Empathie zwischen Mensch und Natur - © Foto: iStock/AscentXmedia
Wissen

Empathie: Mit der Natur fühlen

1945 1960 1980 2000 2020

Die Öko- und Klimakrise ist ein Ausdruck von Entfremdung. Was wir brauchen, ist Empathie. Vorabdruck aus dem neuen Buch von Joachim Bauer.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Öko- und Klimakrise ist ein Ausdruck von Entfremdung. Was wir brauchen, ist Empathie. Vorabdruck aus dem neuen Buch von Joachim Bauer.

Weil sie jahrelang gelernt haben, den Menschen in seine Organe und molekularen Einzelteile zu zerlegen und zu analysieren (wogegen nichts einzuwenden ist), vergessen viele Ärzte, dass ihr Patient keine „Sache“ ist, sondern ein lebendiges Wesen. Mit einem lebendigen Gegenüber ist man, ob einem das behagt oder nicht, immer in einer Beziehung. Aus der modernen Neurowissenschaft und Psychosomatischen Medizin kommt die Erkenntnis, dass die Art der Beziehung reale Auswirkungen auf die „Sache“, also auf die materiellen Aspekte des Körpers haben kann. Auch die uns umgebende natürliche Welt ist – jedenfalls in großen Teilen – keine leblose „Sache“, selbst wenn wir sie wissenschaftlich in ihre Einzelteile zerlegen und analysieren können (wogegen selbstverständlich ebenfalls nichts einzuwenden ist).

Dass ein Großteil der Menschen den emotionalen Kontakt zur Natur verloren hat, mag zwar dazu geführt haben, dass viele vergessen haben, dass Mensch und Natur durch eine Beziehung verbunden sind. Wenn die Tatsache einer Beziehung von einem der Partner vergessen oder verleugnet wird, hebt das jedoch die Tatsache einer Beziehung an sich nicht auf. Wenn ein Partner in einer Partnerschaft zum Beispiel dazu übergegangen ist, den anderen wie einen Dienstleistungsroboter, also wie eine leblose „Sache“ zu behandeln, dann heißt das keineswegs, selbst wenn die Beteiligten dies leugnen sollten, dass hier nicht eine Beziehung bestünde, wenn auch eine verheerende. Der Schlüssel zum Ausweg aus den Schwierigkeiten, in denen wir und die Welt uns befinden, ist die Erinnerung oder Wiederentdeckung der Beziehung, in der wir zu ihr stehen.

Der Planet liegt im Fieber

Zu jeder Beziehung gehört die Frage der noch vorhandenen oder verlorengegangenen Empathie. Ohne Empathie, ohne den wenigstens ansatzweisen Versuch, die Situation des jeweils anderen zu verstehen, kommt es zu keiner gedeihlichen Beziehung. Unter allen Potenzialen, die dem Menschen von der Evolution mitgegeben wurden, ist die Empathie der tiefste Erfahrungs- und der kraftvollste Handlungsraum. Ihre Wiederentdeckung kann uns helfen, Abstand zur Konsumsucht, zu den digitalen Wichtigtuereien und zur Selbstüberschätzung unserer Zeit zu finden und uns auf das zu konzentrieren, was wirklich wichtig ist: Was wäre in unserer Zeit wichtiger, als auf unsere Umwelt und auf uns selbst zu achten und beides zu schützen?