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DER KAISER

IN SEINEM LETZTEN WERK, Mahnung und Vermächtnis, vermerkt Reinhold Schneider über die innerste Entfremdung des deutschen Geistes dem Reich gegenüber im hohen und späten 18. Jahrhundert: „Wie bald sollte das geschehen, wie unbegreiflich früh resignierten Goethe und Schiller! Aber sie waren dem Reichszusammenhang schon entfremdet. Das Reich war bereits transzendent, ehe es auseinanderbrach; im .Wallenstein' wie im .Teil' wurde es mit der Verklärung der Aufrührer beleidigt, im .Faust' ist es schon travestiert, Bühne gespenstischer Künste.“

Darf es da wundernehmen, daß im 1°. und frühen 20. Jahrhundert der deutschen Sprache, deutscher Bildung und deutschsprachigen Publi-kümern jene Kategorien des Denkens und Erlebens fehlen, die der Wirklichkeit des Reiches angemessen waren? Es ist kein Zufall, daß das Reich mißverstanden werden konnte, ja- perver- . tiert wurde zur Fassade nationalistischer und chauvinistischer Eskapaden ... Als Freund des Reiches galt nun, wer zuinnerst reichsfremd und reichsfeindlich war und ist, nämlich: sich der globalen universalen Dienstverpflichtung ■ verwehrend; und als „Feind“ und „Verräter“ am Reich wurde denunziert, wer die Fassade des Egoismus zu. durchschauen wagte, den Abfall und Absturz in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zwischen 1870, 1914, 1934 ersah und auf dessen Folgen hinwies.

So groß ist der Sieg der Feinde Karls V. Ihnen gelang mehr als die Zerschlagung seines Reiches. Ihnen gelang eine Veränderung des Bewußtseins: so daß heute selbst wohl-wollende Freunde von. unser aller Vergangenheit oft nur noch anempfindend. in fomantfschetij Kategorien sich uiri ein Verständnis des Entrückten bemühen können. Des Entrückten: des Reiches und seines Kaisers. Karls V.

„Ich habe die Kaiserkrone gesucht, nicht um über noch mehr Reiche zu gebieten, sondern um für das Wohl Deutschlands und meiner anderen Reiche zu sorgen, der gesamten Christenheit Frieden und Eintracht zu erhalten und zu schaffen und ihre Krjäfte gegen die Türken zu wenden. Meine mannigfachen Verträge wurden durch Eifer friedloser Menschen gebrochen. Darum habe ich um Krieges und Friedens willen, neün-(mal nach Deutschland, sechsmal nach Spanien, siebenmal nach Italien, zehnmal in die Niederlande, viermal nach Frankreich, zweimal nach England und Afrika ziehen müssen. Unser is es. Gott zu danken auch im Unglück.“ s

So legt der Kaiser Rechenschaft im feierlichen Abdankungsakt in Brüssel, am 23. August 1556.

Denkt einer von hunderttausend Besuchern der Brüsseler Weltausstellung 195 8 an diese Worte des vor vierhundert Jahren in die Ewigkeit eingegangenen Kaisers? Denkt einer von einem halben Dutzend der heute für die Welt verantwortlichen Staatsmänner daran? Beide haben guten Grund dazu: Das Reich des Menschen, die globale Interessengemeinschaft der einen Menschheit ist der Nachfolger des Reiches geworden. Eine Weltwirtschaft, die nur bestehen kann, wenn sie sich als eine Pflichtengemeinschaft, eine Dienstgemeinschaft versteht, wobei eben diese „Weltwirtschaft“, im Vollsinn politisch-ganzheitlich verstanden, nur funktionieren und nur dann als glaubwürdig sich ausweisen kann, wenn alle Führenden, Verantwortlichen und im Vordergrund Stehenden sich als dienstverpflichtet ausweisen, in Wort und Werk bekennen. Alle: in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Intelligenz, Bildung. Mögen sie, alle, mit dem Minnesänger des Mittelalters singen: „Ich bin Kaiser auch ohne Land“, nämlich: gottunmittelbar, geistunmittelbar, „frei“ und .„unabhängig“ : mögen sie in aller Länder Zungen sprechen, wenn sie nur dienen. Dem Ganzen'dienen. Dem Reich des Menschen. Dem Nachfolgereich des Reiches Karls V.

