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Wien und seine Bürgermeister

Der Wiener liebt seine Stadt und hat all' Ursach' sie zu lieben. Er bezieht diese unbedingte Anhänglichkeit aber nur in den seltensten Fällen aus der Kenntnis der Geschichte Wiens. Das Wienerlied, beginnnend mit dem lieben Augustin, der als Betrunkener in die Pestgrube fiel, die Klassik des Wienerliedes aus der Zeit der Kaiserstadt des 19. Jahrhunderts, der Singsang von der nach 1918 sterbenden Märchenstadt und alle seither stattgefundenen Renaissancen des immer wieder totgesagten und fröhlich wiedererstandenen Wienerliedes, lassen den Wiener nicht vergessen, was es mit der Stadt auf sich hat.

Andere Städte, andere Länder haben sich hochaufragende Monumente historischer Größe, heroischer Tapferkeit und weltgeschichtlicRer Kultur geschaffen. So haben zum Beispiel die Tiroler ihren Helden von Anno 1809 einen ganzen Berg, den Berg Isel, geheiligt. Die „Tiroler Landesordnung“ des Michael Gais-mair (ermordet 1532), die dieser Führer im Bauernkrieg einer demokratischen Bauernrepublik geben wollte, ist in der jetzigen Ära streng sozialkritischer Geschichtsbetrachtung Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung in Ost und West. Und von den Taten Tiroler Jägerregimenter weiß man selbst in der jetzigen, der Militärgeschichte völlig abgewandten Zeit, irgend etwas.

Anders geht es in Wien zu. Von der größten Tat der Wiener, der Abwehr der Eroberung Ostmitteleuropas durch die Türken, insbesondere anläßlich der Zweiten Türkenbelagerung von 1683, kündet kein Berg, kein Monument, sondern ein sehr verschlüsselter Hinweis an dem nichtssagenden Denkmal des Bürgermeisters Johann Andreas Liebenberg. Aufrührerische Bürgermeister, die namens ihres Landesherrn enthauptet wurden, gaben jeweils einer Wiener Verkehrsfläche von heute einen Namen, der meist nur als Teil einer Adresse im Sinn behalten wird. Daß 1848 die Wiener Akademische Legion, zusammen mit den Mobilgarden der Vororte während einer fast einmonatigen Belagerung gegen die regulären Truppen ausgehalten hat, nachdem die Revolution dieses Jahres an den traditionsreichen Brennpunkten ihres Entstehens, etwa in Paris, längst kapituliert hatte; daß sich im Februar 1934 Wiener Schutzbündler und Wiener Heimwehrleute im Glauben ah die Sache ein mörderisches Gefecht lieferten — wie nirgends anderswo in Österreich — ist kein Gesprächsthema. Denn in Österreich sind die Wiener als nörglerisch und angeberisch oder letschert und batzwach, jedenfalls aber zum geringen Teil mit positiven Eigenschaften behaftet im Bild.

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Felix Czeike, Schriftleiter der „Wiener Geschichtsblätter und Oberarchivrat am Wiener Landesarchiv, unternimmt in dem vorliegenden Buch keine Apologetik und keine Ehrenrettung Wiens und der Wiener. Mag auch auf den letzten hundert Seiten seines 471 Seiten umfassenden Werkes so etwas wie eine reich bebilderte Apotheose des nach 1918 entstandenen Roten Wien erblühen, so beweist der Autor im übrigen dennoch alles in allem, was er als Mitglied des österreichischen Instituts für Geschichtsforschung als Historiker fürs Leben mitbekommen hat.

