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Die Spuren einer Sinnsuche

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Wenn es Jacques Delors, der Präsident der Kommission der Europäischen Gemeinschaft-sagt, sollte es keine leere Phrase sein: „Die europäische Einigung wird uns nicht ausschließlich aufgrund juristischer Geschicklichkeit oder wirtschaftlichem Sachverstand gelingen. Wir können uns der Frage nach dem Sinn einer europäischen Einigung nicht länger entziehen."

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Wenn es Jacques Delors, der Präsident der Kommission der Europäischen Gemeinschaft-sagt, sollte es keine leere Phrase sein: „Die europäische Einigung wird uns nicht ausschließlich aufgrund juristischer Geschicklichkeit oder wirtschaftlichem Sachverstand gelingen. Wir können uns der Frage nach dem Sinn einer europäischen Einigung nicht länger entziehen."

Daß dieser Sinn primär in der materiellen Wohlstandssteigerung bestehen sollte, wurde lange Zeit überstark in den Vordergrund gerückt. Er wurde keineswegs von allen begeistert aufgenommen und wird heute angezweifelt. Es ist für die Architekten des europäischen Binnenmarktes schmerzlich, daß seine Vollendung mit einer wirtschaftlichen Rezession in fast allen Mitgliedstaaten zusammenfällt. Die Arbeitslosemate stieg im EG-Durchschnitt auf elf Prozent und die Prognosen über das Wirtschaftswachstum werden in die Null-Richtung korrigiert. Die für die Teilnahme an einer Wirtschafts- und Währungsunion vorgegebenen Konvergenzkriterien der Inflationskontrolle, des Budgetdefizites und der Staatsverschuldung können von den meisten Mitgliedstaaten nicht mehr eingehalten werden.

Mit anderen Worten: Auch der europäische Binnenmarkt kann die Konjunkturkrisen einer weltweit verflochtenen Wirtschaft nicht restlos beseitigen und ein ständiges Wirtschaftswachstum sichern. Das ist durchaus verständlich und wurde von den Gründungsvätern auch nie so versprochen. Gerade das führt zur einleitenden Aussage von Delors zurück: Die Sinnfrage und Akzeptanz der europäischen Einigung läßt sich nicht auf reine Wirtschaftsdaten reduzieren.

Der Europäer erinnert sich noch sehr wohl an den ideologischen Terror. Im Namen angeblicher „höherer Werte" wie die der Rasse oder der Klasse wurde die persönliche Freiheit aufgehoben und „höheren Zielen" ausgeliefert Der Durchschnittseuropäer hat mit Recht Angst vor „Sinnproduzenten", die angeblich geistige Leere mit radikalen Inhalten aufzufüllen versprechen, ganz gleich ob es sich dabei um rassische, politische, weltanschauliche oder religiöse Fanatismen handelt. Daß dafür Nachfrage besteht, ist verständlich.

Der Liberale Ralf Dahrendorf sagte vor kurzem: Marktwirtschaft und Demokratie „sind kalte Mechanismen" und erfüllen lange nicht alle Erwartungen und Bedürfnisse der Menschen. Diese Anfälligkeit für Radikalismen wird dann besonders virulent, wenn Marktwirtschaft und Demokratie massive gesellschaftliche Verwerfungen und Aggressionen verursachen. Offene oder kaschierte Ideologien versprechen rasche Abhilfe. Auch auf europäischer Ebene.

Eines sollte eigentlich aus der Alltagserfahrung feststehen: Sinn und Werte als Wirklichkeiten jenseits von materiellem Angebot und Nachfrage konkretisieren sich nicht nur in geistigen Ideen, Kultur und religiösem Glauben. Sie haben eine starke zwischenmenschliche Dimension. Mit anderen Worten: Wo Menschen ein geglücktes „Ich und Du" erfahren, erfahren sie auch Sinn. Wenn Menschen erleben, daß irgendwo Unrecht beseitigt und Recht geschaffen wurde, fühlen sie sich bestä-

tigt. Wenn Beispiele von Selbstlosigkeit und Solidarität glaubwürdig vorgelebt werden, reagieren nicht wenige mit Zustimmung und spontaner Nachfolge.

