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Entgegnung

Es ist nicht uninteressant, zu beobachten, wie der in meinem Buch „Homo Sapiens" gemachte Versuch, das Leben in der menschlichen Gesellschaft durch psychologische Aufklärung reibungsloser zu gestalten, an beiden Flügeln der herrschenden Weltanschauungen schweren Bedenken begegnet. Der Standpunkt der Kommunisten geht etwa dahin, daß ich zwar ein von ehrlichem Willen erfüllter Friedenskämpfer sei, aber als ein mit kleinbürgerlichen Vorurteilen beschwerter Idealist die Bedeutung der das historische Geschehen lenkenden ökonomischen Kräfte nicht richtig einschätze, während mir die Katholiken auf der anderen Seite vorwerfen, daß ich als ein im materialistischen Denken befangener Naturwissenschaftler das religiöse Anliegen der Menschen völlig verkenne. Hier zwei Zitate aus Kritiken meines Buches. Dr. Walter Hollitscher schreibt im „Tage- buch“ vom 27. Februar 1948:

„Dies ist überhaupt eine der Gefahren jeder von der Universalgeschichte abstrahie- renden Sozialpsychologie: daß man aus Unkenntnis der konkreten ökonomischen und politischen Bedingungen, unter denen die Individuen in Gruppen agieren, ihr Verhalten ,irrationalisiert’, es für widerverniinftig im Betriebe der individuellen oder gruppenegoistischen Motive hält, während es vielfach, bloß gemessen an dem, was sozial sein könnte — nicht aber an dem, was es ist —, der Vernünftigkeit’ entbehrt. Rüstungsfabrikanten etwa sind jrn Kontext ihrer Klasse durchaus rational handeltide Wesen; nur gemessen am Sozialismus und daran, daß dieser heute verwirklichbar ist, sind sie ,Anachronismen’, haben sie — um mit Thirring zu sprechen — die .Adaption versäumt’. Prof. Thirring befindet sich bei diesem, wie mir scheint, fundamentalen Irrtum in guter Gesellschaft. H. G. Wells, jener große Apostel des klein, bürgerlichen Utopismus in England, schrieb seine Weltgeschichte in ähnlicher Haltung.

Meine Bedenken gehen noch um einiges tiefer. Ich glaube nicht, daß das Studium selbst der wissenschaftlich unanfechtbarsten Psychologie zu erklären vermag, wie Kriege entstehen, und eine Anweisung dafür gibt, wie sie zu verhindern sind. Dies hängt damit zusammen, daß ich jegliche Psychologisierung’ des historischen Prozesses für verfohlt halte. Die Mensdten handeln — wie Engels sagt — nicht unter frei gewählten, sondern unter historisch vorausgegebenen Umständen. Diese Umstände haben sie, beziehungsweise ihre Vorfahren, zwar selbst handelnd geschaffen, aber in der bisherigen, von gesellschaftlichen Antagonismen beherrschten Geschichtsperrode der Klassengesellschaften entsprachen die Umstände, die sie schufen und unter denen sie handeln müssen, nicht den bewußten Absichten auch nur einer der agierenden Gruppen. Das Resultat ihrer Aktionen wurde für gewöhnlich von keiner mit Konsequenz gewollt. So kommt es, daß man das, was in der Geschichte geschieht, nicht durch eine Erforschung der Gedanken und Gefühle der handelnden Menschen — also nicht durch Psychologie — zu erklären vermag, sondern nur durch die Erforschung der Mechanismen des tatsächlichen historischen Prozesses: der Wechselwirkung zwischen den sich entwickelnden Produktivkräften und Produktionsverhältnissen.“

Hören wir nun, was die Gegenseite sagt. Dr. Franz Ritsch! schreibt in der „Furche" vom 17. Juli über meinen Versuch, die Menschen durch Aufklärung über den Mechanismus ihrer Triebe sehend zu machen, folgendes:

„Was uns psychologisch an Mechanismen und Trieben entgegentritt, ist ein Aspekt der Seele, sonst nichts. Ihre Totalanwendung auf das Leben würde das Bild des Menschen aufspalten in eine Kollektion von Trieben und Mechanismen, deren Vereinigung nur mehr einen verzerrten Reflex der lebendigen Wirklichkeit ergäbe.

