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Wer hat schon eine Gesinnung?

1945 1960 1980 2000 2020

Schmal ist das Angebot von Zeitungen, die deklariert Positionen vertreten. Und ärmlich ist die Landschaft jener Printmedien, die von großen Ideenträgern unterstützt werden.

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Schmal ist das Angebot von Zeitungen, die deklariert Positionen vertreten. Und ärmlich ist die Landschaft jener Printmedien, die von großen Ideenträgern unterstützt werden.

Die Presse liegt im argen, ist eine der üblichen Feststellungen unserer Zeit. Wer historisch bewandert ist, wird diese Feststellungen in allen geschichtlichen Epochen finden, die seit der praktischen Anwendung der Gutenbergschen Erfindung von Zeitungen beglückt werden. Nostalgisch wird früherer Situationen gedacht, wobei ich immer mit Verwunderung die Auflagenziffern lese, die es damals gegeben hat. Um wie-vieles höher sind die heutigen. Soli-täre werden genannt und dennoch muß es auch früher arg gewesen sein, sonst hätte nicht Karl Kraus seiner

Zeit zugerufen: Raus aus Wien mit dem Schuft“.

Außerdem muß man doch sagen, daß neue Zeitungen mehr Wettbewerb erzeugt haben. Die Landschaft ist in Bewegung geraten, wobei diese Bewegung außerdem auch Einfluß von außen gebracht hat. Europäisierung sagen die einen, Anschluß die anderen. Die Beweise für beides sind die jeweiligen Dis-kutanten bis jetzt noch schuldig geblieben. Außerdem haben wir ja die Tageszeitung mit der größten Auflage pro Kopf, aus einer auflagenstarken Wochenzeitung soll dazu ein Konkurrenzprodukt entstehen.

Die aus der Besatzungszeit und dem Nachkriegs-Denke hervorgegangenen Parteizeitungen sterben sang- und klanglos dahin und Medienprodukte Wiener Prägung werden exportiert - etwa in die Bundesrepublik und neuerdings auch in den sich öffnenden Osten. Alles in Ordnung, könnte man erleichtert sagen. Warum also immer wieder diese Aufregungen?

Ich gebe es zu: Ich glaube nichts von dem, ich sehe zwar nicht den Untergang der Medienlandschaft vor mir, bin aber alles andere als zufrieden und wollte eigentlich nur den geneigten Leser und natürlich auch mich selbst provozieren.

„Europareife“ hat die österreichische Medienlandschaft nicht. Da wir in Grenzen aber doch in einer Marktwirtschaft leben, muß es wohl an der Nachfrage liegen, wobei die Mängel sicher vor allem im Qualitätsbereich zu suchen sind, denn „Bild“ und ähnliche französische und englische Produkte sind gräßlicher als potentielle Tiefpunkte der österreichischen Landschaft.

Wenn nun die Frage aufgeworfen wird, wie es um die Meinungspresse in Österreich steht, muß vorangestellt werden, daß Tages- und Wochenzeitungen dominant heute Meinungen vertreten. Teils sind dies pointierte Meinungen, teils wird ein ganzes Spektrum von Meinungen in

einer Zeitung oder Zeitschrift wiedergegeben. Man kann sich bei „seinem“ Journalisten eine Meinung abholen, in der letzten Zeit kann man allerdings auch irritiert werden, wenn ein Journalist oder eine Journalistin ihre Meinung ändern, aber heimatlos wird man deswegen sicher nicht.

Schmal ist jedoch das Angebot von Zeitungen und Zeitschriften, die deklariert Positionen vertreten. Die Parteipresse stirbt still, von niemandem beweint dahin - kein Wunder, denn die Meinungen der Parteien und ihrer Vertreter werden ohnehin reichlich im ORF geboten und in Zeitungen wiedergegeben.

Schwieriger schon wird es in differenzierten Bereichen: Ärmlich ist die Landschaft jener Printmedien, die von großen Ideenträgern unterstützt werden. Kein Fehler bei Kammern und Verbänden, wohl aber ein Mangel, wenn man an die Kirche denkt, gute Kulturzeitschriften sucht oder sich nach jener Palef-te sehnt, die andere Länder als Diskussionform hoher geistiger Qualität anzubieten haben.

