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Die häßlichen Amerikaner

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Amerika hat jetzt gleich mehrere Male zugeschlagen, und mit jedem Schlag traf es vermeintliche oder,wirkliche Freunde, Verbündete oder Vasallen. Der erste Schlag erfolgte in Form der sich zur Weltwährungskrise ausweitenden Dollarkrise. Der zweite Schlag traf Amerikas Handelspartner durch die Einführung der protektionistischen Importabgabe. Der dritte Schlag galt der Entwicklungshilfe. Flankiert wurde diese Schlagserie durch eine Reihe weiterer Kniffe und Stöße, wie sie etwa erfolgten, als Amerika sich durch neue Hinweise und Drohungen der Ausweitung der EWG querlegte. Was immer in der Welt an antiamerikanischen Emotionen aufgestaut war, jetzt konnte es aus „berechtigtem Anlaß“ aufwallen. Der absolut häßliche Amerikaner betritt die Szene der Weltpolitik.

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Amerika hat jetzt gleich mehrere Male zugeschlagen, und mit jedem Schlag traf es vermeintliche oder,wirkliche Freunde, Verbündete oder Vasallen. Der erste Schlag erfolgte in Form der sich zur Weltwährungskrise ausweitenden Dollarkrise. Der zweite Schlag traf Amerikas Handelspartner durch die Einführung der protektionistischen Importabgabe. Der dritte Schlag galt der Entwicklungshilfe. Flankiert wurde diese Schlagserie durch eine Reihe weiterer Kniffe und Stöße, wie sie etwa erfolgten, als Amerika sich durch neue Hinweise und Drohungen der Ausweitung der EWG querlegte. Was immer in der Welt an antiamerikanischen Emotionen aufgestaut war, jetzt konnte es aus „berechtigtem Anlaß“ aufwallen. Der absolut häßliche Amerikaner betritt die Szene der Weltpolitik.

Das alles ist nicht von ungefähr gekommen und innig verfilzt mit vielen Zügen und Komplexen der Weltpolitik. Und fast alle Wurzeln dieser plötzlichen Ereignisse reichen weit zurück.

Die Vereinigten Staaten von Amerika gingen als wahre Supermacht aus dem zweiten Weltkrieg hervor, den seine Alliierten ohne Hilfe der USA wohl kaum, mit Sicherheit aber nicht so bald und nicht so total gewonnen hätten. Freilich, die USA hatten dafür einen vergleichsweise geringen „Blutzoll“ zu leisten, das Land blieb unbehelligt und unzer- stört, ja es wurde sogar durch kriegswirtschaftliche Antriebe ungemein reicher. Als die Amerikaner den Krieg gegen Japan mit Atombomben beendeten, die sie damals ganz allein besaßen, schien das „amerikanische Jahrhundert“ als eines, in welchem die USA die unbestrittene Führerschaft der Welt haben würden, angebrochen. So zumindest sah es der überwiegende Teil der Amerikaner selbst und ein sehr großer Teil der übrigen Welt auch.

Die Weltpolizisten

Anders als ihre europäischen Bundesgenossen und Gegner in solchen Fällen, verhielten sich die Amerikaner: Statt nach dem Siege nach Lust und Willkür zu herrschen, die besiegten Länder restlos auszunehmen und die zuvor von diesen fast besiegten Verbündeten mit terminisierten Rechnungen zu überschütten, machten sie sich im Vertrauen, daß „das Gute immer siegt“, daran, die zerstörten Teile der Welt durch enorme Hilfen wieder instand zu setzen. Das geschah natürlich nicht ohne eine Einbeziehung auch subtiler wirtschaftlicher und politischer Interessen Amerikas selbst, aber das ist eine ganz natürliche Sache. Gerade Europa müßte das wissen!

