Digital In Arbeit

Markt global, Politik lokal?

Wirtschaftskammer-Präsident christoph leitl betont die Chancen der Globalisierung. Voraussetzung: deren Gestaltung. Und hier sei das Engagement von EU, Mitgliedsländern und Betrieben gleichermaßen gefordert.

Bei der Frage nach Verantwortlichkeiten in der Wirtschaft geht es um konkrete Werthaltungen, die die Wirtschaftskammer Österreich früher in einen direkten Dialog mit Kardinal Franz König, jetzt mit Kardinal Christoph Schönborn gebracht hat. Einen Dialog, der gerade in seiner typisch österreichischen Eigenart etwas ist, was geistige Anregung, menschliche Verbundenheit und damit Hingabe an Werthaltungen verkörpert und besonders wertvoll für mich ist. Und diese Basis der Corporate Social Responsibility, die wir gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium, der Industriellenvereinigung und der wkö gebildet haben, zeigt, dass es mehr ist als ein Dialog zwischen Kirche und Wirtschaft, sondern dass wir versuchen, die eigene Verantwortlichkeit durch entsprechende Aktivitäten in den eigenen Reihen zu entwickeln, bewusst zu machen und vorwärts zu bringen.

Neutrale Globalisierung

Große Bedeutung hat in den letzten Jahren der Begriff Globalisierung bekommen. Die Welt ist klein geworden. Und es gibt viele Menschen, die diese Globalisierung instinktiv emotional ablehnen, weil sie damit Vorstellungen verbinden, die mehr mit Technologie, mehr mit Finanz- und Kapitalströmen zu tun haben als mit Werten und Ordnungsrahmen. Nun ist Globalisierung an sich ein wertneutraler Vorgang. Es liegt an uns, in eine solche Entwicklung Werte zu implementieren. Und von uns hängt es ab, welcher Art diese Werte sind. Die Globalisierung selbst bietet ja primär eine Chance des Zusammenwachsens. von Nord und Süd, von Arm und Reich. Durch die Globalisierung haben wir die Chance, einzubinden, teilhaben zu lassen und ein weltweites System von Partnerschaft zu bewerkstelligen.

Globalisierung wird deswegen heute als problematisch empfunden, weil die Leute spüren, dass gewaltige Kapitalströme auf Knopfdruck bewegt werden; dass Betriebe abwandern, weil woanders die Produktionsbedingungen günstiger sind; dass daraus entsprechender Druck auch auf entwickelte Industriestandorte wie Österreich entsteht, etwa bei den Arbeitszeiten. Darum fragen wir uns alle, wo das hinführen und wie unsere Zukunft aussehen soll. Die Menschen neigen ja dazu, die Zukunft eher pessimistisch als optimistisch einzuschätzen, daher hat sich in Europa insgesamt eine eher pessimistische Stimmung breitgemacht, die dazu führt, dass die Konsumenten weniger konsumieren und mehr sparen und dass die Investoren anderswo investieren; und das einzige, das noch zu funktionieren scheint, ist der Export.

Die Frage ist, warum ist das so? Warum haben wir die Chance der Globalisierung nicht eingebunden in eine globale Strategie? Ganz einfach: Wir haben eine globale Ökonomie, der nationale Normensetzer gegenüberstehen. Das kann nicht funktionieren. Das heißt, wir müssen uns fragen, was können in einer globalen Entwicklung, sollte sie nicht sich selbst überlassen sein, für Bedingungen gelten, damit Werte darin implementiert werden können.

Die Europäische Union, ...

Die erste Ebene ist da die Europäische Union. Diese Europäische Union hat Werthaltungen - die Grundwerte der christlichen Soziallehre. Die Personalität ist verwirklicht, weil die einzelnen Nationen und Regionen ihre Eigenarten, ihre Kulturen, ihre Ausprägungen nicht in einem Melting Pot verschmolzen haben, sondern diese in ihrer individuellen Art und Weise bewahren und leben und einander so ergänzen. Die Solidarität sehe ich im Ausgleich in dieser Europäischen Union. Nach innen etwa durch die Kohäsionsfonds. Und nach außen durch das Abkommen von Lomé, das den Marktzugang der ärmsten Länder des afrikanischen, karibischen und pazifischen Raumes seit Jahrzehnten regelt. Die Subsidiarität ist verwirklicht, weil es keinen zentralistischen Einheitsstaat gibt, sondern einen sehr starken föderalistischen Gedanken, der den oberen Einheiten nur das zu regeln gibt, was die unteren Einheiten nicht mehr regeln können (wobei sich manchmal leider die Gewichtungen verschieben), und weil die Regionen und Kommunen den Bürgern Wurzeln geben in einer Welt, die diese oft als hektisch und anonym empfinden.

