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Kommunismus und Religion

Die französische „La Documentation Cathoüque“ (September, Bonne Presse, Paris) gab ein Doppelheft heraus mit dem Titel „Comrrrunisme et Religion“, das aus einem zweifachen Grund besondere Aufmerksamkeit verdient: die meisten Aufsätze sind von Missionären geschrieben, das heißt von Männern, denen die kommunistische Doktrin, Methode und Auswirkung nicht nur aus Büchern bekannt ist, die vielmehr die kommunistische Wirklichkeit mit eigenen Augen gesehen und am eigenen Leib erfahren haben. Das ist der eine Vorteil. Der andere besteht darin, daß diese Missionäre im philosophischen Teil der Studien nicht von unserem Glauben, unserem Denken und Urteilen ausgehen, sondern von dem der Kommunisten, und zwar in der Weise, daß im Vordergrund der philosophischen Studien die marxistischen Prinzipien mit ihrer materialistischen Dialektik stehen. Diese Methode

bietet den Vorteil, daß man den Kommunismus von innen her zu verstehen, die persönliche Haltung des konkreten Kommunisten zu begreifen lernt, was eine unerläßliche Voraussetzung der praktischen Auseinandersetzung mit ihm sein dürfte.

Tn dem oben genannten Doppelheft schreibt R. P. F. Dufay M. E. P.: „Man kennt den Kommunismus schlecht. Selbst Priester nehmen ihn noch nicht ernst.“ Der Kommunismus „ist eine Philosophie von hohem Flug, ein zusammenhängendes und harmonisches System, sowie man sein Anfangspostulat annimmt: den dialektischen Materialismus. Ein Priester sagte: um den Kommunismus zu verstehen, muß man vielleicht seine Größe begriffen haben und vor seiner antigöttlichen Weigerung vom Schwindel ergriffen worden sein“. Den Christen aber sagt P. Dufay: „Der Schlüssel des Kommunismus ist seine Philosophie. Jedes Urteil, das nicht von hier ausgeht, ist unvollständig und führt in die Irre. Gewiß erweckt manches an den Kommunisten Bewunderung: ihr Dynamismus, ihre Ergebenheit...“ Nur zu leicht begehe man jedoch den Fehler, daß man die Qualitäten des Kommunisten in concreto unterstreiche und deshalb auch die Doktrin für gerechtfertigt halte, wie man anderseits die Unwirksamkeit des katholischen Menschen in concreto anprangere und auch dies auf die katholische Doktrin zurückführe. Der eine Schluß sei ebenso ungerechtfertigt wie der andere.

Der Marxist interpretiert die Geschichte durch den dialektischen Materialismus, dessen Sinn und Ende die Beherrschung der Naturkräfte durch den Menschen ist. Auch die menschliche Intelligenz wird als ein Produkt der Materie angesehen. Nach Marx sind die Beziehungen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft, der Person und der Gemeinschaft, der Intelligenz und der Materie usw. Dialektik — also Kampf. Die Religion dagegen wurde nach Marx aus der Unkenntnis geboren, aus der Ohnmacht vor den Kräften des Universums, aus der Unfähigkeit, diese zu erklären. Man habe diese Schrecken „objektiviert“ und so die Idee eines Gottes erfunden, der außerhalb des Menschen liegt. Diese Idee sei ein Betrug, der die Menschen von ihrem Währen Ziel ablenke, das darin bestehe, die Entwicklung der Materie zu vollenden.

Wie lebendig dieses bekannte antigöttliche Credo dem konkreten Kommunisten auch heute ist, zeigt Pater Dufay am einfachen Beispiel eines einfachen Leutnants der chinesischen Armee, der ihm sagte: „Ihr Christen sucht die Erklärung der Materie, indem ihr eine äußere Ursache der Materie annehmt. Ihr nennt sie Gott und sagt: .Dieser Gott ist und erklärt sich durch sich selbst.' Für uns, Schüler von Marx, ist es unnötig, eine äußere Ursache der Materie zu erfinden — das ist ein Glied zuviel. Halten wir an der Reihe der Ursachen im Bereich der Materie selbst an. Und deshalb sagen wir: ,Die Materie ist und erklärt sich durch sich selbst.“'

Bezüglich der parakommunistischen Organisationen warnen die Verfasser des Sonderheftes vor Täuschungen. Sie seien nicht das spezifische Werkzeug der Ideologie, das die

Partei allein darstelle. Diese ist die Seele all der andern Bewegungen wie der Gewerkschaften, der kulturellen, sportlichen, wissenschaftlichen Vereinigungen, der „Ohne Gott“ und der „Friedensbewegung“. Jene sind nur Mittel, um sich in die Wirklichkeit einzuschalten. Eteshalb werden in den parakommunistischen Organisationen auch Nichtmarxi-sten aufgenommen, während die Partei auf das strengste gesiebt und immer wieder „gereinigt“ wird. Sie ist ähnlich der katholischen Kirche hierarchisch aufgebaut.

