-Konfe renz“, deren Schlußsitzung am letzten Wochen ende in Wien stattfand und zur bedeutsame Demonstration für den Frieden und die Abwen dung der Atomgefahr wurde. Der Theodoi Körner-Sfiftung und dem Bundespräsidenfe persönlich gebühr! das Verdienst, eine bereil früher verwirklichte Initiative des amerikani sehen Multimillionärs Cyrus Eaton aufgreifenc die Zusammenkunft der Wissenschaftler ermög licht und damit vor aller Welt den Standpunk der Oeslerreicher in dieser oft demagogisc verzerrt dargestellten Frage unmifjversfändlicl kundgetan zu haben. Die Erklärung, die anläfj lieh des feierlichen Schlußaktes in der Wiene Akademie der Wissenschaften als einstimmige Beschluß verlesen wurde, sprich! von der Ver pflichtung der Wissenschaftler, die Menschhei über die Gefahren, aber auch über die gro fjen, Gesundheit und Wohlstand bringende! Möglichkeifen eines ersf heranbrechenden wis senschaftlichen Zeitalters aufzuklären. Im Sinm dieser Forderung wurde eine Großversammluni in der Wiener Stadthalle abgehalten, bei de Wissenschaftler aus Amerika, aus der Sowjet union, aus Großbritannien, aus Indien und nocl anderen Ländern zur Wiener Bevölkerung spra chen. Wien wurde damit Zeuge einer sich im mer klarer abzeichnenden Wandlung, die, mi jahrtausendealten Traditionen brechend, in de Gelehrfenpsyche In unseren Tagen vor siel geht. Noch weiß niemand, ob es für ein dadurcl möglich gewordenes wirksames Eingreifen h das Weltgeschehen nicht schon zu spät ist.

FIFTY-FIFTY. An dieser Stelle wurde In de Vorwoche durch die „Furche“ unter dem Tife „P. b. b.“ eine Anregung des Verbandes ösfer reichischer Zeitungsherausgeber unterstützt, nacl der die begünstigte Versandart („P. b. b.') aus schließlich den inländischen Zeitungen unc Zeitschriften vorzubehalten sei, für die sie ge schaffen worden isf. Nun hat der Generaldirek for für die Post- und Telegraphenverwaltunc diesem Ansuchen entsprochen und damit be rechtigfen Interessen der österreichischen Press Rechnung getragen. Leider konnte er sich nich entschließen, das analoge Ansuchen zu be rücksichfigen, auch die begünstigte Expreßgut-beförderung auf österreichische Druckschrifter zu beschränken — eine generöse Geste gegen-über dem deutschen Nachbarn, der seinerseits weniger großzügig, den österreichischen Zeitungen in der Bundesrepublik jede Tarif ermäßiqung brüsk verweigert.-Wir werden alsc .die Schlammflut ausländischer Illustrierter, vielleicht ein wenig teurer, aber nach wie voi ,.evr.reß“ ins Land bekommen. Ein zweifelhafte! Erfolg.

