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Freie Presse, freies Volk

Nach Jahren des Kalten Krieges zeichnet sich, in der Hitze dieses Frühsommers und seiner aufwühlenden Geschehnisse, zum ersten Male seit dem Ende der Kriegshandlungen 1945 die reale Möglichkeit positiver Verhandlungen zwischen den beiden Weltmächten ab.

Die Wirrnis der Ereignisse wird nicht selten noch erhöht durch die Verwirrung der öffentlichen Meinung, gerade in Europa. Keine sprechendere Illustration gibt es vielleicht für diese, als eine symbolstarke Episode, die sich vor wenigen Tagen in Paris bei der Zusammenkunft der sechs Außenminister der Montanunion-Staaten begab. Bidault, Adenauer und Degasperi, drei prominente Mandatare der christlichen Demokratie in Europa, sollten sich gemeinsam den Pressephotographen stellen. Bidault weigert sich, worauf der italienische Regierungschef zu den Bildreportern sagt: „Machen Sie doch einfach eine Photomontage!“ Nicht das bitterironische Wort Degasperis, nicht die heikle Situation der drei Premierminister (der eine gestürzt, der zweite vor den Wahlen, der dritte vor einer schwierigen Regierungsbildung) soll uns hier beschäftigen, sondern ein anderes: die Angst eines so bedeutenden und oft so mutigen Mannes, wie des französischen MRP-Politikers Bidault, vor der Presse, vor der öffentlichen Meinungsbildung. Wird es ihm Frankreichs Oeffentlichkeit nicht verübeln, so war offensichtlich seine instinktive Reaktion in diesem Moment, wenn er sidi jetzt auf dem Höhepunkt der französischen Krise mit dem erfolgssicheren deutschen Kanzler und dem eben durch einen großen Rückschlag gezeichneten italienischen Ministerpräsidenten im Blickfang eines Photos der Weltöffentlichkeit präsentiert?

Was werden die Leute denken? Was werden die großen freunde sagen? Was werden mächtige und einflußreiche Gruppen im Hintergrund tun? Ist es möglich, ist es erlaubt, in so kritischen Zeiten so offen Gegensätze aufzuzeigen, Kontroversen anzuzeigen, auf Widersprüche aufmerksam zu machen? So ließen sich die Bedenken dieses Politikers übersetzen in die Alltagssorge des verantwortungsbewußten europäischen Publizisten heute. In seine Sorge um eine objektive Berichterstattung vor einer Oeffentlichkeit, die von allen Seiten her wie kaum jemals seit den Tagen Hitlers überfallen wird von Schlagworten, die in ihren Aengsten gesteigert wird durch grelle parteiische Warnsignale, Mahnungen, Alarmpfiffe. Und was es an Uebeln einer gelenkten Meinungsbildung mehr gibt...

Es ist heute noch nicht möglich, in allen Einzelbezügen aufzuzeigen, wie sehr die Freiheit der öffentlichen Meinung und damit Urteilsbildung in den letzten Jahren gerade in Mitteleuropa eingeschränkt wurde durch den Druck auf die Presse. Als erstes und letztes Opfer des Kalten Krieges und seiner Blockbildungen hat ihre Gleichschaltung in diesem oder jenem Sinne nicht wenig dazu beigetragen zur Schwächung der Demokratie, zur Verstarrung, zur Ghettobildung. Was soll aus einer Meinungsbildung der Oeffentlichkeit werden, wenn diese jahraus, jahrein mit Alternativen beharkt wird, die, wie sich nachher, so es Ueberlebende gibt, herausstellt,

keineswegs alle Möglichkeiten der Geschichte und der Politik erschöpft, wohl aber den Blick auf diese verstellt haben? So daß der einfache Mann von der Straße — und wir alle sind solche Männer und Menschen — einfach überhaupt nicht mehr dazu kommt, zu sehen, wie es in der Welt wirklich beschaffen ist? Und, verwirrt durch Schreckgespenster, den Mut zu eigenem Handeln, zu eigener Initiative verliert. Damit gibt er aber seine größte Chance in diesem Leben, in Europa heute, preis: die Chance der Demokratie, sein eigenes Schicksal mitzubestimmen. Als ein kleiner Mann in Europa. Als Oesterreicher.

