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Mein österreichbild

Herbert Eisenreich

1925, Schriftsteller, Sandl (Oberösterreich)

Österreich ist: 49 Prozent Genie und 51 Prozent Kretinismus; 49 Prozent Vernunft und 51 Prozent Affekt; 49 Prozent Fleiß und 51 Prozent Ignoranz; 49 Prozent Rechtschaffenheit und 51 Prozent Böswilligkeit; 49 Prozent Tüchtigkeit und 51 Prozent Dilettantismus; kurz: eine Nation, die ein Maximum von geistigen Chancen mit einem Maximum von seelischer Schlamperei zunichte macht.

Rupert Gmoser

1931, sozialistischer Publizist, Leiter der Sozialakademie in Graz

Österreich müßte definiert werden als das Undefinierbare. Die österreichische Symphonie ist die Unvollendete. Wir können alles sein und nichts. Wir vollbringen weltweit anerkannte Leistungen und schaffen gleichzeitig mit an dem östenreich- bild des Herrn Karl.

Österreich ist wie kaum ein Land Europas Repräsentanz einer verklungenen Zeit. Jeder einzelne lebt bei uns mit einer bewältigten oder unbewältigten Vergangenheit. Selbst die politischen Leitbilder aller Parteien sind bei uns viel stärker vergangenheitsorientiert als zukunfts- zugewandt. Und doch sind wir gleichzeitig zukunftsträchtig, viel stärker als jene, die glauben, die Zukunft für sich monopolisiert zu haben.

Österreich ist für mich ein Lebensstil, eine Art zu leben, die jenseits aller politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gruppierungen und Problemstellungen hier und sonst nirgends gelebt wird. Ich hoffe alles andere zu sein denn ein Hurra-Patriot, der österreichbekenntnisse zu allen möglichen und weniger möglichen Anlässen ablegt. Was sollte ein Nationalismus neuer Art in einer Epoche verloren haben, in der Geschichte endgültig Weltgeschichte geworden ist. Ich glafuhe buch nicht, daß wir der Weisheit letzter Schluß sind. Wer ehrlich ist, wird zugeben, ‘wie- viele fehler war begehen in allen Bereichen, auch in diesem Jubiläumsjahr. Wieviel ist bei uns oft verlogen, verkitscht. Es gibt Schlamperei bei uns und Gesinnungslosigkeit, Nörglertum un3 Kulturprotzerei, Elend der Wissenschaft und Glanz der Neureichen. Und doch, wie unverlierbar sind wir immer noch, geformt in einer jahrhundertelangen Entwicklung, Hort der Menschlichkeit, der personalen Freiheit, der Toleranz, des Gesprächs über Grenzen hinweg. Das merkt man erst dann wirklich, wenn man in unsere Nachbarstaaten diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs fährt.

Ich wehre mich bei Erkenntnis all unserer Fehler gegen eine österreichische Krankheit, unseren Minderwertigkeitskomplex. Könnten wir nicht einmal bei aller berechtigten Kritik auch etwas stolz sein auf das, was wir gerade in der Zweiten Republik verwirklicht haben, stolz sein nicht in Festreden, sondern in unserem persönlichen Leben. Ob wir wollen oder nicht, ist jeder einzelne geprägt von einem großen Erbe. Niemand kann aus der Geschichte austreten. Wir sollten versuchen, über alle festlichen Anlässe hinaus im Alltag diesem Erbe gerecht zu werden, es anzupassen an die Erfordernisse unserer Zeit. Österreich exi- stert nicht als abstrakter Begriff, als verfassungsrechtliches Gebilde, sondern als konkret gelebtes Leben. Es wird den Inhalt haben und als das definierbar sein, als was wir es Vorleben. Noch sind alle Chancen offen. Es liegt an jedem einzelnen von uns, es so zu leben, daß vor das werden, was wir unserer Anlage nach sein sollten.

Otto Habsburg-Lothringen

1912, Publizist, Pöcking am Starnberger See

Der Begriff Österreich ist verschieden, ob man ihn aus der Perspektive desjenigen, der in seinem Vaterland leben kann, betrachtet, oder aber aus dem Blickfeld eines Heimatvertriebenen: Bei ersterem verbindet sich das Wort mit persönlichen Erlebnissen; für letzteren wird das Land zu einer Geisteshaltung, man könnte beinahe sagen einem philosophischen Bekenntnis. Das ist in verstärktem Maß der Fall, wenn man eine Zeit erleben mußte, in der sich die Heimat unter fremder Besetzung befand, und in der man daher als Patriot selbstverständlich alle seine Kräfte nur dem einen Ziele widmete: mitzuhelfen die Unabhängigkeit wiederzuerringen.

Ich habe Österreich zweimal erlebt: als ferne Heimat in Europa; als Teil Europas während der Kriegs-Emigration in Amerika. Jenseits des Meeres war es erst wirklich möglich, zu dem Wesen des Landes durchzudringen, das ohne dem größeren Begriff Europa weder verstanden noch gefühlt werden kann. Geschichtlich ist Österreich immer ein Integrationsfaktor zwischen Völkern und Nationen gewesen. Als letzte Macht der alten Welt hat es der großen Irrlehre des 19. Jahrhunderts, dem Nationalismus, Widerstand geleistet. Es ist daher auch nicht erstaunlich, daß der Europa- Gedanke in seiner modernen Prägung von Wien ausgegangen ist. 1922 hat Coudenhove-Kalergi, ein donauländischer Österreicher, in der Hofburg den ersten Pan-Europa- Kongreß einberufen.

Österreich war und ist das „Herz Europas”. Diese zwei Worte drücken am besten die historische Funktion unseres Landes aus. Sie weisen auf die Aufgabe hin, die ihm heute wie in den Jahrhunderten seiner Geschichte gestellt ist

Kurt Skalnik

1925, Chefredakteur der „Furche”, Vorsitzender der „Arbeitsgemeinschaft katholischer Journalisten Österreichs”

Zugegeben: Diese Fragen erschienen mir zunächst wie ein Einbruch in die persönliche „Intimsphäre”. Mein „Verhältnis” zu Österreich ist nämlich durch persönliche Erlebnisse geprägt worden. „Rot-weiß-rot bis zum Tod” riefan die jungen Mittelschüler, die am 11. März 1938 für die Unabhängigkeit Österreichs und gegen das Auf gehen ihres Vaterlandes aii Großdeutschen Reich AdÖlMiftierÄ a?U|t den Straßen Wierts demonstrierten. Der Schreiber dieser Zeilen war mitten unter ihnen. Und damals knappe 14 Jahre alt. Die Schlachten des zweiten Weltkrieges erlebte er als Soldat einer Wehrmacht, die er nicht als die seines Landes anerkannte. Ihr Sieg hätte die endgültige Austilgung des Namens Österreich von der Landkarte Europas bedeutet. Kein Wunder, daß er sowie gar nicht so wenige Gleichgesinnte, die den Glauben an die Wiederherstellung Österreichs nicht verloren hatten, mit ihrem Herzen „auf der anderen Seite” waren. Welche inneren Konflikte sich aus solch einer Situation für einen jungen Menschen ergaben, liegt auf der Hand. Wenn bekannt werden muß, dann sei es bekannt: Der 27. April 1945, der Tag, an dem die Reichsadler von den beiden Fahnenstangen vor dem Parlament heruntergeholt wurden und die rotweißroten Fahnen auf stiegen, zählt zu den schönsten meines Lebens.

Eine „skeptische Generation” mag über solchen „patriotischen Überschwang” der Gefühle vielleicht gelassen lächeln und mit den Händen in den Taschen klimpern, wobei es ihr vielleicht ziemlich gleichgültig ist, ob dort Dollar, Franken, D-Mark oder Schilling möglichst in großer Menge sich befinden. Langsam, liebe Freunde: Ich weiß nicht, wer reicher oder ärmer ist. Wir, die Studenten- generatian des Jahres 1945, die mit hungrigem Magen und in umgeschneiderten Unifonmtolusein mit Hand anlegten, um das Fundament des neuen Österreich zu zimmern, oder jene unserer „Nachfahren”, denen „so fad” ist, daß sie an den Bräuchen der Großväter, wie Mensurenschlagen, wieder Gefallen finden können. Noch unverständlicher, wenn sie nicht nur die Sitten der Großväter pflegen, sondern auch, was ihre Gedankenwelt betrifft, in deren Bratenrock herumstolzieren. Daran ändern auch Blue jeans und Rollkragenpullover wenig.

