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Randhemerhungen zur woche

AUS DER WORTREICHEN BUDGETDEBATTE dieses Jahres verdienen vor allem zwei Begebenheiten testgehalten zu werden. Da erfolgte plötzlich aas den Reihen des Koalitionspartners eine heilige Attacke gegen die Person des neuen Außenministers. Vergessen sind anscheinend die langen Jahre, in denen Sozialisten einer Regierung angehörten, an deren Spitze niemand anderer als eben Ing. Figl stand, vergessen das in warmen, menschlichen Worten gehaltene Dankschreiben des Bundespräsidenten an den Altbundeskanzler, vergessen schließlich auch der betont — vielleicht sogar zu betont — loyale Ton der sozialistischen Presse, als Figl die Kanzlerschalt an seinen Nachfolger abgab. Jetzt schießt man mit vergüteten Pfeilen. Daß der Schütze nicht ein beliebiger kleiner Scharimacher, sondern der wegen seiner oft gerühmten Besonnenheit über den Rahmen seiner Partei hinaus geachtete Bürgermeister von Linz, Koref, ist, verdüstert die Szene. Noch vor kurzem hat ein englischer Historiker eine Betrachtung der jüngsten österreichischen Geschichte Dr. Gleißner und Dr. Koref und „dem Beispiel der Zusammenarbeit, das diese Männer ihren Parteien geben“, in aller Form gewidmet. Nun ist Dr. Koref unverständlicherweise darauf aus, seinem guten politischen Ruf Abbruch zu tun. Diesem unerfreulichen Zwischenspiel •— es möge ein solches bleiben —. folgte aber die einmüiige und lebhafte Anteilnahme aller Parteien des „Hohen Hauses“, als das Stichwort „Südtirol' gefallen war. Hinter allen nüchternen Worten, die von den Mängeln und der Durchlöcherung des Pariser Abkommens sprachen, barg sich dasselbe heiße Gefühl einer durch keinerlei Grenzen zu beirrenden inneren Verbundenheit, das den Wanderer durch die Südtiroler Bergwelt heute ebenso ergreift wie ehedem. Ein „Irredentis-mus“ mit umgekehrten Vorzeichen liegt unserem Volk bestimmt nicht, allein zwischen dem Brenner und der Salurner Klause darf man die Gewißheit haben, in Oesterreich, seiner Regierung und seiner Presse stets beredte Fürsprecher für alle Anliegen der Südtiroler zu finden.

TATEN, NICHT WORTE — scheint inmitten der großen Familienauftriebsbewegung das Motto der Stadtgemeinde Innsbruck und ihres klugen und tatkräftigen Oberhauptes, Bürgermeisters Dr. Greiter, zu sein. Zwei besondere soziale Hilfsmaßnahmen für die Familien dieser* Stadt dürften heute wohl beispielgebend für Stadt und Land in ganz Oesterreich sein: der Innsbrucker ermäßigte Gas- und Stromtarif und der „Familien-Zins“. Den 50 Prozent ermäßigten Haushalttarif genießen alle Familien, deren Nettoeinkommen (durch Abzüge für Frau und jedes Kind entsteht beinahe eine Art der idealen „Pro-Kopf-Einschätzung“!) eine bestimmte Höhe nicht überschreitet. Wie großzügig diese Berechnung ist, geht daraus hervor, daß beispielsweise der Familienvater von zehn Kindern noch 4410 S netto monatlich verdienen darf, um in den Genuß der Begünstigung zu kommen. 16.734 Personen in 5275 Hanshalten nehmen daran teil. Dabei fällt auf den ersten Blick der Kinderreichtum der Stadt auf. Allein unter den Begünstigten gibt es 7 Familien mit 10 und mehr Kindern, 3 mit 9, 14 mit 8, 30 mit 7, 48 mit 6, 127 mit 5, 262 mit 4, und 550 mit 3 Kindern! Auch der „soziale Mietzins“ folgt ähnlichen Grundberechnungen; man zieht vom Nettolohn, der schon großzügig tief angesetzt wird, auch noch für Gattin, Kinder h. a. 180 S pro Kopf ab. 20 Prozent des so errechneten Meßbetrages beträgt die Miete. 2 Millionen Schilling jährlich kostet die Stadtgemeinde diese Begünstigung, 1,4 Millionen Schilling der ermäßigte Tarif. Und doch scheint uns die Gemeinde dabei, abgesehen von allen ideellen Erwägungen, noch im besten Sinne des Wortes ein gutes, gesundes Geschäft zu machen — denn, Kinder sind, neben vielem anderen, auch Arbeiter, Produzierende, Werteschaffende von morgen, die diese Ausgaben einmal reichlich hereinbringen können. So denkt und praktiziert es eine österreichische Stadt mit kaum hunderttausend Einwohnern —, könnten davon nicht auch größere Gemeinschaften lernen? *

21 LANDER STEHEN DERZEIT AUF DER WARTELISTE DER UNO, die bekanntlich mit dem Ziel begründet wurde, eine weltumspannende Vereinigung aller friedliebenden Völker zu sein. Fast 70 Sitzungen des Sicherheitsrates haben sich bereits vergeblich mit den Aufnahmeansuchen der 14 Staaten beschäftigt, die vor zwei Jahren gemäß eines britisch-sowjetischen Kompromißvorschlages kooptiert werden sollten. Hiervon waren neun Kandidaten der westlichen Welt (Finnland, Italien, Portugal, Irland, Jordanien, Oesterreich, Ceylon, Nepal und Libyen), fünf der Sowjetunion (Albanien, Bulgarien, Rumänien, Ungarn und die Mongolei). Auch auf der jetzigen Tagung ist dieser alte Plan der 14 Zulassungen wieder vorgebracht worden, doch haben sich die Umstände bis dahin wesentlich kompliziert. Amerika schlägt nun auch Japan vor, Frankreich die drei Teilstaaten von Indochina (Kambodscha, Laos und Vietnam), Rußland deren Gegenspieler Vietminh und Noidkorea,

