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Was heißt heute Gerechtigkeit?

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Nicht nur die angekündigten Sparzwänge in Österreich machen das Thema der diesjährigen Salzburger Hochschulwochen topaktuell. Das Einfordern von und die Suche nach Gerechtigkeit ist weltweit zum zentralen Thema geworden.

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Nicht nur die angekündigten Sparzwänge in Österreich machen das Thema der diesjährigen Salzburger Hochschulwochen topaktuell. Das Einfordern von und die Suche nach Gerechtigkeit ist weltweit zum zentralen Thema geworden.

Gerechtigkeit ist nichts Abstraktes. Im Gegenteil, überall dort, wo sie abstrakt wird, erzeugt sie Ungerechtigkeit. Das bedeutet, dass Gerechtigkeit immer bezogen sein muss auf die konkreten Verhältnisse, in denen sie zu realisieren ist. Gerechtigkeit kann nicht statisch definiert werden, denn was sie in Wirklichkeit ist, sein kann und sein soll, ergibt sich allemal aus den Verhältnissen, die sich ständig wandeln. In diesem Sinne ist auch heute zu fragen: Was heißt es, gerecht zu sein?

Wenige Andeutungen machen klar, dass der Diskurs über die Gerechtigkeit auf interdisziplinärer wissenschaftlicher Basis neu geführt werden muss: Aufgrund des Zusammenwachsens und Kleinerwerdens der Welt ist erstmals eine Gerechtigkeit gefordert, die weltweit geboten ist. Diese weltweite Gerechtigkeit bezieht sich nicht mehr "nur" auf die Durchsetzung und Respektierung der Menschenrechte, sondern ebenso auf die Verteilung der Güter und Produkte dieser Erde. Sogleich stellt sich die Frage, wie dies jetzt geschehen soll, wo sich Kapital- und Wirtschaftsmarkt gegenüber den Regierungen immer mehr verselbständigen und in vielfacher Hinsicht im rechtsfreien Raum agieren. Dadurch dass sich Kapital und Wirtschaft politisch und juristisch weniger denn je steuern und regeln lassen, entstehen neue Formen von Ungerechtigkeit, die das Leben vieler Menschen überall auf der Welt benachteiligen, ja unmöglich machen.

Gerechter Krieg und Wiedergutmachung Ein Beispiel dafür ist die mit dem andauernden Wirtschaftswachstum verbundene Zerstörung und Beeinträchtigung von Natur und Umwelt. Sie verringert nicht nur die Lebensqualität der unmittelbar Betroffenen, sondern setzt darüber hinaus die Zukunft des Lebensraumes Erde überhaupt aufs Spiel. Ein weiteres Beispiel ist die wieder zunehmende Hintansetzung sozialer Errungenschaften und Rechte zugunsten eines Wirtschaftswachstums, das international verordnet wird und keinerlei Rücksicht auf das Schicksal jener nimmt, die dafür als Menschen den Preis bezahlen müssen.

Genauso wie Gerechtigkeit nicht mehr nur von kleinen und überschaubaren Verhältnissen zu begreifen ist, gilt dies auch im Hinblick auf die Sühnung von Schuld beziehungsweise auf die sogenannten Wiedergutmachungen. Die von Menschen verursachten Katastrophen des 20. Jahrhunderts, denen ganze Völker zum Opfer gefallen sind, haben die Forderung nach übernationalen Instanzen erzwungen, die auch in diesem Falle Gerechtigkeit und Recht wiederherstellen sollen. Wie schwer und begrenzt dies möglich ist, zeigt die Geschichte der "Aufarbeitung" von Ereignissen wie Auschwitz, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Ruanda, dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa, dem Ende der Apartheidspolitik in Südafrika, der Ablösung der Militärdiktaturen in Argentinien und Chile und vieles andere mehr. Trotzdem muss sich die Völkergemeinschaft weiter darum bemühen, Wege zu suchen, in Katastrophen eingreifen zu dürfen und Gerechtigkeit zu erwirken. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach dem gerechten Krieg als auch die Frage nach effektiver internationaler Gerichtsbarkeit.