Indem er die Entwicklung des Bürgermeisteramtes heraus- und dem Ganzen voranstellt, gibt er dem Leser vorweg den historischen Überblick über das Wachstum und die Bedeutung dieses Amtes. Das den einen Inhaber emporhob zu unverlierbarer Leistung, den anderen erdrückte oder in sein Verderben und Unglück stürzte. Diese Partie vorausgeschickt, stellt Czeike in einem für Historiker vielleicht interessantesten Teil des Werkes die Bürgermeister vom Ende des 13. Jahrhunderts bis zur Stadtordnung von 1926 vor. Nach Anfängen die im Dunkel bleiben, wird 1282 der Bürger Konrad Polio als erster im Amt des Bürgermeisters genannt. Das war, als auch die Erweiterung der 1147 geweihten Ste-phanskirohe, der Bau des gotischen Chors begann. Bis zum Verlust der Autonomie in der Ära der Türkenkriege und Glaubenskriege des 16. Jahrhunderts — dieses Geschehen wird im zweiten Abschnitt des Werkes geschildert — hatten die neu ins Land gekommenen Habsburger ihren ständigen Ärger mit der Stadt. Friedrich der Schöne (gestorben 1330) bekam es zum erstenmal mit dem Unmut der Wiener zu tun, die er nicht genug dagegen schützen konnte, daß nicht zum letztenmal oberdeutsche Kaufleute den Großteil des Handels in der Stadt an sich rissen. In den Erbstreitigkeiten der Habsburger Leopold IV. und Ernst kam der Bürgermeister Konrad Vorlauf arg zu Schaden. Ernst und Leopold wurden sich nolerjs volens“ eins, aber Vorstreckung zu sorgen. Es ließe sich noch viel von rebellischen Wienern und ihren Bürgermeistern erzählen, so von Martin Siebenbürger, der zusammen mit zweien seiner Vorgänger 1522 unters Beil kam- Aber kurzum, so „letschig“ waren eben die Wiener zuzeiten. Und weil es „eben in der Zeit lag“, wurde 1525der erste Evangelische hingerichtet.

Das „große Jahrhundert der Habsburger“, das siebzehnte, wuchs nicht aus Wohlstand und Sicherheit, sondern aus dem Pandämonium der Glaubenskriege und ständiger Türkennot. In ihrer „Gemütlichkeit“ konnten, damals schon, die Wiener andere, sehr merkwürdige Seiten aufziehen. Ein Chronist, der Autor zitiert ihn nicht, weiß zu berichten, daß pokulierende Wiener die zu Wasser außer Landes verbrachten Protestanten einmal mit dem bitteren Hohn verabschiedeten: Wo ist denn jetzt eure feste Burg? Viele

Eine eindrucksvolle Bildreproduktion illustriert die zähen Kämpfe, die während der Zeit Albrechts VI. und Friedrichs III. die Wiener unter ihren Bürgermeistern gegen den, immer wieder in der Hofburg verschanzten, Landesherrn führten. Solches Aufbegehren kostete den Bürgermeister Oswald Reicholf Kopf und Kragen (1463). Aufmerksam vermerkt der Autor, Rocholf habe sich im Gegensatz zu seinen Mitbürgern stets des Weines enthalten, obwohl er selbst, nicht zuletzt in Grinzing, reichen Besitz an Weingärten hatte. Seine auch in politicis erprobte Nüchternheit kam ihm, es geschieht oft so, letzthin also nicht zugute. Damals war eine für Bürgermeister ungesunde Zeit. Denn auch der Bürgermeister Wolfgang Holzer kam zu Schaden. Auch er mischte sich in die Erbstreitigkeiten der Habsburger, setzte dabei auf die falsche Karte und bekam es bei seinem Tod, er wurde enthauptet, mit dem zu tun, was man das gesunde Volksempfinden nennt: Die Bürgerschaft, die ihm unlängst noch zugejubelt hatte, nahm es Friedrich III. ab, Holzer und seine Parteijünger zur Enthauptung zu verurteilen und für die Urteilsvolldieser Sänger waren ehedem gut lutherisch gesinnt gewesen.

Daniel Moser war zu Beginn des 17. Jahrhunderts insgesamt 23 Jahre lang Bürgermeister einer der ganz Großen, die der Stadt bisher in einer Zeitwende meistens beschieden waren. Das war damals, als die Kürassiere des Wallonen Dampierre Kaiser Ferdinand II. aus dem Drängen einer Deputation evangelischer Herren befreite, die Mehrheit der Wiener aber noch der Gegenreformation widerstand. In der Beschreibung dieser wechselvollen Zeitläufe bewährt sich die Standfestigkeit des Autors als Historiker ebenso, wie dessen packende Illustration jenes Jahrhunderts, in dem die unter-derennsischen Österreicher, zumal die Wiener, mehr als 97 Jahre im Krieg und nur zweieinhalb Friedensjahre durchmachten. Nachher versteht man die Gebete der Alten um Schutz vor Pest, jähem Wasser und Feuer, Hunger und Krieg.

Die vielgerühmte Barockstadt Wien sieht der Leser aus der Sicht der Bürgermeister des 18. Jahrhunderts. Endlich sprengt die Stadt nach bestandener Türkennot jene Kampfanlage, die das Wien des Frühbarocks in die größte Festung des damaligen Abendlandes zwängte. Namen, die Generationen von Wienern eher als Bezeichnung von Verkehrsflächen kennen, bekommen Gestalt und Farbe: Daniel Fockhy und andere bis zu Josef Georg Hörl (1773 bis 1804). Es ist die Zeit des Umbaues des heutigen Alten Rathauses; des Baues des Linienwalles rund um die Vorstädte; der Umgestaltung des Bürgerlichen Zeughauses, das 1848 Arsenal der Revolution wurde; der Beleuchtung des Glacis und der nachfolgenden Straßenbeleuchtung nach modernen Erfordernissen; der Eröffnung des Allgemeinen Krankenhauses, zuerst das bedeutendste der Welt, bald Mekka der Mediziner; der Anfang der Turnuswahl der Bürgermeister: alle vier Jahre erneute Wahl. 1769 begann Joseph Daniel Huber seinen Vogelschauplan, der nicht nur den gewaltigen Unterschied zum Vogelschauplan von 1686 illustriert, sondern den Epigonen verständlich macht, daß damals Wien neben Paris die weltbedeutendste Stadt auf dem Kontinent war. Das Wunder des Barocks, das sich in dieser Epoche an der Stadt vollzieht, hinterließ aber Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, allen Nachfahren im Bild. Das barocke Wien ist Hinterlassenschaft des Adels, in ihm aber ereignete sich jene Geschmacksbildung der Bürger, die 100 Jahre nachher das franzisko-josephinische Wien schufen.

Rokoko, Empire, Biedermeter und Vormärz fristete die Stadtverwaltung als bloß landesfürstliche Behörde. Ignaz Czapka praktizierte im Revolutionsjahr schon jenes: Ruhe ist die erste Bürgerspflicht, mit dem 1866 auch Andreas Zelinka angesichts der heranrückenden Preußen jede Zivilcourage verdrängte. In einem Aufwaschen tut der Autor die liberale und die christlichsoziale Ära in Wien ab. Nur so gerät er zu jener Ausgangslage, in der sich seit 1919 die sozialistische Ära gemäß deren Interpreten also ereignet: Kommunalpolitische Aufgaben, die liberale und christlichsoizale Kommunalpolitiker „vernachlässigten“ oder „dem Spielraum der Privatinitiative“ überließen, gelangen im Roten Wien zu „zentraler Bedeutung“. Was Bobek-Lichtenberger (Wien, Graz, 1966) längst entdeckten, bleibt unter Verschluß; daß nämlich das Rote Wien zum Vorteil des Wohnungsbaues sich die Vernachlässigung anderer kommunaler Belange leisten konnte, weil spätestens unter Doktor Lueger in großzügiger Weise kulturelle Institutionen, Wohlfahrtsund Versorgungseinrichtungen sowie ein modernes Verkehrsnetz geschaffen worden waren; ohne dem es im Wien der Zwischenkriegszeit gar nicht möglich gewesen wäre, die Konzentration auf den Programmpunkt kommunaler Wohnungsbau durchzustehen. Daß der kommunale Wohnungsbau in Wien bereits 1912 in Gang gesetzt wurde, sei hier.nur am Rande erwähnt. Wichtiger ist, daß bereits die 1907 gegründete „Zentralstelle für Wohnungsbau“ das vorweggenommen hat, was nach 1919 als einzigartige Novität des Roten Wien dem Rest der Welt vorgestellt worden ist: Räumliche Auflockerung und Förderung der Gartenstädte, Erschließung durch rasche und billige Verkehrsmittel, kräftige Bodenpolitik der Gemeinde, Einfluß auf die Bodenpreise und den Realitätenmarkt, eine neue Bauordnung (steht zum Teil heute noch aus) und in diesem Zusammenhang ein modernes Enteignungsgesetz, kommunale Wohnungspolitik, nach Heraushebung der Wohnungsfürsorge aus bloßer privater, karitativer Sphäre; Schaffung kommunaler Wohnungsämter; und Wohnungsfürsorge als Gegenstand der kommunalen Verwaltung.

Die Produkte der modernen Photographie ermöglichen dem Autor die reiche Illustration aller Phasen der Kommunalpolitik des Roten Wien von Jakob Reumann bis Leopold Gratz. Der interessierte Wiener und der Kommunalpolitiker hat daneben reichlich Gelegenheit, einen eventuellen kritischen Geist und die Eingaben persönlicher Erfahrung bei der Lektüre des besonders ausführlichen Textes der Ära 1919 bis 1934 (mit der Unterbrechung 1938 bis 1945) zu testen. Ein Wiener wäre ein schlechter Wiener, würde er nicht insbesondere das Aufbauwerk inmitten der sowjetischen Besatzungszone nach 1945 würdigen; und der österreichische Leser wäre ein schlechter Österreicher, würde in 10 Bänden

Der geschichtlichen und kulturgeschichtlichen Betrachtung der großen Religionen ist dieses wertvoll ausgestattete Werk gewidmet. Jeder Band verfolgt die gesamte Vergangenheit eines Religionskomplexes, beleuchtet seine Ideen und hebt die spezifischen religiösen Phänomene hervor.

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1070 Wien, Neubaugasse 29 und 36 er dabei auf grundlegende Voraussetzungen vergessen, die dazu abgewertete Koalitionspolitiker wie Leopold Figl und Julius Raab, aber auch Kommunalpolitiker wie Leopold Kunschak und Lois Weinberger (an der Spitze des städtischen Gesundheitswesens) leisteten. Daß sich in den siebziger Jahren immer mehr ein Verfall sowie eine teilweise krasse Korrumpierung der Wiener Kommunalverwaltung bemächtigt hat und daß davon in dem vorliegenden Werk nicht die Rede ist, soll der Fairneß halber nicht dem Autor zur Last gelegt werden.

Zumal dieser bemerkenswerte Inkonsequenzen der angeblich intoleranten „Habsburger-Bürokratie“ (so William J. Johnston, österreichische Kultur- und Geistesgeschichte, Wien 1972) im Umgang mit liberalen und christsozialen Bürgermeistern Wiens aufzeigt. So erfuhr der letzte liberale Bürgermeister Wiens, Dr. Raimund Grübl, anstandslos die allerhöchste Bestätigung im Amt, obwohl dieser einer in der österreichischen Reichshälfte verbotenen Bewegung, nämlich der Freimaurerei, angehörte, deren Verbot nachher (1905) das Reichsgericht in seiner Gültigkeit bestätigt. Hingegen bedurfte es einer fünfmaligen Wahl des Doktor Lueger zum Bürgermeister und einer mehrmaligen Versagung des allerhöchsten Genehmigung, bevor Franz Joseph I. diesen von der großen Mehrheit der Wiener vergötterten Bürgermeister, von dem das Wort: Schwarz-gelb bis in die Knochen stammt, endlich für genehm hielt.

Der Autor stellt eindringlich vor Augen, wie während 700 Jahren das Amt des Bürgermeisters von Wien den Inhabern und der Stadt Aufstieg und Ruhm, Unglück und,Tod, Versagen und Vergessen einbrachte. Man beendet die eindrucksvolle Lektüre und denkt nochmals über Shakespeares Wort nach: Men — not measures.

WIEN UND SEINE BÜRGERMEISTER. Sieben Jahrhunderte Wiener Stadtgeschichte. Von Felix Czeike. Verlag Jugend und Volk, Wien— München 1974. 507 Seiten, reich illustriert und mit Plänen und Faksi-müeabdrucken.

HEINRICH DRIMMEL

Der konservative Mensch und die Revolution

112 Seiten / Pappband mit Glanzfolie S 75.—

Verleg Herold * Wien • München

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