Aber nun zur Sache. Österreich hat nach der nur zu verständlichen Orientierungslosigkeit von 1918, als der alte Vielvölkerstaat im Donau- raum zusammengebrochen war, und nachdem der Weg des deutschen Nationalismus, der unser Volk in die größte Katastrophe geführt hatte, die gerade meine Generation mit schweren Blutopfem bezahlen mußte, 1945 zu sich selbst gefunden. Die aus freien Stücken 1955 proklamierte immerwährende Neutralität gibt ihm die Möglichkeit, seine alte Friedensaufgabe im Herzen Europas in neuer Form, aber in Übereinstimmung mit seiner großen Geschichte, zu erfüllen. Die letzten zwei Jahrzehnte brachten im Westen das Ende der deutsch-französischen Erbfeindschaft. Die Aufgabe der restlichen Jahrzehnte dieses Jahrhunderts müßte dem . „Ausgleich” zwischen dem deutschen Volk und seinen slawischen NaCftfö&ölkern gewidmet sein.’ Gerade ein unabhäri- gigiės und heliffaies Österreich, dessen Volk mit beiden durch sefrie Geschichte und vielfältige Bande des Blutes verbunden ist, könnte hier gute Dienste leisten und aus Mitteleuropa wieder mehr als einen geographischen Begriff machen.

Übrigens: Ich hätte mir die ganze Antwort leichter machen können. „Was stellen Sie sich unter Österreich vor? Wie würden Sie es definieren?” Fragen Sie den Fisch, was er sich unter dem Wasser vorstellt, wie er es definiert. Es ist ihm kein Diskussionsgegenstand und Deflni- tionsöbjekt. Es ist sein Element, es ist sein Leben.

Hans Weigel

1908, Schriftsteller und Übersetzer

Ohne daß wir uns dessen gebührend bewußt werden, sind wir in diesen Jahren seit dem Ende des zweiten Weltkriegs Gestalter und Zeugen einer sehr bedeutenden Entwicklung: Österreich ist im Begriff, sich selbst zu erleben, vom bloßen Vorhandensein her das echte Sein zu verwirklichen. Österreich hatte sich niemals selbst gewollt, Österreich wurde auf Grund einer napo- leonischen Konstellation, dann auf Grund einer bismarckschen Konzeption, dann nach dem Willen der Sieger im ersten, dann nach dem Willen der Sieger im zweiten Weltkrieg geschaffen. Aber keine Gemeinschaft kann ohne eigenes Dazutun sinnvoll da sein. Und Österreich liefert nun den Willen nach und leistet rückwirkend das Dazutun.

Ich möchte aus eigenem Erleben die Geburtsstunde Österreichs paradoxerweise mit dem Untergang der Ersten Republik gleichsetzen. Dieser „Staat wider Willen” begann sein höheres, sein inneres Dasein, als er gefährdet und vernichtet wurde. Denn um auferstehen zu können, muß man dagewesen sein. Und die Republik Österreich ist im Frühjahr 1945 so selbstverständlich, so ihrer selbst sicher und bewußt auferstanden, wie sie zur Zeit der äußeren Existenz nie gewesen war.

Wir negieren gewiß vieles an Österreich, aber indem wir es negieren, negieren wir nicht mehr — wie in der Ära der Ersten Republik — zugleich auch Österreich. Österreich ist Objekt, aber es ist nun auch Subjekt der Kritik — Österreich ist als Begriff, als Realität, als Gebilde, so durchaus organisch vorhanden und selbstverständlich gesichert, daß uns kluge Zeitgenossen aus der Bundesrepublik Deutschland um diese Vorhandenheit beneiden. Österreich ist mehr als Administration und Apparat, Österreich ist nicht nur Form, sondern auch Inhalt.

Von der gewonnenen Gegenwart aus scheint mir nun eine neue Phase des mit Recht so genannten österreichischen Wunders zu beginnen: wir siind im: Begriff, die Vergangea- heib. ,f nicht au „bewältigen”, wie ein dummes Schlagwort fordert, das von der KP ablenken möchte, indem es eine Katalaunische Schlacht gegen die Geister der NSDAP inszeniert… nein: na hdem Österreich mit sich selbst identisch wurde, beginnt es nun, diese Identität auf die Vergangenheit auszudehnen. In der Diskussion um die verunglückte Darstellung des alten Kaiser Franz Joseph in der Femsehfassung des Romans „Radetzkymarsch” fühlten sich auch sehr viele schockiert, denen die monarchische Form und die ehemalige Herrscherdynastie gewiß nicht Herzenssache sind. Aus der gewonnen Gegenwart heraus sucht und findet Österreich nun auch Anschluß an die Vergangenheit. Wie die Franzosen Napoleon I., als er historisch geworden war, nach Paris heimholten und ihm auch in der Republik das große nationale Ehrenmal nicht vorenthalten, ist Österreich stark und selbstsicher genug, sich die Vergangenheit in seine völlig anders geartete und dimensionierte Gegenwart zu holen. Man mag, man soll kritisieren, auch das, was gewesen ist; doch wie es immer gewesen sein mag, ist es Bestandteil und Fundament des Heute.

Ich habe Österreich bewußt seit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges erlebt und sehe es so, wie es 1918 geworden ist, nicht als Improvisation oder notwendiges Übel, sondern als sinnvolle Gemeinschaft, die sich nach der mißglückten Generalprobe namens Erste Republik und nach dem Fegefeuer namens zweiter Weltkrieg nun zwanzig Jahre lang höchst eindrucksvoll und überzeugend bewährt hat. Alle naheliegenden deutschen Tendenzen in Österreich sind als Irrtümer und Kinderkrankheiten überwunden (sie haben in den zwanziger Jahren nicht nur bei den „Nationalen” grassiert, sondern ebenso bei den Christlich- sozialen und Sozialdemokraten). Österreich verhält sich, der gemeinsamen Sprache ungeachtet, zu Deutschland nicht wie der italienisch besetzte Dodekanes zu Griechenland, sondern wie England zu den Vereinigten Staaten und ist, gemeinsam mit der benachbarten Schweiz, ein bedeutsames Gegengewicht gegen die kulturelle und zivilisatorische Ameriikanisierung Europas.

Im wohlfundierten Besitz seiner Gegenwart und Vergangenheit soll sich Österreich für seine Zukunft vorbereiten. Ihre große Stunde wird schlagen, wenn die längst deutlich gewordene Zersetzung dėk kommunistischen - Systems ihren • Höhepunkt erreicht wenn der große Zusammenbruch kommt und die Völker des Ostens und Südostens frei werden, nach Europa zurückzukehren. Wien wird und soll dann nicht mehr, wie anno Habsburg, die Hauptstadt eines Reichs sein, Österreich aber wird zum bedeutenden Schwerpunkt eines neuen Kraftfeldes werden. Österreichs ganze Vergangenheit und Gegenwart wird von dieser Zukunft her und auf diese Zukunft hin sinnvoll. Was Habsburg vertan hat, kann das demokratische, innen und außen freie Österreich von morgen leisten: die verlorenen Söhne Europas in ihr neues Jahrhundert führen helfen.

Erika Weinzierl

1925, Dozentin für österreichische Geschichte an den Universitäten Wien und Salzburg, Vorstand des Instituts für Kirchliche Zeitgeschichte am Internationalen Forschungszentrumfür Grundfragen der Wissenschaften, Salzburg

Auf Ihre beiden österreiohfragen kann ich Ihnen leider nur eine etwas ausführlichere und zugleich sehr einfache und persönliche Antwort geben.

Unter Österreich stelle ich mir noch immer das gleiche vor vie vor zwanzig Jahren, als meine Freunde aus der Katholischen Hochschulgemeinde und ich die Messe nicht mehr in der Krypta von St. Ruprecht feiern mußten und wir unser durch Krieg oder Kriegshilfsdienst unterbrochenes Studium wieder aufnen- men konnten. Ich hatte damals wie auch heute allerdings nicht viele konkrete Vorstellungen von dem neuen Österreich. Mit völliger Sicherheit wußte ich zunächst nur, was in diesem unserem Staat niemals wiederkommen sollte.

Es waren vor allem drei Ereignisse in meiner Kindheit und Jugend, deren Auswirkungen auf mich einen unauslöschlichen Eindruck gemacht haben, vielleicht sogar meinen Weg bis zum heutigen Tag und darüber hinaus bestimmen: Das eine war jener 12. Ftebruar 1934, an dem sich ein tiefblauer Himimel über Wien wölbte, auch im Bezirk Mariahilf die Scheiben von den Geschoßdetonationen klirrten, und das zum erstenmal in seinem Leben söhneil zum Kaufmann um Zucker und Mehl geschickte Kind die dicht gedrängten aufgeregten Frauen sagen hörte: „In Heiligenstadt kämpfen die Arbeiter mit den Soldaten — jetzt schießt das Militär auf den Karl-Marx-Hof!”

Das zweite war jener Tag, an dem ln der Sdlule die sogenannten „Mischlinge” in die letzte Bank verbannt wurden, man den Weinenden die Teilnahme am Skikurs untersagte und uns befahl: „Ihr seid arische Mädchen, ihr dürft mit den andern nicht sprechen!”

