Digital In Arbeit

Jenseits des Materialismus

Der Kapitalismus kann eine beachtliche Erfolgsbilanz für die Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg vorweisen. Aber diese materielle Seite der Geschichte ist nur die halbe Wahrheit. Jetzt, da vieles in Scherben liegt, brauchen wir ein anderes, weiter gefasstes Verständnis von Wohlstand und Wohlfahrt, das über Konsum und Wachstum hinausgeht.

Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise hat vieles in Bewegung gebracht. Der Staat erlebt seine Rückkehr auf die politische Bühne, nachdem der entfesselte (Finanz-)Kapitalismus an sich selbst gescheitert ist. Nicht wenige wirtschaftliche und politische Akteure haben versagt - die einen, weil sie die Märkte sich selbst überlassen, die anderen, weil sie Maß und Verantwortung verloren haben. Aber auch weite Teile der Bevölkerung sind der Verführung des schnellen Geldes erlegen. Für sie alle könnte die Krise ein heilsames Umdenken bewirken, das zu neuen Regeln für die Märkte - zu einer Disziplinierung des Kapitalismus von außen - und zu einem Wandel der Mentalitäten - zu einer Disziplinierung des Kapitalismus von innen - führen wird.

Die drei Phasen des Kapitalismus

Der Soziologe Max Weber hat, lange ist es her, in der protestantischen Ethik die geistigen Antriebskräfte für den Kapitalismus gesehen: arbeiten und sparen, diszipliniert leben und Bedürfnisse aufschieben. Man kann mit dieser Leitkultur die erste Phase des Kapitalismus umschreiben. Dann kam, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Phase einer unerhörten Expansion auf allen Gebieten. Sie wurde nicht zuletzt voran getrieben durch die Logik des Ratenzahlens: Kaufe jetzt, zahle später. Konservative Geister haben in diesem Zusammenhang schon früh auf die "kulturellen Widersprüche des Kapitalismus" (Daniel Bell) hingewiesen: Während die Wirtschaft nach wie vor auf die alten Tugenden angewiesen ist (Fleiß, Pünktlichkeit, Disziplin), treibt die Gesellschaft doch unaufhörlich jenes Rad des Konsums, des Genusses hier und jetzt und des Immer-Mehr-Haben-Wollens voran, das der Kapitalismus für seine Wachstumsraten braucht. So untergräbt er seine eigenen geistigen Grundlagen. Der Kapitalismus scheitert nicht an seinen ökonomischen, sondern an seinen kulturellen Widersprüchen, so die weitsichtige Prognose. Es war dann in der Tat nur noch eine Frage der Zeit und der raffinierten, undurchschaubaren Finanzinstrumente, um bei vielen die Illusion zu nähren: Kaufe jetzt, auch wenn Du nicht zahlen kannst, jetzt nicht und später nicht, es wird ja alles immer mehr wert, Aktien und Häuser, und das ganz unabhängig von der Entwicklung in der realen Wirtschaft. Es ist diese dritte und letzte Phase des alten Kapitalismus, die nun in Scherben liegt.

Im Rückblick ist die Hybris, die alledem zugrunde lag, leicht zu erkennen. Die Auswüchse der jüngsten Vergangenheit sind auch deshalb möglich geworden, weil sie einen allgemeinen Glauben der entwickelten Industriegesellschaften auf die Spitze - und in die Perversion - getrieben haben. Man kann diesen Glauben so zusammenfassen: Sinn und Zweck aller politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bemühungen ist es, mit allen Mitteln dafür zu sorgen, dass die Menschen immer mehr haben und immer mehr bekommen, sei es als Ergebnis ihrer Arbeit aus dem Markteinkommen, sei es vom Staat als soziale Leistungen. Der Wohlstand der Gesellschaft und die Wohlfahrt der Menschen wurden in materiellen Größen gemessen, am Wachstum des Bruttoinlandsprodukts und des Sozialbudgets. Und es kann auch keinen Zweifel geben, dass die Entwicklung der vergangenen sechzig Jahre vieles für viele zum Besseren gewendet hat.