Als vor zwei Jahren die „Prensa“, die angesehenste Zeitung Südamerikas, nicht nur Argentiniens, über Nacht gleichgeschaltet wurde mittels einer dramatischen Polizeiaktion, war das Echo in der freien Welt noch riesengroß. Als bald darauf in Mitteleuropa zahlreiche Redaktionen, Stäbe von Nachrichtenagenturen gesäubert, umgestellt wurden, rührte sich kaum jemand mehr. Allein die französische Presse wagte den Widerstand. Als die Chefredaktion von „Le Monde“, einem ob seiner freimütigen Aeußerungen gefürchteten Weltblatt, umbesetzt werden sollte, erhob sich ein Sturm von Stimmen, wobei neben rechten und linken Demokraten auch die Zeitschriften von Orden, wie der Dominikaner und Jesuiten, mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg hielten. Damals ging es, wie oft auch heute noch, wesentlich um eine möglichst informative und möglichst objektive Berichterstattung über die Aktionen der Weltmächte im Kalten Krieg. Immer mehr europäische Publizisten, die sich weigerten, sich bedingungslos als Lautsprecher und Fernschreiber einem Block zur Verfügung zu stellen, sind in der Versenkung verschwunden, wurden zum Schweigen verurteilt.

Es wäre aber höchst einseitig, in dieser Fixierung auf eine weltpolitische Front die einzige Bedrohung der europäischen Pressefreiheit zu sehen. Zwei Gegenwartsbeispicle, unmittelbar aus diesen letzten Wochen und aus einem uns Oesterreichern nahestehenden befreundeten Lande stammend, sollen zwei andere heikle Möglichkeiten anzeigen. Die Schweiz darf als Mutterland und Musterland europäischer Demokratie angesehen werden. Um so mehr Aufmerksamkeit verdienen die beiden Fälle. Im ersten handelt es sich um den Versuch einer Gruppe Westschweizer Industrieller, über die erkämpfte Aktienmehrheit eine Gesinnungsänderung der •„Gazette de Lausanne“ (gegründet 1798!), eines hochangesehenen protestantisch-konservativen Blattes, zu erreichen. Wir haben in der letzten Nummer der „Oesterreichischen Furche“ berichtet, daß es der Redaktion dieses Blattes mit Hilfe der Schweizer Oeffentlichkeit und ihren höchsten verfassunggebenden Instanzen gelang, die siebenjährigen Attacken dieser Financiergruppe nunmehr siegreich abzuschlagen. Wir berichteten auch von den Glückwünschen, die von katholischer Schweizer Seite an die Adresse dieses durchaus andersdenkenden publizistischen Orgas gerichtet wurden. Der zweite Fall betrifft die „Schweizer Rundschau“, die auch in Oesterreich wohlbekannte katholische

Monatsschrift. Deren Chefredakteur war publizistisch heftig angegriffen worden, weit er es gewagt hatte, als Laie eine ganze Nummer mit dem Thema „Die Kirche“ herauszugeben, und dazu ohne kirchliches Imprimatur, wobei als verschärfend hinzugefügt wurde, „daß das Thema Kirche nicht nur vor einer katholischen, sondern vor einer gesamten Oeffentlichkeit behandelt wurde“. Für unsere Leser sei vermerkt, daß diese Nummer als Mitarbeiter unter anderen aufwies: Romano Guardini, Hans Urs von Balthasar, Richard Gutzwiller, Otto Karrer, P. Franz zu Löwenstein, Fran£ois Mauriac, Werner Bergengruen, Karl Wiek... In seiner Erwiderung, die den bezeichnenden Titel „Das Recht der freien Diskussion“ trägt, verteidigt der Herausgeber das Recht des Laien auf eine freie Meinungsäußerung in der Kirche. Es gehe darum, „Probleme — inner- wie außerkirchliche — zur Diskussion zu stellen, Gefahren zu signalisieren, auf Unhaltbares hinzuweisen und, wenn es einmal nicht anders ging, den Finger auf Wunden zu legen. Besonders aber war uns darum zu tun, allem, was drängend und organisch, sinnvoll und notwendig aus dem Zeitgeschehen und im katholischen Bereich ans Licht drängte, den Weg zu ebnen“. „Die Kirche ist ja kein erstarrter, auskristallisierter Organismus, dem nichts mehr könnte zugefügt werden, ein totes Petrefakt, gerade noch gut genug für das Museum für Religions-, Völker- und Kulturgeschichte. Diese Kirche ist vielmehr ein tief Lebendiges. Weil dem aber so ist, gilt auch für die Kirche das Gesetz des Wachsens,

Werdens und sich Wandeins. Wir wiederholen: Nicht ihrem Wesen, dem Kerngehäuse, dem Dogma, wohl aber der äußeren Erscheinung, den Bedürfnissen, der zeitlichen und örtlichen Bedingtheit, den Ausdruck und den Mitteilungsformen nach.“ Der Chefredakteur der „Schweizer Rundschau“ mahnt dann: „Malen wir nicht das Gespenst eines, Wie wir hoffen, überwundenen Sakristeikatholizismus an die Wand!“ „Ohne Freiheit gibt es keine wahre Diskussion.“ „Kein Imprimatur, kein Verlagsinteresse und kein Gruppenzwang darf diese Freiheit einschränken, zum vornherein und sozusagen grundsätzlich einschränken.“

Warum diese Vermerke in Oesterreich, im hohen Juni 1953? Oesterreich steht in diesem Sommer im Vorfeld des weltpolitischen Spieles der Großmächte, vielleicht am Rande großer Entscheidungen. Nur ein freies Volk, ein innerlich freies Volk kann diesen gewachsen sein. Wie aber soll ein Volk innerlich frei werden, wenn ihm nicht eine freie, wahrhaft unabhängige Presse den Blick öffnet? Für diese Gefahren und jene Chancen? Für diese Alternativen und jene Möglichkeiten?

Die „Oesterreichische Furche“ wird es in diesem Augenblick nicht mit „Bidault“ halten. Als freie kulturpolitische Wochenschrift scheut sie nicht davor zurück, der österreichischen Oeffentlichkeit ein möglichst objektives Bild der heute von so vielen Interessenten verunklärten Weltlage zu geben. Bestimmend für sie kann einzig und allein sein: im politischen: das wohlverstandene Interesse Oesterreichs als eines unabhängigen Staates in einem freien Europa; weltanschaulich ein weltoffener Katholizismus, brüderlich gesinnt unseren protestantischen Partnern, voll Verständnis für alle jene, die es ihrem Gewissen schuldig zu sein glauben, andere Wege zu gehen; kulturell: ein abendländischer Humanismus, ohne Scheuklappen,

ohne Phrasen, den Perspektiven der Gegert-

wartskultur offen.

Es erfüllt die Redaktion in diesem geschichtlichen Moment mit aufrichtiger Freude, daß, wie sehr zahlreiche Zuschriften auf den Appell „Ihre Meinung, lieber Leser!“ hin zeigen, überraschend viele Leser, Freunde, Mitarbeiter in einer oft scharf präzisierenden Form spontan, ohne jede Lenkung oder Stimmungsmache, Wünsche vorbringen, die voll und ganz mit dem übereinstimmen, was wir für unsere Pflichtperspektive erachten. Wenn da etwa immer wieder der Wunsch vorgetragen wird: Seid unabhängig, halten Sie den Blick frei, scheuen Sie nicht zurück vor Kritik am eigenen Lager, vor einer offenen Behandlung der heiklen innerchristlichen und innerpolitischen Fragen, berichten Sie, wie es wirklich aussieht in der Welt, meiden Sie jede einseitige Schwarz-, Weiß-, Rot- und Braunmalerei, bleiben Sie vornehm und fair, kritisieren Sie Gegner, stempeln Sie aber nieman-

den zum Todfeind, zeigen Sie das Positive auch bei politischen, kulturellen, künstlerischen und weltanschaulichen Positionen und Strömungen auf, bei denen wir zumeist nur das Negative sehen, dann entspricht dies genau der Direktive unserer Zeitschrift, wie sie in ihrer Geburtsstunde beschlossen wurde. Je enger die Welt in Haß und Psychosen bisweilen zu werden scheint, um so offener sei hier der Horizont! Je mehr von allen Seiten Grundsätze billig preisgegeben werden und als wertlosse Ideologien verschlissen werden, die nur gut genug sind, um in Wählparolen verbraucht zu werden, um so grundsatzfester sei unser Standort. Je mehr und je öfter hohe und höchste Werte zerfetzt werden als Blinklichter im Kalten Krieg, um so nüchterner halte unser Blick die Wirklichkeit fest, die realen Vorgänge, wie sie hüben und drüben sich vollziehen. Gerade weil wir uns fest verankert wissen im Fundament der westeuropäischen Welt, wissen wir uns verpflichtet, den Osten offen zu sehen, jenen Osten, der zu Europa gehört

und der Oesterreich einst so vielfältig verbunden war.

Eine freie Presse ist die Vorbedingung für ein freies Volk. Nicht nur Oesterreichs Demokratie im innenpolitischen Spiel, sondern auch die Rolle, die man uns zugestehen wird im außenpolitischen Spiel um Europas künftiges Gesicht, wird davon abhängen, inwieweit wir selbst uns unserer Haut zu erwehren wissen. Zu deutsch: Inwieweit wir uns nicht als Statisten verbrauchen lassen mittels der Schlagworte dieser und jener Machtgruppe, sondern inwieweit wir es wagen, unsere Lebensinteressen durch ein eigenes Wort zu verteidigen, mannhaft zu vertreten. Vor dem Forum der ganzen Welt. Wenn es ein echtes, wagemutiges Wort ist, gesprochen aus der Ueberzeugung und täglich bewahrheitet in harter Arbeit, dann Wird es gehört werden. Hüben und drüben. Die Stimme des österreichischen Volkes, das seine Freiheit fordert in Oesterreichs freier Presse.

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