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Die Zeitbomben

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Als vor knapp einem Jahr Präsident Nixon mit jenem Pathos, das die Amerikaner bei ihren Politikern noch immer schätzen, die internationalen Währungsvereinbarungen von Washington als welthistorischen Akt feierte, der die Währungssituation auf lange Frist konsolidiert habe, lächelten die Auguren Skeptisch. Bei Lichte besehen, war das hochgelobte Smithsonian Agreement nichts als eine sehr oberflächliche Symptomkur.

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Als vor knapp einem Jahr Präsident Nixon mit jenem Pathos, das die Amerikaner bei ihren Politikern noch immer schätzen, die internationalen Währungsvereinbarungen von Washington als welthistorischen Akt feierte, der die Währungssituation auf lange Frist konsolidiert habe, lächelten die Auguren Skeptisch. Bei Lichte besehen, war das hochgelobte Smithsonian Agreement nichts als eine sehr oberflächliche Symptomkur.

Allgemein herrschte damals die Meinung, die nächste Währungskrise werde bestimmt kommen, und zwar sehr bald. Als sie aber nun wirklich kam, war alles überrascht. Sie kam nämlich zu einem Zeitpunkt, an dem sie am wenigsten erwartet wurde, nämlich knapp nachdem sich die Vereinigten Staaten definitiv aus dem Vietnamkrieg zurückgezogen haben, was eigentlich die Position des Dollars hätte stärken müssen. Daß genau das Gegenteil eintraf, riecht stark nach Manipulation und gab zu allerlei Vermutungen Anlaß.

Neben der akuten Währungskrise, die wir derzeit erleben, gibt es nämlich auch eine chronische, da Ende 1971 in Washington keines der eigentlichen Probleme (Inflation, Ungleichgewicht der Handelsströme, Eurodollar, amerikanische Auslandsinvestitionen, übermäßige Dollarbestände vieler europäischer Notenbanken) bewältigt wurden. Eine einzige größere Transaktion reicht daher aus, um eine allgemeine Panik zu erzeugen, um sämtliche größere und kleinere Spekulanten sowie die gesamte Außenhandelswirtschaft zu mobilisieren und so die chronische Krise in ein akutes Stadium zu bringen.

Wer aber hat, absichtlich oder unabsichtlich, jenes Schneebrett losgetreten, das die neuerliche Dollarlawine auslöste, die nun auf die europäischen Notenbanken, insbesondere die deutsche, hereinbrach? Die Sache wird noch komplizierter dadurch, daß binnen weniger Wochen nun schon die zweite Lawine niederging und den zunächst durch die Dollarabwertung geschaffenen Damm glatt wegriß. Folgende Erklärungen bieten sich an:

1. Das ganze Währungsdebakel — und diese Version erfreut sich verständlicherweise bei offiziellen Stellen Washingtons größter Beliebtheit — sei gar keine Dollarkrise, sondern eine Krise der europäischen Währungen. Die Spaltung des Lira-Kurses Ende Jänner sei das auslösende Moment gewesen, das zur Devisenschwemme zunächst in der Schweiz führte, so daß diese sich nicht mehr anders zu helfen wußte, als den Franken floaten zu lassen. Dadurch sei das Börsengeschehen in ganz Europa in Bewegung geraten, wobei sich die Spekulation, wie üblich, in erster Linie auf die D-Mark gestürzt habe.

2.Irgendein Großkonzern oder einige Vertreter der Hochfinanz in Amerika hätten Wind von einer geplanten Dollarabwertung bekommen, Großtransaktionen durchgeführt und damit das ganze Heer der kleineren und mittleren Spekulanten mitgerissen. Die schnelle Reaktion in Washington ließe tatsächlich darauf schließen, daß eine Dollarabwertung nach Ende des Vietnamkrieges schon von langer Hand geplant gewesen sei, um der amerikanischen Wirtschaft einen besseren Start in den Frieden zu sichern.

