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Digital In Arbeit

Einsatz fiär die Medienvielfalt

Unter den Unternehmensbereichen des Hauses Styria, den beiden grafischen Betrieben, dem Buchverlag in Graz, Wien und Köln, den Buchhandlungen, der Kunsthandlung, der Galerie, den Beteiligungen an Kabel-TV- Gesellschaften der AV-Pro- duktionsgesellschaft Cinevision nimmt der Zeitungsverlag traditionell eine dominierende Stelle ein.

Das Österreich von heute hat 4,5 bis 4,7 Millionen Zeitungsleser. Etwa 2,7 Millionen Tageszeitungen werden täglich hergestellt — um rund 900.000 mehr als 1937.

Die Auflagenbewegung zeigt seit 1957, ausgenommen ein Einbruch 1970/71, eine stetig steigende Tendenz, wenngleich die Zahl der Titel unter wirtschaftlichem Druck geringer wurde. Die oft beschworene „papierlose Zukunft“ hat also nicht begonnen und wird auch nicht stattfinden.

Es ist klar erwiesene Verlegererfahrung, daß die Österreicher — und gerade die jüngeren Altersgruppen — unter allen Zivilisati-onsgütern besonders die Zeitung nicht missen wollen. Damit ist auch nach wie vor das Vertrauen der Wirtschaft in den Werbeträger Zeitung fest verankert, bis jetzt ungeschlagen an erster Stelle.

Die „Kleine Zeitung“ in Steiermark und Kärnten erreicht täglich rund 625.000 Leser. Die „Kleine Zeitung“ ist fast so alt wie unser Jahrhundert. Sie erschien zum ersten Mal am 22. November 1904, schon damals als parteiunabhängige Zeitung.

Nach der Besetzung Österreichs durch Hitler wurde schon am 12. März 1938 das Haus Styria beschlagnahmt und damit auch die „Kleine Zeitung“ unter dem Kommando der Reichsschrifttumskammer „gleichgeschaltet“.

Nach dem Wiedererstehen Österreichs 1945 gelang es zwar, Verlag und Druckerei an den rechtmäßigen Eigentümer, den 1869 gegründeten „Katholischen Preßverein“, zurückzubringen, doch gestatteten die sowjetische Besatzungsmacht wie auch die im Juli folgenden Engländer nur das Erscheinen der Parteizeitungen von ÖVP, SPÖ und KPÖ.

Der aus dem KZ heimgekehrte Generaldirektor, Altlandeshauptmann Karl Maria Stepan, setzte alles daran, die Zeitungstradition der Styria fortzusetzen. Er erkannte, daß neben den Parteizeitungen ein unabhängiges Blatt schon im Werden des neuen österreichischen Staatswesens von unverzichtbarer Bedeutung sein müsse. Die Zustimmung der britischen Besatzungsmacht konnte relativ schmerzlos erreicht werden. Damit waren aber die Schwierigkeiten nicht beseitigt.

Die Parteien fürchteten die Konkurrenz und reagierten mit Verhinderungsmaßnahmen. So wurde ihr die APA als Nachrichtenquelle gesperrt, die Rückgabe der während der NS-Zeit in das Haus Leykam gebrachten Rotationsmaschine verzögert und bei der Papierbeschaffung jede erdenkliche Schwierigkeit bereitet.

Trotzdem konnte die „Kleine Zeitung“ am 2. Mai 1948 zunächst als Wochen- und im Oktober als Tageszeitung wieder erscheinen. Nach zwei Jahren härtester Anstrengungen und gewaltiger Defizite begann ein Aufstieg, der das Blatt zur größten Bundesländerzeitung machte — bis heute ist es Österreichs drittgrößte Zeitung geblieben.

Zunächst wurden einige Seiten für das lokale Geschehen in Kärnten reserviert und eine mutierte Ausgabe in der bescheidenen Auflage von 12.000 bis 14.000 Exemplaren nach Kärnten „exportiert“. Doch schon im Sommer 1954 ging man daran, die Gründung einer eigenen, vollwertigen Zeitung für das nachbarliche Bundesland vorzubereiten. Die Regionalisierung sollte konsequent ernstgenommen werden.

In Klagenfurt wurde eine eigene, ressortmäßig voll aufgegliederte Redaktion eingerichtet, Verlagsabteilungen für Vertrieb, Anzeigengeschäft und Werbung wurden aufgebaut und vor allem der Druck selbst in die Kärntner Landeshauptstadt zur Druckerei Carinthia verlegt. Am 1. Oktober 1954 konnte die erste voll in Klagenfurt hergestellte „Kleine Zeitung“ erscheinen. Sie war Graz lediglich in einer Art Symbiose verbunden, man darf also von einer Tochtergründung sprechen.

Diese Zeitung kann seither Tag für Tag zur Gänze nach der Kärntner Interessenlage selbständig aufgemacht werden. Dem föderalistischen Anspruch wird hiermit voll Genüge getan, und dies wurde zum Erfolgsrezept. In einem Bundesland mit 530.000 Einwohnern hat die Kärntner „Kleine Zeitung“ 240.000 tägliche Leser...

