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Jeder treibt Wirtschaft

Die vorherrschende Wirtschaftstheorie stützt sich auf ethisch fragwürdige Dogmen, die den Herausforderungen einer globalisierten Welt nicht gerecht werden.

In den Zeitungen liest man von Arbeitslosigkeit, Konjunkturflauten, Pleiten, unfreundlichen Betriebsübernahmen usw. Manche sprechen darüber, als ginge es um da um die Anpassung an ein scheinbar unabwendbares Schicksal, von der sie Vorteile erhoffen. Vereinzelt hört man Proteste, oft kommt Resignation auf.

Die nationale Wirtschaft ist selbst ohnmächtig. Inzwischen ist sie neben der sozialen Gerechtigkeit und der ökologischen Nachhaltigkeit auch zum Opfer geworden, wie der Börsenguru George Soros darlegt. Im Zeitalter der Globalisierung könne nur die internationale Wirtschaft mitspielen. Und selbst hier zählen nur wenige Große. Manche Politiker haben resigniert, andere betrachten sich als beflissene Diener der Aristokraten des großen Geldes.

Dass die Globalisierung den Menschen nicht bloß das Beste bringt, wurde schon Gemeingut der öffentlichen Meinung in Europa und vor allem in der Dritten Welt. Trotzdem mangelt es an politischen Konsequenzen. Freilich scheinen manche kritischen Ansichten über die Globalisierung eine Schwäche zu besitzen: Sie sind zwar gut gemeint, nur mangelt es an der Perspektive, wie diese Ideen sinnvoll in die Tat umgesetzt werden sollten.

Wie sollte also die Wirtschaft unter den gegebenen Umständen dazu gebracht werden, wirklich ethisch zu agieren? Ein EthikKodex für die großen Betriebe wäre schon ein Anfang.

Man hört aber oft von einer Ethik der Wirtschaft und versteht darunter einen verschönernden Zusatz zu sakrosankten Meinungen. Einige denken, man könne einfach auf den Markt gehen und sich dort die passende Ethik besorgen. Doch gerade eine angepasste Wirtschaftsethik ist unwirksam.

Paradigmenwechsel gefragt

Eine grundlegende Veränderung kommt ja nur durch einen generellen Paradigmenwechsel, eine ganzheitliche Erneuerung der geistigen Grundlagen, mit Einschluss der Wirtschaftstheorie.

Der Wirtschaftsphilosoph Karl-Heinz Brodbeck verwies deutlich darauf, dass sich die Theorien der Wirtschaft grundsätzlich von jenen der Naturwissenschaft unterscheiden, weil sie ja den Menschen als frei handelndes Geistwesen betreffen und nicht die bewusstlose Materie. Daher ist es unbedingt notwendig, die berechtigten ethischen Forderungen ernst zu nehmen und sie, wie schon Karl von Vogelsang verlangte, mit empirischen Argumenten über die Folgen des unethischen Verhaltens anschaulich zu untermauern.

Jede Theorie muss sich auf ihre Praktikabilität hin verantworten, sie muss hinterfragt werden. Die derzeitigen Grundlagen der Wirtschaftstheorie dürfen nicht gleichsam fundamentalistisch verteidigt werden, sobald sichtbar wird, dass sie vor den großen Aufgaben der Menschheit versagen.

Eines der deutlichsten Zeichen dieses Versagens war die Ölpest, die Spanien in den vergangenen Monaten heimgesucht hat, weil sich hier das theoretisch dogmatisierte, von der Sittlichkeit abgekoppelte gegenwärtige Modell der Kostenkalkulation ganz klar als falsch herausgestellt hat.

Die Dogmen der Wirtschaft

Nachhaltigkeit würde doch bedeuten, dass die Unternehmen alle Risiken und Folgekosten, also auch die Ölpest, einzukalkulieren hätten. Sicher ist, dass solange wir nichts ändern, wir die Natur als unsere eigene Lebensgrundlage unwiederbringlich zunichte machen. Wer verantwortet den Kollaps der Natur? Wer wäre heute überhaupt imstande, sei es bei Naturkatastrophen oder bei selbstverschuldeten Katastrophen Abhilfe zu verschaffen?

Maßnahmen kann man nur von dem erwarten, der über die Mittel verfügt. Die mächtigste aller derzeitigen organisierten Mächte ist die Wirtschaft - aber gerade diese fühlt sich primär fürs je persönliche Geldverdienen zuständig und nur unter ferner liefen für idealistische Einsätze, die keinen Gewinn abwerfen.

Wir müssen also die Dogmen der Wirtschaft hinterfragen, welche da sind: der angeblich freie, in Wirklichkeit immer mehr durch die Gobal Players monopolisierte Markt, das theoretisch postulierte unbeschränkte Verfügungsrecht der Eigentümer und die für vorrangig angesehene Maxime des finanziellen Gewinns als Ziel des Wirtschaftens.