Später wurden die USA zu so etwas wie einem Weltpolizisten, der die durch Entkolonialisierung und durch den Rückzug der europäischen Mächte aus der Welt überall entstehenden Vakua noch vor den Sowjets füllen sollte. Schließlich mußte Amerika zuerst im Atlantikpakt, dann in der NATO und schließlich noch da und hier und dort in der Welt als Superschutzmacht auftreten. Der Kalte Krieg, sehr oft und an vielen Stellen nicht im amerikanischen, sondern im Interesse mit Amerika verbündeter Staaten ausgebrochen, hatte begonnen. Den Löwenanteil der Kosten trug Amerika, die aber, welchen der Schutz galt, sparten bei der Rüstung, wurden nachlässig bei der Mitwirkung am Schutze, distanzierten sich von der Sache oder drückten sich sonstwie herum. Dafür eroberten sie immer größere, ja Großteile des Welthandels’ und entwickelten sich zur härtesten Konkurrenz der Schutzmacht.

Bald wurde Amerika (Ami go home) als „lästiger Anwesender“ empfunden, aus dem Weltpolizisten war in den Augen der vielen bloß eine Art störender Hilfspolizist geworden, den man nur sehen wollte, wo man ihn ausdrücklich um Hilfe bat. Man sparte nicht mit gescheiten und dummen Ratschlägen und Vorwürfen an „die Amerikaner“. Doch wenn diese sich irgendwo abzugsbereit zeigten oder die Zahl ihrer

Schutztruppen auch nur „verdünnen“ wollten, entstand neues Geschrei, und gerade die zuvor heftigsten Kritiker ermahnten die Amerikaner, nicht vor ihrer großen Aufgabe als Weltmacht zu versagen! Schließlich fing de Gaulle damit an, gezieltere Schüsse abzugeben. Weltweite Konspirationen wurde geschlossen, der Dollar aufs Korn genommen — wenn auch vorerst mit dem Ergebnis, daß zunächst der Franc ins Rutschen kam — an England wurde die Gretchenfrage gestellt: „Amerika oder Europa“, in der häufig statt Europa das Wort „Frankreich“ mitzuschwingen schien, und auch die EWG entwik- kelte eine zumindest nicht gerade US-freundliche Strategie.

Die Entwicklungshelfer

Entwicklungsländer, die untereinander noch einige Rechnungen offen hatten — und da gibt es viele offene Rechnungen! — fanden ein passables System der Erpressung heraus, und wo es nicht zog, bat man, zumeist die eigenen Möglichkeiten kraß überschätzend, Russen oder Chinesen herbei, stets im Optimismus befangen, so könne es gelingen, die Weltmächte gegeneinander auszuspielen, zugleich aber mit deren Geld eigenwillige und nicht selten nahezu völkermörderische Absichten zu verwirklichen. Das alles geschah unter dem Schutz des „atomaren Patts“, in das die Weltmächte teils aus eigenem Antrieb, teils aus fremdem, geraten waren und das zu erhalten geradezu wahnwitzige Rüstungsanstrengungen erforderlich macht, die zu bezahlen zumindest im Westen als eine natürliche Pflicht Amerikas angesehen wird.

Ein mafioses System von Korruption breitete sich aus. Wir wissen sowohl von russischen als auch amerikanischen Entwicklungshilfen, von denen riesige, in einigen Fällen sogar überwiegende Teile in die diver-

sen privaten Taschen verschwanden. Andere Riesensummen wurden für „nationale Großprojekte“ von höchstem Luxus und größter volkswirtschaftlicher Nutzlosigkeit verschwendet. Eine der Schaltstellen .dieses als unaufhörlich betrachteten Segens, die UNO und ihre zweckbedingten Zweigorganisationen, mußte schließlich von den Amerikanern auch noch über Wasser gehalten werden, woran mitzuwirken beispielsweise Rußland unter allerhand agitatorischen oder auch realistischen Ausflüchten und Hinweisen längst aufgegeben hatte.

