6958875-1984_40_13.jpg
Digital In Arbeit

Können wir unser Osterreich lieben ?

1945 1960 1980 2000 2020

Eine Sinndeutung der Geschichte sollte zu einem neuen Vaterlandsgefühl der Österreicher führen, meint der Innsbrucker Erwachsenenbildner mit Blick auf das bevorstehende Republik-Jubiläum.

1945 1960 1980 2000 2020

Eine Sinndeutung der Geschichte sollte zu einem neuen Vaterlandsgefühl der Österreicher führen, meint der Innsbrucker Erwachsenenbildner mit Blick auf das bevorstehende Republik-Jubiläum.

Ist es nicht überholt, von einem „aufgeklärten Patriotismus" zu reden? — Wie stünde es gar mit einem österreichischen Patriotismus dieser Art? Können wir Österreich, dieses mit soviel tragischer Geschichte belastete

Land, noch lieben, wie unsere Großväter die k. k. Monarchie geliebt haben?...

Was ist Österreich? Eine Mixtur aus romanischem, germanischem und slawischem Wesen? Oder bloß eine Produktivitäts-AG auf Widerruf? Eine zweite Schweiz mit dem Entschluß zur Ge-schichtslosigkeit? Der dritte „deutsche" Staat?... Das Hotel des europäischen Massentourismus?... Der Wirtschaftswunder-Balkon der westlichen Welt in den kommunistischen Raum hinaus? Ein Land, in dem die mitteleuropäische Variante des Katholizismus zu Ende ist und in dem die Kirche sich ihrer Minderheitssituation erst bewußt werden muß, wenn sie überwintern soll?...

Wie belastet ist gerade in Österreich das Wort „vaterländisch"! Ohne allzuweit auszuholen, lassen sich die Gründe für das gefährliche Ausbleiben einer Identifizierung der Österreicher mit diesem ihrem Staat leicht ermitteln. Da ist als erster der zweifache Bruch in unserem jüngsten Geschichtsbewußtsein (1918 und 1938) hervorzuheben. Dabei war der zweite Bruch die Folge des schlecht verheilten ersten...

Zehn Völker sind 1918 aus der alten Monarchie ausgewandert. Wir Übriggebliebenen sind aber vor der Wirklichkeit des Kleinstaates ausgewichen: in den Internationalismus, in den christlichen Ständestaat, in den Nationalsozialismus, in das Dritte Reich...

Auch Österreich leidet unter dem Fehlen einer breiten staatsbejahenden Elite, wobei noch immer nicht abzusehen ist, wie sich eine solche bilden könnte. Wenn ein wesentlicher Teil der heutigen jungen Generation sich als entpolitisierte Jungkonsumenten gibt, dann deshalb, weil ein großer Teil der älteren Generation es sowohl an Führungswillen wie an Konsumaskese fehlen läßt...

Weil das Vaterländische nicht stark genug in uns Österreichern lebt, vermögen der Wohlfahrtsstaat und die ihm zugeordnete Konsumgesellschaft die Bereitschaft des einzelnen zu Opfer und Verzicht für das größere Ganze in so gefährlichem Maße zu schwächen. Je mehr die Haltung sich verbreitet, den Staat und seine sozialen Einrichtungen bis zur äußersten Grenze für sein eigenes Wohl auszunützen, um so „dümmer" erscheint jede Art von Patriotismus.

Entscheidend für ein Vaterlandsbewußtsein ist nicht die geographische Lage, nicht die gesellschaftliche Ausgereiftheit, auch nicht die einheitliche Sprache, sondern das Bewußtsein einer gemeinsam erlebten Geschichte, genauer: die innere, geistige Kontinuität zwischen den verschiedenen geschichtlich geprägten Generationen ...

Gerade die Bewältigung der jüngsten Vergangenheit verlangt aber eine Neuperspektivierung der gesamten österreichischen Geschichte...

Dies bedeutet, daß unter den großen Gestalten der österreichischen Geschichte eine Auswahl auch unter dem Gesichtspunkt ihrer übernationalen, ihrer europäischen Bedeutsamkeit getroffen werden muß.

Hinsichtlich der Großfiguren von europäischem Format sind sowohl Rehabilitierungen wie Entmythisierungen bis in die Schulbücher hinein fällig. Der Historiker Heinrich Srbik hat die Gestalt eines Metternich von dem Verdikt unserer liberalen Großväter befreit. Ferdinand Maaß hat, was die Kirchenpolitik anlangt, die Kaiserin Maria Theresia teilweise entmythisiert und Kaiser Joseph II. teilweise rehabilitiert ...

Karl Renner und Jodok Fink, Otto Bauer und Ignaz Seipel, Karl Seitz und Leopold Kunschak müssen, wenn der Bürgerkriegsgraben endlich geschlossen werden soll, zusammen gesehen werden. Mit Hitler aber als einer Unheilsfigur auch der österreichischen Geschichte werden noch unsere Enkel sich auseinandersetzen müssen, wenn die Verdrängung seiner Untaten und unseres Versagens nicht zu einer neuen Geschichtslüge führen soll.