Die beste Illustration bietet Thirring selber, wenn er das Religiöse als etwas Triebhaftes, Anlagebedingtes hinstellt und unter dem Oberbegriff der Verklärung verschiedener idealistischen Betätigungen, also etwa der Beschäftigung mit Wissenschaft, der Musik gleichstellt. Das Streben, die Seele anatomisch nach allen Richtungen zu zergliedern, führt zu einer groben Verkennung ihrer fundamentalsten Äußerungen. Beim Religiösen handelt es sich um ein existentielles Anliegen des Menschen, der aus dem direkten Anruf des Ewigen die Antwort auf die kategorische Frage nach dem Sinn und nach der Sendung seines Daseins empfängt. Die Sinnerkenritnis des Lebens aber ist die unabdingbare Grundlage seiner geistigen Existenz.“

Eine erschöpfende Auseinandersetzung mit den Argumenten der beiden Kritiker würde ein ganzes Buch füllen und ist hier nicht am Platze. Ich muß mich deswegen leider darauf beschränken ‘zu sagen, was ich mit meiner Philosophie des „H omo Sapiens“ bezwecke und was damit erreicht werden kann:

Sowohl im Alltagsleben wie auch im Getriebe der gesellschaftlichen Organisationen und in der Politik kann jeder, der als neutraler und objektiv denkender Beobachter zwischen den Streitparteien steht, feststellen, daß ein großer Teil allen Gezänkes auf der Welt gar nicht aus unvermeidlichen und realen Interessenkonflikten entsteht, sondern einfach daraus, daß die Menschen die Beschaffenheit und die Absichten ihrer Mitmenschen nicht verstehen und daß sie sich über die Eigentümlichkeiten des eigenen Ichs nur sehr unzulänglich im klaren sind. Fast jeder betrachtet die Welt durch geistige Brillen, die durch Veranlagung und Umwelteinflüsse allmählich ihren eigenen Farbton bekommen haben, für jeden gibt es eine ganz eigene Rangfolge der Wertinteressen, die vom Standpunkt eines anderen, und erst recht von einem höheren Standpunkt aus betrachtet, oft sehr kindlich erscheinen müssen.

Die gefärbten Brillen und eine unnatürlich gewordene Rangfolge der Wertinteressen stellen eine Gruppe von Faktoren dar, die zu Mißverständnissen und Mißtrauen zwischen den Menschen und damit weiter zu überflüssigem Gezanke führen. Gefährlicher wird es noch, wenn der Prozeß des Wertwachstums, das heißt des Entstehens eingebildeter, unnatürlich aufgeblasener Werte, nicht stehenbleibt, sondern hemmungslos weiterläuft und wenn, namentlich in ganzen Kollektiven, irgendwelche Ideen — wie zum Beispiel die Rassen- und Volksbelange beim Nationalsozialismus — so überwertig werden, daß die Menschen im Wahne handeln, dem jeweiligen Götzen zuliebe alle anderen menschlichen Belange skrupellos aufopfern zu dürfen. Wer aufmerksam beobachten kann, dem wird es auffallen, wie oft der Einzelmensch ebenso wie ein ganzes Kollektiv sich in der Verfolgung eines ihm immer größer erscheinenden Interesses völlig verrennt, wie eine anfangs vielleicht ganz sinnvoll begonnene Handlung oder Strömung im Laufe der Zeit selbstherrlich wird, selber zu einem Subjekt wird, während das ursprüngliche Subjekt, der handelnde Mensch selbst, einfach mitgerissen wird — und daß dabei schließlich gerade das Gegenteil von dem erreicht wird, was ursprünglich bezweckt war. In der Geschichte und in der Tagespolitik, am Schicksal ganzer Völker ebenso wiem Schicksal unseres Nächsten kann man solche Erscheinungen die in der von mir vorgeschlagenen Terminologie als „Entartungserscheinungen’’ bezeichnet werden dutzendmal beobachten — vorausgesetzt, daß man den Blick dafür hat.

Den Menschen nun den’ Blick zu schärfen, um solche Entartungserscheinungen zuerst an anderen und schließlich auch an sich selber klar erkennen zu können, ist meiner Überzeugung nach" eine erzieherische Aufgabe ersten Ranges. Ich bin ganz sicher, daß unserer sogenannten gebildeten Schicht in der Mittelschule viele Dinge eingetrichtert werden, die einerseits schwerer verständlich sind und andererseits zur Erzielung einer das harmonische Gleichgewicht zwischen Seele und Geist herstellenden Allgemeinbildung viel weniger wichtig sind, als einige fundamentale psychologische Erkenntnisse, die uns vor primitiven Fehlern bewahren können. Die Entartungserscheinungen, von denen ich eben sprach, sind nur ein Typus von geistigen Kinderkrankheiten der leider noch sehr infantilen Menschheit. Ein damit verwandter, aber doch etwas verschiedener Typus ist das, was ich als „Vordergrundperspektive“ bezeichnet habe, womit, ganz grob ausgedrückt, folgendes gemeint ist: das Vertrödeln von Zeit und Eifer auf nebensächliche Dinge, die im Vordergrund des geistigen Blickfeldes liegen und die Aussicht auf das eigentliche Endziel der Handlung verdecken. Ich kenne geistig bedeutende Menschen, die bereit sind, mit einiger Geringschätzung über die scheinbar allzu simplen Gedankengänge meiner Philosophie zu lächeln, die aber selber dutzendmal im Jahr eben jene primitiven, die eigene Person und die Mitmenschen schädigenden Fehler begehen, die sich unter Beherzigung der Homo-Sapiens-Lehre leicht vermeiden ließen.

Was mit dem Buch als erster Schritt erreicht werden soll, ist das: die entsprechenden psychologischen Erkenntnisse unter Verwendung eines auch den Laien verständlich zu machenden Begriffssystems zu formulieren und der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Mit diesem ersten Schritt ist natürlich noch sehr wenig getan, weil die paar tausend Leser eines in Österreich erscheinenden, nicht einmal dem ganzen deutschen Sprachgebiet zugänglichen Buches nur einen verschwindenden Bruchteil aller Leute ausmachen, die eine solche Belehrung nötig hätten —, und weil außerdem von dieser Leserzahl höchstens einige Hundert geistig jung genug sind, um aus solchen Erkenntnissen Nutzen zu ziehen. Ein entscheidender Schritt wird erst getan werden, wenn die erwähnten Erkenntnisse Gegenstand des Mittelschulunterrichtes werden. Eine Nation, die ihren Kindern eine Lehre dieser Art auf den Lebensweg mitgibt, wird einen geistigen und ethischen Vorsprung vor den anderen gewinnen.

Gegen den Vorwurf der Ignorierung der Lehre des historischen Materialismus auf der einen Seite und gegen den Vorwurf des allzu materialistischen Denkens auf der anderen Seite habe ich nun folgendes zu sagen. Zunächst gegen die Einwände von kommunistischer Seite: Ich würde Herrn Dr. Hollitscher recht geben, wenn er sagte, daß man das historische Geschehen nicht durch Psychologie allein erklären kann, widerspreche ihm aber energisch, wenn er meint, man könne es überhaupt nicht durch Psychologie erklären, sondern, wie er sagt, „nur durch Erforschung der Mechanismen der tatsächlichen historischen Prozesse: der Wechselwirkung zwischen den sich entwickelnden Produktivkräften und Produktionsverhältnissen". Denn das, was er Produktivkräfte nennt, sind ja keine Naetftkräfte, wie Sonnenschein und Regen, sondern selbst schon die Wechselwirkung zwischen den technischen Gegebenheiten und den menschlichen Strebungen. Die Reaktion des menschlichen Tun, auf die materiellen Umstände erfolgt ja nicht reflexartig ohne Zwischenschaltung von Verstand und Willen, sondern immer unter Einschaltung geistiger und seelischer Funktionen. Deswegen ist das, was Hollitscher „die Wechselwirkung zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen“ nennt, selbst eben auch schon ein Teilgebiet der Psychologie, und zwar innerhalb der Psychologie gerade jener Zweig der Seelenkunde, für den die von mir als „Spielneigung“, „seelische Perspektive" usw. bezeichneten Erscheinungen eine wesentliche Rolle spielen.

Gegen den von der andern Seite gemachten Vorwurf einer Entgöttlichung der menschlichen Seele durch Analyse des Mechanismus ihrer Triebe ist folgendes zu erwidern:

Wenn es uns um die Wachhaltung eines ehrlichen Idealismus zu tun ist, dann muß unter den Bedingungen des 20. Jahrhunderts die Hauptsorge unserer ethischen Bestrebungen dahin gehen, das „kategorische Gesetz in der Gemeinschaft“, wie es Herr Dr. Ritschi nennt, als leuchtendes Ideal vor Augen zu haben, oder, wie sich ein älterer Kollege ausdrückte, edel, hilfreich und gut zu sein und seinen Platz als wertvolles Mitglied der menschlichen Gesellschaft auszufüllen. Die Frage nach dem Ursprung dieses Gesetzes mag man im Zeitalter der Naturwissenschaft und der Atomphysik ruhig dem Gewissen des einzelnen überlassen. Wer, diesem Gesetz durch die Tat gehorchend, in der Überzeugung lebt, einem Trieb zu folgen, ist nicht schlechter als ein anderer, der im Glauben handelt, sich damit einen guten Platz im Himmel zu verdienen.

Indem nun mein Kritiker sagt, daß ich „das Religiöse als etwas Triebhaftes, Anlagebedingtes hinstelle’’, wird er bei manchen Lesern den Eindruck erwecken, als hätte ich die Religion herabsetzen wollen, denn viele Mensdten sind aus der belletristischen Literatur her gewohnt, mit dem Begriff des „Triebhaften“ die Vorstellung einer etwas geilen Sexualität zu verknüpfen. Ein solcher oberflächlicher Eindruck würde aber die Grundtendenz des ganzen Buches völlig verkennen lassen. Denn die Lehre des „Homo Sapiens" zielt ja gerade dahin, dem menschlichen Streben durch Wegräumen der vielen kleinlidten Belange und Interessen, die durch Spielneigung und durch die Wirkung der seelischen Perspektive zu unnatürlicher Größe anwachsen, die Bahn für das Ideale und Erhabene freizumachen. Mit der Vieldeutigkeit des Wortes „Materialismus", hinter dem eine ganze Anzahl von untereinander völlig verschiedenen, ja in ganz verschiedene Kategorien gehörigen Begriffen steckt, wird einiger Unfug getrieben. Mit dem erkenntniskritischen Materialismus beschäftigen sich die Gedanken meines Buches sehr wenig, weil sein Gegenstand auf einer ganz anderen Ebene liegt als jener der Erkenntnistheorie. Ebenso’ ist auch in dem bisher vorliegenden ersten Band recht wenig von historischem Materialismus die Rede siehe die Kritik Hollitschers. Wohl aber ist die gesamte Tendenz sehr eindeutig gegen den ethischen Materialismus gerichtet, also gegen die nur auf die Gewinnung materieller Güter oder sinnlichen Glücks ausgehende Einstellung, die dem vieldeutigen Wort „Materialismus“ den üblen Beigeschmack verliehen hat, mit dem die Gegner der „materialistischen Weltanschauung“ — die unter Umständen etwas Grundverschiedenes bedeuten kann — sich unter dem Laienpublik’um gerne Bundesgenossen schaffen möchten.

