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Ist Futurologie eine Utopie?

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Für die Zukunft Perspektiven zu erstellen, ist ein uraltes Bedürfnis des Menschen, jenes Wesens, das nicht nur als Homo faber von Zukunftsvorsorge abhängig, sondern als sapiens zur Zukunftsvorstellung fähig ist. Ob der Mensch diese Zukunft im Vogelflug, in der Leberschau oder im Stammeln von Schamanen befragte, ob er sie empirisch durch Bauernregeln oder mathematisch durch Extrapolationen der Entwicklung erfahren will — seit seiner Kulturdämmerung war er bemüht, den Schleier von ihr zu heben, um sich beizeiten für und gegen sie zu nisten.

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Für die Zukunft Perspektiven zu erstellen, ist ein uraltes Bedürfnis des Menschen, jenes Wesens, das nicht nur als Homo faber von Zukunftsvorsorge abhängig, sondern als sapiens zur Zukunftsvorstellung fähig ist. Ob der Mensch diese Zukunft im Vogelflug, in der Leberschau oder im Stammeln von Schamanen befragte, ob er sie empirisch durch Bauernregeln oder mathematisch durch Extrapolationen der Entwicklung erfahren will — seit seiner Kulturdämmerung war er bemüht, den Schleier von ihr zu heben, um sich beizeiten für und gegen sie zu nisten.

Daß sie niemals eindeutig ist, wußte schon das Orakel von Delphi so gut, daß es seine Deutungen stets in jenem Zwielicht hielt, das der Zwielichthaftigkeit des Kommenden so durchaus gemäß ist. „Krösus, wenn du den Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören.“ Welches Reich, das blieb offen. Klar ausgesprochen wurde nur die Bedingtheit der Zukunft durch Entschlüsse des Menschen in der Gegenwart, und es mußte sehr viel geschehen, bis jenes „Wenn“, das jede Zukunft konditioniert, von ihren modernen Wahrsagern vergessen wurde. Vergessen, daß Zukunft immer eine Funktion von Wiliens- entscheidung ist, deren Unvorhersagbarkeit die Perspektiven des Morgens nur als Alternativen sinnvoll machen. Wer sie voraussagt, rechnet mit Wahrscheinlichkeiten,

und für kurze Fristen kann man sie gegeneinander abwägen. Doch je langfristiger Prognosen werden, desto weniger abschätzbar sind solche alternative Wahrscheinlichkeiten, weil immer mehr Faktoren ins Spiel kommen, das schließlich völlig undurchschaubar wird.

Daß Zukunft machbar ist, hat keine Zeit so gut gewußt wie die unsere. Daß sie, eben weil machbar, nicht vorhersagbar ist, wird viel zu wenig begriffen. Hier leistet sich die moderne Wirtschaftsgläubigkeit einen ihrer merkwürdigsten Purzelbäume. In ihrem Vertrauen auf die determinierenden Kräfte der technoökonomischen Entwicklung gibt sie die fundamentale Indeterminiertheit menschlicher Entschlüsse preis, die jederzeit ganze kulturelle Entwicklungslinien abbrechen und andere beginnen können, wie es im Zeitalter der Renaissance oder an der Schwelle des Industriezeitalters geschah, die völlig neue Stile der Weltbewältigung und Zukunftsgestaltung eingeleitet haben.

Sehr richtig weist Karl Popper darauf hin, daß es schon die Unvor

hersägbarkelt des Wissenschaftszuwachses unmöglich macht, zu wissen, wie er die Zukunft gestalten wird. In diesem Licht gesehen, ist jeder Futurologe Utopist, wenn er der Zukunft eindeutige Perspektiven erfindet, statt ihre Alternativen ins Auge zu fassen.

Denn in jedem einzelnen Augenblick kann der Mensch so handeln — aber auch völlig anders, und sein Handeln ist nicht im entferntesten rein rational bestimmt. Die ganze Vergangenheit und Gegenwart zeigt, daß der Homo sapiens weit eher als irrationales denn als rationales Wesen auf der Bühne der Geschichte agiert, auf der mehr Leidenschaften als Überlegungen, mehr Glaubenssätze als Vemunftleistungen am Werke sind. Doch selbst des Menschen rein rational induzierte Entscheidungen auf gesellschaftlichen

Teilgebieten haben durch deren Kollision miteinander zu der ungeheuren Irrationalität der ganzen Weltverfassung unserer Zeit beigetragen, deren unzählige Widersprüche ein einziger Gegenbeweis gegen die Irrmeinung ist, der Mensch sei reines Verstandeswesen.