Das Zusammenwachsen der Welt wirkt auf den kleinen Bereich zurück. Viele Gesellschaften werden dadurch pluralistisch, interkulturell und interreligiös. Dies wiederum erzeugt für jede Gesellschaft spezifische neue Herausforderungen. Die wichtigste unter ihnen ist wohl die, ob es im Pluralismus so etwas wie einen ethisch-politischen Grundkonsens geben kann. Niemand bestreitet, dass es ihn geben muss, weil ansonsten die Gesellschaft auf Dauer nicht lebensfähig ist. Andererseits fragen sich viele, wie dieser zu erzielen ist. Bildet dafür die Staatsform der Demokratie noch den einzig möglichen und einzig sinnvollen institutionellen Rahmen? Dass in nicht wenigen westlichen Demokratien mit Autoritätsgehabe wieder Wahlen gewonnen werden, zeigt, wie naheliegend für viele Menschen Alternativen zur Demokratie sind.

Der gesellschaftliche Wandel erfasst zwangsläufig auch die Bereiche des Beruflichen und des Privaten. Durch ihn hat sich das geläufige Bild von Arbeit und Beruf fundamental verändert. An die Stelle von Beschäftigungen und Erwerbstätigkeiten, die bisher im Leben eines Menschen relativ konstant geblieben sind und diesem dadurch eine gewisse Identität verschafft haben, sind variable, jederzeit veränderliche und für das Bewusstsein des Einzelnen herausfordernde Verhältnisse getreten.

Gerechte Richter und Gesetzesflut Durch den Wandel in der Gesellschaft entstehen neue Formen des familiären Zusammenlebens, der Partnerschaft, der Ehe sowie der Koexistenz der Generationen. Entsprechend entwickeln sich hier andere Weisen der Konfliktbewältigung, die wiederum nach bestimmten Realisierungen von Gerechtigkeit verlangen. Nach wie vor sind Frauen Männern noch nicht wirklich gleichgestellt. Der Schutz von Kindern vor familiärer Gewalt ist ein brisantes Thema geblieben. Und immer brennender wird die Frage nach einem sogenannten Generationenvertrag, der einen gerechten Ausgleich zwischen gegenwärtigen und künftigen Generationen sichern soll.

Der Staat begegnet - zumindest im sogenannten Westen - diesen Veränderungen durch eine Flut an neuen Gesetzen. Noch nie in der Geschichte ist die Lebenswelt der Menschen so verrechtlicht gewesen wie heute. Niemand, nicht einmal mehr der Spezialist, geschweige denn der Gesetzgeber selbst, überblickt noch die Unzahl der Regelungen, die den Bürgern zur Beachtung vorgeschrieben sind. Umgekehrt, nehmen die Bürger die Gesetze in Anspruch und befassen sie im Konfliktfall die Gerichte, so sind auch diese aufgrund der ungeheuren Vielzahl an Klagen überlastet und überfordert, denselben Rechnung zu tragen. Die Gerichte haben Mühe, in vielen Fällen überhaupt noch Recht zu sprechen. Sie drängen sowohl aufgrund der Nichtbewältigbarkeit der Quantität der Klagefälle als auch aufgrund der ungeheuren Differenziertheit der Rechtslage immer häufiger auf außergerichtliche Vergleiche. Daraus wiederum erwächst die Frage, ob das heutige Rechtswesen in concreto überhaupt noch in der Lage ist, Gerechtigkeit herzustellen.

Gerechte Medizin und Gentechnik Von herausragender Bedeutung sind schließlich Rechtsfragen, die im Zusammenhang mit den Entwicklungen der naturwissenschaftlichen Errungenschaften und ihren technischen Anwendungsmöglichkeiten im Bereich der Medizin stehen. Im Bereich der Gentechnik, aber nicht nur hier, steht der Mensch vor noch nie dagewesenen Herausforderungen, die Chancen und Gefahren in sich bergen. Ihnen in der richtigen Weise begegnen zu lernen, gleichzeitig den betroffenen Menschen in seiner Würde und Rechtsfähigkeit anzuerkennen und zu schützen, zählt zu den brennendsten Aufgaben unserer Zeit.