Woran liegt das? Keine Frage, die Lesefreudigkeit des Österreichers ist nicht übertrieben hoch, wenn's da kompliziert wird, kommt deutlich zum Ausdruck, daß die tragenden Elitschichten unseres Landes schon seit langer Zeit schmal geworden sind. Einiges davon wird auch nach wie vor durch gute Produkte der elektronischen Konkurrenz konkurrenziert: Nachtstudios, einzelne „Club 2“-Diskussionen, eine gute Wissenschaftsredaktion sowie eindrucksvolle Leistungen des Hörfunks bieten einige Äquivalente. Auch die Tatsache, daß wir in einem kleinen Land leben und längste Zeit in Randlage waren, kann auch noch angeführt werden.

Damit kann man sich aber noch nicht zufrieden geben. Wenn man die Sonde tiefer führt, muß man sich als Österreicher auch eingestehen, daß die Freude daran, eine Meinung zu haben, nicht unbedingt hoch bei uns entwickelt ist. Nicht nur der Politik ist es eigen, alle Standpunkte abdecken zu wollen. Wenn aber alles vereint wird, wenn daraus dieser geistige Brei entsteht, der aus man-

chen Produkten hervorquillt, dann kann auch keine Meinungspresse entstehen.

Der Grund ist hiefür in der schwach entwickelten Konfliktkultur unseres Lahdes zu sehen. Unter Konflikten werden meistens nur personelle Auseinandersetzungen verstanden, nicht aber die Mühe, konkurrierende Meinungen auszu-f ormulieren und sie auch zu begründen und in eingehender Disputation zu schärfen. Das Kompromißhafte, Verwaschene und Oberflächliche wird allerorten gerne gesehen.

Wo wird schon anständig diskutiert? Sollte man sich nicht die theologischen und philosophischen Dispositionen des Mittelalters zum Vorbild nehmen, die einfach zu einer Disziplin des Geistes gezwungen haben? Hat sich die Wissenschaft im öffentlichen Raum hier nicht verweigert oder ist sie vielleicht auch in Österreich in den seltensten Fällen einer solchen Herausforderung gewachsen? Die Schlampigkeit der Argumentation bei einzelnen „nationalen“ Konflikten - Stichworte: Zwentendorf, Hainburg, Waldheim - läßt solches befürchten.

Die nach dem Staatsvertrag kultivierte Tendenz, sich noch dazu vom Ausland abzuschließen, hat einiges dazugetan. Die von Bruno Kreisky propagierte „Insel der Seligen“ hat die verdummende Wirkung des Schlaraffenlandes gehabt. Wir sind ganz schön träge geworden und sind

uns lange Zeit dabei unendlich gut vorgekommen.

Wir waren selig, von allen geliebt zu werden und sehr überrascht, als wir registrieren mußten, daß dies nicht der Fall ist.

Die Sprachverarmung der letzten Jahrzehnte ist Grund und gleichzeitig Ergebnis dieser Entwicklung. Längst ist vergessen, daß die Sprachwissenschaften in Österreich eine Heimat hatten, daß der Umgang mit der Sprache zum mithin Aufregendsten und Schönsten gezählt hat, das bei uns geboten wurde. Wittgenstein wird zwar gefeiert, aber nicht beachtet: Worüber man nicht reden kann, soll man schweigen, wäre doch so beherzigenswert.

Die Sprachverarmung ist inzwischen in einer internationalen Kommunikationswelt eine doppelte geworden. Nicht nur die Politiker sind von lähmender Sprachlosigkeit, sondern auch die weit verbreitete Unfähigkeit, sich in einer anderen Sprache auszudrücken, läßt das geistige Potential verarmen.

Meinungen sind auch nicht sehr beliebt. In der politischen Landschaft wird zusammenhalten oft mit „Halt's z'samm“ verwechselt. Helmut Zilk hat eine eigene Technik dabei entwickelt: Wer immer an ihn Fragen stellte oder Kritik an der Brachiallogik des ehemaligen Diskussionsleiters der „Stadtgespräche“ entwickelte, wurde immer wieder psychologisch, wenn nicht psychiatrisch behandelt: „Wer Probleme macht, hat Probleme“ hieß es unter Zitation eines großen Weisen und damit war das Meinung haben auch schon abgekanzelt.

Die Lippen können sich nicht nur im Politischen in Österreich schwer artikulieren, kaum gibt es dafür traditionelle Organe wie im amerikanischen oder französischen Sprachraum, geistige Zirkeln sind selten geworden. Und die gestaltende Kraft der Kirche, wie sie zum Beispiel in „Wort und Wahrheit“ von Otto Mauer zum Ausdruck kam, gehört längst der Geschichte an. Die Odyssee der FURCHE oder von „präsent“ um andere Produkte zu beschreiben, wäre mehr als eine Dissertation wert.

