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Von Metternich zu Goebbels

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Im Peftirriichischin Kulturmstitut in sprach unser RedaktioasinitilUd ver kurzem über Gesehichte und Gegenwart der österreichischen Presse. Wir bringen aus dr deutschen Fassung einen Teilabdruck des pressehistorischfn Kapitels, das nicht mehr als ein Leitfaden sein will und sein kann. Dr. Kurt S k a 1 n i k arbeitet sein Manuskript zu einer Studi BUS. die ver-aussichtlich im Herbst in der Publikationsreihe der Sozialwissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft erscheinen wird.

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Im Peftirriichischin Kulturmstitut in sprach unser RedaktioasinitilUd ver kurzem über Gesehichte und Gegenwart der österreichischen Presse. Wir bringen aus dr deutschen Fassung einen Teilabdruck des pressehistorischfn Kapitels, das nicht mehr als ein Leitfaden sein will und sein kann. Dr. Kurt S k a 1 n i k arbeitet sein Manuskript zu einer Studi BUS. die ver-aussichtlich im Herbst in der Publikationsreihe der Sozialwissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft erscheinen wird.

Nicht nur Menschen haben ihre Geburtstage. Würde die Wiener Presse - wir werden sehen, daß diese lange Zeit mit der österreichischen schlechthin gleichzusetzen ist den ihren festlich begehen, dann müßten dies? Feiern jährlich am 14. März abgehalten werden.

Am 14. März des Jahres 184 wurden nämlich in den Straßen der österreichischen Metropole Plakate angesehlagen, auf denen die stets wißbegierigen Bürger von Wien lesen konnten: „Seine k. k. apostolische Majestät haben die Aufhebung der Censur und die alsbaldige Veröffentlichung eines Pressegesetze? allergnädigst zu beschließen geruht.“ Diese Afflehen waren die Geburtsurkunde der modernen österreichischen Presse, Das heißt freilich nicht, daß es vor diesem Tag keine Journale in Oesterreich gegeben hätte- Von den Relationen und Ordinari, Zettungen des 17. und frühen 18. Jahrhunderts, ragt sogar das 1703 gegründete „Wiener Diarium“ in unsere Gegenwart herüber. Erst vor wenigen Jahren (1953) konnte dieses Blatt, das seit 1780 unter dem Titel „Wiener Zeitung“ erscheint und zuerst der Monarchie, später der Republik als offizielles Organ dient, den zweihundertundfünfzigsten Jahrestag seiner Gründung festlich begehen. Dennoch: wir halten fest -m die moderne österreichische Presse tritt mit jenem 14. März 1848 ins Leben. Wir werden ihren Weg — herauf bis in unsere Tage — kennenlernen.

Das war ein Jubel in jenem „tollen Jahr“. Ein wahres „Gründungsfieber“ grassierte. Wie naeh einem semmerllehen Platzregen die Pilze, so schössen die Zeitungen aus dem aufgelockerten politischen Erdreich. 173 politische Tagesund Woehenzeitungen wurden Anno 1848 allein in Wien und Niederösterreich gegründet, erschienen oft nur mit einigen wenigen Nummern und verschwanden dann wieder sang- und klanglas von der Bildfläehe. Allein erst wieder unsere Generation hat ähnliches erlebt: die Publika-tjensfreudigkeit in den ersten Jahren nach 1945, als der schwere Druck von den Geistern gewichen war.

Aus der Flut der Gazetten dieses „Gründerjahres“ heben sieh jedoch zwei Blätter ab, die für die Entwicklung der Publizistik in Oesterreich von Bedeutung werden sollten. Da ist zunächst das „Journal des österreichischen Lloyds“ zu nennen. Im Sommer 1848 übersiedelte dieses bis dahin der Erörterung rein wirtschaftlicher Fragen vorbehaltene Blatt von Triest naeh Wien und verschrieb sich seitdem einer Politik, die eine konservative Grundhaltung wohl mit Zeitaufgeschlossenheit in einen seltenen Einklang zu bringen wußte. ' Manche Sätze muten uns sogar an, als wären sie gestern gesehrieben und nicht vor über hundert Jahren So, wenn im programmatischen Aufruf von der Verpflichtung Oesterreichs die Rede ist, „die Gesittung Weiteuropas nach dem Osten zu verpflanzen und dem sklavischen Slavenfum Rußlands gegenüber ein freies SUventum zu begründen , “ Eduard Warrens, ein Mann, der lange Zeit in Amerika gelebt hatte, führte hier die Feder. Mit ihm kamen die trtahrungen und die schon in jenen Jahren nicht geringen Traditionen des angelsächsischen Jour nalismus der jungen, freien österreichischen Publizistik zugute.