PROSPERITY, KONJUNKTUR, WOHLSTAND

sind erfreuliche Zeiterscheinungen, an deren Früchte nahezu alle Menschen teilhaben. Sie geben erhöhte Kaufkraft, mit der allerdings auch die Ansprüche wachsen — manchmal in bedenklichem Ausmaß. Da haben wir zum Beispiel in diesem Jahr einen Obstsegen wie noch seifen in diesem Säkulum, In die Freude darüber {aller die Schatten der Absafzsorgen: Die Käufer sind durch andere Genüsse verwöhnt und kaufen zuwenig, vor allem keine billigen Sorten, die nun tonnenweise verfaulen. So hat dieser Tage ein Test, der von der Niederösterreichischen Landwirtschaftskammer zusammen mit einem Obsthändler in der Simmeringer Hauptstraße gemacht wurde, zu einem niederschmetternden Ergebnis geführt. Der Kaufmann stellte zwei Kisten Zwetschken gleicher Qualitäf, aber mit verschiedenen Preisen auf. Für die Ware aus der einen Kisfe verlangte er 2.40 Schilling, für die Zwetschken aus der anderen vier Schilling. Die „4-Schilling-Kiste“ war innerhalb von drei Stunden leergekauft, die „2.40-Schilling-Kisfe“ war am Abend noch halbvoll, .. Und hier beginnt die große Kaufkraft bedenklich und Wohlstand ein Frevel zu werden. Gibt es wirklich keine Armut mehr, der wenigstens die Abfälle der Ueppigen zugute kommen könnten? Die Hilfeschreie der SOS-Gemeinschaff sagen anders! Wir wünschen uns keinen Rückfall in Krise und Armut. Aber wir wünsohen uns mehr Moral, mehr Haltung, die sich des Ueberflusses erst würdig erweist. An den „Früchten“ sollt ihr sie erkennen ..,

DAS GOLDENE ZEITALTER der österreichischen Hochschulen scheint anzubrechen. Die geburtenstarken Jahrgänge 1939 bis 1945 werden allmählich flügge, und der Zustrom der Ausländer konkurriert mit Erfolg schon mit den Prunkzahlen des österreichischen Fremdenverkehrs. So kommt es, daß nach der Oesterreichischen Hochschul-sfatistik (Wintersemester 1957/58) des Oesterreichischen Statistischen Zentralamtes im Wintersemester 1957/58 nicht weniger als viereinhalbtausend Hörer mehr als im Vorjahr studiert haben. Der Zuwachs betrug 19 Prozent, die absolute Hörerzahl 27.296. Solche Zahlen gab es sonst nur im Auftrieb der unmittelbaren Nachkriegszeiten. Erstmals nahmen auch die inländischen Hörer zu, und zwar nicht nur die oberwähnten 19jährigen, sondern auch 22jährige, das heißt richtige Vorkriegsjahrgänge — ein echter Zuwachs also, der dem erhöhten Hochschulinteresse überhaupt zuzuschreiben ist. Natürlich stieg auch die Anzahl der Ausländer in den letzten drei Jahren um 1000, 1600 und 2300, zuletzt auf 8376. Damit ist jeder dritte Studierende in Oesterreich Ausländer, und ihre absolute Anzahl ist höher als jemals in der ersten oder zweiten Republik oder in der Monarchie (des heutigen Staatsgebietes). Auch die Frauen emanzipieren beharrlich: sie stellten 22 Prozent, ein Jahr zuvor noch 21 Prozent, unter den österreichischen Hörern allein sogar 25 Prozent. Trotzdem ist das Gerede von einer „Ueber-füllung der Hochschulen“ oder „Ueberproduktion von Akademikern“ sinnlos. Wir brauchen nicht nur mehr Wissenschafter, Aerzte und Techniker, sondern überhaupt mehr Wissen, Fleiß und Einsicht, um die tausend Probleme der Zeit zu meisfern. Dazu können unsere Hochschulen mithelfen — wenn sie die Chance der „Aetas aurea“ nützen.

FRANZOSEN IN RUMÄNIEN — UNERWÜNSCHT!