Wie sehr aber die Mittel und nicht das Ziel wechseln, dafür ein Beispiel: Da es im Krieg im Vorteil der Partei lag, sich mit Amerika und den westlichen Demokratien gut zu stellen, löste man die Vereinigung der kämpferischen Atheisten auf. An ihrer Stelle gründete man 1947 die „Gesellschaft zur Verbreitung der politischen und wissenschaftlichen Kenntnisse“. Am 6. Juli 1952 gab die „Prawda“ folgende Details über die Tätigkeit dieser Gesellschaft: sie zählt 314.000 Mitglieder der intellektuellen kommunistischen Elite. Während der fünf Jahre ihrer Existenz gab sie mehr als 2,800.000 Konferenzen, publizierte 2700 Texte in einer Gesamtauflage von 114 Millionen Exemplaren. Die meisten dieser Broschüren sind antireligiöser Natur, in denen in allen Formen der Slogan wiederholt wird: „Religion ist Opium für das Volk.“

P. Dufay sagt hiezu: „Die zahlreichen Gesichter des Kommunismus, seine raschen und meist überraschenden Wendungen, werden als unzusammenhängend und schlechten Glaubens angesehen. Welch riesiger Irrtum! Die Unordnung an der Oberfläche, die man an der kommunistischen Aktion zu sehen glaubt, ist eine Illusion. Sie kommt aus unserem Unvermögen, uns in die Haut eines Marxisten zu versetzen und seine Psychologie zu verstehen. Wir wenden unsere moralischen und philosophischen Kategorien an und sagen: ,er lügt', womit wir glauben, ihn pulverisiert zu haben... Der Kommunist lügt nie, er widerspricht sich nie, er richtet lediglich seine Aktionen auf den gegenwärtigen Zustand der materiellen Entwicklung aus. Seitdem die Menschen diese Entwicklung auf sich genommen haben, ist nach kommunistischer Ansicht deren Motor die marxistische Aktivität. Das Gute und das Wahre wird also bestimmt von den konkreten Bedingungen des Klassenkampfes, von der auf dem Marsch befindlichen Revolution: Heute den Katholiken die Hand reichen, um sie morgen zu vernichten, ist — so gesehen — ebensowenig eine Duplizität, wie die Allianz mit Hitler, gefolgt von dem grausamen Krieg, oder wie der Patriotismus und der ihm folgende Defaitismus. Das alles sind lediglich verschiedene Momente der Entwicklung, verschiedene Phasen des Klassenkampfes, aufeinanderfolgende Absätze der Revolution und eben deshalb verschiedene Momente der Wahrheit' ... Die Begegnung Marxismus—Christentum kann nur durch ein tödliches Duell gelöst werden. Der politische Kommissar, der vor kurzem mit einer Gruppe chinesischer Christen sprach, verbarg das nicht, als er sagte: .Unsere Volksdemokratie hat zwei große Feinde — materiell gesehen: Amerika; geistig gesehen: den Papst und die katholische Kirche. Diese Kraft müssen wir viel mehr fürchten als die amerikanische. Wir werden die katholische Kirche zerstören müssen, bevor wir in der ganzen Welt unser Regime aufrichten können, da die Kirche und ihr Haupt sich dem immer widersetzen werden.'“

Ein weiteres vergißt man ebenfalls: die Methoden des Kommunismus, so verschieden in ihrer Art, sind sowohl im Innern wie gegen außen immer dieselben. Wenn zum Beispiel Missionäre in China gesehen haben, wie Regierungsbeamte die ruinierten Reichen, die für das Regime nicht mehr gefahrlich waren, gezwungen haben, gegen diejenigen vorzugehen, die sie ruiniert hatten, so daß die „eintägigen“ neuen „Herren“ durch ihre früheren Opfer wiederum eliminiert wurden, so bedeutet dies lediglich die Zerstörung jeder eventuell feindlichen Machtgruppe. Dieser Taktik begegnet man ständig. Die „Dialektik“ trifft ihre Opfer eines nach dem andern und die einen durch die andern. Aus diesem Grunde ist man auch nicht überrascht, zu vernehmen, daß mehr oder weniger schismatische Priester und Christen, nachdem sie die Kirche desorganisierten, heute im Gefängnis sitzen. Weshalb das Problem für den Kommunismus vor allem darin besteht, das Mittel zu finden, d i e Dialektik in die Kirche selbst einzuführen.