Europa hat eine ganz wichtige Form, Werthaltungen nicht nur selbst zu leben, sondern auch zu vermitteln. Das ist einerseits die eigene Geschichte der christlichen, der humanistischen Werte, aber auch der Toleranz, der Aufklärung, der Vernunft. Dadurch prägen wir in positiver Hinsicht die Welt, und das umso mehr, als wir insbesondere aus der eigenen bitteren Vergangenheit des 20. Jahrhunderts die Pflicht haben, Beiträge zu leisten, dass die globale Entwicklung des 21. Jahrhunderts eine bessere ist als die vorangegangene.

... ihre Mitglieder ...

Die zweite Ebene, wenn es um Werte und Wirtschaft geht, ist die nationale Ebene. Gerade als kleines Land haben wir nicht nur die Verpflichtung, in Europa und der Welt mitzuwirken, sondern wir müssen auch zeigen, was wertorientiertes Verhalten in der Wirtschaft, aber auch in der Gesellschaft - denn Wirtschaft, das sind ja einzelne, wichtige Knoten im Netzwerk der Gesamtgesellschaft-, heißt und dass wir für dieses Gesamtnetzwerk denken und handeln und uns verantwortlich fühlen. Dieses gesamtgesellschaftliche Netzwerk wird uns oft zu wenig bewusst. Politik muss mehr sein als nur der Ausgleich von Partikularinteressen. Politik sollte darin bestehen, dass jeder zuerst an das Ganze denkt und erst dann aus dem Ganzen seine eigenen Interessen ableitet, nicht umgekehrt. Ich bin daher ein Verfechter der österreichischen Sozialpartnerschaft. Es ist kein Wunder, dass dieser Weg des Respektes für die Meinungen und Positionen der anderen und der daraus resultierenden Motivation, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, zunehmend von anderen Ländern in Europa erfolgreich praktiziert wird - von Holland etwa, von Finnland, Irland und Schweden. Und dass die eu selbst gesagt hat, wir brauchen nicht nur die politischen Institutionen, sondern auch die gesellschaftlichen Mitgestalter, und daher diese europäische Sozialpartnerschaft in die Europäische Verfassung aufgenommen werden soll. Das heißt, dass wir nichts anderes vor uns haben als den Versuch, Werte nicht nur in der Verfassung schriftlich niederzulegen, sondern Werte zu leben. In der Verfassung stehen ist zu wenig. Sie müssen in unseren geistigen und emotionalen Inhalten, in unserer Identität verankert sein. Daher glaube ich, dass wir mit diesem Modell eines Netzwerkdenkens in Österreich einem kleinen Land einen großen Dienst erweisen. In dieser Sozialpartnerschaft geht es um weit mehr als nur um einen Ausgleich zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, um Arbeitszeiten und Gehälter. Es muss um gesamtgesellschaftliche Verantwortung gehen, die auch in den ökologischen, in den kulturellen Bereich, in die Entwicklung des einzelnen und seine Voraussetzungen und Lebensbedingungen hineingehen.

... und deren Betriebe

Die dritte Ebene ist die betriebliche, auf der Werte und Verantwortlichkeit in besonderer Weise erlebbar sind. Es gibt den einfachen Grundsatz: Behandle deinen Nächsten so, wie du selbst behandelt werden willst. Das funktioniert. Es sind nicht immer die hohen Philosophien, die entscheidend sind, sondern der einfache Grundsatz, den anderen Menschen zu akzeptieren, ihn als Partner zu sehen und Freude zu haben. Nicht nur gemeinsam Verantwortung tragen. Das klingt so belastend. Natürlich tun wir das. Aber wer redet von der Freude am Gestalten, am Zusammenwirken, daran, etwas zu schaffen, Ideen zu entwickeln? Das ist der berufliche Sinn des Lebens. Und Verantwortung heißt, Menschen in dieser Richtung zu motivieren. Wir alle sind Mitverantwortungsträger. Verantwortung und Werte in der Wirtschaft bedeuten, nicht nur für sich selbst, sondern für das Ganze, für das Gemeinsame zu stehen. Wenn man für das Gemeinsame und für die anderen steht, dann steht man auch selbst gut.

FURCHE-Navigator Vorschau