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Saures vom Junior

Einem Portugal-Flugblatt verdanken wir endlich die Antwort auf die bange Frage, warum sich Kanzler Kreisky denn gar so furchtbar über seinen linken Sohn ärgert und warum er bei jeder Gelegenheit mit solcher Vehemenz gegen alle jene herzieht, die es wagen, bei Demonstrationen in kommunistischer Gesellschaft gesehen zu werden (wofür es auch schon demokratisch unanfechtbare Anlässe gegeben haben soll).

Immerhin, das Flugblatt „Portugal braucht unsere Solidarität“ verkündet Interessantes. So zum Beispiel, daß die portugiesischen Massenmedien eigentlich sehr viel freier seien als. die österreichischen, weil in der Hand des Staates, von Zeitungsgenossenschaften oder Parteien befindlich. „Außer bei den Parteizeitungen“, heißt es im Flugblatt, „erkämpften die Redakteure in Vereinigung mit den Druckern das Recht, die Linie der Zeitungen zu bestimmen.“

Harte Kritik wird den portugiesischen Sozialisten unter Mario Soa-res zuteil: Wenn sie glauben, „durch eine mehr oder weniger bruchlose Übernahme parlamentarisch demokratischer Lebensformen in Portugal, Mißstände der Ostblockstaaten zu verhindern“, so übersehen sie dabei, „daß Demokratie in einer von Unternehmern beherrschten Gesellschaft recht begrenzt ist“.

Um wieviel besser die portugiesischen Journalisten dran sind, um wieviel größer die portugiesische Pressefreiheit ist, das erkennt man schon — aus dem Flugblatt geht es klar hervor — an den Lügen der österreichischen Presse über Portugal.

Die Wahrheit steht nämlich nur in jenem Flugblatt, für das Peter Kreisky verantwortlich zeichnet. Papas Ausfälle sind sehr verständlich. Freund Soares wird sich schon bei ihm beschwert haben — oder es bald tun. Recht hätte er jedenfalls.

So nicht!

Protestbriefe sind Mode. Und es ist ehrenwert und durchaus notwendig, gegen die Unmenschlichkeit in aller Welt zu protestieren, wenn man schon sonst nichts gegen sie tun kann. Löblich auch, wenn sich Unbekannte dabei hervortun.

Außer, es geschieht so, wie es sich ein uns unbekannter Hans Pretter-ebner vorstellt, der Resolutionen zur Unterschrift aussendet, in denen gegen alles protestiert wird, was böse und kommunistisch ist, und gegen nichts, was böse und nichtkommunistisch ist.

Ein Protest gegen die Hinrichtung politischer Gegner in den sozialistischen und kommunistischen Staaten Afrikas, Asiens und Osteuropas, der rechtsorientierte Unmenschlichkeit nicht zur Kenntnis nimmt, ist genau so viel wert wie die Resolution jener, die Unmenschlichkeit nur dort sehen, wo sie sich mit dem Ettikett „faschistisch“ versehen läßt und für alles andere blind sind.

10 Millionen

Zu einer Zeit, da allerorts zur Sparsamkeit mit öffentlichen Geldern aufgerufen wird, geschieht dies auch auf dem Gebiet der Kunst nicht vergebens. Zum Beispiel in der Bundesrepublik. So hörten wir vor kurzem ein Interview mit dem Hamburger Intendanten Boy Gobert, der sagte, daß für ihn die Befolgung der Aufforderung zur Sparsamkeit etwas ganz Selbstverständliches sei. Und der Westberliner Senat hat das Budget der Deutschen Oper Berlin um 700.000 DM gekürzt — und diese Summe einer in Not geratenen Avantgarde-Bühne zukommen lassen. Und wo sind die Zeiten, als der große alte Mann des Theaters, Erich Walter Schäfer, dieser Urschwabe und daher auch Sparer, mit seinem Ministerpräsidenten Filbinger um einen einmaligen Zuschuß vom drei Millionen für seine Bühnen rang — und dann hochzufrieden war, als man ihm 1,5 Millionen bewilligte? (Nachzulesen in den überaus, soeben erschienenen, lehrreichen und sympathischen Lebenserinnerungen Professor Schäfers.)