Dieselbe Neu- oder Umwertung werden auch entscheidende Ereignisse und Entwicklungen erfahren müssen, welche bisher einseitig der österreichischen Geschichte zugeschrieben worden sind. Wie die einzelnen großen Gestalten, so müssen auch jene nach ihrer gesamteuropäischen Bedeutung beurteilt werden ...

Heute wissen wir, daß die katholische Restauration und das Barock auch als europarelevante Epochen der österreichischen Geschichte betrachtet werden müssen; daß dasselbe für den Maria-Theresianismus als Ursprung des Josephinismus gilt; daß die Restauration in Österreich in eine Österreich-katholische und in eine römisch-katholische zerfiel.

Erst heute können die bürgerliche Revolution von 1848 und der verspätete Ausgleich von 1867 richtig beurteilt werden. Auch die soziale Leistung, die der österreichische Sozialismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gesetzt hat, ist erneut in eine europäische Perspektive zu rücken.

Wie immer man den Nationalsozialismus beurteilen mag, der 25. Juli 1934 war nur einer der Versuche, welche jede der als politische Parteien verkleideten Weltanschauungen in den Bürgerkriegen zwischen 1918—1938 unternommen hat, um über die beiden anderen die öbmacht zu gewinnen.

Solange man sich aber in Osterreich nicht entschließen kann, die Fahnen vor allen Bürgerkriegstoten zu senken und, welcher politischen Weltanschauung man immer angehört haben mag, ein gemeinsames Schuldbekenntnis abzulegen, hat Herbert Eisenreich noch immer mit seiner Behauptung recht, daß Österreich auf einem Wohlstandsparkett tanze, dieses aber lose auf einem Vulkan liege...

Ein neuösterreichisches Vaterlandsgefühl müßte nach drei Seiten geöffnet sein: einmal seiner eigenen großen, lange Zeit reichsorientierten Vergangenheit gegenüber: von den Babenbergern über die Habsburger bis zu Seipel und Karl Renner; dann dem werdenden Europa ..., einem europäischen Staatenbund gegenüber, der nicht nur romanisch-germanisch, sondern auch slawisch sein soll...

Wie könnte ein Christ, der Österreicher ist, zu diesem seinem Vaterland stehen?... Wir dürfen uns weder im Ghetto einer spiri-tualisierten Kirche noch in jenem eines selbstzufrieden-satten Vaterlands zur Ruhe setzen

Der Christ muß als Erlöser das

Werk der Erlösung vollenden, indem er sich bemüht, auch die öffentlichen Ordnungen, in die er hineingeboren ist oder für die er sich entschieden hat, soweit als möglich wieder zu durchheiligen. Auch im Zeitalter der Säkularisierung steht am Ende für Christen der mitzuverantwortende Staat, das dem Christlichen offen zu haltende Vaterland ...

Was wir am dringendsten brauchen, ist eine Sinndeutung der bisherigen österreichischen Geschichte. Nichts, was an unseren Traditionen einen echten Wert darstellt, darf dabei ausgelassen werden.

Diese Neuperspektivierung unserer Herkünftigkeit... darf gerade die Jahre 1918,1927,1934,1938, 1945 nicht ungedeutet lassen. Es darf auch nicht bei der einseitigen Schuldverteilung bleiben...

Wenn wir mit diesem geistigen Reinigungsakt noch länger warten, dürfen wir uns nicht wundern, wenn dieser Leerraum im Geist der jungen und jüngsten Generation von nationalistischer Geschichtsklitterung oder von kommunistischer Sinnverfälschung besetzt wird.

Wir brauchen eine Ausweitung der Begriffe „Helden" und „Opfer" im Hinblick auf alle, die aktiv oder passiv, als Soldaten oder Zivilisten, als Mitschuldige oder als Bekenner von Freiheit und Menschenwürde von 1914 bis 1945 in das geschichtliche Geschehen verwickelt waren

Die Grenzen der Kritik an österreichischen Einrichtungen und an Trägern öffentlicher Verantwortung sind aufzuzeigen. Unsere spezifische geistige Krankheit, der Masochismus aus-triacus, ist in allen seinen Erscheinungsformen zu bekämpfen.

Den österreichischen Christen müßte das Gewissenspflicht werden, für dieses unser Vaterland täglich zu beten, vor allem dafür, daß wir einander niemals mehr in einem Bürgerkrieg zu Feinden werden. Wir brauchen Toleranz, die mehr ist als das übliche „einander net amal ignorieren"!

Wir müssen mithelfen, daß es in Österreich zur Bildung einer ge-schichtsfähigen und opferbereiten Elite komme, ohne welche das Gute und Wahre und Heilige in einer modernen Massendemokratie schutzlos bliebe.

Der Autor ist Kulturphilosoph und Theoretiker wie Praktiker der Erwachsenenbildung. Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Vortrag, den er am 26. September zum Thema „Aufgeklärter Patriotismus am Beispiel Österreichs" beim Katholischen Akademikerverband der Erzdiözese Wien gehalten hat.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau