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Was macht im Markt die Moral ?

Wie soll sich der Mensch in der ökonomischen Sphäre richtig verhalten? Eine Antwort auf den Beitrag „Mit Moral wirtschaften“ in der FURCHE 28/1986.

Adam Smith war Moralphilosoph; soll die von ihm begründete Ökonomie auch heute als Moralwissenschaft gelten? Von dieser Frage ging ein Beitrag in der FURCHE Nummer 28 vom 11. Juli 1986 aus.

Die Thesen, die da präsentiert wurden, hatten es in sich: Der „homo oeconomicus“ verhält sich, so die klassische Lehre, gemäß „ökonomischen Gesetzmäßigkeiten“ - und recht hat er. Denn der Preismechanismus der Marktwirtschaft sorgt dafür, daß „durch eigennützige Handlungsweisen aller Individuen eine optimale Lösung für die GesamtgeSeilschaft“ herauskommt, wie „von unsichtbarer Hand“ gesteuert. So lehre die „ökonomische Ethik“ ganz zu Recht: richtig ist, was Ertrag bringt. Die Gesellschaft brauche aber außerdem auch eine ganz andere, eine „heroische Ethik“, und das Hauptproblem wäre es, beide ,4m Gleichgewicht zu halten“.

Aber was soll das heißen? Soll jeder von uns in zweierlei Welten leben—werktags als nutzenkalkulierender Egoist, sonntags als Jünger des heiligen Franz von Assisi (der nämlich wurde im besagten Artikel als die Verkörperung der „heroischen Ethik“ dargestellt)? Verlangt das „Gleichgewicht“ gar, daß wir schon am Freitag mittag vom Egoismus zum Heroismus umsteigen? Oder teilen wir die Dinge so ein, daß die Gesellschaft je zur Hälfte aus eigensüchtigen und aus heiligmäßigen Menschen besteht?

Weder für den einzelnen noch für die ganze Gesellschaft ist Schizophrenie, das Leben in zwei unvereinbaren Sinnwelten, ein empfehlenswertes Rezept.

Das ist freilich ein Problem, das Wirtschaftsethikern schon oft Kopfzerbrechen gemacht hat. Papst Johannes Paul II. hat in „Laborem exercens“ heftig den „Ökonomismus“ kritisiert — die Meinung, die sogenannte ökonomische Sachlogik wäre quasi-na-turgegeben, und ihre Umsetzung ins Handeln die Befolgung vernünftiger Wesensgesetze. Wer „ökonomistisch“ denkt, meint allerdings oft, ganz „wertfrei“ die reinen Sachgesetze zur Geltung zu bringen, der „homo oeconomicus“ sei der vernünftig Handelnde schlechthin.

Doch dieser Schein trügt. Der „homo oeconomicus“ ist ein Modell des Menschen, dessen Vernunft auf die Berechnung und Verfolgung des Erwerbs- und Konsummaximums reduziert ist. In den Texten der „Klassiker“ wird dieses verkürzte Menschenbild noch ganz ausdrücklich dargestellt, obschon die Konstruktion eigentlich pädagogischen Zwecken diente, nämlich der Erziehung im kapitalistischen Geist.

Zugunsten des Modells sagt man gern, erstens sei es „realistischer“ als andere Menschenbilder, und zweitens sähe die neuere Theorie von aller inhaltlichen Bestimmung der letzten Motive nutzenkalkulierenden Handelns ab -das sei Sache der Psychologie-, es handle sich um eine rein für Erkenntniszwecke entworfene Konstruktion.

Aber andererseits werden eben auf der Basis dieser Konstruktion Wirtschaftsordnungen gerechtfertigt und gesellschaftspolitische Konsequenzen formuliert.Und die entsprechenden Wirtschaftssysteme brauchen systemgemäßes Verhalten, zum Beispiel aufgrund von Wachstumsimperativen; wer wirtschaftet, muß auf Gewinn- oder Konsummaxi-mierung ausgehen. Überdies tendiert in erwerbs- und konsumorientierten Gesellschaften die ökonomische Rationalität dazu, das ganze Leben zu durchdringen.

Dafür ein Beispiel: Auch die Politik kann man in dieser Perspektive erklären - die „ökonomische Theorie der Politik“ geht davon aus, daß auch da Nutzenorientierung der Maßstab des Handelns ist, und zwar nicht mehr im Sinne des „allgemeinen Besten“, sondern im Sinn der Maximierung des persönlichen oder des Gruppenvorteils.