Anders bei uns, da man in die

Neuausstattung einer Oper nicht weniger als fünf Millionen Schilling investiert.

Über die prinzipielle Frage, warum eine gute und schöne Ausstattung nicht unbedingt auch eine sündteure sein müsse, könnte man eine ganze Abhandlung schreiben. Wobei wir gar nicht auf dem weisen Wort Brechts insistieren wollen, daß „nur ein armes Theater ein gutes Theater“ ist. Denn es leuchtet wohl jedem ein, daß die „Mutter Courage“ billiger zu inszenieren ist als etwa „Der Rosenkavalier“. Aber es ist ein Irrtum, der fast schon an Dilettantismus grenzt, zu glauben, daß nur mit echtem Material und mit massiven Bauten, wie dies in den Wiener „Meistersingern“ geschehen ist, auch ein optimaler optisch-künstlerischer Effekt zu erzielen sei. Denn: nicht ein echter Perser oder echte teure Pelze machen auf der Bühne den vorteilhaftesten Eindruck, sondern oft Gemaltes und Imitationen. (

In Wien wurden die Kosten zusätzlich dadurch gesteigert, daß ein Teil 'der'massiven'Baute außerhalb •der bundesöieatereigenen Werkstätten angefertigt werden mußte. Und was das bedeutet, kann sich auch der blutigste Laie ausmalen.

Für den kulturbewußten, aber trotzdem kritischen Österreicher sind die zehn Millionen, die die ganze Aufführung gekostet hat, schwer zu verdauen, weil er gerade in diesen letzten Wochen immer wieder davon las und hörte, wie da zwischen Bund und Ländern, Staat und Stadt um jene sieben Millionen gerungen wird, die sämtliche Länderbühnen als jährliche Subvention benötigen, um weiterexistieren zu können.

Denn: wem, letztenendes, kommen solche Luxusproduktionen zugute? Einer bestimmten Wiener Gesellschaftsschicht (wobei wir vor allem den jungen Opernenthusiasten alles Gute gönnen) und den ausländischen Besuchern!

Gewiß, das geht auch zugunsten der Image-Pflege der Wiener Staatsoper. Aber ob sie in diesem Ausmaß gerechtfertigt ist? Wir schließen absichtlich mit einer Frage, die an alle gerichtet ist, die ein Vielmillionen-budget, also sozusagen Un-Summen, für ein kleines Land zu verwalten haben.

Plötzlich schnell

Kaum einen Monat nach der Wahl wurden nun die gefeuerten Bauringdirektoren von der Staatsanwaltschaft unter Anklage gestellt. Selbstverständlich hat dieses Timing nichts mit politischen Terminen zu tun, es handelt sich um einen reinen Zufall. Richtig ist nur, daß die Anklageerhebung vor der Wahl für die SPÖ unangenehm, besonders unangenehm gewesen wäre. An mehr zu denken wäre unfair. Richtig ist natürlich auch, daß die Staatsanwaltschaft an die Weisungen des Justizministers gebunden ist, aber auch dies hat selbstverständlich nichts damit zu tun, daß die Anklage nach der Wahl erhoben wurde.

Wir gehen sogar soweit, daß der Justizminister, bemüht, den Fall

Bauring so schnell wie möglich zu klären, auch vor der Wahl alles in seiner Macht Stehende unternommen hat, um noch vor der Wahl zu einer Anklageerhebung zu gelangen. Er muß, anders kann es gar nicht sein, täglich mehrmals mit den zuständigen Beamten telephoniert und sie zur Eile angespornt haben. Aber alle Anstrengungen waren vergeblich. Es ging und ging sich nicht aus. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt.

Statistisches Rätsel

Die Fachleute für die Unfallstatistik beißen sich an einem positiven Rätsel die Zähne aus. Worauf ist es zurückzuführen, daß im dritten Quartal des laufenden Jahres die Zahl der Verkehrsunfälle sowie die Zahl der Todesopfer so stark zurückging, daß man das Niveau des Jahres 1968 wieder erreicht hat? Und dies nach einem erheblichen Ansteigen der Unfallzahlen im ersten Halbjahr, das dazu führte, daß die Zahl der Verletzten und Toten erheblich über den Zahlen von 1974 lag?