Mittlerweile — und das darf nicht übersehen werden — geriet Amerika aus einem weiteren Grund in nahezu Weltweite Mißachtung. Unfähig, neben all diesem auch seine inneren wirtschaftlichen und sozialen Probleme zu lösen, wurde es zum Abscheu seiner „zivilisierten Verbündeten“ und seiner „sozialistischen Kontrahenten“. Die Revolten langmähni- ger Jugendlicher, das Hippie-, Gammler- und Rauschgiftunwesen, die trostlosen Slums, das scharf kontrastierende System der Nachbarschaft von Armut und Reichtum, die daraus hervorquellende Massenkri- minalität, Zuchthausrevolten und mystifizierte Schlächtereien — all das schien aus Amerika über die Welt zu kommen, weil dieses häßliche Amerika eben zu nichts Höherem, vor allem aber nicht für seinen historischen Auftrag taugte. Natürlich wurden auch bald die vormals herbeigerufenen Investoren und Kapitalien als lästig empfunden, die „Überfremdung“ getadelt, und es gilt überhaupt nicht bloß als „schick“,

sondern geradezu als eine moralische Pflicht „antiamerikanisch“ zu sein.

Die Flut vermutlich weiser und wohlmeinender, wenn auch allzu oft auf purer Unwissenheit gegründeter Ratschläge an Amerika nahm zu. Die Vorwürfe wurden überlaut, das „Ausbrechen“ oder „Ausschwenken“ aus dem „amerikanischen Kurs“ zum Inbegriff einer realistischen Politik.

Leider, möchte man im Falle Europas sagen, war dies alles nicht von einem gleichartig angestrengten I Aufwand begleitet, die eigenen nationalen Probleme zu lösen oder die Integration im adäquaten Umfang 1 voranschreiten zu lassen. Was immer da auch erreicht worden sein mäg, . wie groß die Erfolge unbestreitbar sind und was man demnächst noch . für Fortschritte zu tun gedenkt, es ist, verglichen mit dem Abbau des , Ansehens und des Einflusses Ameri- i kas, nicht gar so überwältigend. Des- ; halb auch wollte und will man es sich nicht ganz verscherzen und deshalb ruft man gelegentlich immer : noch nach dem großen Verbündeten oder hütet sich, ihn zum äußersten zu reizen.

Da schlug Amerika plötzlich zu. ; Hart, gelegentlich voreilig, gelegentlich unbedacht, nicht immer weise, nicht immer diplomatisch schlau. Ganz sicher setzte es sich mit einigem (etwa mit der gar nicht GATT- konformen Imporbdiskriminierung) auch sehr ins Unrecht. Und häufig trifft es damit Verbündete, die sich aus dem Spiel ganz oder fast ganz herausgehalten hatten. Doch eines muß man bedenken, was man weder in Europa noch in den sozialistischen Ländern des Ostens genügend gut versteht:

Wie kaum eine zweite Regierung oder Volksvertretung ist die amerikanische Regierung und Volksvertretung darauf angewiesen, auf jene, die mit ihren großen oder kleinen Steuern das alles bezahlen (Atomschutz, Militärbündnisse, Rüstungslieferungen, Wirtschafts- und Entwicklungshilfe inklusive!) auch zu hören. Beziehungsweise, es gibt keine amerikanische Regierung und keine Volksvertretung, die es sich leisten könnte, auf Dauer der eigenen Bevölkerung steigende Lasten ; und außerdem noch die Vernachlässigung der eigenen sozialen und wirtschaftlichen Probleme zuzumuten, ja am allerwenigsten geht das in Amerika, welches dem Kenner ein so ganz anderes Bild zeigt, als jenes, welches die Massenmedien und diverse pressure groups von ihm entwerfen.

