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Als ob es immer so weiterginge…

Merkwürdig, daß das Ding noch keinen Namen hat: ich meine jene Börsenhausse mit nachfolgendem Krach, wie sie im Wirtschaftsleben seit Errichtung der Börse immer wiederkehrt. Darum nenne ich es den Haussekrach, und dieser hat einen wirtschaftlichen, aber auch einen moralischen Aspekt. Der wirtschaftliche läßt nur Produktion und Konsum erblicken, der moralische nur die entfesselte Habgier der Börse. Doch in Wirklichkeit gehören beide, die Wirtschaft mit ihrem Produktionsvolumen und die Börse mit ihrem Seelenleben, zusammen. Kein falscherer Satz .als „Die Börse ist das Barometer der Wirtschaft”, denn wann hätte ein Barometer je Hagel gemacht?

Rein wirtschaftlich kommt der Haussekrach davon, daß zuviel produziert wird, ich meine: mehr als der Konsument kaufen kann.

Mehr Brot essen, als man braucht, ist schwierig, doch mehr Autos fahren, als man braucht, kann man noch immer. Darum ist die Reklame eine hohe Wissenschaft mit allem psychologischen Raffinement geworden. Doch da die Produktion ständig wächst, kann ihr der Konsument trotz suggestiver Reklame endlich nicht mehr nachkommen. Nun fängt man an, ihn mit dem Produkt zu „nudel n”. Diese Rolle übernimmt das Abzahlungsgeschäft. Es besteht in Wirklichkeit aus zwei Geschäften: erstens um so zerstörender muß das ungehemmte „Angebot und Nachfrage” wirken durch ihr pretium injustum! Die Börse je’doch hat sich ganz dem Angebot und der Nachfrage hingegeben — und darin steckt bereits der Keim eines wirtschaftlichen Wahnsinns. Es braucht dazu nichts als etwas Prosperität und demgemäß einen Wertzuwachs, welchen aber der Preiszuwachs sogleich einholt und weit hinter sich läßt. Alles stürzt sich auf den wachsenden Wert und kauft ihn. Nun setzt der verhexte Zirkel ein: man kauft, weil der Preis steigt, und der Preis steigt, weil man kauft. (Später wird es bei der Baisse genau so sein: man verkauft, weil der Preis fällt, und der Preis fällt, weil man verkauft.) Unser aller Habsucht bricht los! Man hält Preiszuwachs für Wertzuwachs, man verwechselt Geld mit Kapital!

Wegen der allgemeinen Nervosität bewirkt irgendeine Lappalie einen Kursrückschlag. Alles erbleicht. Doch gleich darauf hat sich die Börse „erfangen” und kauft wieder wie besessen: sie kauft, um nicht verkaufen zu müssen! Denn mit Kaufen und Verkaufen ist das so: Kaufen ist vorteilhaft in der Mehrzahl und Oeffentlichkeit — je mehr Menschen kaufen, um so sicherer steigen dann die Preise; verkaufen aber ist nur vorteilhaft in der Einzahl heit das erste Mal niederzubrüllen. Jetzt aber, wo man die Kurse nochmals zu „stützen” versucht, bewirkt das nur vorübergehende Erholung, worauf sie dann wieder weiter fallen. Man sucht wieder zu stützen, sie fallen bald darauf wieder, und so immer weiter. Dadurch kommt das liebel nicht auf einmal, sondern die Sturzkaskade erstreckt sich etwa über sechs Monate. „Was an einem Tag wie das Ende aussah, erwies sich am nächsten Tag lediglich als Anfang. Nichts konnte schlauer darauf angelegt sein, das Leiden bis zum Höchstgrad zu steigern und dafür zu sorgen, daß so wenige als möglich dem allgemeinen Unglück entgingen”, so berichtet einer, der das im Jahre 1929 durchgemacht hat. So bewirkt die Nervosität, nämlich das schlechte Gewissen am Anfang, die verlangsamte Qual der Baisse: gerade die Geldgier vernichtete das Geld.

Das ist schon so: Je zentralisierter und mechanisierter eine Industrie ist, um so leichter erliegt sie der Gefahr der Ueberproduktion, weil der Produktionsanreiz und die Schwierigkeit des Aufhörens viel größer sind. In der darwinisti-

Das Gespenst von 1929

Zwischen dem Gestern und dem Heute aber steht „1929”: eine apokalyptische Jahreszahl, die auch heute, nach einem Vierteljahrhundert, in keiner Finanzbetrachtung zu fehlen pflegt. Was sich bereits 1873 ab- zeichnete: die Einwirkung von Wirtschaftskrise auf Weltgeschehen und Weltanschauung, kam 1929 zu grausiger Entfaltung! Die Welt war nach 1918 von den USA wirtschaftlich abhängig geworden — damit aber auch von der Nervosität und Labilität der gleichförmigen amerikanischen Wirtschaft. Zugleich mit dem Aufschwung der Reklame erkannte man damals, daß jedes Konjunkturgespräch konjunkturgestal tende Wirkung hat, und daher schrieben alle Finanzexperten von der ewigen Dauer dieser Hausse, wobei sie aber, samt ihren Lesern, wirklich daran glaubten. Bei früheren Haussen hatte es immer Warnende gegeben, doch bei dieser nicht.

Als das Ende kam, sah es keiner. Sechs Monate dauerte die Agonie: immer wieder hielten die Leute den Tiefstand für erreicht, kauften wieder, und mußten dann erfahren, daß die Kurse noch tiefer sanken. Der erste wirkliche Krachtag war im Oktober, doch der Abstieg der Industrieproduktion hatte bereits im Juli begonnen. Aber das Ende war nicht nur furchtbar durch die lange Qual der Agonie, sondern mehr noch durch seine Folgen. Von 120 Millionen Nordamerikanern hatten nur eine Million an der Börse gespielt, doch diese verspielten nicht nur ihr eigenes Vermögen, sondern den damaligen Wohlstand ihres ganzen Landes. Die Krise von 1929 war nicht mehr eine wie im 19. Jahrhundert, wo eine relativ gesunde Wirtschaft sich in zwei, drei Jahren vom Krach wieder erholte, nein — sie traf auf eine vom Weltkrieg brüchig gewordene - Welt. Gerade weil man diesmal wirklich an die Fortdauer der Hausse geglaubt hatte, waren Ratlosigkeit, Entsetzen und Verzweiflung um so stärker. Am schlimmsten jedoch waren die Folgen von 1929 für Europa und besonders für Deutschland, und dabei fast mehr noch die moralischen Folgen als die wirtschaftlichen! Schon die monetarische Krise der Inflation von 1923 hatte mit ihrer Verbitterung und Verzweiflung die Nationalsozialisten in Marsch gesetzt; jetzt tat die Wirtschaftskrise von 1930 das gleiche, aber in stärkerem Maßej weil der psychologische Widerstand von 1923 fehlte — man hatte den Glauben an die normale Wirtschaft und die normale Demokratie verloren. Ohne die Wirtschaftskrise wäre die NSDAP nie wieder hochgekommen: so hat also 1929 den zweiten Weltkrieg mit herbeigeführt — eine fürchterliche Wirkung, wie sie noch kein Haussekrach je gehabt hat. 50 Millionen Tote - die liegen so still, weil man 1929 auf der Börse so laut gestikuliert hat.

Bekanntlich haben die Russen nach 194 5 geglaubt, daß es in Amerika und damit im ganzen Westen zu einer Wirtschaftskrise ä la 1929 kommen werde. Solches wurde von Professor Varga prophezeit, bis ihn dann das Nichteintreffen seiner Voraussage in der Versenkung verschwinden ließ. Es ist nicht unmöglich, daß Vargas Krisenvoraussage für Stalins Entschluß zum kalten Kriege mitbestimmend gewesen ist. Doch diesmal gab es eine Prosperity wie zur Zeit von Coolidge, nein, eine größere, denn 1920/21 waren in den USA Krisenjahre, 1946/47 jedoch nicht. Und als sich die ersten Krisenvorzeichen zeigten, entfesselten die Russen den Koreakrieg und damit den Koreaboom — sie hatten ungewollt der amerikanischen Wirtschaft über den Berg geholfen. Der Glaube an die Krisenfestigkeit der sowjetischen Wirtschaft und an die Krisenanfälligkeit des Westens beherrscht das kommunistische Denken mehr als wir ahnen.

Damit erhält die Frage, ob wir im Westen Vor einer Krise ä la 1929 stehen oder nicht, eine weltgeschichtliche Bedeutung. 1929 bis 19’9 war eine Depression von zehn Jahren; das hatte es bisher noch nicht gegeben. 1945 bis 195 5 war eine Prosperität von gleichfalls zehn Jahren; das hatte es in dem Maße ebenfalls noch nicht gegeben. Und nun fragt sich alles, ängstlich oder gierig: Wird ein Krach kommen? Uns wird schon bei dem bloßen Gedanken schlimm zumute. Wir haben ja noch das Entsetzen von 1929 und des dadurch bereiteten Weltkrieges in den Knochen. Rußland war 1929 mit einem Gürtel von Pufferstaaten umgeben, während das heute ja alles Satelliten und also Fortsetzungen Rußlands sind. Der gesamte Osten wartet ja auf unsere Krise, wartet darauf, daß die sieben mageren Kühe herangetrappelt kommen…

