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Kein Grund für Pessimismus

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Heute ist das Bewußtsein uns allen gemeinsam, an einer Wende der Geschichte zu stehen, die man vor hundert Jahren noch mit dem Untergang der antiken Welt verglich, dann aber tiefer spürte als das große Verhängnis nicht nur “Europas oder des Abendlandes, sondern der Welt.

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Heute ist das Bewußtsein uns allen gemeinsam, an einer Wende der Geschichte zu stehen, die man vor hundert Jahren noch mit dem Untergang der antiken Welt verglich, dann aber tiefer spürte als das große Verhängnis nicht nur “Europas oder des Abendlandes, sondern der Welt.

Karl Jaspers hat diese Worte vor etwa zwanzig Jahren geschrieben; ihre Wahrheit hat sich in der Zwischenzeit hundertfach erwiesen. Es sind inzwischen aber auch Konsequenzen eingetreten, die uns mit wachsender Unruhe erfüllen.

Mit den Wandlungsvorgängen in den Bereichen der Technik, der Produktionsmethoden und der sozialen Strukturen verändern sich auch Wissensstoff, Bewußtseinsinhalte und Denkformen. Beide Vorgänge bedingen und bestimmen einander wechselseitig. Bald versteht man die’ Welt nicht mehr, wenn man ‘das neue Denken nicht erfaßt hat. Die Wirklichkeit nicht verstehen, das bedeutet aber, daß man sie nicht mehr im Griff , hat und sie nicht mehr steuern kann. I

Die Begriffe und die Worte, die die Menschen miteinander wechseln,- passen mit der Wirklichkeit, die inzwischen andere Strukturen angenommen hat als unser Denken, nicht mehr überein. Es ist wie nach der babylonischen Sprachenverwirrung: Die Menschen können sich miteinander nicht mehr verständigen und sind dann auch nicht fähig, ein gemeinsames Werk zu errichten.

Diese Situation ist voll von Gefahren. Die Krisen, die die Welt heute erschüttern, gehen nicht zuletzt darauf zurück, daß die Fähigkeit der sinnvollen Kommunikation verloren gegangen ist. So sind die Völker nicht in der Lage, erfolgreiche Entspan- nungspolitik zu machen, well sie den Inhalt des Begriffes ,.Entspannung” nicht definieren können. Sie stehen auch ratlos vor der Gefahr, die dem Raumschiff Erde aus der Zerstörung von dessen Biosphäre droht; die Gefahr wird zwar erkannt, aber die wirksame und realisierbare Abhilfe kann nicht geplant werden, weil wir zwar die Fakten kennen, aber keine Philosophie haben, die einzelne Daten zu einer Gesamtstrategie integrieren könnte.

Dieser Zustand der Welt bereitet allen Menschen, die guten Willens sind, tiefe Sorge, Was dabei am tiefsten beunruhigt, ist die Tatsache, daß da® Neue Denken in der Philosophie und in einigen wissenschaftlichen Disziplinen schon emporzukommen beginnt, daß es aber noth bei weitem nicht Allgemeingut ist und daß es insbesondere auch von Politikern und Publizisten muht erfaßt und nicht angewendet wird. Die neue Denkstruktur wirkt daher, obwohl ihre Konturen schon sichtbar geworden sind, in den politischen und gesellschaftlichen Bereich immer noch nicht hinein. Gerade hier wäre aber ein Ende der Verwirrung dringend zu wünschen.

Das Wort „Ökologie” ist im Zusammenhang mit den großen Sorgen, die uns die Zerstörung der natürlichen Umwelt verursacht, sehr modern geworden. Das Wort ist in aller Munde, ohne daß auch jeder, der es ausspricht, wüßte, was damit gemeint äst.

Nun, die Ökologie geht von der Tatsache aus, daß Pflanzen und Tiere in der Natur nicht als isolierte Einzelwesen und auch nicht willkürlich verstreut existieren, sondern daß sie in Gemeinschaften Zusammenleben. Die Ökologie beschäftigt sich dann mit den. Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich diese Gesellschaften entwickeln.

