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Der Umweg

Meine Zeit in der Kommunistischen Partei lag hinter mir. Nicht ich allein war nach jenen blutigen Ungarnereignissen aus der Partei ausgeschieden. Da waren in meinem Kollegenkreis Journalisten wie ich, die der Partei den Rücken kehrten. Da waren Arbeiter und Angestellte, denen ihre menschliche Empörung, ihr Gewissen und ihr Verantwortungsbewußtsein mehr galten als die verkrampften Erklärungen und Verfälschungen, als das Bitten und Werben der Kommunisten. Nach meinem Austritt sprach ich mit vielen Menschen, die mir seit Jahren in der Partei begegnet waren und die jetzt wie ich mit sich selbst ins reine kommen wollten. Wir waren uns im klaren, daß für unser Leben entscheidend sein wird, wie gründlich und sachlich wir unsere Zeit in der Kommunistischen Partei einschätzen werden. Wir wollten es uns nicht leicht machen und uns nicht einfach mit der Formel „die Ungarnereignisse waren uns zuviel” darüber hinwegtäuschen, daß zwölf und mehr Jahre der Kommunismus unserem Leben Sinn und Inhalt gegeben hatte.

Abend für Abend trafen wir uns in einer Wohnung, und die Diskussionen sollten jedem einzelnen dieses Kreises Klarheit über alle Fragen des Kommunismus geben. War es für den einen einfach die Tatsache des Eingreifens der Sowjetarmee, die ihn zum Austritt aus der Partei brachte, suchte der andere im Wesen des Kommunismus die Gründe für sein Entsetzen. War denn die blutige Niederschlagung der ungarischen Oktoberrevolution nicht die einzig konsequente, also die logische und richtige Folgerung aus den Grundsätzen der kommunistischen Politik? Empörten uns die Folgerungen und die Folgen, so mußten wir vor allem die Grundsätze des Kommunismus ablehnen.

Nicht weil führende Kommunisten unmenschlich, korrupt, unfähig waren oder sind, hat der Kommunismus soviel Unglück über die Menschheit gebracht, sondern weil der Kommunismus als solcher eine unmenschliche, eine falsche Lehre ist. Wie aber konnte eine solche Irrlehre Macht gerade über Menschen gewinnen., die die Amlagen zu vernünftigem. Denken und zu. menschlichem Handeln in sich trugen und denen es also nicht genügte, ohne Sinn und Pachtung, ohne feste Ueberzeugung und Glauben, auf der Jagd nach Lustgewinn und Geltung dähinzutreiben? Es sind die Schlechtesten nicht, deren sich der Kommunismus bemächtigt, nämlich jene, die diesen Mangel empfinden und die sich mit Abscheu von den sogenannten „Christen” abwendeh, deren Reden von Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Gotteskindschaft überfließen, deren verdorrte Seelen aber nicht einmal die Bedeutung dieser Worte erfassen, geschweige denn, daß ihre Taten anderen als ichbezogenen Zwecken dienen. Der Kommunismus fordert die Uebereinstimmung von Theorie und Praxis und stößt in die leeren Bereiche vor, wo einmal vielleicht das Christentum eine lebendige Kraft war. Er vermag so bösartig zu wirken, weil er sich einiger der Aktivsten bemächtigt und ihr Denken so umformt, ihr Gewissen so verdreht, daß sie schließlich für das Böseste zur Verfügung stehen.

Wir waren uns im klaren, daß der Kommunismus die Menschen nicht in eine glücklichere Zukunft führen konnte, sondern sie um Generationen zurückwerfen würde. Aber was würde jetzt der Sinn unseres Lebens sein, nachdem wir das erkannt hatten? Wo würden wir den Kompaß für unser ferneres Handeln finden? „Der Gott, der versagte” („Der Gott, der keiner war” in einer anderen Uebersetzung) heißt ein Buch, in welchem sechs ehemalige Kommunisten (darunter Andrė Gide, Ignazio Silone, Richard Wright, Stephen Spender) ernst ihre Abkehr vom größten Irrtum ihres Lebens begründeten. Aber eine Antwort auf diese entscheidende Frage gaben sie nicht. Also haben sie in diesem einen Punkt ihre kommunistische Vergangenheit noch nicht überwunden: denn niemand versteht es besser als ein Kommunist, Ungerechtigkeit, Fäulnis, sozialen Notstand. Unordnung, Heuchelei, persönliche Niedertracht, „weiche Stellen” des Bestehenden zu entdecken und zu entlarven (und das gehört zu den Taktiken im Kampf um die Macht), aber der Kommunismus ersetzt ein Uebel durch ein vielfach größeres Liebel. Das Uebel zu überwinden weiß er nicht.

