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Krippe und Christbaum

Erst seit 120 Jahren ist der Christbaum des heutigen Begriffes als Weihnachtsbaum in Tirol eingeführt. Als der damalige kaiserliche Landesgouverneur, Dr. Clemens Graf Brandis aus Lana an der Etsch, der später wiederholt Präsident der Deutschen Katholikentage war, seinen beiden Buben, die gerade ihre Mutter verloren hatten, wie zur seelischen Ablenkung am 24. Dezember 1841 einen Christbaum in der Innsbrucker Hofburg aufstellen ließ, wußte er nicht, daß dieser als grünender und äpfel-beladener Paradiesbaum einstmals hier Hausrechte genossen hatte. Graf Brandis war Edelknabe des Kaisers Franz I. in Wien gewesen und als Gemahl der steirischen Gräfin Adrienne Desenffans d'Avernas dem Christbaum in Graz wieder begegnet. In seinen Tagebuchblättern, die noch in seinem Ansitz zu Lana liegen, hielt Brandis das Ereignis fest, wie seine beiden Buben und ihre Spielkameraden über den strahlenden Christbaum staunen und ihn als einen Gruß aus dem Paradies bewunderten, von dem ihre Mutter jetzt wohl auf sie herabschaue. Der eine Sohn wurde der letzte altadelige Landeshauptmann von Tirol, der andere Jesuit und Naturforscher in Bosnien.

Nach 1848 begannen schon mehrere Innsbrucker Bürger und Geschäftsleute, sich des Christbaumes zu erfreuen. Eisenbahner und Zolleute brachten ihn aus den Waldtälern in Märkte und Dörfer und zuftck bis hinauf an die Grenzen der Wälder und Höhen des Gebirgslandes. Heute steht er fast in jedem Tiroler Berghof zur Christnacht, wenngleich der heilige Gabenspender der Weihnachtszeit, Bischof“ Nikolaus von Myra, noch in einzelnen Einschichtfamilien die Vorherrschaft behielt. Vielerorts steht aber auch unter diesen bäuerlichen Christbäumen die Hauskrippe, wie Graf Brandis nach Tiroler Brauch es zeitlebens in der Innsbrucker Hofburg gehalten hatte. Mancher Bauer bastelte selbst wenigstens die Hütte oder Höhle oder den'.Hinteigrund seiner, flippe, den sogenannten Berg, wenrr nicht auch die Figuren dazu. Haus- und Hof-krippen dieser Art kamen hier freilich erst im 17. Jahrhundert auf und zu eigenen Hintergründen. Der Innsbrucker Paradeissaal

Dieselbe Innsbrucker Hofburg am Rennweg besaß aus den Zeiten des Humanistenherzogs Sigismund des Münzreichen und des Kaisers Maximilian I., der zu Innsbruck gerne residierte, als Abschluß der kaiserlichen Gemächer nach der „güldenen“ die „Paradeisstube“. In ihr spielten sich die innigsten kaiserlichen und landesfürstlichen Feste und die dazugehörigen musikalischen und theatralischen Vorstellungen ab, so auch das Paradeisspiel, das noch im Vormärz von Bergbauleuten an der alten linksseitigen Brennerstraße, ungefähr auf der Höhe von Patsch, abgehalten wurde. Die „Paradeisstube“ der Innsbrucker Hofburg brannte im Jahr 15 34 aus. Die berühmtesten Maler von Innsbruck, Sebastian Scheel, Paul Dax und Degen Pirger, hatten ihre Pläne zur Neugestaltung König Ferdinand I. vorzulegen, denn seine Gattin Anna von Ungarn und beide Kinder hielten hier Hof. Pirgers Riß mit Sternen, Planeten und Tierzeichen wurde angenommen. Darnach malte der Mailänder Domenico dal Pozzo 1560 die Saaldecke und der Innsbrucker Tischler Waldner lieferte das Prunkgetäfel. Im Jahr 1563 wurden dieser Paradeis- und der Guldensaal von Baumeister Giovanni Lucchese „so zu gerichtet, wie es in Italia gebreuchig, mit allerlei schönen pikturen und gemälden“. Der Steinmetz Jörg v. d. Wert arbeitete an den Kamingesimsen. Als Hoftischler verschönerte er das Getäfel. Dieser erneuerte „Paradeissaal“ diente dem Innsbrucker Hof wieder auch als Bühnenraum, bis der Landesfürst, Erzherzog Leopold V. von Tirol, der Gemahl der Herzogin Claudia von Mediä, ein eigenes Hof- und Turniertheater im Dreißigjährigen Krieg am Rennweg nördlich der Hofburg für große Festlichkeiten erbaute, von dem seit dem zweiten Weltkrieg nur noch die Mauern stehengeblieben sind.

Bescheidener fielen die Paradeiskammern von Tiroler Adeligen und Patriziem des 16. Jahrhunderts aus, so zum Beispiel des Wolkensteinschen Ansitzes zu Bruneck im Pustertal, der jetzt dem Freiherrn von Sternbach gehört. In diesen Paradeiskammern, auch an sonstigen Fresken vom Paradies der ersten Menschen, so selbst am Amtshaus von Wenns im Pitztal Nordwesttirols, war es ursprünglich üblich gewesen, den Lebensbaum mit immerwährendem Grün und leuchtenden Früchten zu veranschaulichen. Diese Szenen spielten schon in den großen Mysterien und auf hohen Altaraufbauten, so in der Stiftskirche der Zisterzienser zu Stams im Oberinntal, im Mittelalter und in den barocken Volksschauspielen vom Jüngsten Gericht eine bevorzugte symbolische Rolle, zuletzt dadurch, daß bei letzteren Paradeisäpfel vorne als reife Früchte dem Beschauer entgegenlachten, während sie als Totenköpfe auf der Kehrseite schreckten.

Paradeisbaum und Krippe

Die Bezeichnung „Paradeis“ und „ParadeisI“ für einen kerzenbesteckten Baum oder Ast dürfte sich mit der Gotik und Renaissance eingebürgert haben. Er war wenigstens jahrhundertelang im bayrisch-österreichischen Stammesbereich üblich gewesen, so zum Beispiel noch beim Südtiroler Volksprediger, dem Kapuziner Heribert von Salurn, dem begehrtesten Redner seit dem Dreißigjährigen Krieg, bis gegen Ende des 17. Jahrhundert. Diese Bezeichnung wies deutlich auf die gleichzeitigen Benennungen der Vorräume von Kirchen und Prunkgemächern, auf Zierstücke der Umgänge, insgesamt Paradeise genannt, und auf die Paradeisspiele mit ihren Lebensbäumen zurück, die sich vornehmlich unter Bergknappen, Leuten, die größten Lebensgefährdungen in ihren Berufen ausgesetzt sind, bis ins 19. Jahrhundert erhielten. Tiroler Auswanderer aus dem ausgehenden 16. Jahrhundert hielten letzteren Brauch in ihrer schließlich gesicherten neuen Heimat, dem damaligen deutschsprachigen Westungarn, mit Buchsbäumen an Stelle der dort fehlenden Tannenbäume, als weihnachtlichen Heimatkult hoch in Ehren. Diese ihre Vorstellung vom Paradeisbaum und der Krippe währte in Oberufer, Preßburg und auf dem Heideboden bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges, wie im 17. Heft der „Burgenländischen Forschungen“ (Eisenstadt, 1951) an Hand eines Weihnachtsspiels aus dem tirolischen Unterinntal (Wattens-Schwaz) von 1590 dargetan ist.

Ein Fund in Neustift bei Brixen

Schon früher beachteten verschiedene Gelehrte, wie unser Weihnachtsbaum aus diesen Darstellungen von Paradeissälen und Paradeisspielen starken Symbolgehalt gezogen hatte. Aber wenn auch in den übriggebliebenen Rechnungen und an den wenigen erhaltenen Malereien das Baumgrün und der Apfelschmuck durchschimmern, so war doch aus all den Paradiesvorstellungen der Paradiesbaum in Gestalt und in Zusammenhang mit dem heutigen Christbaum nicht zu erhärten.

Gewiß tragen noch heute vier Burischen des DorffesTtifpl' der Urpfarre Meran in Südtirol, -im ihrer Taltracht bei ihrem Fronleichnamsumzug, wie im ausgehenden Mittelalter hier allgemein, immergrünende Lärchenbäum-chen, die mit Baumschmuck und Früchten behängt sind, als deutliche Zeichen des Lebensbaumes vor dem Allerheiligsten. Im alpenländischen Brauchtum bestehen außerdem noch andere Erinnerungen an den Paradiesbaum, die sich den Vorstellungen vom Weltbaum Yggdrasil der Edda sinn-und kraftvoll zur Seite stellen. Aber ein archivalisches Zeugnis für die Sicherheit, daß der alte Paradiesbaum dem heutigen Weihnachtsbaum als früchtebehangener, gezierter Tannenbaum vorangegangen ist, bieten erst Rechnung und Dotierung für die nun schon mehr als 340 Jahre alte Großkrippe in der Basilika der Augustiner Chorherren zu Neustift bei Brixen in

Südtirol. Auf diese Belege machte den Verfasser der dortige Chorherr, Archivar und Bibliothekar Professor Dr. Max Schrott, aufmerksam. Die Geistesgeschichte der Propstei kommt im 2. Jahrbuch des Südtiroler Kulturinstitutes nach mehreren Seiten neu zur Geltung (Bozen, 1962).

Mit meterhohen Holzfiguren

Diese Propstei der Chorherren hatte die religiösen und sozialen Revolutionen des 16. Jahrhunderts äußerlich zwar arg verspürt, so daß selbst die Gebäude -schweren Schaden genommen hatten, war -aber in geistlicher Hinsicht -daraus schließlich rühmlich hervorgegangen. Sie vermochte bald die Beschädigungen zu beseitigen und eine erfreuliche Erneuerung durchzuführen. Zu den Neuanschaffungen ist auch eine Großkrippe für die Stiftskirche zu zählen. Sie stand den damaligen fürstlichen Krippen von Solbad Hall-, Graz, Wien und München zunächst und führt in fünf auswechselbaren Szenen das ganze Weihnachtsgeschehen vom Adam-und-Eva-Tag des Paradieses, dem kirchlichen Gedenktag des 24. Dezember, bis zu Maria Lichtmeß mit Hilfe meterhoher, bekleideter Holzfiguren den vielen Besuchern der Stiftskirche eindringlich vor Augen. Diese Krippe entstand um 1621 für die sogenannte Paradeiskapelle, den Vorraum des Neustifter Frauenmünsters, wurde mit dem Umbau der

Kirche im Rokoko an deren untersten rechtsseitigen Altar vorgeschoben und wird noch heute vom Stiftsverwalter, Chorherrn Konrad Lechner, aus dem Linterinntaler Krippendorf Thaur, eigenhändig für jedes Weihnachtsfest im Paradeisraum aufgestellt.

Wissen wir auch nicht genau, wer diese Großkrippe bestellt und geschaffen hat, so hält doch die Neustifter

Hauswirtschafts- und Speiseordnung seit jeher fest, daß der Bademeister des nahen Stiftsbades Schalders für jede Weihnacht eine Vergütung dafür zu erhalten hat, daß er Taxen (Zweige) und Tannenbäume für die Krippe liefere. Diese zwei Tannenbäume trugen als Paradiesbäume überlieferungsgemäß seit 340 Jahren rotwangige Äpfel und flankierten die Krippenschau vom 24. Dezember an. Archivalische Unterlagen dafür wurden im 53. Jahrgang der „Zeitschrift für Volkskunde“ (Stuttgart, 1957, S. 91 bis 117, 12 Abbildungen) veröffentlicht.

Vereinzelte Tannenzweige, mit einem Kerzchen besteckt, wurden und werden noch heute auch bei anderen Anlässen der Weihnachtszeit als erfreuender Gruß oder als fortwährende Erinnerungen, als inniges Symbol aus dem Bergwald gebracht. Heute gedenkt man vornehmlich der Verstorbenen und Gefallenen oder mahnt an die Verschollenen der eigenen Familie in der Weihnachtsnacht mit einem solchen' Tannengrün zwischen der! Fenstern oder schmückt das Familiengrab damit. Jedoch erst auf dem Umweg der „Neuerfindung“ des Christbaumes kehrte dieser in seiner Gänze und Schönheit aus ursprünglichen Vorstellungen des Volkes in christliches Brauchtum zurück. Es ist wahrscheinlich, daß schon der Neustifter Propst von 1621 nicht zufällig gerade Paradeisbäume als zur Krippe gehörig festgelegt hatte. Aber, wie gesagt, die Begründung für seine Stiftung ist uns nicht ausdrücklich überliefert.

Stück für Stück zusammengefügt

Die große Krippe von Neustift wurde 1944 durch Bombardierung der Stiftskirche schwer getroffen. In unzähligen Teilen und Teilchen lagen Stücke und Splitter zerstreut umher.

Sollten Südtirol, Stift, Kirche, Krippe und Paradeisbaum dadurch symbolisch für immer erledigt und ausgelöscht werden? Fürs erste erschien es fast so. Aber der schon genannte Stiftsverwalter sammelte Stück um Stückchen, fügte sie wieder zusammen oder ergänzte an ganz zugrunde gerichteten Stellen, so daß jemand etwas gar voreilig behauptete, nur die Stöcke der Hirten seien noch alt und echt. Nun, gerade diese „Stecken“ sind das Unwichtigste am Bestand dieser Großkrippe gewesen und geblieben. Die ganze Anlage und Durchführung, die vertieften religiösen Überlieferungen und Ausgestaltungen haben mit einer Vielfalt von Einzelheiten in keiner anderen kirchlichen Großkrippe sich derart unentwegt bis auf den heutigen Tag erhalten wie zu Neustift in Südtirol. Wie sie als ein Zeichen seelischer Erneuerung nach dem Umsturzjahrhundert und noch zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges als Zeichen christlicher Wiedergeburt des Volkes um 1621 enstanden ist, stellte sie auch die Wiederbesinnung auf Krippe und Christbaum vorbildlich vor Augen, führte zu einer neuen Krippengesinnung nach den beiden Weltkriegen im eigenen Land und diente schon vielen Wallfahrern als Ziel. Sorgfältig wiederhergestellt und durch manches archivalische Zeugnis von 340 Jahren hervorgehoben, ist die Neustifter Krippe mit ihren Christbäumen als die älteste erhaltene Großkrippe in Südtirol bedeutsam und vor allem wertvoll im Zusammenklang von Krippe und Christbaum für die ganze christliche Welt geworden.

Wieder Koalition?

Sehr geehrte Redaktion!

Zu dem vortrefflichen Artikel „Wieder Koalition?“ von Prof. Dr. Burg-hardt beziehungsweise zu dessem Absatz, der da lautet: „Fragen wir uns doch: hätte die Arbeiterschaft bei Bestand einer .bürgerlichen Regierung das Gefühl erhalten, legitim Teil der Gesellschaft und einer Gruppe vollberechtigter Staatsbürger zu sein?“, sei folgendes zu sagen gestattet:

Abgesehen davon, daß eine Einteilung, hier Bürgertum, hier Arbeiterschaft, mehr als unopportun ist, ist es doch Sache der Führungspersönlichkeiten, Menschen in allen Schichten etwas zu geben und geben zu können, was im täglichen Leben Wert hat. Ich meine damit, manchem Arbeiter kann im gegebenen Fall ein — um beim Wort zu bleiben — „bürgerlicher“ Führungsmensch manches sagen und ein „Arbeiterführer“ nicht das richtige. Es kann in anderen Fällen aber auch anders sein.

Es ist aber der grundsätzliche Fehler der letzten fünfzig Jahre, daß man glaubt, die Menschen nur in festgefügte Klassen einteilen zu können und auch einteilt. Gibt es doch Arbeiter, die weit über ihren Rahmen hinauswachsen könnten, wenn man diese nicht oft aufs neue einengen würde — von welcher Seite sei hier nicht genannt. Es gibt auch Intellektuelle, die auch nichts anderes sind als Arbeiter. Gemeint ist damit, daß es in jeder Gruppe schöpferische Menschen gibt, also eine Elite.

Es hat wohl Zeiten gegeben und Systeme, die davon eine Ausnahme machten, aber diese hatten keinen längeren Bestand beziehungsweise kehrten wieder zur Klasseneinteilung zurück. Aber die große Vereinfachung in allen Belangen, hier Arbeiter, hier Angestellter, hier Bürgerlicher, hier Sozialdemokrat, hier Christlicher und wie sie immer heißen mag, ist in vielen Belangen sichtbar, ist aber mehr als müßig. Denn sie birgt die Gefahr in sich, daß sie dem, der davon befallen wird, die schöpferische Kraft lähmt.

Die Gefahren, die dadurch entstehen, werden vpti Tag zu Trtg größer. Dies sehen jene_ am besten, und die gibt es in allen Klassen, besser gesagt Schichten, die vom großen Sog der Zeit — also Vereinfachung — nicht erfaßt wurden und von ihrer Persönlichkeit, fe nach dem gegebenen Moment, freie Verwendung machet. .

Nun zu den Wahlen: für jene Menschen, von denen vorher gesprochen wurde, war der Ausgang der Wahlen von vornherein klar. Warten wir aber ab, wie es weiter geht, inwieweit die Führungspersönlichkeiten, die ja von uns auf allen Gerieten, so weit sie nicht einseitig werden, bejaht werden, sich vom alten Verbrauchten trennen können.

Franz Gersthofe r, Arbeiter Pottschach, Niederösterreich

Sehr geehrte Redaktion!

„Wieder Koalition?“ betitelt sich die sehr eingehende Untersuchung von Prof. Dr. Burghardt in der „Furche“, wobei meines Erachtens die Feststellung, daß derzeit keine Alternative zum gestellten Thema vorhanden sei, nicht haltbar ist! Es kann zur wirklich demokratischen Entwicklung unserer Zweiten Republik doch auch mit weit mehr Begründung die Forderung nach einer Gesamtparteien-regierung erhoben werden, wobei das Nachbarland Schweiz ein durchaus geschichtlich gewordenes Vorbild ist.

Aber auch eine innerösterreichische Entwicklung zeigt dasselbe Beispiel: in fast sämtlichen Regierungen der österreichischen Bundesländer bestimmt die jeweilige Landesverfassung die Besetzung der Landesregierungsstellen nach dem Verhältnis der einzelnen Parteien in den Landtagen. Es sind bisher damit die besten Erfahrungen gemacht worden, da sachliche Verwaltungsarbeit und hohe politische Verantwortung die Tätigkeit der österreichischen Landesregierungen auszeichnen.

Hier liegt auch bei der Neubildung der österreichischen Bundesregierung eine echte Chance zur fortschrittlichen Entwicklung unseres demokratischen Staatswesens, wenn das Verfassungsbeispiel der Länder auch auf Bundesebene für die künftige Staatsregierung zugrunde gelegt wird.

Allen grotesken Wahlschlagern von der drohenden „Alleinherrschaft der ÖVP“ oder der „Roten Diktatur der SPÖ“ wäre damit ein Ende bereitet, da jede künftige Bundesregierung mit den demokratisch gewählten Parteienvertretungen zu besetzen wäre.

Damit zeigt sich in der Form der Konzentrationsregierung eine gültige Alternative zum bisherigen Koalitionssystem, das wohl nur als Übergangslösung zur echten demokratischen Stäatsführung angesehen werden kann. Gerade am Beispiel einer Gesamtpar-teienregierung kann und muß es sich zeigen, was jede einzelne Gruppe auf dem ihr zufallenden Ressort zu leisten imstande bereit ist. Die Demokratie braucht für viele Belange rasche Entscheidungen, sachliche Arbeit nach dem Gesetz und hohes Staatsbewußtsein — alles Forderungen, die auch in echten Mehrheitsbildungen in Regierung und Parlament gelöst werden können —, da gerade die letzten Jahre der „Koalitionszustände“ oft nur eine immobile Regierung mit äußerst bedenklichem Schwund der Staatsautorität gezeigt haben. Auch der Gedanke (tn Volksbefragungen wird uns dabei nicht viel weiterbringen, wenn durch allzu starre Koalitionsblöcke jeder Volksentscheid am Veto des Partners unmöglich gemacht werden kann.

Kämpfen gerade wir Christen für die Einführung der echten Demokratie von oben her, vom Volk aus wurde bereits am 18. November 1962 (fiese Frage entschieden! Baumeister Ing. Friedrich Bodner Rottenmann, Stmk.

Der Arzt und die Drogen

Sehr geehrter Herr Herausgeberl Unter Bezugnahme auf den absolut richtigen und aufschlußreichen Aufsatz von Universitätsprofessor Doktor Herbert Reisner in der Nummer 48/1962 der „Furche“ glaube ich auf einen bisher in der ganzen „Tha-lidomidangelegenheit“ nicht angeschnittenen Punkt aufmerksam machen zu müssen.

Vorausgeschickt sei, daß ich das Urteil von Lüttich als nicht verzeihliches Fehlurteil betrachte, ebenso iiatürtich queh die damit in Verbindung stehenden Probleme der Euthanasie — insbesondere seit den Mißbrauchen, die das Tausendjährige Reich damit getrieben hat — und die Verletzung der ärztlichen Ethik, die im obenerwähnten Prozeß, teils von einem Angeklagten, teils von einem Zeugen zugegeben, zutage traten, ablehne.

Nichtsdestoweniger wurde bisher in der ganzen Contergansache das Grundübel nicht erwähnt: die Überforderung der Frau, der werdenden Mutter in der heutigen Gesellschaft. Die Frau früherer Zeiten, ja bloß früherer Jahrzehnte, mußte nicht durch ihrer Hände oder ihres Geistes Arbeit in unselbständigen oder selbständigen Berufen zur Aufrechterhaltung des nötigen oder auch nur vermeinten und erwünschten Familienlebensstandards beitragen. Sie hatte womöglich auch im Haus entsprechende Hilfskräfte, die heute entweder nicht aufzutreiben oder nicht erschwinglich sind. Damals konnte die werdende Mutter sich schonen und bereits in diesem Stadium für das keimende Wesen entsprechend Vorsorgen.

Demnach ist wohl das Lütticher Urteil abzulehnen, es ist desgleichen die Verletzung der ärztlichen Ethik durch den angeklagten und den als Zeugen vernommenen Arzt und der Gedankengang der angeklagten Mutter zu verurteilen, desgleichen aber auch unsere ganze Gesellschaft und die Stellen, die in unseren Wohlfahrtsstaaten die Verantwortung für die Gesetzgebung und Gesetzesanwendung tragen, die nicht eine derartige Entgleisung des menschlichen Denkens und Fuhlens vorausgesehen haben.

Ich glaube, daß überall auf Grund dieser Überlegung die Sozialversiche-rungs- und Mutterschutzgesetze ganz erheblich überprüft werden müssen, um der Überforderung der Frau an sich und der werdenden Mutter im besonderen entgegenzuarbeiten.

Ein Einwand, daß etwa die Bäuerin, die Geschäftsfrau auch in früheren Zeiten gegen eine solche Überforderung nicht geschützt war, ist nicht stichhältig. Wir brauchen bloß die Möglichkeiten der Anstellung einer Hilfskraft, die ungeheure Zahl der Früh- und Fehlgeburten und die ebenso unglaubliche Zahl der im zartesten

Alter gestorbenen Kinder diesem Einwand gegenüberstellen.

Dr. Fritz Hölscher, Oberlandesgerichtsrat i. R., Wien XIII

Antikonimu nism us: Aber wie?

Sehr geehrte Redaktion!

Der Artikel von Dr. Friedrich Heer über die Frage des Antikom-munismus (Nr. 48/1962) bringt uns endlich einmal eine Befreiung von jenen billigen Hurra-Parolen und seichten Anti-Tiraden, wie wir sie bei diesem Thema so mannigfaltig zu kosten bekommen. Ergüsse wie „Der Kommunismus ist eine Irrlehre, die wir hassen; in seinem System arbeitet der Dämon der Teufelsclique ...“ liefern eben keine sachlichen Argumente noch bilden sie die Basis für eine vernünftige Politik, sondern zielen auf sture Intoleranz hin und befriedigen höchstens geistlose Gemüter. Dies hat auch ein Goebbels fertiggebracht, dies bringt auch Ulbricht zuwege.

Antikommunismus? Ja! Aber nicht mit faden Gemeinplätzen und abgestandenen Vorturteilen. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen: der dialektische Materialismus verlangt eine geistige Auseinandersetzung, eine geistige Antwort und nicht eine Antwort mit Lebensstandard (gleich Primitivmaterialismus) und vagen, nebulosen Begriffen.

Der russische Sozialist Georgij Plechanow prophezeite bereits im Jahre 1883: „Eine sozialistische Organisation verlangt wie jede andere Organisation eine angemessene Basis. Rußland hat diese Basis nicht. Eine revolutionäre Regierung muß daher das Heil in den Idealen eines autoritären Kommunismus suchen...“ Im den 45 Jahren seit der Oktoberrevolution ist diese Basis jedoch geschaffen worden, wenn auch unter Negierung aller menschlichen Werte. Die Hoffnung auf eine evolutionäre Veränderung des Kommunismus zu einem gemäßigten Sozialismus etwa, ist heute also durchaus gegeben. Sollen wir uns diesen neuen Möglichkeiten verschließen, indem wir weiterhin in unserem unbeweglichen, Denkschema . verharren? Nein, das wäre zu bequem und unserer Verantwortung für den Mitmenschen unwürdig. Wir müssen mit dem Osten Kontakte suchen, darnach trachten, freiheitlich-demokratisches Gedankengut einzuschmuggeln, die Entwicklung genau beobachten — auch wenn militante Kommunistenfresser „Aufweichung“, „Defaitismus“ oder „Rückversicherung“ schreien.

Helmut Ganser, Wien I

Offene Tür für O. K.

Selir geehrter Herr Herausgeber!

In einem Leserbrief der „Furche“ (Nr. 40/1962) unter dem Titel „Die Tore blieben geschlossen“ beschwert sich Herr H. R. Fischer, London, darüber, daß, zwar anläßlich der Oskar-Kokoschka-Ausstellung in der Tate-Gallery dem großen Künstler alle möglichen Ehrungen, vom festlichen Bankett bis zum Radiointerview, Television usw., zuteil wurden, die Tore der österreichischen Botschaft jedoch geschlossen blieben, obwohl sie für reisende Künstler, Schauspieler, Virtuosen und Orchester immer geöffnet werden.

Hierzu gestatte ich mir vorweg festzustellen, daß die Botschaft bei der Eröffnung der Ausstellung durch den Geschäftsträger und zwei Beamte vertreten war. Ferner möchte ich erwähnen, daß ich mich vor einigen Wochen einer schweren Operation unterziehen mußte, von der ich heute noch kaum genesen bin. Abgesehen davon, finden seit zwei Monaten Restaurierungsarbeiten in der österreichischen Botschaft in London statt, die ein „Öffnen der Tore“ für eine repräsentative Veranstaltung aus Anlaß der Oskar-Kokoschka-Ausstellung ausgeschlossen haben.

Diese Umstände allein sind für die diesmal unterbliebene Ehrung Oskar Kokoschkas auf der österreichischen Botschaft in London, auf der dieser große österreichische Künstler übrigens ein häufiger und lieber Gast ist, maßgebend; wenn Herr H. R. Fischer in die verschlossenen Tore der Botschaft eine Absicht hineinlesen will, so ist dies irreführend und völlig abwegig.

Dr. 1. E. Schwarzenberg Österreichischer Botschafter in London

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