die USA replizieren mit dem Vorschlag von Südkorea. In noch Ungewisser Zukunft wirr auch die Frage der Mitgliedschaft von Spanien und der westdeutschen Bundesrepublik zu Diskussion gestellt werden müssen. Die U, sind, wie man sieht, ein recht exklusive: Zirkel. Die Schwierigkeiten, welche die bereits eingesessenen Mitglieder den neuen Aufnahmewerbern bereiten, scheinen in der Praxi' beinahe unüberwindlich. Und die Ursache dessen liegt so tief, daß eine Aenderung in näherer Zeit nicht leicht zu erwarten ist tt

ALS ERSTER STAATSGAST kam nach vielen Jahren der amerikanische Vizepräsident Nixon nach Japan. Welche geistige und politische Situation er hier vorfindet, darüber berichtet in oiiener Weise P. Josef Aulicky SVD. der „Furche“ in einem Brief aus A k i l a : In der einem Wirbelwind gleichenden Reise wird es nicht leicht für Nixon sein, Japan wirklich kennenzulernen. Der wirtschaftlich denkende Amerikaner wird sich vielleicht gerech, 'erweise empören, wenn er die Sintflut von teuersten Limousinen in einem Lande sieht, dos in seinem Auslandshandel in diesem Jahr ein Defizit von 1.000,000.000 US-Dollar zu erwarten hat. Nixon wird kaum erlreut sein, die Flut von antiamerikanischen Publikationen in jedem Buchstand des Landes zu sehen, einem Land, das von der generösen Hille Amerikas während der letzten ach! Jahre sich von einer ökonomischen Krise zu der anderen rettete. Nixon wird die ungeheure Mengen an Geld verschlingende japanische Army kaum verstehen, die tatsächlich keine militärische Macht darstellen kann. Nixons Reise durch Japan enthält keine Besuche bei Bauern und Fischern, die jetzt ärmer sind als vor dem Krieg mit Korea, Der Profit, der aus dem koreanischen Krieg nach Japan floß, hat den arbeitenden Klassen nichts eingebracht. Es hat nur den großen Geschäftskonzernen und Kaufleuten, jenen also, die gerade einstens die Okkupation vernichten wollte, genützt. Nixon wird keine Gelegenheit haben, japanische Schulen zu besuchen. Die Studienkurse sind auch heute noch keine vollständigen Kurse m Geschichte und Geographie, da die Okkupation fürchtet, daß die Kinder dadurch zu Ultranationalisten und Militaristen erzogen werden. Die japanischen Kommunisten, von der Okkupation aus den Gefängnissen beireit, haben nur ein Mitglied im Hause der Volksvertreter. Die Kommunistische Partei hat aber eine nicht unbeträchtliche Anhängerschaft unter den leichtgläubigen und auch wirtschaftlich schwer leidenden Arbeitern. Die Industrie und die Beamten leiden unter einer durch den plötzlichen Geschäitsschluß mit den Kriegsmaterialien für Korea hervorgerufenen Inflation. Und alle Japaner, die für die selbstlose Hilfe der Amerikaner während der Okkupation sehr dankbaren Herzens waren, müssen nun erfahren, daß 2,000.000.000 Dollar Hilfe auf der Schuldseite geschrieben wurden. Der „Anti-Yankeeismus“, der in den letzten Jahren Japan überflutet, kommt teils aus dieser Desillusion und auch aus der kommunistischen Propaganda. Es muß aber auch gerechterweise gesagt werden, daß die Amerikaner viele Freunde im Land gewonnen haben. Der Besuch Nixons könnte jedenfalls viel dazu beitragen, das politische Klima zu verbessern.

DIE WAHLEN IM SUDAN haben einen Sieg der proägyptischen Unionspartei gebracht, die die „Vereinigung des Niltales“, versteht sich

unter direkter oder abgeleiteter ägyptische! Herrschaft, auf ihre Fahnen geschrieben hat. Das neugewählte Parlament wird nach drei Jahren über das weitere staatsrechtliche Schicksal des Landes zu entscheiden haben. Man spricht aber schon heute davon, daß die Unionspartei diese Frist nicht abwarten werde. Damit würde dann Aegypten jene fast bis zum Aequator reichende Ausdehnung gewinnen, welche die „Furche“ schon vor sechs Jahren (1947: Nr. 111/15) in der Fassung „Von der Nilmündung bis zu den Mondbergen“ präzisiert hat. Eine bedeutsame wirtschaftliche und politische Macht würde diese: neue Staat in Händen halten und mit seinen rund 30 Millionen Einwohnern der gewichtigste selbständige afrikanische und volkreichste arabische Staat des Nahen Osten werden. Da die Arabische Liga in Kairo ihre politische Zentrale hat and von dort aus ein dichtes Netz von Fäden zu den Unabhängigkeitsparteien in Tunis, Algier und Marokko führt, verdienen diese Wahlen im uns entlegenen Sudan in Europa sehr ernst genommen zu werden. Zunächst werden sich ihre Folgen bei den Suezkanal-Verhandlungen bemerkbar machen, die bisher von beiden Seiten abwartend geführt wurden. Es ist bemerkenswert, wiederum zu sehen, wie im Zeichen einer nationalen Bewegung die beste als fremdländisch empfundene Verwaltung — und die britische im Sudan kann geradezu als mustergültig bezeichnet werden — ohne Besinnen gegen eine viel schlechtere einheimische getauscht wird.

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