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Digital In Arbeit

Plädoyer für die Scnöpfung

1945 1960 1980 2000 2020

Pünktlich am 15. Mai wurde der Sozial- hirtenbrief der katholischen Bischöfe Öster- reichs unter dem Leitwort „Der Mensch ist der Weg der Kirche" (Johannes Paul IL, Re- demptor hominis) vorgelegt. Eben erst als Meldung in der Tagespresse, präsentiert die FURCHE schon umfangreich das statt- liche Dokument: 132 Punkte in fünf Ab- schnitten auf 77 Seiten im Original. Die Kernaussagen hat Heiner Boberski in die- sem Dossier zusammengefaßt. Johannes Schasching leuchtet den Hintergrund aus.

1945 1960 1980 2000 2020

Pünktlich am 15. Mai wurde der Sozial- hirtenbrief der katholischen Bischöfe Öster- reichs unter dem Leitwort „Der Mensch ist der Weg der Kirche" (Johannes Paul IL, Re- demptor hominis) vorgelegt. Eben erst als Meldung in der Tagespresse, präsentiert die FURCHE schon umfangreich das statt- liche Dokument: 132 Punkte in fünf Ab- schnitten auf 77 Seiten im Original. Die Kernaussagen hat Heiner Boberski in die- sem Dossier zusammengefaßt. Johannes Schasching leuchtet den Hintergrund aus.

Das Gespräch suchen..." steht über dem Abschnitt I des Hir- tenwortes. Die Bischöfe betonen ihre Aufgabe, „zu den Menschen zu gehen und das Gespräch mit ihnen zu suchen", wie es in einem Kon- zilsdokument (Christus dominus 13) heißt. Sie berichten, daß der Grund- text zum Hirtenbrief „Sinnvoll arbeiten - solidarisch leben" 2400 Stellungnahmen, an denen mehr als 15.000 Personen beteiligt waren, ausgelöst hat, und resümieren:

(4) ...Die Gespräche verliefen zu- meist in einem Klima der Offenheit und Toleranz. Die Teilnehmer be- kannten sich zwar eindeutig zur eigenen Position, waren aber auch bereit, andere Meinungen zu hören. Es hat sich in diesem Vorgang in- nerhalb der Kirche eine Gesprächs- kultur entwickelt, die in die Zu- kunft weist...

(5)...Eine Reihe von Stellung- nahmen machte deutlich, daß für viele Menschen die Sinngebung für Arbeit und Wirtschaft nicht aus dem Glquben kommt. Die Kluft zwischen Religion und Arbeitswelt hat sich anscheinend vertieft. Es braucht eine neue Begegnung zwischen Kirche und Welt der Arbeit.

Im Abschnitt II - „Der Weg des Menschen in Arbeit und Wirtschaft" - wird zunächst „Der Dienst unse- res Hirtenwortes" herausgestellt und begründet:

(10) Wenn die Kirche aufgrund ihrer religiösen Sendung den An- spruch erhebt, für das wirtschaftli- che, gesellschaftliche und politische Leben sittliche Weisungen zu ge- ben, anerkennt sie zugleich die Grenze ihrer Zuständigkeit. Sie macht keine Aussagen darüber, mit welchen Mitteln die den Men- schen vorgegebenen Ziele am er- folgreichsten zu verwirklichen sind. Die Kirche muß aber Einspruch er- heben, wenn Mittel angewendet werden, die dem Sittengesetz und dem Evangelium widersprechen.

Es wird betont, daß es eine be- rechtigte Meinungsvielfalt gibt:

(12) ...Vom selben Evangelium inspiriert, können Christen in der Suche nach konkreten Lösungen zu unterschiedlichen Ent- scheidungen kommen. Die Kirche anerkennt diese Tatsache, verlangt aber, daß sich jeder Christ in die- sem Bemühen ernsthaft mit ihren sozialen Weisungen auseinander- setzt, ohne aber die Autorität der Kirche ausschließlich für die eigene Meinung in Anspruch zu nehmen. (Lumen gentium 33,36)

Was Glaube, Arbeit und Wirt- schaft betrifft kommen die Bischö- fe zu drei Schlüssen:

(18) Erstens: Nach der katho- lischen Soziallehre besteht das Ziel der Wirtschaft nicht in einem belie- bigen, grenzenlosen Wachstum, sondern in der Versorgung der Menschen mit preiswerten Gütern und Diensten des täglichen Bedarfs: Ausreichende Nahrung, Kleidung und menschenwürdiges Wohnen zählen dazu. Worin dieser Bedarf des Menschen näherhin besteht, kann nicht für alle gleich verpflich- tendfestgeschrieben werden...

(19) Zweitens: Der Mensch als Person ist „Urheber, Mittelpunkt und Ziel aller Wirtschaft". Für die Gestaltung des Wirtschaftsprozes- ses ist darum nicht zuerst der Staat, sondern die Initiative der einzelnen und der gesellschaftlichen Grup- pen zuständig. Das Recht auf wirt- schaftliche Initiative gehört somit zu den Menschenrechten (Sollici- tudo rei socialis 15)...

(20) Drittens: In der Wirtschaft geht es nicht nur um die Bereitstel- lung von Gütern und Diensten, sondern wesentlich um die Zusam- menarbeit von Menschen. Die so- ziale Ausgestaltung des Wirtschafts- prozesses gehört deshalb zu den zentralen Aufgaben einer men- schengerechten Wirtschaftsord- nung...

Nach einem kritischen Eingehen auf bestimmte Wirtschaftssysteme wird der Blick in die Zukunft und auf die Rolle des Unternehmers gerichtet:

(23) ...Die Entwicklung der Eu- ropäischen Wirtschaftsgemein- schaft hat auch für Österreich tiefgreifende Folgen und bedeutet eine neue Herausforderung für die Sozialpartner...

(24) Österreich braucht Unterneh- mer, die über hohe Sachkompetenz verfügen, Unternehmer, die nicht nur die wirtschaftlichen Notwen- digkeiten von heute erkennen, son- dern auch die Entwicklung von morgen mitberücksichtigen und den Mut zu unternehmerischem Risiko besitzen. Österreich braucht aber auch Unternehmer, die über ein hohes Maß an sozialer Kompetenz und Initiative verfügen, Unter- nehmer, die in den Arbeitnehmern nicht Produktionsfaktoren, sondern Mitarbeitersehen, Unternehmer, die imstande sind, ein Betriebsklima zu schaffen, das den Arbeitnehmern die Überzeugung gibt, „in eigener Sache" zu arbeiten. Dazu gehört wesentlich die Möglichkeit der Mitverantwortung und Mitbe- stimmung.

Die Bischöfe betonen aber auch die Verantwortung der Ar- beitnehmer, bejahen deren Orga- nisation in Gewerkschaften und die demokratische Ordnung und die Solidarität mit Minderheiten:

(26) ...Wir wissen aus Vergan- genheit und Gegenwart um die Bedrohungen der demokratischen Ordnung. Darum wollen wir es nicht bloß bei einem Wort der Aner- kennung belassen. Wir appellieren vielmehr an die Mitverantwortung der Christen für die Erhaltung und den Ausbau unseres demokratisch verfaßten Staates.

Die demokratische Reife einer Gesellschaft zeigt sich gerade am Umgang mit Minderheiten, wie sie Rechte und kulturelle Eigenart ethnischer Gruppen anerkennt und fördert.

Mehr Mensch werden in Arbeit und Wirtschaft ist Anliegen der Bischöfe, die sich gut informiert über noch verbreitete menschen- unwürdige Arbeitsbedingungen und Beispiele von schlechtem Be- triebsklima zeigen und ein Zurück- bleiben der Mitbestimmung kriti- sieren:

(31)... Wir teilen die Sorge und die Enttäuschung vieler unserer Brü- der und Schwestern darüber, daß in unserem Land die soziale Aus- gestaltung von Arbeit und Wirt- schaft hinter dem technisch-wirt- schaftlichen Fortschritt oft zurück- bleibt.

Fest treten die Bischöfe gegen eine Resignation beim Problem Ar- beitslosigkeit auf:

(35) Gewiß ist das Problem der Arbeitslosigkeit äußerst komplex. Es kann auch menschliches Versa- gen eine Rolle spielen. Die Kirche anerkennt alle ernsten Bemühun- gen, dieses schwerwiegende soziale Problem zu lösen. Wir Bischöfe fühlen uns aber verpflichtet, ein- dringlich unsere Stimme zu erhe- ben, weil wir den Eindruck haben, als hätte man sich mit einer be- stimmten Arbeitslosenrate bereits abgefunden...