Die angedeuteten Verhältnisse werfen zwangsläufig die Frage auf, ob es nicht eines neuen Begriffes von Gerechtigkeit bedarf. Sind die bisherigen, aus der Tradition überkommenen Definitionen nicht zu eng, zu sehr auf kleine und überschaubare Lebensbereiche zugeschnitten, um noch sinnvoll auf die heutige Globalitätsrealität angewendet werden zu können? Taugen die gängigen Begriffe von Gerechtigkeit auch noch im Kontext pluralistischer Gesellschaftsformen? Wie früher ist die Philosophie, konkret die philosophische Ethik gefordert, sich darüber Gedanken zu machen. De facto geschieht dies bereits. Die alte sokratische Frage, was denn Gerechtigkeit überhaupt sei, ist zu einer zentralen Frage der internationalen Auseinandersetzung innerhalb der Philosophie geworden. Von ihrer Beantwortung hängt heute nicht weniger ab als im fünften vorchristlichen Jahrhundert.

Wo wissenschaftliche Definitionen und rechtliche Instanzen versagen oder zumindest (noch) nicht imstande sind, der Realität zu entsprechen, übernehmen da nicht einmal mehr Kunst und Literatur schon allein dadurch, dass sie dem menschlichen Bedürfnis nach Gerechtigkeit Ausdruck und Sprache geben, Funktionen im Namen der Gerechtigkeit? Waren und sind Kunst und Literatur häufig nicht die einzigen Anwälte jener Menschen, die endgültig mundtot gemacht oder jeder Ausdrucksmöglichkeit beraubt worden sind? Werden durch sie nicht schon der bloße Ausdruck und die bloße Sprache zu Orten von Gerechtigkeit?

Gerechter Gott und Barmherzigkeit Nicht zuletzt stellt sich die Frage nach dem gerechten Gott neu. Wird die Vorstellung von Gerechtigkeit differenziert, so muss dies Rückwirkungen auf die theologische Rede von Gerechtigkeit haben. Was heißt gerecht zu sein vor Gott? Wie kann Gott seinerseits nach Auschwitz, Kambodscha, Kosovo und ähnlichen Katastrophen noch als gerecht verehrt werden? Was impliziert dies für Jesu Verkündigung von einem künftigen Reich, in dem Gott alles in allem sein wird? Wie lässt sich die Rede von der Überbietung der Gerechtigkeit durch die Barmherzigkeit plausibel machen? Was folgt aus der neu zu gewinnenden Vorstellung von der Gerechtigkeit Gottes für das Selbstverständnis und Handeln der Kirche?

Die Theologie hat erst spät damit begonnen, diese Fragen zu stellen und zu behandeln. Als Beispiele seien die sogenannte "Theologie nach Ausschwitz" sowie die "Theologie der Befreiung" genannt. Wie schwer es nicht nur ihr, sondern vor allem auch der Kirche fällt, die damit verbundenen Probleme anzuerkennen, beweist zum einen die römische Reaktion auf die Theologie der Befreiung und zum anderen die nach wie vor zögerliche Integration sowohl des Holocaust als auch aller anderen Katastrophen der Geschichte - die sich nicht zuletzt unter den Augen der christlichen Kirchen abgespielt haben - in das theologische Denken.

Was Letzteres anbelangt spricht die geteilte Aufnahme des päpstlichen Schuldbekenntnisses vor wenigen Monaten für sich. Beides überrascht nicht, lassen sich doch die genannten Probleme nicht mehr nur theoretisch lösen. Um glaubwürdig zu sein bedarf der Umgang mit ihnen vielmehr einer neuen geistigen Haltung sowie einer neuen persönlichen und gemeinschaftlichen Praxis.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät Salzburg und Obmann des Direktoriums der Salzburger Hochschulwochen.

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