Der Wiener Hochschulprofessor Herbert Franz sagt von der Ökologie, sie fuße auf der Tatsache, daß kein Prozeß in der Natur isoliert abläuft, daß vielmehr alles Ednzelge- sehehen im Raume mit vielen anderen Abläufen an Wechselbeziehung steht und in der Zeit ein Glied in der Sukzession eines Geschehensab- laufes darstellt. Jeder Einzelvorgang ist Glied eines größeren Ganzen, in dessen Rahmen er ganz andere Auswirkungen zeitigt, als er für sich allein Hervorrufen würde.

Ökosysteme sind aber keineswegs starre Gebilde, sie sind vielmehr dynamische Strukturen, die sich nacht nur im Jaihreszyklus stets wandeln, sondern auch langfristige Evolutionen durchmachen können.

Der Planet Erde ist ein großes Ökosystem, und dieses System ist, wie wir seit kurzem wissen, in seiner

Existenz gefährdet. Sein Gleichgewicht ist gestört, seine Fähigkeit zur Selbstreguiieruing und Selbstreinigung geschwächt, die Stabilität und Überlebensfähigkeit dieses Systems sind nicht mehr so selbstverständlich, wie wir geglaubt haben mochten.

Diese Krise hat der Mensch selbst verursacht. In Jahrtausenden mühsamen Ringens hat er Schritt für Schritt seine Herrschaft über die Natur ausgeweitet. Heute sehen wir, daß er diese Herrschaft in einer Weise übt, die die Stabilität des telluri- sehen Ökosystems in Frage stellt.

Kaum war diese Frage der Öffentlichkeit bewußt geworden, begann man auch schon, Maßnahmen zur Sanierung zu ersinnen und auch schon anzuwenden. Je zahlreicher aber solche Konzepte und Initiativen werden, um so deutlicher wird es, daß wir nicht wissen, wie wir mit diesem Problem fertig werden sollen, daß wir offensichtlich das geistige Rüstzeug dazu noch nicht haben.

Man kann sich nicht dm einzelnen mit den vielen völlig verfehlten Konzepten auseinandersetzen, die uns auf den Tisch gelegt werden. Die meisten von ihnen würden so etwas wie eine Rückkehr in die gute alte Zeit bedeuten, die besten davon fordern etwa das Einfrieren aller Zustände auf dem Status von heute. Die Verwirrung reicht weit hinauf bis in die Wissenschaft und sollte uns zeigen, daß es nicht sosehr an wissenschaftlichen Daten und Methoden, als vielmehr an einer adäquaten Philosophie fehlt. Die weltweite wirre Diskussion um den Umweltschutz beweist uns, wie kaum ein anderes Geschehen aus unserer Zeit, daß die Menschheit neuer Denkstrukturen, .eines Neuen Denkens bedarf.

Dennis Meadows hat unter Verwendung umfangreicher Daten und dem Einsatz moderner Maschinen und Methoden dien heutigen Zustand der weltweiten Ökosphäre analysiert, und extrapoliert die derzeitigen Entwicklungstendenzen in die Zukunft. Er gelangt dabei zu sehr pessimistischen Prognosen und schlägt dann eine Reihe von Maßnahmen vor, die der Gefahr steuern sollen. Die Denkweisen, die er seinen Vorschlägen zugrunde legt, bilden ein eigenartiges Gemisch von ganzheitlichen und positivistischen Kategorien, wobei aber das quantitative Denken gegenüber dem qualitativen Denken dominiert. Typisch für diese Denkweise ist, daß Meadows als Überschrift für das Kapitel, in dem er sein „Weltmodell” entwickelt, die Formulierung wählt „Zustand des Gleichgewichts”. Er scheint also von den Ökologen nicht gelernt zu haben, daß das Gleichgewicht kein „Zustand”, sondern ein „Prozeß” ist. Er will diesen Zustand erhalten, indem er Vorschläge für eine Gesellschaft ohne weiteres Wachstum macht. Daß ein solcher Zustand nicht ewig dauern kann, ist Meadows klar. Er beschränkt ihn daher auf eine relativ kurze Zeit, indem er sagt: ,Da die Menschen einen großen Teil ihrer Lebenszeit und ihrer Energie der Aufzucht ihrer Nachkommen widmen, dürfte es ihnen wünschenwert erscheinen, daß die Gesellschaft, die sie ihren Kindern hinterlassen, zumindest für deren Lebenszeit gesichert ist.”