Vor allem leugnet er den Wert der eigenständigen, persönlichen Verantwortung, denn für ihn existiert ja die eigengeistige Person nicht, sondern nur die Person im Kollektiv, und er. ersetzt den Geist durch Institutionen, Apparate, angebliche historische, der Materie innewohnende Gesetze. Die menschliche Initiative, die die Triebfeder jeder Entwicklung ist, verbannter in die engen und mordenden Grenzen des Parteibürokratismus.

Wohin eine solche Initiative führen muß, illustriert drastisch ein Vorkommnis, das mir wenige Tage nach meinem Ausscheiden, aus der Partei eine ehemalige ungarische Kommunistin schilderte, die nach Oesterreich geflüchtet war. In ihrem Betrieb, etwa zwanzig Kilometer westlich Von Budapest, war vor Jahren der Parteibeschluß gefaßt worden, als Parteiaufgabe mehr Schrauben zu erzeugen. Es fehlten allerdings die nötigen Maschinen und Einrichtungen, um eine wesentliche Steigerung der Schraubenproduktion zu erreichen. Nun stand vor den Kommunisten des Betriebes die Frage: Erfüllung des Parteibeschlusses oder Verdammung. So kämen sie zu einer Initiative, die mir typisch für den gesamten Kommunismus scheint. Die Arbeiter dieses Betriebes schraubten nachts aus fertiggestellten Maschinen in anderen Hallen die Schrauben heraus und konnten damit den Plan und den Parteibeschluß erfüllen. Für den übergeordneten Beamten war es egal; woher die Schrauben kamen, in seinem Bereich konnte er die Planerfüllung melden, sein Posten blieb ihm sicher und daher ließ er auch die ihm unterstellten Arbeiter in Ruhe.

Wir trafen uns noch oft. Unweigerlich mußte für uns ehemalige Kommunisten einmal die Frage auftauchen, was nun geschehen solle. Vorerst hatten wir uns dem Taumel der Freude über die Freiheit von jahrelangem Parteizwang und ideologischem Druck hingegeben. War doch ein langer, quälender Gewissenskampf entschlossen beendet. Durften wir aber die nächsten Jahre in politischer Hinsicht „privatisieren”? Die Ziele, für die wir uns bisher begeistert hatten, das Recht auf Arbeit, die Freiheit der Bildung, die Sicherung für die Fälle der Krankheit und für das Alter, das Recht auf gesundes Familienleben, der Aufstieg aller arbeitenden Menschen zu ihrem vollen Menschentum, alle diese Ziele waren ja nicht falsch gewesen. Unser großer Irrtum war ja nur unsere Annahme der Kommunismus weise den Weg dahin. Da’Wir nun efkännt hätten,’nicht aus Büchefn und Vorträgen, sondern aus eigenem persönlichsten Erleben, daß der Kommunismus die reaktionärste Bewegung unserer Zeit ist, die die Menschheit und vor allem die Arbeiter in die tiefste denkbare Erniedrigung führt; durften wir, die wir die Dinge gründlicher kannten und klarer sahen, uns schweigend und abwartend in bequeme Inaktivität zurückziehen?

An diesem Punkt angelangt, trennten sich unsere Wege. Die einen meinten, in dieser Welt gebe es niemanden, der ehrlich für soziale Gerechtigkeit kämpfe, und es lohne sich bloß, soweit wie möglich für sich selbst eine gewisse Gerechtigkeit zu erobern. Andere fanden, daß Politik auf jeden Fall ein schmutziges Geschäft sei und sie für Jahre genug hätten. Ich muß bekennen, daß ich nicht sehr weit von der Ansicht des „Nase-voll-Habens” entfernt war.