Aber diese materielle Erfolgsbilanz erzählt nur die halbe Geschichte. Die Gesellschaft ist insgesamt reicher, aber die Menschen sind deshalb nicht automatisch glücklicher geworden. Die internationale Glücksforschung zeigt ziemlich eindeutig, dass wirtschaftlicher Wohlstand und die Zufriedenheit der Menschen nur lose aneinander gekoppelt sind. Sie bestätigt die alte biblische Erkenntnis: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Vor allem Menschen in Not und Einsamkeit brauchen Menschen, die für sie da sind. Der soziale Zusammenhalt im Großen und im Kleinen kann durch Geld allein nicht hergestellt werden. Wenn sich nur noch jene um andere kümmern, die dafür bezahlt werden, sinkt die soziale Temperatur einer Gesellschaft.

Suche nach neuen Balancen

Was wir deshalb brauchen, ist ein anderes Verständnis von Wohlstand und Wohlfahrt, eine Philosophie und Praxis, die über Konsum und Materialismus hinausgehen. Es wäre wieder mehr Rücksicht zu nehmen auf Dinge, die einen Wert haben, aber keinen Preis, und die man sich deshalb auch für viel Geld nicht kaufen kann: Was damit gemeint ist, reicht von mehr Zeit für andere, für Kinder und Freunde, für Muße und Meditation bis hin zu natürlichen und sozialen Landschaften, die den Menschen gemäß sind. Und es wäre neu nachzudenken über vieles, was einen Wert hat und einen Preis, der aber den Wert nur unvollkommen widerspiegelt: gute Nahrungsmittel, eine saubere Umwelt, ein pfleglicher Umgang mit den natürlichen und sozialen Ressourcen. Es geht, mit einer alten Formel, um die "Werte jenseits von Angebot und Nachfrage", die in Wirtschaft und Gesellschaft wieder eine größere Rolle spielen müssen, wenn beide, Wirtschaft und Gesellschaft, nachhaltig und umfassend erfolgreich sein sollen. Es geht nicht um Verzicht und Askese, sondern um ein besseres Leben. Es geht um neue Balancen, um ein ganzheitliches Denken, um längere Zeithorizonte, alles in allem um ein Denken und Handeln, das die Gesellschaft nicht auf die Wirtschaft, den Menschen nicht auf einen homo oeconomicus und den Sinn des Lebens nicht auf Konsum verkürzt.

Verlust der moralischen Grundlagen

Eine solche Neuorientierung könnte an vielen Traditionen anknüpfen: an der aristotelischen Frage nach dem "guten Leben" und der "guten Gesellschaft"; an der katholischen Soziallehre und ihrem Verweis auf die Individual- wie Sozialnatur des Menschen; an den theoretisch wie praktisch profunden Gedanken des Nobelpreisträgers Amartya Sen, der Freiheit als Chance des Menschen begreift, seine Fähigkeiten zu entfalten, was wiederum gesellschaftlicher Voraussetzungen bedarf. Denn jenseits von Materialismus und Konsumismus könnte ja noch vieles wachsen: die Bildung der Menschen und der Zusammenhalt der Gesellschaft, die Rücksicht auf Natur und Klima und überhaupt die Verantwortung für das Ganze und das soziale Klima im Lande. Der Verzicht hielte sich vergleichsweise in Grenzen: Jene in den oberen Etagen der Gesellschaft werden nicht länger nur ihre Privilegien pflegen können, sondern auch finanziell mehr für eine gedeihliche Entwicklung der Gesellschaft beitragen müssen. Die Mittelschichten werden einsehen, dass der Verzicht auf das zweite Auto und die dritte Urlaubsreise nicht schon als "Opfer" abgebucht werden muss, und auch viele aus den unteren Schichten dürfen angehalten werden, selbst etwas dazu beizutragen, aus ihrer Misere herauszukommen. Auch sie brauchen mehr als Geld, um ein besseres Leben zu leben.

Das alle braucht gemeinsame - oder genauer: von allen geteilte Werte. Der Verlust der sozialmoralischen Grundlagen stand am Anfang der Krise. Am Ende haben nicht einmal mehr die Finanzmärkte funktioniert. Die Lehren, die daraus zu ziehen sind, betreffen die ganze Gesellschaft.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau