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Geht Sparefroh in oder macht er Frühpension Karriere?

1945 1960 1980 2000 2020

Mehr oder weniger lang ist es her, daß wir in der Schule Spardosen bekamen und vom Segen des Sparens hörten. Sparer, hieß es, seien die besseren Menschen. Anständig und besonnen, Sind sie das? Und ist Sparen auf jeden Fall noch eine Tugend?

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Mehr oder weniger lang ist es her, daß wir in der Schule Spardosen bekamen und vom Segen des Sparens hörten. Sparer, hieß es, seien die besseren Menschen. Anständig und besonnen, Sind sie das? Und ist Sparen auf jeden Fall noch eine Tugend?

In der Tat, es gab eine Idee bürgerlicher Wohlanständigkeit, die besagte, daß man Ausgaben nur vom eigenen Geld tätigt, daß Schuldenmachen anrüchig war. Das Sparkonto war der Ausweis der Ehrbarkeit.

Die Eidgenossen galten als sprichwörtliche Musterbilder dieser Tugend. Abheben durfte man vom Konto nur die Zinsen; wurde von jemandem gesagt, er habe „sein Kapital angegriffen“, dann geschah das mit gerunzelter Stirn, denn damit war der Leumund beeinträchtigt: man tut so etwas nicht.

Man tut es inzwischen doch: Während 1980 die Privatkunden der Schweizer Banken noch Nettoguthaben von 16 Milliarden Franken zu Buche stehen hätten, betrug 1985 der Kontenstand laut „Weltwoche“ 18 Milliarden Franken Schulden (umgerechnet 153 Milliarden Schilling).

Bei uns ist die Veränderung weniger dramatisch, in Österreich hat man schon länger gemerkt, daß es sich auch auf Pump leben läßt; die Schweizer hatten offenbar einen Nachholbedarf. Was die Leute so tun, ist freilich nicht unbedingt das, was man eigentlich tun sollte, und Sparsamkeit galt seit jeher als eine Tugend.

Aber auch da ist nicht mehr alles so, wie es einmal war. „Wenn alle Menschen plötzlich sparen würden“, so der amerikanische Nationalökonom T. W. Saunders, „dann gäbe es eine Wirtschaftskrise unvorstellbaren Ausmaßes, denn die Wirtschaft lebt mindestens ebensosehr von den Leichtsinnigen wie von den Sparsamen.“

Ist Sparsamkeit dann immer noch eine Tugend? Oder gilt für das Sparen die These des berühmtesten Wirtschaftswissenschaftlers dieses Jahrhunderts, Lord Keynes: „Virtue and vice play no part“, da könne man weder von Tugend noch von Laster reden?

Wahrscheinlich sollte man erst einmal bedenken, daß der Ausdruck Verschiedenes bedeuten kann.

Es gibt eine Sparsamkeit, deren positiver Wert außer Zweifel steht: Vergeudung ist von Übel, mit knappen Gütern soll man bedachtsam umgehen. Allerdings wird die entsprechende Tugend auch da nicht immer gepflegt, wo man das längst erwarten sollte — zumindest meint das, wie regelmäßig bekannt wird, der Rechnungshof.

Wenn Ökonomen den Nutzen des Sparens diskutieren, dann meinen sie etwas anderes, nämlich ein Handeln nach der Maxime „Spare in der Zeit, so hast Du in der Not“. Einen „Notgroschen“ kann man allerdings in vielerlei Form zurücklegen: es gibt die Dukaten im sprichwörtlichen Sparstrumpf oder das Sammeln von Juwelen, Antiquitäten oder anderen Wertstücken bis zum Zinshaus (siehe auch Graphik auf Seite 9).

Aber auch das ist nicht die Art von Sparen, für die sich die Wirtschaftstheorie oder die Sparkassenfiliale interessiert. Ihnen geht es um eine Ersparnisbildung, bei der das Guthaben, wie man so sagt, in der Wirtschaft arbeiten kann.

Bis zu Keynes galt dabei unbestritten, daß solche Sparleistungen zugleich der Allgemeinheit zugute kommen: Spareinlagen stehen Investoren zur Verfügung, ermöglichen produktivitätsstei-gernde Anschaffungen, heben also die Gesamtleistung der Wirtschaft.

Wer so denkt, hält Sparsamkeit für mehr als nur eine Tugend: die Bereitschaft, unnötigen Konsum im Interesse der Hebung der Produktivität zurückzustellen, ist dann das Patentrezept der Wirtschaft schlechthin.

Eben das stellte Keynes vor genau 50 Jahren, im Anschluß an die Weltwirtschaftskrise, in Frage: Sparen nütze der Volkswirtschaft nur manchmal, nicht immer. Erstens komme es darauf an, ob nur einzelne oder ob alle sparen; das besagt auch der zitierte Ausspruch von T. W. Saunders: Spart einer allein, dann vermehrt er sein Vermögen. Sparen alle, dann geht die Gesamtnachfrage nach Gütern stark zurück; Maschinen stehen still, Arbeiter müssen zu Hause bleiben.

Einzahlungen aufs Sparbuch führen das Ersparte ja nicht automatisch produktiven Investitionen zu, sondern nur dann, wenn die Unternehmer Investitionen für rentabel halten; das tun sie aber gerade dann, wenn die Verbrauchsausgaben steigen.

Der volkswirtschaftliche Effekt des Sparens hängt, nach Keynes, aber auch von der Beschäftigungslage ab. Bei Unterbeschäftigung tritt die beschriebene j Drosselung des Wachstums besonders massiv auf: hohe Sparleistung verstärkt die Arbeitslosigkeit. Bei Vollbeschäftigung drückt die Sparleistung andererseits auf die konjunkturgemäß

hohen Unternehmergewinne: gelangt weniger Kaufkraft an den Konsumgütermarkt, so nützt das den Verbrauchern, der Preisauftrieb wird gedämpft.

Wird wenig gespart, dann löst der Konsumboom mehr Investitionen aus, Ressourcen werden von der Konsumgüter- zur Anlagegütererzeugung abgelenkt, die Preise steigen, der Realwert des Einkommens sinkt, und der so erzwungene Konsumverzicht erhöhte die Unternehmergewinne. Wird das durch Einkommensan-passüngen ausgeglichen, so fördert das die Inflation.

Natürlich ist der Zusammenhang etwas komplizierter, zum Beispiel müßte die Außenver-filechtung dar Volkswirtschaft... mitbedacht werden. Aber eines ist klar: der volkswirtschaftliche Nutzen des Sparens hängt von wechselnden Umständen ab. Sparer sollten sorgsamer überlegen, was sie tun. Sie tun das übrigens auch, freilich weniger unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten, sondern an Hand einfacherer Kalkulationen: will man jederzeit über das Guthaben verfügen oder sich längerfristig festlegen; gibt es Förderungsprämien oder Steuervorteile... Man überlegt den eigenen Vorteil—mit Recht.

Ist damit die „Ethik des Sparens“ erledigt? Wohl kaum. Sie hängt ja nicht nur davon ab, ob Keynes recht hat oder nicht.

Nach wie vor ist Vergeudung von Übel und daher Sparsamkeit gut: daß der verantwortungsbewußte Umgang mit Gütern gelernt und praktiziert werden muß, gilt im Zeitalter ökologischer Krisen mehr als je zuvor.

Uberdies haben Historiker, Anthropologen und Sozialwissenschafter schlüssig gezeigt, daß Kultur schlechterdings auf der Fähigkeit beruht, über Bedürf-.jiishefriedigung. oder, ihren Auf-, Schub zu entscheiden. Die Fähigkeit des Disponierens über Dring-liches und Aufschiebbares, über kurze und längere Fristen, über Ziele und Mittel ist ein Grunderfordernis rationaler Lebensführung. Ohne diese Fähigkeit gibt es keinen Gebrauch der Freiheit.