Drei Phasen des Marktes

Betrachten wir einmal den Markt näher. Dieser wandelt sich allmählich und ist heute, ethisch betrachtet, in der dritten Phase seit Adam Smith. Die erste Phase war gekennzeichnet durch das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage innerhalb relativ geregelter Rahmenbedingungen. Das heißt, dass ein Produzent, der unter solchen Bedingungen eine schlechte Ware zu einem zu hohen Preis, also zu ungerechten Bedingungen, verkaufte, durch den Markt bestraft wurde, da die preis- und qualitätsbewussten Käufer sofort zur Konkurrenz ausweichen. Der Markt hatte daher primär die Funktion, den unsittlichen Marktteilnehmer zu mehr Sittlichkeit zu zwingen.

Die zweite Phase hatte mit der technischen Revolution zu tun: Damals erhielt der Markt vor allem die Funktion, die technischen Innovationen zu belohnen, indem der nach neuen Methoden Produzierende dem konventionellen Produzenten gegenüber mehr Gewinne machte. Weil aber dabei ehemalige Bauern und Handwerker sowie Arbeiter verarmten und sich ein soziales Elend breit machte, war es notwendig, mit sozialpolitischen Maßnahmen gegenzusteuern, wodurch es zur Ausbildung des Sozialstaates kam.

Eine Spirale nach unten

Nun befinden wir uns in der dritten Periode: Die globalisierte Wirtschaft ist nicht nur durch den internationalen Handel gekennzeichnet, sondern durch die weltweite Produktion, die aber unter unterschiedlichen sozio-ökologischen Rahmenbedingungen der einzelnen Staaten abläuft. Wer nun dabei die billigsten Produktionsvarianten wählt, das heißt gemäß den niedrigsten sozio-ökologischen Standards produziert, der macht die größten Gewinne, kann also seine Konkurrenz entweder verdrängen und schlucken oder sie zur Aufgabe ihrer höheren sittlichen Standards zwingen.

Der globale Markt reduziert also die sozio-ökologischen Standards, er führt ungehindert zur Produktion auf immer niedrigerem sittlichem Niveau. Eine Gegensteuerung wie zur Zeit der technischen Revolution, als der Sozialstaat entwickelt wurde, scheint dringend notwendig, zeichnet sich allerdings nicht ab.

Daher ist die Philosophie herausgefordert, die Aufgabe der Wirtschaft neu zu definieren: Wirtschaft hat nicht mehr bloß den fiktiven homo oeconomicus (der sich nur nach dem eigenen Nutzen richtet) zu fördern und jene Menschen zu ignorieren, die sich nicht gemäß der so genannten wirtschaftlichen Vernunft verhalten, etwa weil sie primär aus Idealismus und nicht aus Gewinnabsichten handeln.

Nicht nur Geld vermehren

Eigentlich sollte der ethische Mensch mehr öffentliche Förderung erhalten als der nur auf den eigenen Gewinn bedachte, denn letzterer kann sich ja selbst gut genug helfen. Schon Aristoteles ärgerte sich über Leute, welche meinten, es sei die Aufgabe der Ökonomie, bloß das Geld zu vermehren. Diese Menschen streben nicht nach dem vollkommenen Leben, kritisierte er. Wirtschaft sollte vielmehr für alles zuständig sein, was Menschen gemeinsam unternehmen und wofür die Kooperation von Kapital und Arbeit notwendig ist.

Da aber im Zeitalter der Globalisierung auch die politische Macht immer mehr der internationalen Wirtschaft untergeben ist, die weder demokratisch legitimiert ist, noch sich als ethisch gebunden verstehen will, lässt sich schwer eine Kraft erkennen, der zugemutet werden kann, so international und so sittlich sauber zu sein, um eine Gegenkraft zu bilden.

Da wir uns im Zeitalter des Zusammenwachsens der Welt zu einer Einheit befinden, müssen alsbald auch die allgemeinmenschlichen Ziele und Anliegen der gesamten Menschheit definiert und realisiert werden. Dabei könnte der Wirtschaft theoretisch eine neue Aufgabe zukommen. Die Unternehmungen sind ja die mächtigsten aller gegenwärtigen Machtträger, deshalb fällt insbesondere ihnen die moralische Aufgabe zu, allgemeinmenschlichen Ziele wie Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Weltfrieden anzustreben.

Jeder gefordert

Man mag dagegen einwenden, die Wirtschaft sei selber krank und schwach, von ihr sei eine größere Aufgabe nicht zu erwarten. Aber wenn wir die zusammenwachsende Welt mit einem Organismus vergleichen und die Krankheit als eine verstehen, die den ganzen Organismus befallen hat, so hängt eine Heilung von einer Änderung der Lebensgewohnheiten der ganzen Menschheit ab - und die Wirtschaft als der agilste Teil ist dabei am meisten herausgefordert.

Sobald wir uns als bewusste Erdbewohner verstehen, erkennen wir, dass jeder Mensch in seinem Bereich in gewisser Weise ein Wirtschaftstreibender ist; jeder kann also seinen eigenen Beitrag zur notwendigen Umformung der geistigen Paradigmen des menschlichen Denkens und Handelns leisten.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Universität Wien und Vorsitzender des Universitätszentrums für Friedensforschung.

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