Natürlich gibt es egoistische und ihren Vorteil, gemessen an altmodischen Standards, „gewissenlos“ kalkulierende Politiker. Aber die neue Theorie legt die Vorstellung nahe, das sei eben „sachgemäß“ und im Sinne der Zweckrationalität „vernünftig“. Was das heißt, wird klar, wenn man liest, was der Ökonomieprofessor Gordon Tullock, ein namhafter Vertreter dieser Lehre,ganz offen ausspricht: kann man sicher sein, daß der Inhalt einer Lüge sich weiter verbreitet als die Einsicht, daß man gelogen hat -dann möge man als Politiker lügen, denn dies ist ja im Sinn der Nutzenkalkulation „rational“.

Spätestens da sollten nicht nur Adressaten von Wahlpropaganda hellhörig werden, sondern zum Beispiel auch Verfechter marktwirtschaftlicher Ordnungspolitik: diese beruht ja auf der Idee, daß die Politik dem ökonomischen Kräftespiel der Nutzenma-ximierer einen Rahmen gebe, der dafür sorgt, daß die Verbindung von Egoismen und Machtchancen nicht den Mechanismus der „unsichtbaren Hand“ aus den Angeln hebt. Politik machen aber die Politiker. Was geschieht denn, wenn die Schieds- und Linienrichter aus der Rolle der Ordnungshüter fallen und selbst mitmischen?

Und was geschieht, wenn schließlich jedes Verhalten, das nicht den Maximen egoistischer Vorteilskalkulation entspricht, als „heroisch“ bezeichnet wird, das heißt nach gängigem Sprachgebrauch als eine Art des Handelns, die Bewunderung verdient, aber nur ausnahmsweise vorkommt und normalerweise nicht verlangt werden kann?

Kenneth Boulding, der im eingangs erwähnten FURCHE-Bei-trag zitierte Ökonom, spricht vom „Ökonomie-Imperialismus“: vom ökonomistischen Dominanzstreben. Gegenüber Imperialismen sollte man sich etwas einfallen lassen — nicht nur den Rückzug in Enklaven des Heroismus.

Was wäre die Alternative? Vor allem die Erinnerung daran, daß Wirtschaftsethik ein Teil der Sozialethik ist und von ihr Vorgaben erhält. Im Ganzen des Zusammenlebens und Zusammenwirkens hat ökonomische Rationalität durchaus Platz. Aber das Gemeinwohl ist kein bloßes Produkt von Egoismen, und der Markt ist eine wichtige Institution im Gefüge der Veranstaltungen zur Sicherung der Wohlfahrt und des gemeinen Besten, aber nicht die einzige, und auch nicht jene, nach deren Sachlogik sich alles andere richten müßte. „Ökonomismus“ ist kurzschlüssig; die maßgebende Frage nach dem richtigen Handeln — auch in der Sphäre der Wirtschaft — ist die nach der zugleich effektiven und humanen Ordnung: „Ordnungspolitik“ ist eine Sache der Theorie menschenwürdiger Praxis, also der Ethik.

Das heißt: Wirtschaftsethik hat es nicht nur mit den Problemen zu tun, die übrigbleiben, wenn die Wirtschaftsordnung schon im „ökonomistischen“ Sinn festgelegt ist. Vielmehr unterliegt die Wirtschaftsordnung selbst zugleich einer „ökonomischen“ und einer „metäökonomischen“ Beurteilung: sie hat den Erfordernissen der Wohlstandsproduktion — der Leistungsfähigkeit in bezug auf die Güterversorgung — ebenso zu entsprechen wie denen der personalen Ethik; sie darf weder ein Produktionsmaximum mit der Entmenschlichung des Wirtschaftslebens erkaufen, noch um funktional unergiebiger Selbstverwirklichungsideen willen auf die Uberwindung des Gütermangels verzichten und Menschen dem materiellen Elend überlassen.

Gut, daß man in dieser Richtung auf dem Weg ist, übrigens sowohl im katholischen Bereich (wie der von Anton Rauscher herausgegebene Band „Selbstinteresse und Gemeinwohl“, 1985, dokumentiert) als auch im demokratischsozialistischen (was zum Beispiel an Egon Matzners Überlegungen zum „Wohlfahrtsstaat von morgen“, 1982, deutlich wird); und auch bei modernen Liberalen.

Das produktive, wenn auch nicht simpel harmonische Miteinander von Freiheit und Verantwortung, von Vielfalt und Integration, von Interesse und unverkürzter Vernunft ist die Aufgabe für Theorie und Praxis—nicht ein schizophrenes Nebeneinander unvereinbarer Halbwelten des Menschenlebens.

Postskriptum: Es wird Lesern der FURCHE nicht entgangen sein, daß der erwähnte Beitrag vom Juli, der den Anlaß zu dieser Replik gegeben hat, größtenteils und wortgetreu - nicht nur, wo ausdrücklich zitiert wird — Ausführungen von Kenneth E. Boulding wiedergegeben hat. Aber das ist kein Grund, Fragen und Einwände hintanzuhalten: nicht einmal berühmte Ökonomen sind über jene Rückfrage erhaben!

Der Autor ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Wien.

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