In diesem Zusammenhang erhält die Ethik des Sparens ihren Sinn und ihr Maß; sie kann nicht mehr isoliert entwickelt werden, sondern nur in Verbindung mit der Ethik zum Beispiel des Konsums und der Planung - das heißt als Element einer umfassenden Ethik der Verantwortung für das eigene Leben, für die Mitwelt und für die Umwelt.

Damit steht sie allerdings neuen Herausforderungen gegenüber: Die Welt von heute setzt uns — vor allem da, wo man Massenwohlstand kennt - neuen Versuchungen aus, und seit langem sprechen Kulturkritiker vom Erlahmen der Kraft zur Askese angesichts der Glücksverheißungen der Konsumwerbung.

Daran zu erinnern ist ebensowenig originell wie der Hinweis auf die Tendenz zur Ressourcenverschwendung, die mit der heutigen „Wegwerfmentalität“ verbunden ist. Dagegen gelte es die Fähigkeit zum Widerstand zu fördern, meinen selbst Ökonomen, wie zum Beispiel Emil Küng, Professor in St. Gallen.

Ist diese nur „negative“ Funktion der Sparethik, die bloße Gegensteuerung zum „Konsumismus“, schon alles, worauf es ankommt? Die christliche Lehrtradition zum Thema „Umgang mit Gütern“ legt eine Perspektive nahe, die darüber hinausführt.

Seit alters galt das Gebot, den Uberfluß Bedürftigen zuzuwenden. Katholische Sozialethiker unseres Jahrhunderts, wie P. Eberhard Welty, meinten, dem würde in der modernen Gesellschaft schon dadurch Genüge getan, daß man das nicht zum Lebensunterhalt nötige Geld volkswirtschaftlich produktiv anlegt, so daß es Arbeitsplätze schafft und zur Wohlstandshebung beiträgt. Allerdings müßten die dadurch ermöglichten Investitionen qualitativ zu rechtfertigen sein (etwa nicht zur Ausbeutung dienen, oder zur Produktion von Folterwerkzeugen).

Dazu ist zweierlei zu sagen. Erstens erfordert die Solidarität im Weltmaßstab heute mehr als nur

Almosengeben - eben das besagt aber die alte Formel von der Zuwendung des Uberflusses.

Zweitens aber: wie soll der Normalsparer wissen, ob sein Geld für „qualitativ sinnvolle“ Vorhaben eingesetzt wird, nicht nur für quantitativ rentable? „Pecunia non olet“, sagten die Lateiner, Geld stinkt nicht; Kreditinstitute bewerten die Bonität von Darlehensnehmern, auch Investoren, nur unter kommerziellen Gesichtspunkten — das gehört zur Spielregel der Marktwirtschaft.

Vor mehr als hundert Jahren hat man allerdings versucht, den herkömmlichen Banken spezielle Institute zur „tendenzorientierten“ Verwertung von Spareinlagen im Sinne bestimmter gesellschaftspolitischer Ziele entgegenzusetzen. Das Unterfangen, verbunden mit Namen wie Friedrich Raiffeisen, hatte Erfolg.

Auch heute gibt es Bemühungen, die Potenz von Anlagemitteln mit besonderen, qualitativen

Zielsetzungen zu verknüpfen. Welche Erfolgschancen solche Initiativen, wie die Gründung von „Öko-Banken“, (siehe obigen Beitrag) haben werden, ist eine andere Frage.

Aber die Sache verdient Aufmerksamkeit, nämlich als ein Zeichen dafür, daß Sparern heute neue, vielleicht auch ethisch relevante Entscheidungsmöglichkeiten gegeben sein könnten. Und daß sich die richtige Entscheidung nicht von selbst versteht, sei es die zwischen Geldausgeben und Geldanlegen, oder die zwischen verschiedenen Arten der Anlage.

Soll „Sparefroh“ in die Puppenkiste? Nein; erwachsen sollte er werden: fähig zum vernünftigen Entschluß, zu jener Klugheit, die nach alter Lehre erst dann eine Tugend ist, wenn sie alle ernsthaften Alternativen mitbedenkt.

Der Autor ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Wien.

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