Hierin liegt der Kernpunkt für den Kampf gegen die Kirche. Offiziell kann jeder glauben, was er will. Die Religion als solche wird nie angegriffen, es sei denn, daß man uf wissenschaftliche, belehrende Weise versucht, dem Gläubigen ihren Opiumgehalt klarzumachen. Aber noch einmal sei es gesagt: der religiöse Grundgehalt des Gläubigen wird nicht angegriffen. In dieser Hinsicht gilt noch heute das Wort Lenins: „Es ist absolut notwendig, den Massen das verschiedenartigste Material der atheistischen Propaganda zu geben; sie mit den Tatsachen der verschiedenen Bereiche des Lebens vertraut zu machen; zu ihnen zu gehen und sie in der einen oder anderen Weise dafür zu interessieren; sie aus ihrem religiösen Schlaf zu rütteln und sie von allen Seiten, in der mannigfaltigsten Weise, zu erschüttern.“ Diese Art von Propaganda bleibt mit voller Absicht im profanen Bereich und geht niemals auf den der Doktrin. Aber die Kirche hat ja auch ihre profane Seite: sie ist zum Beispiel Großeigentümer. In einem Staat, wo es gesetzlich kein Großeigentum mehr geben darf, wird also auch sie, wie alle Großbesitzer, ihres Eigentums beraubt. Desgleichen die Klöster. Der Kardinal, der Erzbischof, der Bischof, der Priester, sie werden nicht in der religiösen Ausübung ihres Amtes bedroht, abgesetzt, verurteilt, gemartert, sondern auf Grund irgendwelcher fabrizierter Delikte;

Vaterlandsverräter, Spion, Devisenschieber, Vertreter einer feindlichen Macht. Der Papst wird nicht als religiöses Oberhaupt angegriffen, sondern als bezahlter Diener des amerikanischen Kapitalismus usw.

Dies entspricht durchaus den marxistischen Lehrsätzen, nach denen die Begriffe von Recht und Unrecht, von Gut und Böse, von Ehre und Unehre nicht ein für allemal feststehen und nicht für alle Zeiten und Menschen gelten. Diese Begriffe sind durch die historischen Bedingungen, in denen die Individuen leben, und durch ihre Teilnahme an dieser oder jener Klasse zu begreifen. Derart, daß die Moral den Menschen nicht von oben gegeben wurde, sondern sich historisch auf das materielle Leben der Individuen und ihre sozialen Bedingungen stützt. Jene Lebensart bedingt jenes soziale Gewissen und infolgedessen jene Moral. Die orthodoxe Kirche entgeht demselben Prozeß ebensowenig wie die andern. Sie wird als ein Ueberrest betrachtet, der langsam abstirbt, jetzt dem Regime aber noch nützt. „Die Minister der Kirche (orthodox), insofern sie den Glauben an Gott predigen, handeln schlecht und widersetzen sich mehr oder weniger der kommunistischen Sache“, steht in einer Doktorarbeit (15. Mai 1952), die in großen Massen verbreitet wird.

Muß dem gegenüber betont werden, daß alle „flammenden Proteste“ des Westens Moskau nicht im geringsten berühren? Was kann man gegen seine Haltung und seine Methoden tun? Krieg? Man versuche es: niemals würde der Teufel eine solch reiche Ernte haben wie in diesem Fall. Also?

R. P. F. Dufay sagt es uns: „Das katholische—kommunistische Stirnbieten ist nur möglich auf der Ebene des Zeugnisablegens. Werden wir generösere, treuere, authentischere Christen sein, als es die Kommunisten sind? Alles liegt hierin. Im bejahenden Fall wird die anziehende Kraft des Christentums durch ihre eigene Macht handeln. Wenn wir also begreifen müssen, daß die Diskussion über die Ideen keinen-Sinn hat, müssen wir gleichzeitig überzeugt sein von der Notwendigkeit, den Menschen im Kommunisten zu erreichen. Wir müssen ihn am Punkt der Verbindung in ihm zwischen dem Menschlichen und der monströsen Doktrin nehrnen, um den Verirrten wieder zurückzuführen. Dies ist vor allem das Werk der Nächstenliebe und eines strahlenden Christentums... Wir sind zweifellos an einem Grenzpunkt angekommen: die Gegenüberstellung der beiden Mystiken, der • einzigen, die gegenwärtig zählen. Lenin hatte recht mit seiner Feststellung der beiden Mystiken, der einzigen, die gegenwärtig zählen. Lenin hatte recht mit seiner Feststellung, daß das Christentum und der Kommunismus sich eines Tages allein gegenüberstehen würden. Wir sind schon da!“ H. Schwann („Orientierung“, Zürich)

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