Da erinnerte ich mich, daß gerade auch Indifferente den Kommunisten willkommen waren, und begann mich vieler Gespräche zu entsinnen, die kommunistische Funktionäre über unpolitische Mitbürger geführt hatten. Ich wußte, daß die Partei für jeden Mitbürger eine offene Kartei hatte, nur nicht für jemanden, der ihr einmal angehört und ihr später den Rücken gekehrt hatte. Alle anderen aber sind für die Kommunisten interessant. Der Großunternehmer für einen monatlichen Obulus in Form eines Schecks, der Gewerbetreibende für eine hinter dem Verkaufspult übergebene Spende, der Großkaufmann für Inserate in der Parteipresse. Der Intellektuelle für gemeinsame Gespräche über Fragen der Kultur, des Weltfriedens, der Wissenschaft, des Kolonialismus. Der Arbeiter und Angestellte für eine Diskussion über Lohn und Gehalt, Preise und Lebensstandard. Für jeden hat der Kommunismus ein Rezept bereit. Schwärmst du für russisches Ballett? Gut, vielleicht bringt man dich einmal zu einem Film über die Uljanowa und die Bezirksleitung stellt fest, der und der wäre für Ballett empfänglich, und registriert’ dein Erscheinen im Kino. Wenn du mit jenem kommunistischen Schriftsteller sprichst, leistet dein Gesprächspartner „Parteiarbeit”. Denn früher oder später wird ihn die Partei über seine Kontakte befragen und er wird sie ohne Zögern nennen. Er wird dein harmloses Gespräch, das du über dieses oder jenes Theaterstück führst, als Beweis seiner Aktivität anführen. Gehörst du aber zu jenen, die einmal vor Jahren, vielleicht weil du zu bequem warst, um am Sonntagmorgen in die Trafik zu gehen, die „Volksstimme”, die man dir schon x-mal vergeblich angeboten hat, nun in Gottes Namen einmal kauftest, scheinst du gleich in mehreren Karteiblättern auf.

Nun könnte mir geantwortet werden, daß dies alles in Oesterreich zu keinem Erfolg führen werde, daß die Kommunisten bei jeder Wahl schwächer und mit ihren drei Abgeordneten im Parlament keine Bäume ausreißen werden. Es fragt sich aber, ob unser wirtschaftliches, gesellschaftliches. öffentliches, kulturelles Leben, ohne daß die meisten Oesterreicher es merken, sich nicht vielleicht in eine Richtung bewegt, die den Kommunisten sehr gut ins Konzept paßt. Den Kommunisten geht es heute gar nicht so sehr um ein Mandat mehr oder weniger. Es geht ihnen darum, als Kraft zu gelten, die immer und überall da ist und mit der man es sich nicht ganz verscherzen soll im Hinblick auf den Fall des Falles. Niemand spielt und operiert so gerne mit der Angst und Feigheit der Menschen wie der Kommunismus.

Als ich noch in der Partei war, lernte ich die wohlwollend-geringschätzige Art kennen, in der Kommunisten über Bürgerliche sprachen, die so fallweise ihre Spenden der KP abiieferten. „Geht’s doch wieder einmal zum XY, er kann ruhig wieder was springen lassen. Erzählts ihm von China, wie viele Leute dort wohnen, und er wird gleich mit was herausrücken.”

Nach meinem Austritt lernte ich diese Leute von Angesicht zu Angesicht kennen. Da war ein junger Mensch, der in den Tagen der ungarischen Revolution in meine Wohnung gestürmt kam und zornentflammt meinte, jetzt hätte ich die Entscheidung zu treffen, ob ich weiter als Mensch angesehen werden könne oder nicht. Als ich ihm erklärte, daß ich der Kommunistischen Partei den Rücken gekehrt habe, umarmte er mich und versicherte mich seiner Hochachtung. Nach Monaten ließ ich ihn einige Aufsätze lesen, die ich gegen den Kommunismus geschrieben hatte. Er meinte, daß ich das lieber lassen solle, man wisse ja doch nie, was kommen werde, und dann würde es mir sicher nicht gut gehen. Ich antwortete, daß ich eben darum dies schreibe, damit „es” nicht kommt. Er fand, daß doch andere darüber schreiben könnten. Als ich ihm in Erinnerung rief, daß er zur Zeit der ungarischen Revolution sogar selbst unbedingt aktiv etwas für die Freiheitskämpfer unternehmen wollte, meinte er, damals sei „eine andere Situation” gewesen. Ich habe den Eindruck, daß mir dieser „Antikommunist” seither aus dem Wege geht.

Wenig später stellte ich mich bei einer Firma vor. Der Chef des Hauses fand, daß ich für den freien Posten hervorragend geeignet sei. Als er von meiner Vergangenheit hörte, meinte er, die richtigen Kenntnisse hätte ich schon, aber das mit den Kommunisten sei so eine Sache. Würde er mich nehmen, so fand er, und es kämen einmal die Kommunisten an die Macht, würde man sagen, er habe einen Renegaten genommen; kämen sie aber nicht, so werde man ihm vorwerfen, er habe einen Kommunisten angestellt. Ich fragte, ob denn in seinem Betrieb gar keine Kommunisten beschäftigt wären. „Ja sicher”, antwortete er, „zwei sogar, aber die habe ich schon lange, außerdem und so …”

Nun bin ich keinesfalls der Meinung, daß das Kommunistenproblem einfach durch Hinauswerfen zu lösen wäre. Der gute Direktor hätte es zwar sicher am liebsten so gelöst, war aber der Meinung, daß es immerhin nicht schaden könne, einen oder zwei „Renommierkommunisten im Betrieb zu haben, denn man weiß ja nie. ob man nicht einmal ein Alibi braucht. Daß ihm in diesem befürchteten Fall die beiden überhaupt nichts bestätigen oder bescheinigen würden, hatte er übersehen. Vielleicht kann man sich bei einigen Kommunisten rückversichern, aber gegen den Kommunismus niemals!

