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Randhemerkungen zur woche

DAS DRITTE GESAMTÖSTERREICHISCHE GEWERKSCHAFTSTREFFEN in Wien vom 30. August bis 6. September steht unter dem Motto „60 Jahre österreichische Gewerkschaftsbewegung“. Die 1893 erlolgte Gründung der „Gewerkschaitskommission Oesterreichs“ wird hiebei als Keimzelle des Gewerkschalts-bundes angesehen. Das ungemein reichhaltige Programm legt neben typischen Massenveranstaltungen, die dem Sport, Spiel, Wettbewerb und der Unterhaltung gewidmet sind, sichtlich Wert aul eine Begegnung von Arbeiter und Kultur durch gediegene Theater-auilührungen, durch Autorenlesungen, ernste Musikveranstaltungen (Beethoven, Brahms, ein Oratorium „Das Lied von Kaprun“), nicht zuletzt durch ein Internationales Gespräch mit dem Thema „Der freie Arbeiter in der freien Welt“. Zu diesem werden Persönlichkeiten wie Karl Jaspers, Wilhelm Röpke, Alfred Weber, Robert Aron, Andre Philip, Hugh Gaitskill eingeladen. „Das vereinigte Europa und der freie Arbeiter“, „Wege der Mitbestimmung in Oesterreich“, „Humanität und Kultur in der freien Welt“ sind Einzelthemen, die hier zur Debatte stehen. — Führungen durch die Museen, Betriebsbesichtigungen und Exkursionen sollen den aus den Bundesländern erwarteten Teilnehmern die Bundeshauptstadt Wien in der Fülle ihrer wirtschaftlichen, betrieblichen und kulturellen Möglichkeiten zeigen. Das' ist eine große Gelegenheit, die Massen aus der „Provinz“ mit dem Schicksal Wiens vertraut zu machen. Ein Chance also für die Demokratie, die bei uns nicht zuletzt davon abhängt, wie die „Ost-“ und „Westösterreicher“ zusammenleben, unverwirrt von diesen und jenen Einflüsterungen und Injektionen. Auf dem Höhepunkt der Tagung findet auch ein Pontiiikalamt im Stephansdom, zelebriert vom Wiener Kardinal, und ein evangelischer Festgottesdienst von Bischof Dr. May statt. — .Eine wohlwollende Randbemerkung: Die bisher erschienenen Prospekte, die zum Besuch der Tagung einladen, preisen aus verständlichen Gründen die Massenveranstaltungen des letzten Tages, so den Festzug über den Ring ins Stadion, so das Festspiel, das „die magische Wirkung künstlicher Licht-eifekle, Scheinwerfer, Fackeln, Magnesiumlichter, Raketen usw. ausnützt“. Nichts gegen diese magischen Wirkungen und deren „Ausnützung“. Wenn es aber kurz darnach recht unvermittelt heißt: „Das Gewerkschalts-treifen in seiner Gesamtheit wird ein neuerlicher Beweis sein für die dynamische Kraft der österreichischen Gewerkschaftsbewegung und für die innere Stärke der gewerkschaftlichen Idee“, dann können wir hier nur wünschen und hoffen, daß wirklich der Hauptakzent aul dem „Gesamt“ liegt, auf einer redlichen Demonstration vieler tausend freier Menschen, die entschlossen sind, ihre demokratische Freiheit zu behaupten, und nicht aul den Lichterspielen und ihren Farbrellexen. Derlei Spiele haben viele Machtherren lür die ihnen unterworlenen Massen veranstaltet, und werden sie veranstalten, solange es Scheinwerfer, Magnesiumlichter, Raketen und verführbare Massenmenschen gibt. Der Arbeiter in der freien Welt ist aber nicht zur Nacht und ihren nicht ungelährlichen Spiele berulen, sondern zum Tage. Zu einem Leben in der Verantwortung der Demokratie wider alle ihre sichtbaren und unsichtbaren Feinde. Nach dem Bekenntnis des österreichischen Katholikentages im vergangenen Herbst, das Sreilich in einer anderen Dimension beheimatet war, wäre dies eine große Möglichkeit, im politischen Rahmen lür Freiheit und Würde des Menschen ein von allen beachtetes Bekenntnis abzulegen!