Meadows* Weltmodell verlangt, daß möglichst alle Werte konstant bleiben: Kapital und Bevölkerung sowie alle Zugangs- und Abgangsraten, Investitionen, Verschleißwerte und ähnliches. Meadows hofft, daß ein Gleichgewichtszustand dieser Art nicht gleichbedeutend mit Stagnation sein werde, und sagt: „Bevölkerung und Kapital sind die einzigen Größen, die im Stadium des Gleichgewichts konstant bleiben müßten. Jede menschliche Tätigkeit, die keine großen Mengen unersetzbarer Rohstoffe benötigt oder Schadstoffe fred- setzt und den Lebensraum schädigt, könnte ohne Beschränkung und praktisch unendlich zunehmen.”

So notwendig der Alarmruf war, den Meadows ausstieß, und so groß die Gefahr tatsächlich ist, auf die er hinwies, seine 4m „Weltmodell” zusammengefaßten Vorschläge sind das Ergebnis wesentlich quantitativer oder positivistischer Denkweisen und erweisen sich, aus eben diesem Grunde als ungeeignet, die Umwelt-

problematik zu meistern. Sogar der dub of Rome, der diese Arbeit doch in Auftrag gegeben hatte, sieht sich zu kritischen Stellungnahmen veranlaßt:

„Trotz unserer Einsicht, daß die komplexen weltweiten Probleme größtenteils durch Kräfte hervorgerufen werden, die sich quantitativ nicht zuverlässig erfassen lassen, glauben wir dennoch, daß die überwiegend quantitative Vorgehensweise bei dieser Untersuchung ein unentbehrliches Werkzeug darstellt, um die grundsätzlichen Vorgänge in diesem Problemkreis zu verstehen. Und so hoffen wir, daß diese Erkenntnisse schließlich auch dazu führen, die quantitativ nicht erfaßbaren Kräfte, die unsere Welt bewegen, unter Kontrolle zu bringen. Obwohl alle wichtigen Erscheinungen im Weltsystem grundsätzlich miteinander Sn Wechselwirkung stehen, wurde bis jetzt noch keine Methode entdeckt, wie sie Wirksam als Ganzes beherrscht werden könnten.”

Ferner kritisiert der Club of Rome: „Wir betonen nachdrücklich, daß ein Halt der Wachstumsvorgänge in Bevölkerung und Wirtschaft nicht zu einem Einfrieren des Status quo der wirtschaftlichen Lage der Nationen führen darf. Würden die reichen Nationen dieses Ziel verfolgen, so würde dies mit Sicherheit als der endgültige Akt des Neokolonialismus aufgefaßt.”

Und schließlich ‘heißt es in der Kritik: „Der Grundgedanke einer Gesellschaft im wirtschaftlichen und ökologischen Gleichgewicht ist scheinbar leicht zu erfassen; doch ist unsere heutige Wirklichkeit davon so weit entfernt, daß praktisch eine geistige Umwälzung kopernikanischen Ausmaßes für die Umsetzung unserer Vorstellungen in praktische Handlungen erforderlich sein dürfte.”

Der Club of Rome trat Anfang Februar 1974 im Schloß Kleßheim bei Salzburg neuerlich zusammen. Unter dem Eindruck der weltweiten Kritik an den „Grenzen des Wachstums” hatte man diesen Slogan fallen gelassen und an seiner Stelle die „Grenzen der Verschwendung” verkündet. Der Inder Rhamesh Thepar formulierte dieses Anliegen mit dem Satz: „Wir müssen den Punkt finden, wo Verbrauch anfängt, Verschwendung zu sein.” Das ist nun gewiß ein Fortschritt, aber es bedeutet noch keine „kopemikanische Wende” und keineswegs den Durchbruch zu einem wesentlich qualitativen oder ganzheitlichen Danken. Ohne eine Erneuerung des Denkens, Ohne Anwendung neuer Denkstrukturen wird es nicht möglich sein, ein neues Welt- modell zu entwerfen, ist es nicht möglich, das Problem der Umweltsanierung zu lösen!