Das ist ja die große, unvergeßliche Bedeutung des Lebens des Kaisers Karl V., der für alle Menschen steht, die Herrschaft als Verantwortung, als Dienst und somit als schwere Last und Verpflichtung auf sich nehmen. Was immer, in irgendeiner Form — nicht immer muß das so offen sichtbar sein wie bei Karl V. —, ein Scheitern mit einschließt. Wer heute, im politischen, wirtschaftlichen, geistigen, religiösen Raum, für das Reich des Menschen kämpft, muß sich auf viele Niederlagen gefaßt machen. Und wird, in seinem persönlichen Scheitern, nur bestehen können, wenn er vom Anfang bis zum Ende dies durchhält: „Unser ist es, Gott zu danken auch im Unglück.“

Wer diesen inhaltsschweren Satz als eine Phrase oder diplomatische Floskel mißversteht, versteht Karl V., den Kaiser, nicht und versteht nicht die Aufgabe unseres Jahrhunderts und aller Zukunft: unerschütterlich in einem Letzten, Unversehrbaren geborgen sein, für ewig und immerdar: im Großen, Ganzen. Im Raum des Ewigen, Unveränderlichen. Im Raum der Werte, des Heils, aller Kraft und Herrlichkeit, die dem Kosmos, der Schöpfung eingegeben und dem Menschen als Hirt der Welt zur Hegung anvertraut sind.

DER KAISER, KARL V„ wußte sich in diesem Ganzen geborgen und kämpfte zeitlebens gegen ein Chaos, unerschütterlich, weil er sieh„ Diener des Kosmos wußte. ,\ .“■insmofl„ tadise

„Der Hirte des Seins ist der Platzhalter des Nichts.“-„Das Seiende ist in die Irre ereignet, in der es das Sein umirrt.“ So bekennt der charakteristischeste philosophische Denker der ersten Hälfte des 20'. Jahrhunderts im deutschen Raum, Heidegger, in den „Holzwegen“. Er sagt damit die Holzwege der Zwischenzeit, die zwischen Karl V. und uns liegt, an: das total auf sich gestellte Individuum (das in eben diesen seiner totalen Vereinzelung und Angst nur zu leicht der Versuchung erliegt, ins Totalitäre zu springen) erfährt sich als „Hirte des Seins“ — ihm erscheint'alles, alles als sein Eigentum im Himmel und auf Erden — und ist faktisch: „der Platzhalter des Nichts“.

So hart ist die Wirklichkeit. Wenige wagen sie, heute, zu sehen. Wenige wagten sie 1521 zu sehen, als da, auf dem Reichstag zu Worms, der einundzwanzigjährige Kaiser dem siebenund-dreißigjährigen Mönch und Professor gegenüberstand. Mit vertauschten Rollen: denn der junge Mann, der da als der „Herr Kaiser“ auftrat, Herrscher in der Vollmacht der ältesten Traditionen und Rechte des Abendlandes, war in der harten Realität des Tages ein Mann ohne Reich, ein Mensch ohne allzu viele Mittel; langsam, zäh mußte er sich erst Macht gewinnen, in seinem Königreich Spanien und dann in den vielen anderen Landen, wo er Rechte wahrzunehmen hatte.

Im gegenüber, dem Jüngling, der aus den Niederlanden kam, aus dei milden, rechtlichen Zucht des gelehrten Hadrian von Utrecht und des Wilhelm von Croy, stand der Mann der Zeit, ein Gigant: Luther. Ein „wehrloser Mönch“, der nur sein Gewissen hinter sich hat? So haben die Sieger, die allweil die Geschichte schreiben, später diese Lage mit vertauschten Rollen gesehen. Hinter Luther aber standen in Wirklichkeit alle jene Mächte, denen die Schlachten und Siege der Zukunft gehörten: das nationale und individualistische Prinzip.