Der zweite Lebensstrang kommt von Frank reich. In Paris hatte der ehemalige Offizier August Zank, der ausgezogen war. um die Wie-' nir Feinbäckerei in der französiiehan Metropole heimisch zu machen, den großen französischen Journalisten seiner Zeit Emil Giradin und sein BJatt „La Presse“ kennengelernt. Des Vorbild zündete. Nach Wien zurückgekehrt, gründete Zpnk — ebenfalls im Sommer 14 • auf Grund der französischen Erfahrungen die Zeitung „Die Presse“. Dieses Blatt, das einen gemäßigt liberalen Kurs steuerte, setzte sich bald dank der Gediegenheit setner Ausstattung durch. Doch nicht „Die Presse“, sondern ein Nachfolgeblatt sollte den Ruf der österreichischen Großpresse begründen und als Weltblatt In allen Ländern innerhalb weniger Jahrzehnte bekannt werden. Schuld daran war ein zeitloses Uebel nicht weniger österreichischer Zeitungsherausgeber. August Zank hielt seine Redakteure finanziell ziemlich knapp, ii#4 revoltierte diese und veranstalteten eine regelrechte Seeessio i montem saerum“. Kur entschlossen gründete sie ein neues Blatt, das sie N e v e f r e I e Presse“ nannten.

Nun ging es aber Sehlag auf Sehlag. Im Zeiehe des aufstrebenden großbürgerlichen Liberalismus eroberte lieh dieses Blatt In kurzer

Zeit den ersten Platz in der Wiener und damit in der österreichischen Publizistik. Die „Neue freie Presse“ zu lesen, gehörte in Oesterreich durch Jahrzehnte zum guten Ton, auch wenn man mit ihrer Meinung nicht übereinstimmte, und von Graf Taaffe stammt das Wort, daß man in Oesterreich nicht gegen die „Neue freie Fresse“ regieren könne. Eine besondere Spezialität der Wiener Journalistik, die Rubrik „unter dem Strich“ — das Feuilleton —, wurde hier geradezu kultiviert. In der „Neuen freien Presse“ abgedruckt worden zu sein, bedeutete einem jungen Literaten mehr als ein Adelsbrief. In seinem Erinnerungsbuch „Die Welt von gestern“ schildert Stefan Zweig, mit.welchem bangen Gefühl er sich in jungen Jahren dem allmächtigen Feuilletonredakteur der „Neuen freien Presse“ nahte.

Die „Neue freie Presse“ als Sprachrohr des liberalen Großbürgertums bekam bald Gesellschaft. Zwar blieb ihre Stellung als Weltblatt österreichischer Provenienz durch Jahrzehnte, ja man kann ruhig sagen durch Generationen, unangefochten, aber im Inland selbst eroberte sich das 1867 gegründete „Neue Wiener Tagblatt“ bald im mittleren Bürgertum, der Beamtenschaft und dem Gewerbe einen festen Platz. Eine besondere Note bekam dieses Blatt durch seinen reichen Inseratenteil und dem von ihm besonders gepflegten „Kleinen Anzeiger“, Sonn- und Feiertagsnummern waren dank dieses reichen Inseratenteiles nicht selten 50 bis 200 Seiten stark. „Inseratenplantage“ höhnten die bösen Nachbarn ...