Das Überleben der Gattung Homo sapiens auf diesem gefährdeten Raumschiff „Erde” hängt also davon ab, daß wir Denkformen entwickeln, die es ermöglichen, sinnvolle Pläne und realisierbare Weltmodelle zu entwerfen. Dais Pehlen des geistigen Organon ist zur Bedrohung unserer Existenz, ein Neues Denken zur Voraussetzung des Überlebens geworden!

Daß es auch im Bereich der Um- weltpolitik a!ber schon in Anstäzen zum Umdeuten gekommen ist, kann insbesondere anhand des Werkes von Goldsmith und Allen, „Planspiel zum Überleben”, demonstriert werden.

„Die Umwelt kann man als ein System beschreiben, das die Luft, da® Wasser, den Erdboden, alle Lebewesen lind ihre Lebensräume umfaßt. Vielfach bezeichnet man dieses System kurz als Öko-Sphäre. Außerordentlich wichtig ist dabei, daß man dieses System als eine Einheit betrachtet. Es besteht aus vielen Fak toren, zwischen denen Wechselwirkungen bestehen, so daß sich ein dynamisches Gesamtverhalten, eine stetige Veränderung in irgendeine Richtung ergibt.,. Das Hauptziel ist die Aufrechterhaltung einer bestimmten Stabilität. Dies gilt grundsätzlich für alle sich selbst regulierenden Prozesse, die in ihrer Gesamtheit das Ökosystem darstellen. Stabilität in diesem Sinne heißt, daß das System seine grundlegenden Eigenschaften aufrechterhalten bann — oder mit anderen Worten: daß es auch bei Umweltveränderungen funktionsfähig bleibt.”

Zu dem hiemit aufgeworfenen Problem der Integration zweier Systeme zu einem beide umfassenden, übergeordneten System schreibt der österreichische Nobelpreisträger Konrad Lorenz folgende bemerkenswerte Sätze.

„Die Integration zweier Systeme zu einer übergeordneten Ganzheit ergibt ein neues System, dessen Eigenschaften in keiner seiner Komponenten auch nur in Andeutungen vorhanden waren … Das Neue besteht aus den gleichen Bestandteilen, die in die neue Ganzheit eingingen, aber es ist etwas völlig anderes — und zwar etwas Höheres geworden… Das Höhere entsteht aus dem Niedrigeren durch Vorgänge der Integration, der Einswerdung. Es besteht auch weiterhin aus den präexistenten Systemen, durch deren Vereinigung es entstanden ist, aber es ist unvergleichlich viel mehr als die Summe seiner Teile.”

Damit ist aber etwas sehr Wesentliches gesagt: Die Sanierung der globalen Ökosphäre als Lėbemsraurh für die Gattung des Homo sapiens kann mit Hilfe eines „Weltmbdells”, das im wesentlichen durch eine Extrapolation aktueller Vorgänge gekennzeichnet ißt, nicht gelingen! Ein brauchbares Weltmodell wild Vielmehr etwas grundsätzlich anderes und Neues sein müssen und „mehr” seiin^ als die Summe der Teilsysteme, aus denen es besteht.

Den Satz „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile” hatten wir schon von Peter Drucker vernommen, der ihn als den Kernsatz seiner „Neuen Philosophie” bezeichnete. Dieser Satz steht auch im Mittelpunkt des Neuen Denkens und stellt dessen zentrales Problem dar.

Vom Neuen Denken kann man selbstredend, keine Patentlösungen „ableiten”. Die Erfahrungswissenschaften sind keineswegs überflüssig geworden. Im Gegenteil, umfangreiche Datenerhebung und eingehende Analysen der realen Wirklichkeit sind notwendiger als je. Aber das Neue Denken ermöglicht dann die sinnvolle Ordnung der Daten und die Formulierung von neuen Fragen, von Fragen, die zur Lösung unserer Probleme himführen.

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