Man sagt jetzt gerne, vieles rühre bloß daher, daß Amerika ein Jahr vor Präsidentenwahlen eben immer „aus der Weltpolitik aussteigt“ und daß sich die Wahlwerber, sei es auch bloß zum Schein, in die für Nichtamerikaner verwirrenden Details „rein innenpolitischer Natur“ stürzen. So müsse, wird oft gesagt, auch jeder Fortschritt der SALT-Runde gedeutet werden, darauf gehe auch der sich im stillen vorbereitende

„Ausgleich mit Rußland“ und daneben jener mit China vor sich. Die Kandidaten brauchen Erfolge unc suchen diese. Manche aber hörer auch schon das Gras des Isolationismus wachsen, das in den USA einer reichen Nährboden hat.

Daran mag einiges, sogar viele: wahr sein. Die ganze Wahrheit abe: lautet wohl: Amerika beginnt s}ct neu- und umzuorientieren, innen wic nach außen! Jetzt ist es einmal nich mehr bloß in den Augen seiner Verbündeten oder Gegner „an ein Endf gelangt“, sondern vielmehr in der eigenen Augen. Und es fängt an, siel zu lösen, längst fällige Wechsel zt präsentieren, Konsequenzen zu zie hen, kurz, den Tisch abzuräumen nicht, um die Tafel für sich und andere aufzuheben, wohl aber, um sic neu zu decken.

Man sagt, unklug war es, die Entwicklungshilfe zumindest in Frag: zu stellen, als die größere Zahl de: Empfänger in der UNO für Chin: und gegen Formosa gestimmt hatte weil dies Erpressung sei. Das „Weil ist aber nur die vage Bezeichnuni für das auslösende Moment, das je ner Tropfen bewirkt, der das Gla zum Überlaufen bringt.

Man sagt, unfein und dumm sei es andere Länder daran zu hindern eigene, nationale Wege zu gehen Aber man vergißt, daß zum Beispie Chile eine US-Investit.ion nach de anderen entschädigungslos enteignet und als die USA nicht gegen die Ent eignung, sondern gegen die Weige rung, eine angemessene Entschädi gung zu zahlen, protestierten, chi’le nische Politiker von amerikanische) „Räubern, Aasgeiern und räudige) Hunden“ gesprochen haben. Um nicht „irgendwelche Chilenen“, sond dern Regierungsmitglieder bei eigen dafür hergerichteten öffentliche) Auftritten.

Man sagt, Amerika mische sich i> die inneren Angelegenheiten andere Staaten ein, bringe dort ihm freund lieh Gesonnene an die Macht, um das sei nicht das, was man in 20. Jahrhundert machen dürfte. Abe: Kubas Castro fordert vor aller Welt erst müsse „Nixon und das ganzi System der USA verschwinden“ dann wolle er „Frieden und Freund schaft“ anbieten.

Gewiß, auch in der Weltpolitil läßt sich jeweils Rechnung und Ge genrechnung aufmachen, in endlose Länge. Aber das gilt eben auch fü den jeweils anderen, diesfalls a u c ! für Amerika. Zu keiner Zeit war e in der Weltpolitik üblich, daß sid nicht jeder, der an ihr teilnimmt, un seinen eigenen Vorteil sorgte. Si mußte auch jeder wissen, was Bünd nisse, Wirtschaftsverflechtungen um überantwortete Schutzfunktione) für Nach- und Spätfolgen habe) werden. Auch jene, welche die Weltmächte bloß schlau gegeneinande auszuspielen gedachten und de: naiven Hoffnung froh gewesen sind sie könnten dann ganz für sich in Getrübten fischen, ja, sogar die, wel che „nur korrupt“ waren, hätten siel ausrechnen können, wann der Zeit punkt gekommen sein werde, zu welchem die häßlichen Amerikane: wirklich häßlich werden würden.

Das alles will nicht als Rechtfertigungsversuch für das amerikanische Verhalten angesehen werden; e will nur einige Zusammenhänge dar- legen, die zu diversen „Eskalationen* diverser Verhaltensweisen führten Und zur Besinnung anregen, daß wenn die Dinge nun weitergehen man einiges in Rechnung wird stellen müssen — und manches bessei vielleicht sich nicht mehr wiederholt in Amerika, in Europa und in dei ganzen Welt.

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