Im Sommer 1968 sahen wir eine Herausforderung darin, daß der Eigentümer der Montagblätter „Wiener Montag“ und „Grazer Montag“ seine stark abgewirtschafteten Zeitungen an eine bundesdeutsche Gruppe um die „Nationalzeitung“ verkaufen wollte. Nach kurzen Verhandlungen konnten wir dies verhindern und kauften beide Titel. Sie wurden für Steiermark und Kärnten zunächst im Großformat weitergeführt und bald auf das bewährte Kleinformat umgestellt.

Sie waren die Grundlage für das fürderhin wöchentlich siebenmalige Erscheinen der „Kleinen Zeitung“. Als „Kleine Zeitung mit Grazer Montag-Sport“ und mit „Kärntner Montag-Sport“ werden sie von nicht wenigen Konsumenten heute noch wie eine zusätzliche Zeitung verstanden.

Eine vorübergehende Initiative entwickelte Styria auf dem Wiener Zeitungsmarkt. Überlegungen, die Eigenständigkeit des .Kurier“ aufrechtzuerhalten, als Ludwig Polsterer ihn aus gesundheitlichen Gründen verkaufen wollte, bestimmten uns im Juli 1972, be- teiligungs- und managementmäßig in die neue Gruppe einzutreten. Als kaum zwei Jahre später doch wieder der Gedanke der „Elefantenhochzeit“ auflebte, zogen wir uns wieder zurück. Das Intermezzo gehört aber ohne Zweifel in die Mediengeschichte der Zweiten Republik.

Ebenso ohne Zweifel erwies sich durch diese Ereignisse die Eigenkraft der öffentlichen Meinung, so daß Fusion und Konzentration der beiden größten Wiener Zeitungen schließlich doch nicht stattgefunden haben.

Bald danach wurde die Styria mit einer anderen Monopolgefahr, diesmal im äußersten Westen Österreichs, in Vorarlberg, konfrontiert. Um in diesem Bundesland eine zweite Zeitung ins Leben zu rufen, war 1972 die „Neue Vorarlberger Tageszeitung“ gegründet worden. Um sie lebenskräftig und konkurrenzfähig zu erhalten, wurden von den Eigentümern Kontakte nach Graz aufgenommen.

Sie führten am 21. Mai 1975 symbolträchtig, nämlich auf dem Bodenseeschiff „Vorarlberg“, zum Abschluß eines Beteiligungs- und Kooperationsvertrages. Dieses Modell, das auch die Begründung eines neuen Zeitungstyps im „Ländle“ einleitete, kann so umschrieben werden:

• Erhaltung der vollen Autonomie einer selbständigen redaktionellen Einheit (kein ,Kopfblatt“);

• HerstellungeinergesundenFi- nanzgrundlage;

• Rationalisierung durch sinnvolle Zusammenarbeit in allen Bereichen;

• Erfahrungsaustausch und Erfahrungsanwendung in Redaktion und Management.

Acht Jahre Zusammenarbeit garantieren der Vorarlberger Bevölkerung mediale Wahl- und Vergleichsmöglichkeit. 84.000 Leser bei 316.000 Landesbewohnern schenken jetzt der „Neuen“ ihr Vertrauen. So wurde ein Medienverbund begründet, für den Medienvielfalt nicht nur ein Wort ist.

Es seien noch einige Anmerkungen zur Neu- und Wiederbegründung der FURCHE im November 1976 gegeben. Auch hier ging es um Sein oder Nichtsein, auch hier drohte ersatzlose Einstellung oder Verkauf ins Ausland.

Gerade die anspruchsvolle Gesinnungspresse war vom Leserschwund und wachsenden Kostendruck in den Abdorrungspro- zessen der sechziger und siebziger Jahre besonders bedroht. Ohne die von Friedrich Funder gegründete FURCHE wäre die Verarmung der Medienlandschaft in Österreich eklatant geworden. So formierte die Styria eine breite Basis von mehreren katholischen Verlagen im Medieninhaber „Die Furche — Zeitschriftenbetriebsgesellschaft m. b. H. & Co KG“. Diese besorgte umgehend eine tiefgreifende verlegerische und inhaltliche Reorganisation.

Eine wichtige Stimme in den Meinungsprozessen von Kirche und Staat konnte damit wirksam bleiben. Heute darf die FURCHE praktisch als saniert angesehen werden. Die Leserschaft wurde überzeugend verjüngt, die Auflage seither mehr als verdoppelt. Die FURCHE ist damit wieder bevorzugtes Wochenblatt von typischen Entscheidungsträgern auch über das katholische Lager hinaus und zählt zu den häufig zitierten Zeitungen.

Medienpolitik und verlegerische Medienverantwortung sind immer, auch geistig-gesellschaftliche Verantwortung. Die Presse vielschichtig in ihren Tendenzen, eigenständig in ihrer Wirtschaftlichkeit zu erhalten, bedeutet eine wesentliche Funktion für die Demokratie, die Kultur, die Qualität der geistigen Auseinandersetzungen.

Die Maßnahmen des Hauses Styria in den 38 Jahren der Zweiten Republik wollten dafür ein Beitrag sein.

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