(36) ...Wir dürfen die Arbeitslo- sigkeit, nicht einfach als gegeben hinnehmen und unser Vertrauen allein auf den Marktmechanismus setzen.

Die Kirche darf es bei diesem so schwerwiegenden Problem nicht bei einem bloßen Appell belassen. Sie muß sich selber verpflichten, nicht zuletzt deshalb, weil die Kirche in Österreich selbst ein bedeutender Arbeitgeber ist...

Zu Lohn - Einkommen - Ei- gentum fordern die Bischöfe eine gerechte Verteilung des Wohl- standes, vor allem einen gerechten Lohn:

(38) In Österreich gibt es eine be- achtliche Zahl von Menschen, de- ren Lohn nicht ausreicht, für sich selber und die eigene Familie einen Lebensunterhalt zu garantieren, der ein menschenwürdiges Leben im Rahmen der gesellschaftlichen Möglichkeiten erlaubt, wir dürfen es nicht hinnehmen, daß gerade Frauen in der Lohnbemessung in vielfacher Weise benachteiligt wer- den. Wir wissen um Fälle von Ent- lohnung von Flüchtlingen und Gastarbeitern, die als Ausbeutung zu bezeichnen sind...

(39) ...Mit Recht ist zu fragen, ob übergroße Unterschiede und offen- kundige Benachteiligungen mit einer Gesellschaftsauffassung über- einstimmen, die auf den Grundsät- zen der Menschenwürde, der Frei- heit, Gerechtigkeit und Solidarität aufgebaut ist.

Die Bischöfe sprechen auch re- gionales Einkommensgefälle, Ei- gentumsbildung in Arbeitnehmer- hand und soziale Verpflichtung des Eigentums an, ehe sie sich der Land- wirtschaft zuwenden:

(43) ...Die Erhaltung der natür- lichen Lebensgrundlagen wie Bo- den, Wasser, Luft und Wald ist von solcher Bedeutung, daß sie nicht bloß einer rationellen Nahrungsmit- telproduktion untergeordnet wer- den darf...

(46) Einen Strukturwandel hat es in der Landwirtschaft immer wie- der gegeben und er wird gerade im Blick auf die neu entstehenden größeren Wirtschaftsräume auch heute gefordert. Das kann im Ein- zelfall schmerzliche Opfer erfor- dern. Die größere Verantwortung aber liegt bei einer weitschauenden Agrar- und Regionalpolitik. Sie wird darüber mitzuentscheiden, haben, ob einer Landwirtschaft, die bodenbezogen, kreislauforientiert und umweltverträglich arbeitet, der Vorzug gegeben wird oder einer industriell betriebenen Nahrungs- mittelproduktion. Die technisch- wirtschaftliche Entwicklung sollte in die Richtung einer umweltge- rechten Produktion und einer art- gerechten Tierhaltung gelenkt werden.

Ähnlich „grüneTöne" werden bei der Thematik Schöpfung, Natur und Umwelt angeschlagen:

(52) ...Zu allererst gilt es zu ler- nen, daß die Schöpfung und alles, was lebt, einen gottgewollten Ei- genwert besitzt und nicht allein zum Nutzen des Menschen da ist. Der Ideologie eines grenzenlosen Wirt- schaftswachstums durch willkürli- che Ausbeutung der Natur ist die Ehrfurcht vor der und die Verant- wortung für die Schöpfung entge- genzusetzen. Wo es zu Spannungen zwischen ökonomischen Wachs- tumsinteressen und ökologischen Erhaltungsinteressen kommt, muß dafür gesorgt werden, daß eine men- schenwürdige Umwelt gesichert bleibt. Darum ist jeder wis- senschaftlich-technische Fort- schritt darauf zu überprüfen, ob er umweltverträglich ist und nicht zu Folgen führt, die eine schwere Ge- fährdung für den Menschen dar- stellen...

(54) Auch in der ökologischen Frage darf nicht alles vom Staat erwartet werden. Es gilt auch hier das Subsidiaritätsprinzip, das Grundgesetz der gestuften Selbst- hilfe. Pfarr gemeinden, Ortsge- meinden, Sozialverbände und an- dere Vereinigungen haben Ver- antwortung wahrzunehmen. Wenn es darum geht, unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu verteidigen, dann muß auch manchmal ein kla- res Nein zu bestimmten Vorhaben gesagt werden.

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