Delors hat auch gesagt: „Wir müssen Europa eine soziale Dimension hinzufügen." Das heißt: Die Europäer dürfen nicht nur im Bereich der Wirtschaft kreativ handeln, sondern ebenso in der Ausgestaltung eines sozialen Europas: in der Frage der gerechten Verteilung der Lebenschancen, in der Sorge um die Jugend, in der Sicherung sozialer Grundrechte, in der Erhaltung der Zugehörigkeit und Heimat, in der Mitbestimmung der Arbeit, in der Verpflichtung für die alten Menschen und die kommenden Generationen, in der Verantwortung für die Umwelt, in der Solidarität mit den Entwicklungsländern.

Niemand gibt sich einer Täuschung hin, wie komplex sich die Ausgestaltung eines sozialen Europas darstellt. Es muß auch zugegeben werden, daß die europäische Gemeinschaft schon heute manches in dieser Hinsicht unternimmt. Aber ist es eine Übertreibung, wenn gesagt wird: Man hört davon zu wenig und es könnte wesentlich mehr geschehen? Oder glauben manche, daß das soziale Europa ein automatisches Produkt des Wirtschaftswachstums sein wird?

Daher nochmals: Wenn Europa heute mehr denn je die Frage nach dem Sinn und die Akzeptanz seiner Einigung stellt, dann sollte die Frage nach der Sozialgestalt Europas neue Bedeutung erhalten. Dazu ist eine Bewußtseinsbildung und eine Motivation notwendig. Aber auch dafür besteht Bedarf und Interesse, gerade auch bei jungen Menschen.

Noch eine besorgte Aussage von Delors: Es kommen auf Europa Fragen zu, die nicht mehr durch wirtschaftliche Rationalität und politische Organisation beantwortet werden können: Fragen des Schutzes menschlichen Lebens, der Bioethik, der Grenzen der Technik. „Als Personalist möchte ich ganz nachdrücklich die Auffassung vertreten, daß der Mensch Vorrang vor gewinnorientierten Bestrebungen genießt" (Delors). Aber er ist

Realist genug, um zu wissen, daß seine Stimme allein nicht genügt. „Es wird die Aufgabe der Kirchen sein, sich zu diesen grundlegenden Fragen zu äußern."

Damit ist eine letzte, aber sehr grundsätzliche Sinnfrage Europas angesprochen: Verfügt der Kontinent über ein geistiges Einverständnis, aus dem heraus er Solidarität möglich macht und den technischen Zwängen Grenzen setzt? Manche verweisen hier sofort auf die gemeinsamen christlichen Wurzeln der Geschichte Europas und hoffen, daß sie auch für ein geeintes Europa sinnstiftend werden.

Es ist interessant, wie Papst Johannes Paul II. diese Chancen beurteilt. In „Centesimus annus" entwickelt er folgende Gedanken: Im Blick auf das 21. Jahrhundert kommen auf Europa, und darüber hinaus auf die Welt, Herausforderungen wirtschaftlicher, sozialer und politischer Art zu, die ohne einen geistigen Konsens und ohne einen hohen Bewußtseinsstand nicht menschengerecht beantwortet werden können.

Dieser Konsens kann nicht mehr aus einer einzigen Wurzel erstellt werden. Es braucht dazu den Beitrag jener Menschen, die zwar konfessionell nicht gebunden, aber über ein hohes Maß an ethischem Bewußtsein verfügen. Es braucht darüber hinaus den Beitrag der großen Weltreligionen, die gerade nach dem Zusammenbruch der innerweltlichen Heilslehren ein beachtliches Potential an Sinngebung anzubieten haben. Es braucht dringend die Ökumene der Christen, die immerhin noch über 30 Prozent der Menschheit ausmachen. Und schließlich braucht es den Beitrag der eigenen Kirche, nicht um Sinn und ihre Heilsbotschaft aufzuzwingen, sondern um sie überzeugend anzubieten und glaubwürdig vorzuleben.

Vielleicht wird das geeinte Europa von morgen anders aussehen, als es sich die Gründerväter gedacht haben. Aber wenn das Projekt überhaupt gelingen soll, dann braucht es dazu nicht bloß wirtschaftlichen Sachverstand und juristische Geschicklichkeit, sondern das, was Delors als „die Seele Europas" bezeichnet hat. Ob sich die „Seel-Sorger" Europas dieser Aufgabe voll bewußt sind?

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