ÜBER DIE „FREIE WIRTSCHAFT“ als nationalökonomischen Begriit ist so viel geschrieben worden, daß über ihre Grundprinzipien keine Zweifel mehr bestehen. Ihr Motor ist das freie Spiel der Kräfte; aus Angebot und Nachfrage, aus dem Wettbewerb der billigst Produzierenden ergibt sich der Preis und somit der Verdienst. Dieses System bringt hohe Gewinstchancen und hohe Risken und wer die ersteren will, muß die letzteren hinnehmen. Dagegen und dafür läßt sich manches ins Treffen führen. Wer aber mit dem Motto „Freie Wirtschaft“ zu Felde zieht, kann nicht die Rosinen aus dem Kuchen klauben, die mit einer Planwirtschalt verbundenen preislichen und sonstigen Begrenzungen ablehnen und sie durch eigene Markteinschränkungen ersetzen wollen. Denn erstere haben immerhin für sich, daß sie das Interesse der ganzen Wirtschatt, also auch der Konsumenten zum Ziele haben, während letztere naturgemäß nur jenes der sie vorschlagenden Gruppe anstreben können. Ueber diese Problematik kann man aus gegebenem Anlaß in einer so angesehenen und von „Wirtschaits-leindlichkeit“ freien Zeitschrilt wie es „Der Oesterreichische Volkwirt“ ist (Nr. 26 vom 36. Juni 1953) Beherzigenswertes nachlesen: „Daß jede Produktion nur dann eine Daseinsberechtigung hat, wenn sie die Verbraucher reichlich, gut und verhältnismäßig billig be-lieiern kann, ist ein Grundsatz, dessen Geltung kein Anhänger der freien Marktwirtschaft bestreiten kann, denn deren Vertreter stützen sich ja vor allem aul das Argument, daß nur

jene, nicht aber die Planwirtschalt imstande sei, den Wünschen und Interessen der Verbraucher gerecht zu werden. Daraus tolgt aber, daß in einer nach marktwirtschaltlichen Grundsätzen ausgerichteten Wirtschatt aui keinem Sektor die ireie Konkurrenz dauernd unterbunden werden darf.“ Und weiter: „Alie Kreise, die grundsätzlich die staatliche Planwirtschaft ablehnen, müssen sich immer vor Augen halten, daß es nur eine einzige andere Möglichkeit gibt: Die ireie Markt-wirtschalt, die aber schließlich iür alle gelten muß. Eine ireie Wirtschaft mit allen möglichen Ausnahmen für Wirtschaftszweige, die sich nicht die Fähigkeit zutrauen, den Konkurrenzkampf zu bestehen, ist ein Widerspruch in sich selbst und fordert die berechtigte Kritik der Planwirtschaitler heraus.“ Diesen Auslührungen ist nichts hinzuzufügen. *

