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Ich lieg5 und besitz'...

Mit dem Abwurf der Atombombe über Hiroshima hat das Atomzeitalter begonnen. Und damit scheinen die Energiesorgen der Menschen für alle Zeiten beseitigt zu sein. Nichts hemmt mehr die Produktion von Konsumgütern, es entstehen Maschinenstädte, von Elektronengehirnen geleitet, wo man stundenlang durch Maschinenhallen gehen kann, ohne einen Menschen zu treffen. Mit einer unheimlichen Rasanz hat die Technik nach dem Menschen gegriffen und überschüttet ihn mit ihren Produkten. Nichts scheint unmöglich zu sein, man will riesige Plastjkkuppeln über die Städte wölben, so daß ständig gleichmäßiges Klima herrschen könnte, man will die Polkappen auftauen, man will hinaus in den Weltenraum. Und aller Fortschritt soll dem Menschen das Leben noch leichter machen, ihm jede Bequemlichkeit bieten.

Die Arbeitszeit auf allen Lebensgebieten hat sich in den letzten Jahren ständig verkürzt und wird noch bedeutend kürzer werden. Die Arbeit auf einem Ackerland, zu deren Bewältigung vor hundert Jahren ein Mensch zweieinhalb Stunden benötigte, schafft heute eine Maschine in vier Minuten. Und das einstige absolute Privilegium des Adels, gut zu leben, jede Menge Freizeit zu besitzen und nichts arbeiten zu müssen, hat die industrielle Technik immer mehr abgebaut. Wurde die soziale Struktur in den letzten Jahrzehnten immer mehr verwischt, so hat sie das Atomzeitalter endgültig aufgehoben. Der Mensch selbst aber erfuhr eine vollständige und unvorstellbar tragische Veränderung: das Atomzeitalter vernichtete den Homo sapiens, an seine Stelle trat der Homo passivus.

Das markanteste Symptom der Passivität des modernen Menschen in der Gemeinschaft ist das Unvermögen, irgendeine Verantwortung zu tragen. Man überläßt alles dem Staat. Er soll die Verantwortung übernehmen für den Arbeitsplatz, er hat die Wohnung beizustellen, .dem., Staat obliegt es, für das Alter des einzelnen die erforderlkhen finanzieren Mittel bereitstellen., Für alle Eventualitäten soll der Staat die Kotten übernehmen, der einzelne aber möchte so gut wie nichts dazu beitragen. Ob Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Arbeitslosigkeit, ja bei jeder Lebensschwierigkeit erwartet man von der Allgemeinheit Hilfe in jeder Form. Es wird von ernst zu nehmenden Zeitkritikern der Ausbau einer immer umfangreicheren sozialen Versorgung (mit Recht schon asoziale Versicherung bezeichnet) bereits als Sozialisierungswahn hingestellt. Dabei ist man so uneinsichtig und überheblich, daß man das Entstehen von amorphen, verantwortungslosen Massen als Fortschritt rühmt. Als ob es in den vergangenen Jahrhunderten nicht auch kluge und weitblickende Menschen gegeben hätte! Man übersieht eben beharrlich die Auswirkungen des jeweiligen Zeitgeistes.

Früher lebte man inmitten eines geordneten Familienverbandes, man gestaltete das Leben nach eigener Initiative, und die Transzendenz schuf einen festen Daseinssinn. Die Hilfe des Staates brauchte man nur in den ganz besonderen Ausnahmsfällen. Ganz anders der Homo passivus, den die Technik zu einem willenlosen Wesen gemacht hat, das in der Befriedigung aller Daseinswünsche den einzigen Lebensinhalt erblickt. Man erwartet vom Staat die Garantie eines möglichst arbeitsfreien, sorglosen und mit Konsumgütern gesättigten Lebens. Das Leben im modernen Sozialstaat soll so bequem wie möglich sein, man will nicht einmal mitdenken! Nur keine Initiative, nur nicht aus der Lethargie aufgerüttelt werden! Und der Staat als Summe aller Einzelwesen reagiert ebenso passiv: er ist — wie die vielen ungelösten Probleme des modernen Daseins beweisen — nicht in der Lage, das Notwendigste zur Erhaltung von Recht, Sitte und Moral zu tun. Abgründe öffnen sich...

Man sollte nun meinen, der Homo passivus, sozialversichert, umgeben von einer ungeheuren Menge von Konsumgütern, der ein Leben führen kann wie nie eine Menschengeneration zuvor, müßte unvorstellbar glücklich sein. Ihm stehen doch Möglichkeiten offen, von denen sich unsere Vorfahren einfach noch nichts träumen ließen. Aber — so erschreckend, so aufrüttelnd es auch sein mag, gerade das Gegenteil ist der Fall. Unfähig, die geschenkte Freizeit zu nützen, gepeinigt vom Lusthunger, traumwandelt der Homo passivus durch den Irrgarten der Konsumgüterproduktion. Er, der möglichst nichts tun will, der seinen Geist verkümmern läßt, will natürlich alles haben und kann niemals genug bekommen. Die Technik, die ihn entlasten sollte, belastet ihn. Er ist durch die Sozialversicherung der Sorgen um das Dasein enthoben, er hat weniger zu arbeiten als seine Vorfahren, aber das alles schafft ihm keine Befriedigung. So flüchtet er in die gierigen Arme der Genußmittel, die ihn abwärtsziehen.