Längst zuvor, in den entscheidungsschweren Jahrzehnten um die Jahrhundertwende, hatten Frankreich (unter Karl VIII., Ludwig VII., Franz I.), England (unter Heinrich VII. und Heinrich VIII.), Spanien (unter den „Katholischen Königen“ Ferdinand und Isabella) und die Fürsten in Deutschland begonnen, den 1 Nationalstaat zu bauen, dem die Zukunft gehören sollte. Den Staat, in dem der Landesfürst Kaiser und Papst in seinem Lande war. Längst zuvor hatte das individuale und individualistische Prinzip die Geistigkeit und Religiosität Europas zersetzt und verwandelt. Luther ist der späte und fruchtbare Schüler einer Universitätswissenschaft nominalistischer, hart egozentrischer und spiritualistischer Prägung und einer Frömmigkeit, die von spätmittelalterlicher nicht minder egozentrischer Mystik herkommt.,. Das Ich des Mönchs war, 1521, bereits weit mächtiger als die Person des Kaisers: des Dieners, des Dienstverpflichteten, der an ein Ganzes glaubte und dafür focht, an das, damals, in den schicksalschweren Jahrzehnten, in denen Karl V. für das große Ganze und seine Wiedergeburt focht, oft selbst die neben ihm berufensten Personen nicht zu glauben vermochten: Päpste, wie Klemens VII., die sich wie ihre weltlichen Standesgenossen als Landesfürsten verstanden. Person sein aber hieß doch — und im Wort noch für Jahrhunderte: Standesperson sein, Mitglied, Diener, Angehöriger eines „Standes“. Der „Herr Kaiser“, als oberster Stand, hatte die erste Standespflicht wahrzunehmen: sein Ich auszulöschen im Dienst, der seiner Person zukam. Wahrend es dem Ich, dem ich der frühen Neuzeit (der ersten und zweiten Wachstumsstufe der Neuzeit) zukam, das alles zu werden, was da Kaiser, Reich, Kirche, der Kosmos der Werte und des Heiligen gewesen waren: eine ungeheure, unlösbare Aufgabe — die aber ungeheure Kräfte, eine riesenhafte Dynamik im neueren Europa entband. Den Nationalstaaten und dieser neuen Geistigkeit und Religiosität gehörte die Zukunft. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, in der das Atom energisch daran erinnert, die Dienstverpflichtung am Ganzen wahrzunehmen, für die der Kaiser, Karl V., focht und starb. „Kaiser Atom“, um noch einmal dem in Wien 1958 dahinsterbenden Reinhold Schneider das Wort zu geben.

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ZURÜCK ZU KARL V. Der Jüngling war, als er nach schwerem Wahlkampf gegen Franz I. zum Kaiser gewählt, einstimmig denn doch noch, und am 23. Oktober 1520 gekrönt wurde, bereits ein Geschlagener, ein Besiegter: alle Siege über Frankreich, unter anderem in vier italienischen Kriegen, und der große Sieg über die protestantischen deutschen Fürsten in der Schlacht bei Mühlberg 1547 vermögen den Sieg der Besiegten nicht aufzuhalten: Frankreich steigt zur kontinentalen Vormacht Europas empor, das Reich zerfällt, unter anderem in jene zwei Deutschland, die sich heute noch gegenüberstehen, in gewandelter Gestalt, und das erste und letzte Kampfziel, die Einheit des Glaubens, geht unrettbar verloren.

Man hat, in der Geschichtsschreibung der Sieger über den Kaiser, gerne die „Hartnäckigkeit“ hervorgehoben, mit der der Kaiser immer wieder anknüpft, um die verwirrten und zer-' rissenen Knäuel der Geschicke auf seine Weise zu entflechten. Warum mußte er immer wieder beginnen: den Streit mit Franz I., mit den deutschen Fürsten, mit dem Papst, mit katholischen und protestantischen Kräften?

Die Wirklichkeit der Geschichte zeigt ein anderes Bild. Mit schier unendlicher Geduld versucht der Kaiser, in fünfundzwanzigjährigen Verhandlungen mit den deutschen Fürsten und Protestanten, ein Auskommen zu treffen. Im Osten rückt der Türke vor,'steht 1529 vor Wien. Im Westen rückt Frankreich vor, gewinnt mit Hilfe der protestantischen Reichsfürsten (Vertrag von Chambord 1552) die Reichsstädte Metz, Toul, Verdun und Cambrai.

So wird aus der Reichsstadt Wirten „Verdun“: das Verdun des ersten Weltkrieges, in dem die preußisch-deutschen Heere unter Führung von Generalen stehen, die, soweit sie aus Preußen kommen, in ihrer Mehrzahl französische Namen tragen: Nachkommen von Hugenotten. Von Franzosen, welche die Ueberhebung des französischen Königtums ausgetrieben hatte. Und die nun um Verdun sterben, um die Stadt, die einst deutsche Protestanten dem französischen König vertraglich übergaben in jenen Schicksalsjahren, in denen der Kaiser von ihnen allen zusammen niedergekämpft wurde. Das ist eine Rechnung, welche die Geschichte präsentiert.

DER KAISER STEHT in der Defensive. Gegen die Türken, gegen Frankreich, gegen, die deutschen Fürsten. Seine Schlachten sind Abwehrschlachten.

Der Kaiser steht in der Defensive auch gegen Rom. Das Kreuz des Abendlandes wird hier nackt, unverhüllt sichtbar. Das Rom von Päpsten, die sich als italische Landesfürsten verstehen, sieht mit Sorge und Mißtrauen auf den Kaiser, der Kirche und Reich reformieren will: in Zusammenarbeit mit der Kurie, mit den deutschen Protestanten, mit allen Fürsten und Ständen der Christenheit.

Als 1527 kaiserliche Truppen auf eigene Faust Rom erobern und plündern, im Sacco di Roma, erlebt die mediterrane Welt einen nie mehr überwundenen Schock. Der General des Franziskanerordens erklärt, Karl V. sei „ein Räuberhauptmann im Dienste Luthers“. Vergebens versuchen die großen spanischen Humanisten im Dienste des Kaisers, so Alonso de Valdes (der in Wien stirbt), dieses Ereignis als ein Strafgericht Gottes über das sündige Rom zu deuten.

Der Kaiser scheitert also auch in Rom; nicht immer, aber gerade in den schicksalschweren Momenten der Krise, auf den Höhepunkten der Auseinandersetzung mit den deutschen Fürsten, den Protestanten, und im Ringen um das Konzil.

Trient, das große Reformkonzil, welches das Antlitz des Katholizismus bis zur Gegenwart prägt, ist nicht jenes vom Kaiser zäh umkämpfte Reformkonzil geworden, das im Sinne der kaiserlichen Erasmianer die Wiedervereinigung der getrennten Christen in Einigung über wenige wesentliche Punkte als Wichtigstes an die Spitze seiner Arbeit stellen sollte. Hier fiel eine Entscheidung, die von unabsehbarer Bedeutung, bis zum “heutigen Tage, ist. ' “

Was will der Kaiser? Was will dieser Kaiser? — Dieser Mann, der stets in der Defensive steht? Ist er nicht der perfekte Reaktionär, der „einfach“ gegen alle jene Tendenzen kämpft, denen die Zukunft gehört?

Karl V., der Kaiser, der vor vierhundert Jahren gestorben ist, verkörpert ein Prinzip, dem die Zukunft gehört: und eben jene Prinzipien, die zu seinen Lebzeiten ihn niederkämpften, werden sich heute und morgen nur am Leben erhalten können, wenn sie sich seinem Prinzip unterordnen, einfügen.

DIE PRINZIPIEN des Individualen und Nationalen begehen Selbstmord, wenn sie nicht heute und morgen beginnen, sich einem Größeren einzuordnen, eben dem Ganzen: dem „Reich“. Dem Reich der Menschheit. In einer Föderation, einer Konföderation, in vielen Bünden, Verträgen. In permanenten Ratsversammlungen — mögen diese nun UNO oder anderswie heißen —, in denen die wirkliche Neuordnung der einen Welt in permanenter Absprache aller Partner in langer geduldiger, entsagungsreicher Arbeit errungen wird. . -

Eben dies wollte der Kaiser. Wollten vor allem seine Räte, die Staatsmänner und Publizisten um seinen Kanzler Gattinara, deren geistiges Haupt Erasmus von Rotterdam war, der bereits früh zum Rat des jungen Fürsten ernannt worden war. Ist es Zufall, daß erst in unseren Tagen die großartige und großgeartete Versöhnungs- und Friedenspolitik dieser Erasmianer ins Bewußtsein der Zeitgenossen wieder erhoben wird? — Diese Partei des Kaisers, wahrhaftig eine „dritte Kraft“ (um den Kanzler Karls V., Gattinara, wird auch dies Wort geprägt), ist von der Ueberzeu-gung getragen: Die Wandlungen und Wachstumsprozesse der Welt, Europas und darüber hinaus, sind so groß und vielfältig, so schwerwiegend und so schwer zu bewältigen, daß es langer geduldiger Arbeit ausgewählter einzelner bedarf, soll nicht das Kind mit dem Feuerbade ausgeschüttet werden: die Reform der Kirqhe und des Reiches, die Reform der Beziehungen der christlichen Fürsten und der Völker zueinander.

Warnend, mahnend hatte der Freund des Erasmus und Verehrer des Kaisers. Thomas

Morus, in seiner „Utopia“ dem streitsüchtigen, kriegswütigen „christlichen Abendland“ eine neue Welt vorgestellt: aufgeklärte Humanität, wahres Frommsein, wahre Freiheit in einer Welt jenseits des christlichen Europas, in einer neuen Welt, welche die Christen nur duldet, wenn sie verträglich, tolerant, friedliebend und freiheitsliebend sind. Die „Utopia“ wurde im kaiserlichen Kernraum konzipiert und ediert, nicht im England Heinrichs VIII....