3.Möglicherweise sei aber auch die Initiative zur Währungsunruhe vom internationalen Großkapital selbst ausgegangen, um Paritätenänderungen zu erzwingen und auf diese Weise Milliardenproflte auf Kosten der Steuerzahler in den aufwertenden und der Sparer in den abwertenden Staaten zu erzielen. Daß solche Manipulationen dazu angetan sind, dem ganzen System der freien Wirtschaft das Grab zu schaufeln, wird anscheinend von den Virtuosen des Devisengeschäftes nicht bedacht.

4.Die „Ölscheichs“ hätten ihre in Westeuropa angelegten Milliarden von Dollars in Gold und andere Währungen verlagert und damit die, Unruhe ausgelöst. Ihre Motive wären ungefähr auch die in den beiden vorangegangenen Punkten angeführten. Hier käme aber noch die Möglichkeit hinzu, daß die „Scheichs“ nur Mitläufer waren, die Initiatoren hingegen die nationalistischen Revolutionäre vom Schlage eines Ghadafl, die den Westen wegen seiner Haltung gegenüber dem palästinensischen Problem strafen und schwächen wollen und dazu ihre gi-gigantischen, durch den ölexport erworbenen Devisenbestände einsetzen.

5.Die amerikanische Regierung habe selbst die Dollarkrise ausgelöst, um damit das richtige Klima für die Dollarabwertung zu schaffen, gleichzeitig aber durch vorangehende Devisen- und Goldkäufe die eigenen Reserven zu stärken. Die zweite Dollarschwemme solle nun zusätzlich einige Europäer und die Japaner zur Aufwertung zwingen. Ob allerdings die amerikanische Regierung an einem solchen Hasardspiel, wie es eine künstlich erzeugte Dollarhysterie darstellt, interessiert sein kann, sei dahingestellt.

6.Nicht die USA, sondern die UdSSR hätte die Krise provoziert. Tatsächlich wäre dergleichen für diese ein leichtes, da ihre Dollarbestände zwar nicht zur Finanzierung aller ihrer Importwünsche aus dem Westen ausreichen, wohl aber dafür, um Unruhe zu schaffen. Der Umtausch von Dollars in andere freie, noch dazu härtere Währungen bedeutet überdies keinen Devisenverlust.

An einer Spekulation gegen den Dollar könnte die UdSSR tatsächlich aus mehreren Gründen interessiert sein: Erstens hat sie große Dollarschulden, nicht nur gegenüber den USA, sondern auch gegenüber westlichen Staaten. Prinzipiell schließen aber die Sowjets ihre Importgeschäfte nur auf Dollar-Basis ab; auch die österreichischen Lieferanten wissen ein Lied davon zu singen, daß es praktisch unmöglich ist, die sowjetischen Partnerj zu. KohtrakteVi in anderen Wänrungen zu bewegen. Die Dollarabwertung bedeutet daher für die UdSSR einen gigantischen Rabatt auf die für ihre unzähligen langfristigen Großbezüge aus dem Westen vereinbarten Preise, die in ihrer Mehrzahl auf Dollarbasis fixiert worden sind. Da infolge der Liberalisierung des Zahlungsverkehrs zwischen der Sowjetunion und den meisten ihrer westlichen Handelspartner die starre Bindung der Importe an Gegengeschäfte wegfällt, können im Gegensatz zu jenen die Preise für die sowjetischen Lieferungen in vielen Fällen ohne weiteres hinaufgesetzt werden.

Neben dem wirtschaftlichen Vorteil bietet sich auch ein politischer: Die Währungsmisere schwächt die atlantische Solidarität, führt womöglich zu einem Handelskrieg zwischen EWG und USA und lockert die Bande auch zwischen den Mitgliedern der Europäischen Gemeinschaften untereinander, die kaum längerfristig zu einem einheitlichen Kri-senmanagment finden werden und bei den Verhandlungen miteinander viel Porzellan zerschlagen. Außerdem wird sowohl international als auch' für die westeuropäische Innenpolitik ein weiterer Beweis geliefert, daß der Kapitalismus außerstande ist, mit seinen „inneren Widersprüchen“ fertig zu werden.

