Diesseits von Gut und Böse

Post-Corona: Die Zukunft ist offen

1945 1960 1980 2000 2020

Schieflagen anerkennen und den geschenkten Raum der Mitgestaltung nutzen: Wie „Post-Corona“ ein Lernort für ein besseres Leben werden kann. Ein Gastkommentar von Regina Polak.

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Schieflagen anerkennen und den geschenkten Raum der Mitgestaltung nutzen: Wie „Post-Corona“ ein Lernort für ein besseres Leben werden kann. Ein Gastkommentar von Regina Polak.

Erst am Beginn der globalen Krise, werden schon Zukunftsprognosen für „Post-Corona“ laut. Giorgio Agamben entwirft die Dystopie einer Gesellschaft, die – einzig dem biologischen Überleben verpflichtet – in einem perpetuierten Angst- und Unsicherheitszustand mit bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen lebt. Slavoj Žižek repliziert mit der Hypothese, dass wir eine philosophische Revolution erleben werden, die uns anders über uns Menschen denken lässt: als Wesen mit begrenzter Souveränität, die sprechen und nicht wissen, was sie sagen und irgendwann wieder von der Erde verschwinden.

Matthias Horx, hochdotierter Wörtererfinder, entwirft eine zutiefst unpolitische „Regnose“ für Bobos und andere Mittelschichtsangehörige, die im Straßencafé einer Großstadt staunen werden, wie humorvoll sie im Homeoffice die Fortschritte der Digitalisierung nutzen und die Medizin bewundern. Rudolf Mitlöhner hält die Vorstellung, dass sich alles ändern wird, für irritierend und aller Erfahrung widersprechend. Wohl würde sich einiges lernen lassen, aber eine Umwandlung des gesamten Systems werde ausbleiben.

Daneben finden sich in den sozialen Medien sozialdarwinistische Visionen („Marktbereinigung“, „Förderung der Überlebensfähigen“, „natürliche Selektion der Schwächeren“) neben Utopien einer geheilten Erde und Menschheit. (Die Geschlechterverteilung bei diesen Prognosen wäre einen eigenen Kommentar wert.) Ich selbst habe eine Wette laufen, ob sich die Migrationspolitik unseres Bundeskanzlers ändern wird, wenn er feststellen muss, wie viele systemerhaltende Arbeiten in der Pflege, Spedition und Ernte von Migranten geleistet werden.

Raum der Mitgestaltung

Aus einer christlichen Perspektive können alle diese „Zukünfte“ eintreten, aber keine einzige mit Notwendigkeit. Denn die Zukunft ist offen und ein von Gott her geschenkter Raum der Mitgestaltung. Selbstverständlich gibt es Szenarien, die wahrscheinlicher sind als andere: historische und politische Konstellationen, psychologische und soziologische Dynamiken, kulturelle Kontexte haben einen maßgeblichen Impakt auf die Zukunft. Naturgesetze sind sie keine. Eine solche Sicht wäre platter Materialismus, der die Freiheit des menschlichen Geistes ausblendet.

Welche der möglichen Zukünfte wirklich wird, wird maßgeblich davon abhängen, welche Deutungen sich in den medialen, gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Diskursen durchsetzen. Es kommt also ein Kampf um die Hegemonie der Ideen auf uns zu, in dem insbesondere politisch Verantwortlichen eine Schlüsselrolle zukommt. Wenn die Methoden diskutiert werden, wie man die zu erwartende Armut bekämpft; wie man ökologische Ziele umsetzt; wie wir es mit der Migration oder der Demokratie hinkünftig halten.

Erst am Beginn der globalen Krise, werden schon Zukunftsprognosen für „Post-Corona“ laut. Giorgio Agamben entwirft die Dystopie einer Gesellschaft, die – einzig dem biologischen Überleben verpflichtet – in einem perpetuierten Angst- und Unsicherheitszustand mit bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen lebt. Slavoj Žižek repliziert mit der Hypothese, dass wir eine philosophische Revolution erleben werden, die uns anders über uns Menschen denken lässt: als Wesen mit begrenzter Souveränität, die sprechen und nicht wissen, was sie sagen und irgendwann wieder von der Erde verschwinden.

Matthias Horx, hochdotierter Wörtererfinder, entwirft eine zutiefst unpolitische „Regnose“ für Bobos und andere Mittelschichtsangehörige, die im Straßencafé einer Großstadt staunen werden, wie humorvoll sie im Homeoffice die Fortschritte der Digitalisierung nutzen und die Medizin bewundern. Rudolf Mitlöhner hält die Vorstellung, dass sich alles ändern wird, für irritierend und aller Erfahrung widersprechend. Wohl würde sich einiges lernen lassen, aber eine Umwandlung des gesamten Systems werde ausbleiben.

Daneben finden sich in den sozialen Medien sozialdarwinistische Visionen („Marktbereinigung“, „Förderung der Überlebensfähigen“, „natürliche Selektion der Schwächeren“) neben Utopien einer geheilten Erde und Menschheit. (Die Geschlechterverteilung bei diesen Prognosen wäre einen eigenen Kommentar wert.) Ich selbst habe eine Wette laufen, ob sich die Migrationspolitik unseres Bundeskanzlers ändern wird, wenn er feststellen muss, wie viele systemerhaltende Arbeiten in der Pflege, Spedition und Ernte von Migranten geleistet werden.