Einer Nachricht zufolge, die von Agence France Presse und UP ausgegeben wurde, hat die rumänische Regierung vor kurzem alle in Rumänien lebenden Franzosen aufgefordert, entweder die rumänische Staatsbürgerschaft anzunehmen oder das Land innerhalb von 48 Stunden zu verlassen. — Diese Maßnahme wäre so grotesk und widerspricht der Geschichte und der kulturellen Entwicklung gerade dieses Landes auf eine Weise, daß man daraus nur auf eine völlige Kopflosigkeit des gegenwärtigen Regimes schließen könnte. — Die ehemalige römische Grenzkolonie wurde vor allem mit Frankreichs Hilfe zur „Romania Mare“, dem Großrumänien von 1918. Nach dem ersten Weltkrieg war Frankreich nicht nur Beschützer und Berater des jungen Staates, sondern von hier empfing Rumänien auch die wichtigste Förderung und Anregung auf kulturellem Gebiete. Nach französischem Vorbild fand in Rumänien die Revolution von 1848 statt, als deren Folge die Vereinigung der Fürstentümer Moldau und Walachei angesehen werden kann, und die französische Literatur des 18. und des 19. Jahrhunderts war es vor allem, die übersetzt und nachgeahmt wurde: von Moliere und Boileau, Voltaire und Montesquieu über die Romantik eines Musset und Lamartine bis herauf zu den Symbolisten. — Vasile Alecsandri, der repräsentative Dichter der Rumänen im 19. Jahrhundert, war französisch erzogen, lebte von 1834 bis 1839 in Paris und kehrte, von Napoleon und Cavour ehrenvoll empfangen, nach seiner Verbannung dahin zurück. Aber das ist nur ein Beispiel unter vielen. Wie viele rumänische Schriftsteller, Künstler und Gelehrte wurden Wahlfranzosen, und der Ehrgeiz der rumänischen'Mefropole, Bukarest, war es immer, ein kleines Paris zu werden (wobei freilich der alte Barthou anläßlich eines Staatsbesuches in Rumänien bei einem Bankett gesagt haben soll, daß er zwar diesen Ehrgeiz begrüße, anderseits aber wünsche, daß Paris nicht eines Tages ein kleines Bukarest würde...). Die Franzosen, deren Sprache man in den oberen Kreisen sprach und in allen Mittelschulen von der ersten Klasse an (ehrte, waren die am liebsten gesehenen Gäste, und weder das Volk noch die Intellektuellen Rumäniens werden diesen unbedachten Schrift der Regierung von heute verstehen. Zwar wurde, nach einem Protest der französischen Regierung bei dem rumänischen Geschäftsträger in Paris, ein dahin lautendes „Dementi“ abgegeben, daß es sich vorläufig nur um eine „Registrierung“ handle. Aber ein Haar bleibt in der Suppe.

STUTZPUNKTE UND MENSCHEN. Seit dem Beginn des Bombardements von Quemoy am 23. August ist kein Tag vergangen, ohne daß sich die Weltöffentlichkeit mit der Lage in der Straße von Formosa eingehend beschäffigf hätte. Unter jedem erdenklichen Gesichtspunkt werden die militärischen wie politischen Seifen und die Gefahren des Problems immer wieder behandelt; angefangen von den mutmaßlichen rofehinesischen Plänen, den Aussichten für die weitere Verteidigung von Quemoy und den übrigen Teilen des nationalchinesischen Machtbereiches und der Zweckmäßigkeit oder Unsinnigkeit einer eventuellen Flottenaktion der Amerikaner gegen die kommunistischen Küsfen-sfellungen bis zu dem sogar von einigen westlichen Stimmen befürworteten Gedanken eines amerikanischen „disengagemenf“, also der Preisgabe der letzten Reste Nationalchinas, einschließlich Formosas selbst. Nur eines scheint man bei all diesen Betrachtungen vergessen zu haben: die Tafsache, daß die heute dem Regime Tschiang Kai-schek unterstehenden Inseln nicht bloß Stützpunkte sind, sondern daß dort, außer der bodenständigen Bevölkerung, mehr als fünf Millionen „zivile“ Festlandchinesen leben, Flüchtlinge, denen es gelungen war, sich vor der kommunistischen Ueberflufung ihrer Heimat in Sicherheit zu bringen. Das furchtbare Schicksal, das diesen Menschen — Hunderttausende von Christen sind unter ihnen — im Fall ihrer Ueberlieferung in die Hände Mao Tse-tungs zufeil würde, müßte, so sollte man meinen, bei den weiteren Entschließungen der amerikanischen Schufzmachf und überhaupt für die Haltung des Westens zur Formosa-Frage nicht die letzte Rolle spielen.

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