Der Alkoholkonsum steigt, die Zigarettenproduktion erreicht Rekordzahlen (allein in den letzten fünf Jahren ist die Kopfquote um ein volles Drittel gestiegen). Was sagen die jungen Menschen, die in den Espressolokalen allabendlich herumsitzen, bei Koffein und Nikotin? Sie wollen doch schließlich etwas vom Leben haben! Da gehen die alten Rentnerinnen mit der Zigarette in der Hand auf der Gasse, da können Hunderttausende überhaupt nur noch das Dasein erträglich finden, wenn der Blutalkoholspiegel eine bestimmte Höhe erreicht hat. Und als unerschöpfliches Genußmittel dazu die Sexualität. Das junge Mädchen, das eben alles haben möchte und nichts dabei findet, splitternackt mit einem Greis zusammenzuleben die überfüllten Lokale mit Entkleidungsszenen, die Prostituiertenatmosphäre der Liebe am Nachmittag sind alarmierende Zeitsymptome.

Dramatisch aber wird es, wenn man infolge einer passiven und falschen Lebensführung gesundheitliche Störungen erworben hat und nun eine Änderung der ganzen Verhaltensweise eine Besserung bringen soll. Da sind die Fettsüchtigen, die einfach keine Mäßigung kennen und hemmungslos weiteressen, da sind die Raucher, die trotz anginöser Beschwerden und quälendster Emphysembronchitis nicht einmal zu einer Einschränkung zu bewegen sind, da sind die Trinker mit beginnender Zirrhose, die Neurotiker aller Arten, die mit ihren ständigen Anpassungsschwierigkeiten sich und der Umwelt das Leben zur Hölle machen. Ihnen allen — und sie gehen in die. Hunderttausende könnte min einen Ausweg zeigen, man könnte versuchen, rein psycho therapeutisch eüi£p„ne,ue.n, Weg „zu, weisen, erförderlich wäre nur, ihn auch aktiv selbst zu gehen. Und gerade das ist den meisten Menschen gänzlich unmöglich, sie wollen lediglich Medikamente, so einfach, so passiv wie möglich. Man will sein Herz gesund erhalten und trotzdem rauchen, man will weitertrinken und an der Leber nicht Schaden leiden. Man will alles in jeder Menge essen und dabei schlank bleiben, man will seine Lebenseinstellung absolut nicht ändern und versucht mit Pillen die Daseinsschwierigkeiten zu meistern. Was die Amerikaner als Glückspillen in den Handel brachten und als vielgestaltige Mepro-bamatverbindungen millionenfach konsumieren, müßte eigentlich längst die verantwortlichen Stellen wachrütteln. Denn nichts zeigt die ganze Passivität des modernen Menschen deutlicher als der Medikamentenkonsum, der sich seit dem Jahre 1938 versiebenfacht hat.

Nun könnte man dies alles natürlich als reichlich übertrieben bezeichnen und von einer durch weltanschauliche Perspektive entstandenen verzerrten Gegenwartsschilderung sprechen. Fragt man aber ganz objektiv, welchen Zweck die ganze Technik, der ganze sogenannte Komfort hat, dann zeigt sich überall nur eine doppelte Absicht: erstens: Arbeit zu ersparen und damit den Körper zu entlasten, je weniger Handgriffe, um so besser, und zweitens: dem Menschen jedes Denken abzunehmen, indem eben durch automatische Vorgänge soundso viele Tätigkeiten erledigt werden.

Der Körper braucht nicht mehr in Aktion zu treten, die Folgen sind — so lehrt es die nüchterne Statistik — immer deutlicher erkennbar. Von den zur Musterung einberufenen Jahrgängen junger Männer ist mehr als ein Drittel körperlich völlig untauglich, in der ganzen westlichen Welt nimmt der körperliche Verfall von Jahr zu Jahr — einwandfrei nachgewiesen — zu. Da kommen junge Menschen zur Untersuchung, die kaum mehr Muskeln an den Beinen haben und bei den geringsten körperlichen Anstrengungen völlig versagen.

Das Denken ist nicht mehr notwendig, die Bequemlichkeit und Sättigung läßt den Geist verkümmern. Und die sich daraus ergebenden Folgen aber sind zu einer integrierenden Bedrohung der ganzen Menschheit geworden. Denn das Nachlassen der geistigen Spannung läßt sich ;n der Zunahme von geistesschwachen Kindern erkennen. Man weiß längst, daß weite Bevölkerungsteile nur ganz unterdurchschnittlicher geistiger Leistungen überhaupt fähig sind, doch die jüngsten Statistiken bringen den lückenlosen Beweis, daß überall dort, wo die Passivität fortschreitet, auch immer mehr Kinder auf die

Welt kommen, die entweder niemals über das Intelligenzalter von Zwei- oder Dreijährigen hinauswachsen werden oder in Hilfsschulen untergebracht werden müssen. (In den Sonderschulen Österreichs gab es beispielsweise 1950 10.800 Kinder, im Jahre 1957 aber bereits 19.301!) Hier reift ein Problem heran, dem man derzeit völlig hilflos gegenübersteht.

Es gab einmal den Homo sapiens, der Jahrtausende auf der Erde lebte und ohne Technik das Leben meistern konnte. Doch das Produkt der industriellen Zivilisation des Atomzeitalters, der Homo passivus, läßt heute schon, wenige Jahre nach seiner Entstehung, die schwersten Verfallserscheinungen erkennen. Man müßte schleunigst den Homo sapiens wieder auferstehen lassen, man müßte alles daransetzen, um den Untergang zu verhindern. Man müßte aktiv sein ..., aktiv... I

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