DER „WELTFRIEDENSRAT“ TAGTE IN BUDAPEST zu einer Zeit, die an stürmischen wie auch tragischen Ereignissen nicht arm war. Diese, wie etwa Berlin, wurden von den Teilnehmern der Tagung sanlt übergangen, sie ließen sich jedoch nicht nehmen, die Entspannung der internationalen Lage als ihr Verdienst auszulegen. In Wirklichkeit scheint es eher so, daß man selbst in Moskau aus der Tatsache, daß die ganze „Friedensbewegung“ mit der Picasso-Taube die vielleicht ursprünglich ihr zugedachte Rolle nicht zu spielen vermag, die nötige und in aller Welt sichtbare Konsequenz gezogen hat. Zum erwähnten Fiasko trug aber nicht wenig der Kongreß im vergangenen Dezember zu Wien bei, wo es offensichtlich wurde, daß sogar die Intellektuellen von Europa nicht so wirklichkeitsfremd sind, wie es erwünscht gewesen wäre. Manche waren indes in Budapest noch anwesend: von Pastor Niemöller bis zum Sowjetschriftsteller Ehrenburg. Nur Pielro Nenni fehlte, und der Präsident Joliot-Curie ließ sich entschuldigen. Auffallend war hingegen die Vielzahl der Delegierten aus überseeischen Staaten. Indien und Pakistan, Afrika und Lateinamerika waren mit Generalen und Professoren, mit Priestern und Schriftstellerinnen vertreten. In den vielen Reden wurde freilich auch manches Richtige ausgesprochen: Tadel an McCarthy und Syng-man Rhee, Lob an Churchill und Attlee, ja, sogar an gewissen Aeußerungen des amerikanischen Präsidenten. In der Schlußresolution wurde die sofortige Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens in Korea, Vierfund nicht wie bisher Fünf-) Mächte-Besprechungen, freier Kulturaustausch zwischen den Ländern gelordert. Nur ein Fragenkomplex wurde nicht diskutiert, nicht einmal berührt: ob nämlich alles, was in den östlichen Staaten geschieht oder nicht geschieht, so eminent friedensfördernd sei. Als dann Ehrenburg von den einfachen Sowjetmenschen sprach, die das Recht jedes Volkes anerkennen, selbständig zu leben, und als nach diesen nur zu wahren Worten die Delegierten am Budapester Molotow-Platz vom Promenadenschilf „Freiheit“ (vormals „Sophie“) zu einer abendlichen Donaulahrt abgeholt wurden, von einem Schiff, von dessen Heck die Sowjetllagge flatterte, dann wäre eben die Zeit gewesen, um zusätzliche Fragen zu stellen. Aber die Fragen wurden nicht gestellt... Und darum blieben und bleiben die Herren weiterhin unter sich, während wir auch ohne Schiffsausflug restlos glücklich und dankbar sind, wenn wir nur auf unseren Schiffen und Eisenbahnen in unserem Land reisen können, ohne inzwischen aufgehalten, kontrolliert und womöglich leibesvisitiert zu werden. Daß aber das der bessere und einfachere Weg zum Frieden sei, als Tagungen und Kongresse, das hat man, scheint uns, inzwischen auch im Osten eingesehen. *

SYNGMAN RHEE hat eine Tat gesetzt, die nicht, wie da und dort versucht wird, als ein böser Bubenstreich abgetan werden darf: er hat die offiziellen Unterhändler der Vereinten Nationen desavouiert und Präsident Eisen-hower, der ihn mehrmals gewarnt hatte, vor den Kopf gestoßen. Was das bedeutet? Vorerst wohl nur, daß der Waffenstillstand in Korea wieder einmal in Frage gestellt ist und daß sich dem großen Korea-Problem ein inneres Südkorea-Problem zugesellt hat, welches zu lösen eine vielleicht noch kompliziertere Aufgabe für die Amerikaner sein wird; der kompromißlose Antikommunismus des südkoreanischen Staatspräsidenten ist nämlich eine sehr wirkungsvolle Waffe in Verhandlungen mit Politikern und Diplomaten, die ihrerseits diesen Antikommunismus zu einer Tugend statt zu einer Not gemacht haben. Auf höherer Ebene jedoch bedeutet Syngman Rhees selbständiges Handeln ungeheuer viel: es zeigt, daß in der freien Welt niemand wirklich Autorität besitzt. Das mag im Frieden ein Zeichen der Stärke sein und das friedliche Nebeneinander großer und kleiner Staaten garantieren. Im heutigen kalten Krieg aber muß irgend jemand genug Autorität be■•■ zen, um im Namen der freien Welt mit den Exponenten des Kreml sprechen zu können. Ohne dieses Gespräch kann keine Wendung zum Besseren erwartet werden.

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