Aber wäre er es selbst, so bleiben noch immer geschichtsmächtige Kräfte wirksam, deren Herkunft völlig verstandestranszendent ist und die dennoch zukunftsgestaltend wirken. Sie alle, die sich unter den Sammel- und Verlegenheitsbegriff „Zufall“ einordnen lassen, machen jede Zukunft zum Menschheitsabenteuer.

Und doch war das Bedürfnis nach Zukunftserhellung niemals größer als in unserer Zeit, in der sich die Dynamik der Veränderungen mit Zukunftsangst und Glückverlangen zu dem Mythos von der rationalen Machbarkeit der kommenden Zeit vermengt, die mit einer Erwartungsüberfülle befrachtet wird, die nur zu oft bereit macht, das Heutige dem Morgigen zu opfern. Dann wird die Gegenwart nur noch als Stufe für die

Zukunft und die Zeit nicht mehr als Situation, sondern nur noch als Prozeß erlebt, der in das Morgen drängt, das einmal „im Schoße der Götter“ lag und heute in die Hände der Menschen gelegt werden soll.

Bescheidene Deutungen

Mißtraut man der Machbarkeit der Welt mit den ausschließlichen Mitteln des Verstandes und versucht dennoch, die Zukunft in den Blick zu bekommen, dann wird man sich hüten, ihr eindeutige Perspektiven zu stellen, wie es die frühe und primitive Futorologie in ihrem Extrapolationswahn getan hat. Man wird sich mit Alternativen begnügen, wie es die bescheidener gewordenen Futurologen heute tun, etwa Kahn und Wiener, die ,.keine exakte Voraussage irgendeines speziellen Zukunftsaspektes“ sondern nur noch einen „Rahmen für weitere Spekulationen“ bieten wollen.

Vor die lebenswichtige Aufgabe gestellt, Zukunft beizeiten zu erkennen, und angesichts der Unmöglichkeit, sie eindeutig zu erfahren, bleiben wirklich nur Spekulationen übrig, deren Realisierung von dem Wahrscheinlichkeitsgrad künftiger menschlicher Entscheidungen abhängt. „Krösus, wenn du den Halys überschreitest..

Dieser Halys ist überall. Überall und jederzeit hat der Mensch die Freiheit, ihn zu überschreiten und damit eine Zukunft zu beginnen oder ihn zu meiden und eine andere Zukunft zu wählen. Selbst die so stark determinierenden Kräfte technischer Entwicklung, denen sich der abendländische Mensch seit zwei Jahrhunderten unterwirft, können durch seinen freien Willensentschluß von heute auf morgen entkräftet werden, wie das überraschende Nein der US-Wähler zum Überschallflugzeug eben jetzt gezeigt hat.

Bedenkt man die Zukunft in solchen Alternativen, dann erst gewinnen die Entscheidungen der Gegenwart ihre ungeheure Bedeutung für alle kommenden Generationen. Gerade durch Alternativentwürfe läßt sich die Verantwortung des indeterminierten Menschen für die Determinierung der späteren Zeit ins richtige Licht rücken. Dies besonders in unserer Gegenwart, ‘ die vor nie dagewesene Alternativen gestellt ist. Denn die „Bombe“ zwingt, zwischen Überleben und Gattungs

Untergang zu wählen. Nur die Voraussetzung, daß die Entscheidung für das Überleben fällt und daß kein „Zufall“ verhängnisvoll gegen solche Entscheidung wirksam wird, macht Visionen von weiteren Alternativen sinnvoll.

Dann freilich werden Entscheidungen zu treffen sein, die kaum ‘minder zukunftsrelevant sind, weil sie die Formen des Überlebens bestimmen werden, ja unter Umständen auch wieder zu Fragen des Überlebens selbst werden können, wie es die Übervölkerungsgefahr des Planeten zeigt. Sie wird schon bald die Menschheit aus ihrer Entscheidungsträgheit aufrütteln und vor die Wahl zwischen fundamentalen Alternativen stellen. Sympathische Zeitgenossen haben errechnet, wann beim gegenwärtigen Bevölkerungstrend dem Individuum nur noch ein Quadratmeter Lebensraum zur Verfügung stghen wird, und keine andere Extrapolation ist ähnlich unsinnig.