Als drittes der für die Aera des liberalen Bürgertums charakteristischen Blätter muß das 1893 gegründete „Neue Wiener J o u r-n a 1“ genannt werden. Als ausgesprochenes Gesellschafts- und Konversatlonsblatt nahm es schon Elemente der Journalistik vorweg, die Im 20. Jahrhundert allenthalben zur Entfaltung kommen sollten. Auch war es das erste Blatt, das die Frau als besonders artzusprechenden Leser entdeckte

Doch im letzten Jahrzehnt vor der Jahrhundertwende ist der Höhepunkt de österreichischen Liberalismus längst übersehritten. Neue Kräfte melden sich, die im kommenden Jahrhundert erst zur vollen Entfaltung kommen werden. Das zeitigt auch bald Auswirkungen auf dem Gebiet der Presse. Die moderne Parteipresse entsteht. Aus mehr als bescheidenen Anfängen schafft sich die junge christlich-soziale Richtung im österreichischen Katholizismus ihre Sprachrohre, Manche derselben kommen über die Dürftigkeit ihrer Ausgangsposition nicht hinweg. Anderen, wie der 1894 gegründeten „Reichspost“, gelingt es, sich in einem Dreifrontenkampf gegen die konservativ-feudalen Kreise im eigenen Lager — vertreten durch das „Vaterland“ —, gegen die Uebermacht der liberalen Großpresse und gegen die nachdrängende Sozialdemokratie zu behaupten. Der Mann, der dieses Werk mit seinem Leben verband, weilt im Patriarchenalter noch unter uns. In seinem Erinnerungsbuch „Vom Gestern ins Heute“ hat Dr. Friedrich Funder dieses Kapitel österreichischer Pressegsschichte aufgezeichnet.

Auf der anderen Seite schafft sich der österreichische Sozialismus in der ab 1895 täglich erscheinenden „A r b e i t e r - Z e i t u n g“ ein Kampfblatt. Oftmalige Konfiskationen und Ge-fnngnisaufenthalte der Redakteure, die zu intensivem Studium verwendet werden — „unsere Hochschulen“ nennt es die Pai'teiliistorie —, be--gleiteten die ersten publizistischen Schritte dieser aufstrebenden Bewegung.

Das 20. Jahrhundert wird nicht selten „das Jahrhundert des kleinen Mannes“ genannt. Es ist daher kein Zufall, daß gerade im Jahre 19Q0 in Wien eine Zeitung erschien, die lange Zeit charakteristisch für die österreichische Spielart der allenthalben sich etablierenden Massenpresse war. In einem international völlig ungewöhnlichem Format (31,5 mal 33 Zentimeter) erschien die „Illustrierte Kronen-Zeitung“ — kurz „Kronen-Zeitung“ genannt. Der Erfolg stellte sich nicht gleich ein. In einem lahr wurden täglich zunächst erst 30.000 Exemplare abgesetzt, 1914 aber erreichten bereits 230.000 Exemplare täglich .ihre Leser in den Vorstgdtwohnungen und auf dem flachen Lande. Die Auflagenhöhe aller anderen- Blätter war dadurch bei weitem überflügelt. Das Geheimnis eines solchen „Siegeszuges“? Eine betont unpolitische Grundhaltung, die absolute Vorherrschaft des lokalen Kolorits, breiter Raum für Mord und Totschlag, daneben gemütvolle, ja sentimentale Geschichten, Es ist bezeichnend, daß die „Kronen-Zeitung“ ihren entscheidenden Durchbruch erzielte, als sie im Jahre 1903 von der Ermordung des serbischen Königspaares in Belgrad einen ausführlichen Sonderbericht brachte. Man kann über diese Spezies des Journalismus geteilter Meinung sein. Eines aber muß man jenen Männern zugute halten: sie waren Virtuosen auf dem Instrument der „Volksseele“. Sl sollten gelehrige Schüler finden. Und diese nicht allein In Oesterreich

Die Donaumonarchie zerfiel 1918. Die Presse ihrer Metropole aber überlebte Krieg, Zusammenbruch und Revolution. Zwar verlief 60 Kilometer von Wien entfernt eine der vielen neuen Grenzen, die den organisch gewachsenen Wirtschaftskörper im Donauraum künstlich teilten, allein für die Wiener Großpresse, die auch das kleingewordene Nachkriegsösterreich in der Welt repräsentierte, galt diese kaum. Nach wie vor lagen die „Neue freie Presse“, das „Neue Wiener Tagblatt“ und die „Reichspost“ - um nur diese uns schon bekannten Blätter zu nennen — in den Kaffeehäusern von Prag genau so wie in Budapest oder in Agram auf. Und nicht wenige der ehemaligen Beamten und Offiziere des alten Staates blieben auch in den neuen Vaterländern ihrem Blatt treu. Dieses Treueverhältnis des Lesers zu seinem Blatt ist überhaupt charakteristisch für Oesterreich. Das Halten einer bestimmten Zeitung ist — oder war es wenigstens durch lange Zeit — beinahe so etwas Aehnliches wie Familientradition. Neben ihrer qualitativen Ausstattung war es nicht zuletzt jener Konservativismus, der der schon wiederholt genannten Großpresse ihre dominierende Stellung auch dann noch erhielt, als der Liberalismus als Partei zur Bedeutungslosigkeit zurücksank und bald ganz von der Bildfläche verschwand. Ja es kann gesagt werden, daß diese Presse sogar an Breitenwirkung gewann, seitdem sie nicht mehr als die Fahne einer Partei angesehen werden mußte.

Dennoch können wir bald größere Veränderungen in der Struktur der Presse der Republik Oesterreich gegenüber der des Kaiserstaates feststellen. Ihre Ursache war nicht so sehr die Aenderung der Staatsform als die allmähliche gesellschaftliche Umschichtung. Als nächstes Ergebnis dieser Entwicklung darf der Aufstieg der Parteipresse zur Gleichwertigkeit mit der liberalen Großpresse, die ihrerseits gar bald einem langsamen, aber nachhaltigen Schrumpfungsprozeß ausgesetzt ist, angesehen werden. Sowohl die „Reichspost“ als auch die „Arbeiter-Zeitung“ v/urden Blätter, die man im In- und Ausland wohl verfolgte Erstere gewann besonders an internationaler Bedeutung durch die enge Verbindung und Mitarbeit Ignaz Seipels. Das sozialistische Zenttalorgan wiederum war das persönliche Sprachrohr Otto Bauers, der von seinem Redaktionsstuhl auf der Rechten Wienzeile den österreichischen Sozialismus als Theoretiker und Praktiker leitete. Die im Parlament vertretene, dem Anschluß an Deutschland zuneigende, aber bürgerlich gemäßigt auftretende Richtung, die in dem Bundeskanzler Schober ihren Mann erblickte, war auf dem Pressesektor vor allem durch die „Wiener Neuesten Nachrichten“ vertreten. Der Nationalsozialismus schuf sich neben anderen Blättern in der „Deutsch -Oesterreichischen Tageszeitung“ ein Kampfblatt, während die kleine kommunistische Partei durch „D i e Rote Fahne“ vertreten war.

Die Beziehungen zwischen der österreichischen Presse und der Tagespolitik waren äußerst vielfältig. Sehr oft fand diese in den Blättern nicht nur ihren Niederschlag, sondern wurde geradezu von Seiten der Journalistik nachdrücklichst beeindruckt. Das ging so weit, daß bekanntlich ein Leitartikel des Chefredakteurs der „Arbeiter-Zeitung“ — gegen den Willen seines Verfassers — im wahrsten Sinne des Wortes zur Brandfackel wurde und 1927 zum Sturm auf den Justizpalast und in dessen Folge zu blutigen Unruhen sowie zu jener verhängnisvollen Radikalisierung der österreichischen Politik führte, der schließlich die Demokratie erliegen mußte.

Wir sprachen von dem Aufstieg der Parteipresse Das war vielleicht etwas allgemein und nicht ganz korrekt. Denn gerade das zuerst genannte Blatt, die „Reichspost“, legte zeit ihres Erscheinens Wert darauf, nicht ein christlichsoziales Parteiblatt, sondern ein katholisches Blatt zu sein, das die Christlichsoziale Partei und ihre Regierung unterstützt. Das war keine Haarspalterei ... Aehnlich wie die liberale Presse waren auch die in eigenen katholischen Verlagen und Pressevereinen erscheinenden katholischen Blätter nie ein gefügiges Werkzeug, sondern stets nur ein guter Freund. Mitunter freilich auch ein eigenwilliger Freund.

Bei den anderen Richtungen, vor allem bei der sozialistischen, war das Verhältnis Partei-Presse enger. Allein, auch hier sorgten nicht selten profilierte publizistische Persönlichkeiten dafür, daß die Eigenständigkeit journalistischer Arbeit zu Nutzen für Partei und Presse gewahrt werde.

Diese Feststellung ist wichtig, hat sich doch in unserer jüngsten Vergangenheit und Gegenwart hier ein Wechsel zum Schlechteren vollzogen.

Doch wir halten inzwischen noch in dem stürmischen Jahrzehnt zwischen 1920 und 1930. Die harte publizistische Auseinandersetzung jener Jahre läßt nach publizistischen Mitteln zur Beeinflussung immer breiterer Schichten Ausschau halten. So werden auch die „kleinen Blätter“ — wir sprachen von dieser besonderen Spezies der österreichischen Publizistik anläßlich der Gründung der „Kronen-Zeitung“ — für die Politik entdeckt. Die Sozialistische Partei schafft sich neben ihrem Zentralorgan in dem „Kleinen Blatt“ ein äußerst verbreitetes Organ, das freilich dem Miitterblatt nicht wenige Leser in Arbeiterkreiseri entfremdet. An die Seite der „Reichspost“ tritt 1926 mit denselben Aufgaben das „Kleine Volks-b 1 a 11“. Der Tagblattkonzern fährt sogar drei-spurig/ Neben dem Stammblatt bringt er schon längere Zeit eine „große“ und eine „kleine“ Volkszeitung. s

Die turbulenten Jahre bescheren Wien undi Oesterreich auch den Typ des bisher hier nicht beheimateten Boulevardblattes. Imre Bekessi führte das neue Element mit seiner Zeitung „Die Stunde“ in seiner verzerrtesten Form als reines Skandal- und Erpresserblatt ein. Be-kessy mußte Wien schließlich fluchtartig verlassen, die Boulevardjournalistik aber ist uns, wenn auch in mehr oder weniger gemäßigter Form, seither erhalten geblieben.

Wir sprachen bisher immer von der Wiener Journalistik, die stellvertretend für die österreichische Presse steht. Mit gutem Recht. Auch zwischen 1918 und 1938 gab es in den österreichischen Bundesländern kein einziges Blatt, das über die Landesgrenzen hinweg publizistische Wirksamkeit erzielt hätte. Freilich kann gerade in dieser Zeit in den österreichischen Ländern im Vergleich mit Wien ein verhältnismäßig größeres Wachstum verzeichnet werden. Gegenüber 1914 zählen wir 1930 in Wien nur eine Zunahme von 20 Prozent, in den Ländern aber Zeitungsgründungen von 45 bis 133 Prozent.

Wir dürfen in dieser kühn emporschießenden Lebenskurve der Provinzpresse einen Ausdruck jener gerade in diesen Jahren stark verbreiteten Ressentiments gegen die Metropole sehen, die in dem bösen Wort vom „Wasserkopf Wien“ ihren Niederschlag finden. Das Schlagwort,, wie. der geistige Grund, auf dem es gedeihen konnte, sind heute Vergangenheit.

Oesterreich liegt nicht im luftleeren Raum. Es ist auch keine Insel oder ein Land irgendwo in einem stillen Winkel unseres Globus. Als Herzland Europas ist es wie kein zweites den verschiedenartigsten Einflüssen von West und Ost, von Nord und Süd ausgesetzt. Die Frage ist immer nur, wie es diesen Einflüssen begegnet. Der erste Einfluß der Jahre zwischen den beiden großen Kriegen war, da rein technischer Natur, verhältnismäßig harmlos, aber nachwirkend. Wir sprechen von den Folgen, die der systematische Ausbau der großen Agenturen nach sich zieht. Die Eigenberichte der Korrespondenten aus nah und fern treten zurück. Mit ihnen die individuelle Note der einzelnen Blätter. Schere und Kleister beginnen in einen erfolgreichen Wettstreit mit der Feder zu treten. Noch aber behauptet sich diese. Im Leitartikel und im Feuilleton, das — wie die Wiener Operette — ein „silbernes Zeitalter“ erlebt.

Die anderen Einflüsse sind schicksalsvoller. Sie verfolgen bestimmte hochpolitische Absichten. Es gibt kaum ein Nachbarland, das nicht in mehr oder weniger verdeckter Form höchst aktive Pressepolitik in Oesterreich betreibt. Die Mark rollt genau so wie die Lira und die tschechische Krone ... Ein ganzer Zeitungskonzern, der „Verlag Orbis“, ist durch lange Jahre de facto in der Hand des Prager Außenministeriums.

Die durch massive ausländische Einflüsse ins Hektische gesteigerten politischen Leidenschaften treiben der Katastrophe entgegen. 1934 fließt Bürgerblut. Die siegreiche Regierung Dollfuß verbietet hierauf mit der Partei auch die gesamte sozialistische Presse. Die kommunistischen und nationalsozialistischen Blätter waren schon vorher dem Verdikt verfallen. Alle diese Richtungen versuchen mit mehr oder weniger Erfolg durch illegale Nachfolgeblätter ihre Anhänger zu erreichen. Die liberale Großpresse schwenkt zu einer wohldistanzierten, aber aufgeschlossenen Haltung gegenüber dem autoritären Regime des Bundeskanzlers und seines Nachfolgers ein. Die katholische Presse wiederum knüpft in ihrer Mehrzahl an das Experiment des „Ständestaates“ gewisse Erwartungen, die sich freilich nicht einstellen sollten. Doch muß festgehalten werden, daß gerade aus ihr heraus Einsprüche gegen verschiedene pressegesetzliche Maßnahmen der Regierung in aller Oeffentlichkeit erhoben wurden und auf die psychologischen Folgen hingewiesen worden ist.

Das Ende Oesterreichs im März 193 8 war auch praktisch das Ende seiner in ihrer Freiheit zwar bereits gedrosselten, in ihrer typologischen Vielfalt aber noch erhaltenen Presse. Der Nationalsozialismus machte tabula rasa. Es war wie bei Haydns Abschiedssymphonie, in der ein Instrument nach dem anderen verstummt, ein Licht nach dem anderen erlischt. Gleich nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde ein Teil der österreichischen Presse über Nacht eingestellt, der andere durch die Einsetzung sogenannter „kommissarischer Verwalter“ gleichgeschaltet. Die „Neue freie Presse“ und das „Neue Wiener Journal“ wurden am

1. Februar 1939 mit dem „Neuen Wiener Tagblatt“ zusammengelegt. Letzteres durfte als einzige der ehemaligen liberalen Zeitungen bis Kriegsende weiterbestehen. Es bekam die Aufgabe, die für das offizielle Organ der NSDAP, den nun auch in einer Wiener Ausgabe erscheinenden „Völkischen Beobachte r“, unerreichbaren bürgerlichen Schichten zu gewinnen. Dieselbe Aufgabe mußten die kleinen Blätter für die breiten Schichten übernehmen. Im Sommer 1944 wurde noch ein übriges getan. Diese kleinen Blätter wurden zu einem vereinigt, das unter dem ansprechenden Titel „Kleine Wiener Kriegszeitung“ erschien. Die ehrwürdige „Wiener Zeitung“ mußte nach einem Alter von über 200 Jahren verschwinden. Aehnlichen drastischen Einschränkungen war auch die Wochen- und Lokalpresse unterworfen. Während die in den ersten Jahren nach 1938 erfolgte Reduzierung politischen Charakter trug, wurden die ab 1943 durchgeführten Einstellungen im Zuge des „totalen Krieges“ vorgenommen. Was dem kümmerlichen Rest der österreichischen Presse noch zugebilligt wurde, war bestenfalls ein gewisses lokales Kolorit. Als die Granaten der Roten Armee bereits in die Wiener Häuser einschlugen, stellten am 7. April diese letzten Mohikaner der einstmals international beachteten Wiener Presse ihr Erscheinen ein. Ein von dem Kommandanten der zur Festung erklärten Stadt herausgegebenes Mitteilungsblatt erschien nur mit einer Nummer, die heute eine zeitungsgeschichtliche Rarität ist — dann war der große blutige Spuk vorbei.

Das Feld war frei für die Arbeit eines neuen Tages — unseres Tages.

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