Die Marktwirtschaft ist der kommunistischen Wirtschaft zweifellos überlegen, schon allein deshalb, weil dort mehr Köpfe denken und mehr Köpfe wollen. Aber da die Börse sich aus Angebot und Nachfrage zusammensetzt, wird sie immer zeitweise hysterische Anfälle, ja Wahnsinnsanfälle haben: das ist in der Massenpsychologie des Marktes begründet. Bisher haben diese Bereicherungsfieber stets mit Finanzkatastrophen geendet, aber das muß nicht so sein, ebensowenig wie die regelmäßigen Pesten und Hungersnöte alter Zeiten noch sein müssen. In Winkelgraden gemessen, ist der Unterschied zwischen einer Absturzwand und einer gerade noch bekletterbaren nicht gar so groß, doch hinsichtlich des menschlichen Nutzens ein ungeheurer — dort brach man sich den Hals, hier kann man, wenn auch mühsam, von der Hausse dennoch herunterklettern! Und das ist der welt geschichtlich wichtige Unterschied zwischen unserer Situation und der von 1929: wir haben in Börse und Bank seitdem so viele Sicherungen eingebaut, daß wir auch bei absteigender Kurve uns nicht den Hals brechen müssen. Nehmen wir also getrost an, daß die Baisse kommt (außer natürlich, daß es, Gott behüte, wieder so einen kleinen Krieg ä la Korea gibt: dann schießt… die Produktion sofort wieder in die Höhe).

Was hat die heutige Wirtschaftssituation mit der von 1929 gemeinsam und was nicht?

Damals war vor zehn Jahren ein Weltkrieg gewesen und auch wir hatten vor zehn Jahren einen. Damals gaben neue Techniken — Taylo- rismus und Fließband — der Produktion einen Auftrieb; aber auch heute erfährt die Produktion durch die Automation und die Atomkraft eine Steigerung. Damals berief sich beim Hinaufklettern der Kurse alles auf Vollbeschäftigung und rauchende Fabrikessen — auch heute hört man immer wieder dieses Argument.- 1929 re-investierte man die Gewinne aus Optimismus, heute tut man es überdies auch noch aus Gründen der Steuerflucht. Der Re-Investierung entsprach 1929 die Konsumentenverschuldung im Abzahlungsgeschäft; heute ist diese Verschuldung womöglich noch größer und beträgt in den USA etwa 30 Milliarden Dollar. 1929 herrschte Teuerung und die überhöhten Preise wurden krampfhaft gehalten — dasselbe tut sich auch heute. Diese und manche anderen Züge haben wir mit 1929 gemeinsam.

Doch jetzt kommen die Unterschiede. Es kann in Amerika diesmal keinen allgemeinen Run auf die Banken geben, weil der Staat dort die kleineren Einlagen (bis 5000 Dollar) garantiert. Die Spekulierenden müssen heute 70 Prozent des Aktienpreises bei den Maklern deponieren, während das Depot 1929 geringfügig war. Die Bankrate wurde damals während der Hausse herabgesetzt, während sie heute im Gegenteil hinaufgesetzt wird. Oeffentliche Arbeiten gegen Arbeitslosigkeit, Zollermäßigungen gegen Teuerung werden bereits gehalten. Auch das Bankensystem in den USA ist heute besser organisiert; damals hingegen „zerstörte der Schwache nicht nur den anderen Schwachen, sondern schwächte auch noch den Starken”. 1929 hatten die USA riesige Ausländsanleihen vergeben; der Zusammenbruch deren Zinsen- und Schuldendienstes in Mittel- und Osteuropa erschütterte rückwirkend auch die USA. Heute jedoch spendet Amerika seine direkte Auslandshilfe — dieser Akt erhöht aber auch die finanzielle Sicherheit. 1929 potenzierten die amerikanischen Investment-Trusts und Holding-Companies die Spekulation, statt vor ihr Sicherheit zu bieten; heute ist das nicht mehr möglich.

Kurz, manches spricht dafür, daß ein eventueller Rückschlag sanfter ausfallen wird als 1929. Das ist sehr wichtig, denn der Ost-West- Gegensatz ist auch vor allem ein Duell zweier Wirtschaftsformen. Die Leute von 1929 wollten das Hochplateau der Kurse für immer halten; das erwies sich als Wahn und endete mit einer Katastrophe. Gelingt es uns aber heute, die überhöhten Kurse ohne Panik oder großen Schaden auf ein realeres Niveau herabzuführen, so wäre damit ein Ungeheures erreicht — man hätte zum erstenmal einen Haussekrach zu vermeiden gewußt. Es wäre das stärkste praktische Argument gegen den Kommunismus.

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