UNERMÜDLICH RINGT, durch keine Enttäuschungen entmutigt, der Kaiser um große Vertragswerke, um Bünde, welche alle Fürsten Europas vereinen sollen. Ringt um das Konzil, das allein den Bruch in Deutschland überwinden kann. Unter kaiserlicher Führung finden, durch Jahrzehnte hindurch, jene Religionsgespräche statt, die heute so erregend gegenwartsnah wirken: wie da harte Gegner Jahrzehnte hindurch um eine Absprache ringen. 1540/41 scheint es in Regensburg soweit zu sein: Kardinal Conta-rini und die kaiserlichen erasmianisc'nen humanistischen Theologen einigen sich mit den deutschen Lutheranern im schwerwiegendsten Glaubensartikel, in der Konkordienformel, über die Gnade und die Mitwirkung des Menschen am Heilswerk. Die Politik zerschlägt dieses Einigungswerk. Die Politik nicht zuletzt aller europäischen und deutschen Gegner des Kaisers, die befürchten, daß der Herr Kaiser den großen Bruch überwinden könnte, von dem sie sich den größten Gewinn für die Zukunft erhoffen: die Zerspaltung des Reiches, des Glaubens, der Kirche.

1550 findet vor Karl V. in Valladolid, dem Geburtsort Philipps II. und Sterbeort des Kolumbus, das denkwürdige Streitgespräch zwischen Las Casas und Sepulveda statt. Es geht um die Gestaltung der Neuen Welt: um das künftige Gesicht beider Amerika. Las Casas ficht für die Freiheit, die Menschenrechte der Indianer, Sepulveda tritt für ein strenges, rechtliches und machtmäßiges Ueberherrschen der „Barbaren“, der „Heiden“ und Neubekehrten ein.

Dort drüben, in der Neuen Welt, hat Karl V. eine ganz große Niederlage und einen ganz großen Sieg errungen. Die Krone hatte hier lange einen heroischen Kampf gekämpft um die Aufhebung der Kommende (der Neuankömmling aus Spanien erhielt als Kommendenbesitzer als Beamter 100, als Edelmann 80, als einfacher Soldat 50 und als Arbeiter 30 Indios zu seiner Verfügung). Die ferne Krone in Spanien unterliegt durch Rebellionen der Siedler, durch den Widerstand auch kirchlicher Autoritäten; zu kühn, zu fortschrittlich erschienen den scholastischen Theologen und Juristen die Planungen der Krone, die wahrhaftig eine neue Welt schaffen wollten durch eine Gesetzgebung und politische Ordnung auf katholisch-humanistischer erasmiani-scher Basis.

In Amerika hat aber Karl V., der Kaiser, dennoch seinen größten und zukunftweisenden Sieg errungen. Trotz der eben erwähnten Widerstände und Rückschritte gelingt es im spanischen Lateinamerika, eine Rechtskultur, eine Verwaltung, eine Spiritualität, eine Formkultur aufzubauen, die bis zum i heutigen Tag ihre Lebenskraft erweist, ja in ihrer Wiedergeburt im 20. Jahrhundert erstmalig selbst globale Aspekte offenbart: von der südamerikanischen Intelligenz der Gegenwart kann Europa, kann die Welt mehr lernen, als sie- gerne zugestehen möchte — verblendet durch den Hochmut und die Ueberhebung, die auf die Sieger des Tages, im 16. Jahrhundert, über Karl V. und sein Reich zurückgehen.

Südamerika aber weist auch in anderer Hinsicht auf Europa zurück: auf jenes Spanien, das den jungen Karl zunächst sehr widerstrebend aufnahm, dann sich ihm aber zur Verfügung stellte wie kein anderes Volk Europas. Die Größe Spaniens, die ungeheure Strahlung, die im 16. Jahrhundert entbunden wird, in Dichtung, Mystik, Spiritualität, Kunst und politischem Können, ist durch die Erschließung des zähen, harten Kerns, eben durch Karl V. und sein Prinzip, entbunden worden. Der spanische Genius wurde durch ihn erweckt.

IM JAHR DER ABDANKUNG des Kaisers, 1556, stirbt Ignatius von Loyola. Seine Söhne übertragen das Reich Karls V. ins Spirituelle, in eine innere Dimension, die unüberwindlich ist, die zugleich den ewigen Sinn des „plus ultra“ sichtbar macht: hinaus und hinüber, über die Grenzen der eigenen Schwäche und Stärke, dem größeren Reich, dem größeren Gott, dem in seinem Dienst größer werdenden Menschen zu. Kaiser Karl V. war, was nicht, ganz vergessen werden sollte, auch der Schirmherr vielverfolgter religiöser Denker und freier Humanisten. Auch hier zeigt sich: sein Reich ist größer, weiträumiger, freier und ewiger, als seine Feinde und nicht wenige seiner Freunde zugeben wollen.

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