Raum der Mitgestaltung

Aus einer christlichen Perspektive können alle diese „Zukünfte“ eintreten, aber keine einzige mit Notwendigkeit. Denn die Zukunft ist offen und ein von Gott her geschenkter Raum der Mitgestaltung. Selbstverständlich gibt es Szenarien, die wahrscheinlicher sind als andere: historische und politische Konstellationen, psychologische und soziologische Dynamiken, kulturelle Kontexte haben einen maßgeblichen Impakt auf die Zukunft. Naturgesetze sind sie keine. Eine solche Sicht wäre platter Materialismus, der die Freiheit des menschlichen Geistes ausblendet.

Welche der möglichen Zukünfte wirklich wird, wird maßgeblich davon abhängen, welche Deutungen sich in den medialen, gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Diskursen durchsetzen. Es kommt also ein Kampf um die Hegemonie der Ideen auf uns zu, in dem insbesondere politisch Verantwortlichen eine Schlüsselrolle zukommt. Wenn die Methoden diskutiert werden, wie man die zu erwartende Armut bekämpft; wie man ökologische Ziele umsetzt; wie wir es mit der Migration oder der Demokratie hinkünftig halten.

Der Begriff ,Zeichen der Zeit‘ bezeichnet Ereignisse, die aus der Sicht des Glaubens zum Handeln auffordern.

Aus christlicher Sicht bietet „Post-Corona“ die Möglichkeit, sich daran zu erinnern, dass alle Entscheidungen über die Zukunft ethische sind, d. h. jeder und jede Einzelne vor freie und persönlich zu verantwortende Entscheidungen gestellt ist. Diese werden von den erwähnten Kontexten geprägt, manchmal auch eingeengt sein, aber der Spielraum ist größer als man glaubt. Politisch Verantwortliche bekommen die Gelegenheit, die „Adiaphorisierung“ ethischer Fragen zu beenden (so charakterisiert Zygmunt Bauman die europäische Migrationspolitik), d. h. Politik nicht nur als angeblich ideologiefreies „Krisenmanagement“ zu betrachten, das mit einem Rekurs auf Werte als schmückendem Beiwerk versehen wird. Sie können in Debatten der Sozialethik und der politischen Ethik einsteigen.

In der katholischen Theologie kann man Situationen wie die aktuelle mit dem Begriff der „Zeichen der Zeit“ verbinden. Damit werden geschichtliche Ereignisse bezeichnet, die nach Marie-Dominique Chenu das Bewusstsein von Menschen massenhaft verändern und aus der Sicht des Glaubens vor eine ethische Entscheidung stellen sowie zum Handeln auffordern. Dann besteht die Chance, dass selbst die katastrophalsten Situationen zu Orten werden können, in denen Menschen etwas Neues lernen, in ihrer Menschlichkeit wachsen und die Zuwendung Gottes erfahren. Voraussetzung: den Ernst der Lage wahrnehmen, Leid und Böses ebenso wenig ausblenden wie das Gute; Ursachen und Folgen analysieren, die eigenen ethischen Spielräume entdecken, an der Orientierung an Gott festhalten, und sei es mit Fragen, Zweifel und Widerspruch. Von selbst gereicht kein Ereignis zum Segen.

Nötige ethische Reflexion

Konkret: Corona deckt – wie die Pest, die Cholera, die Syphilis – Schwachstellen, Ungerechtigkeit, Unrechtsordnungen, Inhumanitäten und Werte der Gesellschaften ebenso auf wie die Stärken und Schwächen der Menschen und ihrer Systeme. So steht z. B. eine privilegiert und wohlgeschützt arbeitende Wissenschaftlerin wie ich neben der Corona ausgesetzten Regalschlichterin und Pflegerin; die Solidaritätswelle in Österreich neben der Weigerung, Kinder und Jugendliche aus den Flüchtlingslagern in Griechenland aufzunehmen; die Professionalisierung in der Digitalisierung neben der zu erwartenden Gewalt gegen Kinder und Frauen in den eigenen vier Wänden; die Ungleichheit bei den Möglichkeiten zur Bekämpfung der Pandemie zwischen Europa und dem globalen Süden neben den beeindruckenden Forschungen der Medizin; die Entdeckung der Wohltaten eines entstressten Lebens mit Spaziergängen neben der Unfähigkeit des Verzichts auf Konsum und die üblichen, kulturell hoch anerkannten Freizeitbeschäftigungen.

Soll diese Situation tatsächlich zur Chance werden, müssen wir diese Entdeckungen ethisch reflektieren. Dies betrifft insbesondere die problematischen Seiten, die zu benennen sich vermutlich gerade jene schwertun, die derzeit am besten geschützt sind. Nur die Anerkennung menschlicher, gesellschaftlicher, globaler Schieflagen, die jetzt erkennbar werden, kann „Post-Corona“ zu einem Lernort werden lassen, der allen eine bessere Zukunft beschert.

Die Autorin ist Leiterin des Instituts für Praktische Theologie der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Wien.