Politisch wie ökonomisch (und beide Aspekte sind im sowjetischen Staatskapitalismus eng verzahnt) ist die Dollar-Krise für die UdSSR ein ganz großer Vorteil. Gleichgültig, ob sie die aktuelle Währungsunruhe nun selbst ausgelöst hat oder nicht (das Ende des Vietnamkrieges und die Pekingreise Kissingers wären durchaus probate Anlässe), sie ist jedenfalls fest entschlossen, die Situation gründlich auszunützen — und sie wird ganz bestimmt auf den Geschmack kommen, Währungskrisen von sich aus zu manipulieren.

Je besser ihr das gelingt, um so unhaltbarer wird das westliche System des freien Devisenverkehrs sein, um so eher muß zur Devisenbewirtschaftung zurückgekehrt werden, was einen Zusammenbruch des gesamten westlichen Wirtschaftssystems bedeutete. Lenins (apokryphes) Wort, daß, wer die bürgerliche Welt vernichten will, deren Währung zerstören muß, hat noch immer Gültigkeit.

Um dieser Gefahr zu begegnen, genügen währungstechnische Symptomkuren, wie sie bisher immer betrieben wurden, nicht. Ob nun jede Währung für sich selber floaten oder ob ein gemeinsames europäisches Floaten gegenüber dem Dollar vereinbart werden soll, zu dem sich nun die EWG-Staaten — vorläufig — entschlossen haben, ob der Devisenkurs in einen fixen Handelskurs und einen flexiblen Finanzkurs gespalten werden soll, fällt allenfalls für die Lösung der momentanen akuten Krise ins Gewicht, ist aber für die chronische Krise kaum von Bedeutung.

Es fragt sich sogar, ob mit solchen Palliativen auch nur noch die akute Krise gelöst werden kann. Daß eine kräftige Dollarabwertung, wie wir sie kürzlich erlebt haben, nicht einmal mehr zu einer temporären Beruhigung auf dem Divisenmarkt führt, daß die Westeuropäer zu einer stärkeren Aufwertung, die Amerikaner zu einer stärkeren Abwertung gezwungen werden könnten, als aus handelspolitischen Gründen überhaupt notwendig wäre, zeigt einerseits die Degeneration des internationalen Währungssystems, anderseits, daß die Spekulanten — wer immer sie sein mögen — auf einem sehr langen Ast sitzen.

Ob die Inthronisierung der Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds als neues Reservemedium an Stelle des Dollars in der aktuellen politischen Konstellation, die kaum die unerläßliche Zurückhaltung bei der Schaffung neuer Ziehungsrechte garantiert, die Situation bessern könnte, ist mehr als unwahrscheinlich.

Unter solchen Umständen ist es gar nicht mehr so ausgeschlossen, daß die westeuropäischen Währungsexperten früher oder später doch den sowjetischen „Rettungsanker“ einer weitgehenden Rückkehr zum Goldstandard ergreifen. Besonders Frankreich hätte dafür große Sympathien, um so mehr, als in diesem Punkte unter solchen Voraussetzungen Gaullisten und Kommunisten konform gehen würden.

Ein neuerliches Realignment der Paritäten mag zwar notwendig geworden sein, aber ohne substantielle Änderung der Währungspolitik wird das internationale System binnen kurzem wieder reparaturbedürftig sein. Was beseitigt werden muß, ist in erster Linie die Devisenschwemme; das ist zwar hauptsächlich, aber nicht allein ein Dollarproblem. Zur Lösung müssen Europäer und Amerikaner gemeinsam beitragen.

Es steht aber zu befürchten, daß letztlich doch wieder nur ein Kompromiß beschlossen wird, der von allem Anfang an faul und nur die Vorbereitung für die nächste Währungskrise ist. Dabei ist die Situation schon so ernst geworden, daß wir uns das mit viel Fachjargon herausgeputzte Blabla, das sporadisch als jeweils epochemachende Lösung der Währungskrise herumgereicht wird, wahrlich nicht mehr leisten können.

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