Zu einer anderen Wahl zwischen den Alternativen Leben oder Untergang zwingt schon heute die Humanökologie. Daß die Umweltverschmutzung einen Grad erreicht hat, der lebensbedrohend ist, beginnt allgemein bewußt zu werden, und diese Bewußtseinsänderung läßt

tiefreichende Auswirkungen auf die Technik der gesellschaftlichen Versorgung erwarten. Man wird begreifen, daß die Produktion der Güter ihre notwendige Ergänzung durch die Deduktion des Abfalls in umweltneutraler Form verlangt. Die Alternative ist ein völlig verseuchter Planet, dessen utopisches Schreckbild ein Flugblatt der Krefelder Ausstellung „Überleben in verschmutzter Umwelt“ im März dieses Jahres so zeichnete:

„Die Straßen haben sich in Gaskammern, die Flüsse in zähe Giftbrühen verwandelt. Die Sonne ist zur 40-Watt-Bime geworden, schon bald wird sich dieser Planet nicht mehr von fremden Planeten unterscheiden. Mit großem technischem Aufwand wenden Klimazonen errichtet werden müssen, um die Voraussetzung für menschliches Leben zu sichern. Die stetige Anpassung an die sich mehr und mehr verschlechternden Bedingungen verhindert ein instinktives Erfassen des Gefahrenausmaßes. An Umwelt wird nicht so rasch gestorben wie an H-Bomben, aber ebenso gründlich."

Die Entwicklungen der gesellschaftlichen Teilbereiche stehen nicht beziehungslos nebeneinander, sondern wirken aufeinander ein und ergeben ein fast undurchschaubares Muster von Interdependenzen und Interaktionen. In diesem Zusammenhang mit technischem Fortschritt und Bevölkerungsvermehrung stehen auch die Siedlungsverhältnisse. So gewinnt das Vorschreiten des Urbanisierungsprozesses bis zu Megalo- polen von vierzig und sechzig Millionen Einwohnern schon heute einen sehr hohen Grad von Wahrscheinlichkeit und provoziert wieder eine lebenswichtige Entscheidung zwischen städtischen Wohnwüstem und humanisiertem Städtebau.

Verantwortung von morgen

Immer wieder steht die Menschheit vor überraschend neuen Alternativen, und ihre jeweilige Wahl entscheidet über Innovationen nicht nur ihres materiellen, sondern auch geistigen Besitzes. Ein Beispiel dafür: Unsere Zeit hat die Wähl für die Bildungsgesellschaft getroffen. Ihre Entwicklung wird aber sehr bald an die Mauer der materiellen Bildungsverwertbarkeit stoßen, und eine neue Entscheidung wird fällig sein. Entweder wird man die Massenbildung durch die verfügbare Menge von Bildungsberufen beschränken oder die Bildung aus ihrer Kopulation mit besser bezahlten Jobs lösen.

Das heißt, man wird Bildung anders und tiefer zu begreifen haben als heute, da sie vor allem als wirtschaftlich verwertbares Gut propagiert und sozialpolitisch gefördert wird. Wirkliche Bildungsgesellschaft kann nur erreicht werden, wenn der Wert der Bildung in der Menschen-

formung und in der Verbesserung menschlichen Zusammenlebens erkannt wird, nicht aber in höherem Einkommen und besserem Status in einer Snob-Society. Hier sind noch Entscheidungen fällig, die das ganze Lebensklima des Jahres 2000 mitbeeinflussen werden.

Aber wer ausschließlich dem Menschen von heute die Verantwortung für die Welt von morgen auferlegt, kann das nur unter der Voraussetzung tun, daß unsere Kinder nicht mehr entscheidungsfähig oder entscheidungswillig und ganz und gar von Sachgesetzen determiniert sein werden. Tatsächlich aber hängt die Frage, wie die Menschheit im Jahr 2000 leben wird, nicht nur von der Welt ab, die wir den Nachkommen hinterlassen, sondern auch davon, was sie selbst aus dieser Hinterlassenschaft machen werden.

Denn auch diese Welt wird Chancen für freie Entscheidungen bieten. Und damit die Chance für unsere Kinder, ihre Erbschaft zu verbessern oder an ihr zu verunglücken, wie schon so viele Generationen am Vätererbe zugrunde gegangen sind.

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