Dabei könnte der Katholik und seine Hierarchie in das Land des Papstes blicken, wo es auch in Zeiten relativer Unfreiheit nicht nur eine sehr meinungsorientierte katholische Presse gegeben hat und gibt, sondern wo auch deutliche Differenzierungen zu spüren waren. „Tygodnik powszechny“ artikulierte in Krakau anders, als es die Warschauer Monatszeitschrift „Wiez“ des heutigen Ministerpräsidenten Tadeusz Mäzowiecki tat. Die Dominikaner geben in Posen wiederum ein Produkt heraus, das andere Schwerpunkte setzt als „Znak“ in Südpolen.

Diese Vielfalt hat die intellektuelle Spannkraft der katholischen Kirche ausgemacht. Sie ermunterte Intellektuelle in über hundert Städten Polens, sich in Klubs katholischer Intelligenz (KIK) zusammenzuschließen und letztlich das geistige Rückgrat jener elementaren Veränderung zu bilden, die in diesen Tagen und Wochen wirksam wird. Daß daneben Philosophie und Theologie auch nicht zu kurz kommen, zeigen einige herausragende Persönlichkeiten, wie etwa Jözef Tiszner oder die von Polen inspirierte Initiative des „Instituts für die Wts-

senschaften vom Menschen“ in Wien.

In den letzten Wochen war viel von einer Reglementierung im katholischen Journalismus die Rede. Was nun wirklich beabsichtigt ist und damit gemeint war, entzieht sich meiner Kenntnis. Was ich aber nicht begriffen habe, ist wohl, wovor sich die Kirche, nein, besser einige Hierarchen, fürchten.

Ein Blick in die Kirchengeschichte täte gut: Wo die Leitung der Kirche geglaubt hat, auf Disziplin setzen zu müssen, hat sie oft nur den Erfolg der bekämpften Meinungen beschleunigt.Sogar die österreichische Geschichte ist reich an solchen Beispielen. Die Beginne der katholischen Soziallehre in Österreich wurden heftigst von manchen Bischöfen in Rom bekämpft.

Die einstmals als so gefährlich angesehenen Naturwissenschaften sind heute jene Disziplinen, die sich am energischsteh mit den Grenzen des Menschen auseinandersetzen und geradezu anbieten, daß es da noch ein anderes Konzept geben muß, das hinter der Schöpfung steht. Kirche kann auf die Qualität des Geistes nicht verzichten und manches, das in der Zeit jeweils als disziplinwidrig bezeichnet wurde, hat sich später als ein Segen und eine Hilfe herausgestellt.

Gerade rechtzeitig wurde es manchmal noch erkannt, wenn man ah das Kardinalat für John Henry Newman öder Hans Urs von Balthasar denkt. Die Blüte der französischen Intelligenz, die sich in der ersten Halfte' dieses Jahrhunderts in der Literatur niedergeschlagen hat, ist nicht auf das Verständnis der Hierarchen gestoßen, was täten wir Katholiken aber ohne den „Seidenen Schuh“ oder ohne Georges Bernanos.

„Der Geist weht, wo er will“. Also möge es auch Meinungen geben, weil dahinter wohl die Vermutung stehen kann, daß dem Wehen des Geistes wenigstens eine Möglichkeit gegeben wird.

„Der Geist ist es, der lebendig macht, der Buchstabe aber tötet“, weist uns die Heilige Schrift an. Der österreichische Katholikentag 1962 wird schon gewußt haben, warum er sich unter das Motto „Löscht den Geist nicht aus“ gestellt hat. Vielfältig war es, was. damals gedacht und versucht Würde, vielfältig soll es bleiben, denn wir müssen mit unseren Talenten wuchern, und sie nicht vergraben.

Wenn sich das Volk Gottes auf Wanderschaft, die Kirche also, nicht vielfältig artikuliert, wird sie auf ihrem Zug durch die Zeit nicht mehr gehört werden, nicht mehr die Anrufung Gottes wiedergeben. „Höre die Stimme“ hat Franz Werfel seinem Roman über den Propheten Jeremias vorangestellt. Also gebt innerlichen Raum auch in der Meinungspresse der Kirche, daß man in den Stimmen auch die Stimme vernehmen kann.

Der Autor ist Bundesminister für Wissenschaft und Forschung.

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