Wer da Bedenken hat, daß die von mir gepredigte Lehre zu einer „materialistischen Weltauffassung" in ethischem Sinne führen könnte, der möge sich meine Abrechnung mit dem Geldraffertum durchlesen, die mehr als fünf Seiten des achten Kapitels meines Buches einnimmt, oder etwa die folgenden Sätze des „Homo Sapiens" zur Kenntnis nehmen:

S. 218: „Auf alle Fälle sei an dieser Stelle schon die Tatsache festgehalten, daß ich für das-tief-inbrünstige, scheinbar in ein Jenseits weisende religiöse Gefühl, dessen viele Menschen fähig sind, aufrichtige Hochachtung empfinde, daß ich sogar die Schaffung einer Aufnahmebereitschaft der Seeje für Gefühle dieser Art für eine der wichtigsten Aufgaben jeder Menschenerziehung überhaupt halte — trotz der fürchterlichen Wirkungen, die diese starke Kraft dann ausüben kann, wenn sie auf Irrwege geleitet wird und entartet."

S. 230: „Da ist auf der einen Seite die innerliche Hohlheit und Armseligkeit eines entarteten, physisch dauernd überfütterten und geistig wenig interessierten Plutokraten- tums im römischen Cäsarenreich — und auf der anderen Seite der seelische Reichtum von verklärten Menschen, in denen das Feuer eines religiösen Gefühls liegt, das, von Christus selbst wie durch Fackelläufer übertragen, von Mann zu Mann entzündet; eine seelische Überlegenheit schafft, der gegenüber die innerlich ausgehöhlte Verkommenheit des zu sehr materialistisch, zu sehr diesseitig gerichteten römischen Heidentum versagen muß."

Ich vermute, daß der Leser aus der Lektüre von Herrn Dr. Ritschis Artikel einen anderen Eindruck von der Tendenz meines Buches empfing, als er gewinnen kann, wenn er den Originaltext aufmerksam liest, von dem hier einige Stichproben im Wortlaut zitiert sind.

Wer den Versuch einer versöhnenden Synthese zwischen dem ethischen Idealismus des Christentums und der Gedankenwelt moderner Naturwissenschaft als un- orthodox ablehnt, beschwört die Gefahr eines Schismas innerhalb des Lagers jener hervor, denen die Ethik des Christentums als Ideal vorschwebt, und wird dadurch unfreiwillig zum Bundesgenossen des wirklichen Antichrist.

Nachwort der „Furche”

Nicht nur der Anspruch des Autors auf Darlegung seines Standpunktes gegenüber einer eingehenden Kritik, die sein Werk in der „Furche" gefunden hat, sondern auch unsere Achtung vor den Motiven, die seine Doktrin bestimmten, begründete die Aufnahme der vorliegenden Erwiderung. Nicht der Versuch, „eine versöhnende Synthese zwischen dem ethischen Idealismus des Christentums und der Gedankenwelt der modernen Naturwissenschaft" herzustellen, ruft den Widerspruch zwischen Professor Thirring und seinem Kritiker hervor. Gewiß ist der praktische Wert derartiger Versuche, die Menschen zur Vernunft zu rufen, nicht gering zu achten. Aber ist für eine psychologische Umerziehung der Menschheit in diesem Versuche schon die letzte Klarheit über Geist und Materie gewonnen oder ist nicht vielmehr ein Kompromiß unternommen worden, dem es an innerer Konsequenz mangelt? Greifbar tritt dieser Mangel in dem Satze in Erscheinung: „Wer, diesem Gesetz nämlich hilfreich, edel und gut zu sein durch die Tat gehorchend, in der Überzeugung lebt, einem Trieb zu folgen, ist nicht schlechter als ein anderer, der im Glauben handelt, sich damit einen guten Platz im Himmel zu verdienen." — Die subjektive Überzeugung, wandelbar und rein menschlich bestimmt, kann nicht gleichgestellt werden der Ausrichtung des Handelns nach einer unverrückbaren, vom menschlichen Willen und menschlicher Bereitwilligkeit unabhängigen Nprm. Nicht darum geht es, daß von den zwei nach verschiedenen Beweggründen Handelnden einer „schlechter ist al. der andere", sondern darum, ob ein im Sinne rein menschlicher Triebe begründetes Gesetz des Handelns das gleiche sichere Richtmaß der Dinge im Bereich des Geistigen ein kann, wie das ewige Sittengesetz.

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