Meine Zukunft war ungewiß. Ich konnte meine Existenz doch nicht auf dem kargen Einkommen meiner Mutter, einer Fabriksarbeiterin. aufbauen. Ich traf einen nichtkommunistischen Bekannten, der mir den Rat gab, mir eine der beiden Regierungsparteien, egal welche, auszusuchen, monatlich meinen Beitrag zu leisten und zu warten, vielleicht werde sich einmal was ergeben. Der nächste sprach vom „Graswachsenlassen, ruhig sein” und „sich nicht den Mund verbrennen”. Aber warum sollte ich denn Gras wachsen lassen? Hatte ich einen Ladendiebstahl begangen oder war ich einbrechen gegangen? Hatte ich den wichtigsten, den bisher schwersten Entschluß meines Lebens gefaßt und vielleicht auch den Mut gefunden, ihn auch zu realisieren, um jetzt zu schweigen? Mir stand der Weg offen, in meinem erlernten und mit Erfolg ausgeübten manuellen Beruf früher oder später doch unterzukommen, und ich würde um so leichter eine Existenz finden je weniger ich von meiner Vergangenheit spräche. Aber ich war Journalist geworden, und als Journalist hatte ich meinen Mann zu stellen. Ich hatte Zeugnis abzulegen, schien mir, und zwar laut und deutlich. Hier wollte ich allen Menschen, mit denen und gegen die ich geirrt hatte, die Wahrheit und meine Ansicht darüber sagen und kein „Gras wachsen lassen”. Ich lernte sie von A bis Z kennen, alle, die zweifellos vom Kommunismus nichts wissen wollen und ihm doch unbewußt Schützenhilfe leisten. Aber es schien mir vor allem wichtig, so unabhängig wie nur möglich zu bleiben. Ich durfte mich nicht mit dem Odium belasten, mich irgendeiner Richtung angeschlossen oder ihr Konzessionen gemacht zu haben, nur weil sie mir eine Sicherung meiner materiellen Existenz gewährte. Ich mußte mich frei fühlen, meinen eigenen Gedanken nachzuhängen, allein der Stimme meines Gewissens zu folgen und die Wahrheit, die ganze Wahrheit zu sagen, so gut ich sie erkannte. Bald wurden meine ehemaligen Genossen, was mich betrifft, sehr aktiv. Sie wollten ein Exempel statuieren. Für sie kam es darauf an, ihren Anhängern zu zeigen, daß einer, der dem Kommunismus den Rücken kehrt, keine Chancen hat. Ihre Arme reichten weit genug, um Intrigen bis an die ihrer Meinung nach richtigen Punkte vorzutreiben. Es ist erschütternd: denn sehr oft hatten sie wirklich Erfolg. Und so konnten sie in KP-Kreisen laut und triumphierend verkünden, daß man nirgends von abspringenden Kommunisten etwas wissen wolle. Man unterstrich, daß unter Nichtkommunisten die Meinung und der Rat eines ehrlichen Kommunisten doch noch mehr gelte als die eines abgesprungenen. Austritt aus der KP käme einem Selbstmord nahe. Die Versammlung der Aengstlichen, Lauen, Gleichgültigen, Schwachmütigen und Kurzsichtigen schien den Kommunisten recht zu geben.

Es bleibt mir nur noch zu sagen, daß ich Menschen fand, die an eine Zukunft jenseits des Kommunismus so fest glauben, daß sie dem anderen etwas von diesem Glauben übertragen können. Sie tun es nicht mit Transparenten, Losungen, Deklamationen.

Ich beginne heute wieder an und für etwas zu glauben. Was in mir aufkeimt und sich entfaltet, ist noch sehr unfertig und unreif, aber ich bin glücklich, daß die Stunde Null für mich vorbei ist. Ich betrachte die hinter mir liegenden Jahre nicht als bösen Traum, sondern als sehr reale Wirklichkeit. Träume gehören nicht in eine Welt, die dauernd am Abgrund steht. Sechzig ; Kilometer von meiner Heimat entfernt hört der Geist auf und schreckliche Mächte regieren. Trotzdem haben Zehntausende sich dort zum Geist der Freiheit bekannt und sind dafür gestorben. Gerade ihnen glaube ich es schuldig zu sein, in ihrem Sinne zu arbeiten und zu sprechen.

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