Niemand weiß es. Man weiß nur, daß von Jänner bis September auf Österreichs Straßen 50.000 Menschen verletzt wurden und 1613 starben — gegenüber 50.000 Verletzten und 1562 Toten im gesamten Vorjahr. Die Trunkenheit am Steuer ging 1975 um 3,4 Prozent zurück.

Es wäre wichtig, dieses Rätsel zu lösen, um Ansatzpunkte für eine weitere Senkung der Unfallzahlen zu gewinnen. Möglicherweise werden die neuen, vom statistischen Zentralamt entworfenen Unfallerhebungsblätter einen sehr wesentlichen Beitrag dazu leisten, die Sicherheit auf unseren Straßen zu erhöhen. Denn Information ist die Mutter aller Maßnahmen, und Informationen werden nun endlich in reicherem Maß in die Computer gelangen. Die neuen'Erhebungsblätter fragen nach sehr viel mehr Einzelheiten jedes Unfalles — bis hin zu der Frage, ob in den Fahrzeugen Kopfstützen angebracht, ob Sicherheitsgurten angelegt waren und wie sie sich ausgewirkt haben.

Nur Nostalgie?

In Triest, in den Ortschaften Friauls, nun auch in Südtirol und im Trentino sind seit einiger Zeit Postkarten käuflich zu erwerben, die auf der Vorderseite den Kopf Kaiser Franz Josephs und das „Serbi Dio“, die italienische Version der ersten Strophe des „Gott erhalte“, zeigen. Auf der Rückseite kann der Fremde (und vor allem der erstaunte zweitrepublikanische Österreicher) eine Erklärung lesen, die in deutscher Übersetzung wie folgt lautet: „Franz Joseph I., Kaiser von Österreich (geboren 1830, Thronbesteigung 1848, gestorben 1916), letzter König Lombardo-Venetiens, bis die Welle des Nationalismus das Zentrum Europas in seine Teile zerriß.“ Und dann, zitiert nach dem bekannten italienischen Literaturforscher Claudio Magris: „Er trug eine übernationale Krone, deren Kraft sich noch aus dem Heiligen Römischen Reiche herleitete. Er mußte den Untergang dieser Tradition, im barbarischen Aufstand der neuen Zeit erleben. Aber er verkörperte immer noch ein Reich, dessen Hymne in 13 Sprachen gesungen wurde und eine bunte Vielfalt von Völkern vereinte — von Czernowitz bis Salzburg, von Triest bis Lemberg; diese Völker alle fanden sich im gemeinsamen Symbol, dem Doppeladler, zusammen und allen gemeinsam war, bis in die fernsten Winkel des österreichischen Machtbereichs, die Korrektheit der Beamtenschaft und eine von Skepsis gezügelte Lebensfreude. Franz Joseph verkörperte dieses Reich. Die Mäßigung und die Toleranz, mit der er seine Macht ausübte, prägte ihn zur Institution.“

Claudio Magris schrieb diese Sätze nicht irgendwo, sondern in der größten Zeitung Italiens. Im Mailänder „Corriere della Sera“.

Nix daitsch

Tabak-Trafik in Wien. Südeuropäer (oder Nordafrikaner?) sucht sich verständlich zu machen. Verkäuferin, ältlich, läßt den in solchen Fällen landesüblichen Charme los und zischt haßerfüllt: „I varsteh Ihna net.“ Wendet sich, immer noch wutkochend, anderen Kunden zu.

Man will Österreichs Ansehen retten, will vor allem beweisen, daß es anders und freundlicher doch besser und ganz leicht geht, sagt: „Do you speak English?“ — „No. Lita.“ — „Vous parlez Frangais?“ — „No.“ — „Irtaliano? Espafiol?“ — „No. Lita.“ — „Jugoslovensko?“

Gescheitert. Was heißt „Lita“? Ist das eine Nationalität? Heißt es „Ansichtskarte“ auf türkisch? Oder „Zigaretten“ auf arabisch? Oder „Briefpapier“ auf persisch?

Trotzdem: ein freundlicher Blick ging dabei von Mensch zu Mensch.

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