Und schließlich noch mitten im Krieg jener neblige Herbsttag, an dem ich an einer Straßenecke stand, Lastwagen vorüberfahren sah, in denen man sonst das Vieh transportierte, und Erwachsene mit geduckten Köpfen halblaut sagten: „Da deportieren s’ wieder Juden nach Polen!”

Das wollte und will ich nicht mehr erleben. Daher stand für mich 1945 ebenso wie heute fest: In Österreich soll nie wieder jemand wegen seiner Rasse, seines Glaubens oder seiner politischen Überzeugung in seinen Rechten verletzt oder gekränkt werden. Keine Gruppe, keine Partei, keine Weltanschauung darf die anderen zu überwältigen versuchen oder verächtlich machen wollen. Positiv ausgedrüökt: Österreich soll ein Land sein, dessen Bürger, wo immer sie auch stehen, nicht nur miteinander arbeiten, sondern auch miteinander sprechen — nicht nur über das Wetter oder den Sport, sondern auch über ihren eigenen Standpunkt und den des andern in bewußter und gewollter Toleranz. Ich stelle mir also unter Österreich einen freien und demokratischen Rechtsstaat vor, in dem außerdem nicht Parteibuch oder Protektion, sondern Persönlichkeit und Leistung den Ausschlag geben, das gesellschaftliche und politische Klima bestimmen sollten.

Was die Stellung Österreichs in der Welt betrifft, so ist für mich gerade die Zweite Republik das Land, das die kulturelle und völkerverbindende Aufgabe der Habsburgermonarchie in Mitteleuropa und speziell im Donauraum in neuen, unserer Zeit möglichen und ihr entsprechenden Formen wahrzunehmen und zu erfüllen hat.

Vorfahren von mir sind, von der jungen Maria Theresia angezogen, der Kaiserin aus der Toskana nach Wien gefolgt. Andere kamen aus Frankreich und traten in kaiserliche Dienste. Sie wurden Österreicher. Als Österreicher haben sie in Galizien, Böhmen oder an der Adria gewirkt und gerade deshalb die Sprache der dort beheimateten Völkerschaften gelernt. Als Österreicher haben sie an jenem Tor der kaiserlichen Burg in Wien aus italienischem Stein mitgebaut, das die Inschrift trägt: „Justitia regnorum fundamentum.”

Diese Tradition der Menschlichkeit und Gerechtigkeit gehört ganz wesentlich zu meiner Vorstellung von Österreich. Im Anschluß an sie sehe ich eine Hauptaufgabe der Zukunft. _ Weitergefüihrt von den freien Bürgern eines politisch neutralen Staates, müßte sie unserm Land die Erfüllung seiner historischen „Brückenfunktion” ermöglichen — als Ort der friedlichen Begegnung von Menschen, Weltanschauungen und Kulturen, als Stätte eines echten und sinnvollen „Dialoges”.

Daß diese meine Vorstellungen nicht ganz mit der Entwicklung Österreichs seit 1945 und der Wirklichkeit von heute übereinstimmen, dėssen bin ich mir bewußt. Aber ich bin Historikerin und weiß, daß überall auf der Welt und ganz besonders bei uns in Österreich gut Ding eben seine Weile braucht, wie übrigens auöh Böses und Negatives nicht über Nacht verschwindet. Es darf nur nicht wiederkommen… Daher bin ich nicht allzu enttäuscht darüber, daß der Elan von 1945, der vertrauensvolle und aufrichtige Wille zur Zusammenarbeit, an dessen Werden ja gerade Nationalsozialismus und Besatzung entscheidenden Anteil hatten, nachgelassen haben, daß nicht alles so gekommen ist, wie wir es damals erhofften. Ich möchte trotzdem, trotz aller österreichischer Erb- und Zeitübel — verbindliche Kaltherzigkeit und Gedankenlosigkeit, Phlegma, Protektionitis, Provinzialismus und Schlamperei — in keinem anderen Land der Welt leben.

Damit komme ich zur Beantwortung Ihrer zweiten Frage, zu meiner Definition von Österreich. Sie ergibt sich aus dem vorher Gesagten und ist dementsprechend kurz, für Ihr Empfinden vielleicht sogar simpel und sentimental. Sei’s drum: Österreich ist das Land, in dem zu leben sich meine Vorfahren entschieden haben. Österreich wird, so Gott will, die Heimat meiner Kinder und Kindeskinder sein. Österreich ist mein Vaterland.

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